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Beilage zu Nr. 258 der „Fuldaer Zeitung".

„Mir spillen die Dudens."

* Der vom Lokal-Komitee zu Danzig heraus gegebene stenographffche Bericht über die 38. (Seneralversamm- lung der Katholiken Deutschlands, welche vom 30. Äu­gust dis 3. September d. I. in Danzig tagte, ist vor Kurzem in Form eines stattlichen Buches erschienen. Wer von unseren Lesern Zctt und Lust hat, den herr­lichen Inhalt dieses Buches noch nachträglich kennen zu lernen, kann sich dasselbe durch jede Buchhandlung zugänglich machen. Obgleich wir seiner Zeit über den Danziger Katholikentag, soweit es der Raum unseres Blattes zuließ, mögli e.st ausführlich berichtet haben, können wir uns doch nicht versagen, aus dem uns vor­liegenden stenographischen Berichte des Lokal-Komitee's nachstehende vortreffliche Rede des Herrn Ooerpsarrers Dr. Schmitz aus Crefflv zum wortgetreuen Abdruck zu bringen. Derselbe sprach m der dritten öffentlichen Generalversammlung als letzter Redner über das V er- einswesen. In origineller, anregender Weise, und wie der stenographische Bericht selbst verzeichnet, viel­fach durch Heiterkeit und Beifall unterbrochen, schilderte er die Bedeutung des Vereinswesens nut der Auffor­derung, allerorten Vereine zu gründen. Insbesondere empfahl er die Arbeitervereine als Schutz gegen die Sozialdemokratie. Doch lafsen wir Herrn Overpfarrer Dr. Schmitz selbst zu Wort kommen. Seine Rede lautet:

Meine Herren, über dem Langgafferthor hier in Danzig steht der schöne Spruch: Durch Eintracht werden kleine Staaten gioß und durch Zwietracht gehen große Staaten zu Grunde. Darin ist das geheimnißvolle Gesetz des Wirkens aller göttlichen und menschlichen Kraft ausgedrückl: in der Vereinzelung gehen die besten Kräfte zu Grunde; in der Vereinigung wächst die kleinste Kraft zur Größe. Der Urtypus dieses Gesetzes ist Gott selbst, der in der Einheit des Wesens und der Vielheit der Per­sonen göttliche Thaten wirkt. Er hat dieses Gesetz aufgedrückt der Engelwelt und der Sternenwelt. In der Einheit offenbart sich ihre Herrlichkeit und Schönheit. Auch im Kulturleben der Menschen gelingt alles nur durch die Vereinigung. Dieses ge­heimnißvolle Gesetz haben wir, Verehrteste, in den letzten Jahr­zehnten durchaus erfahren. Denn was wir Katholiken sind in Deutschland, das sind wir durch unser blühendes Vereins- wesen geworden. (Bravo!)

Man hat uns in der Zeit des Kulturkampfes angestoßen und wir haben vielfach geglaubt, es gehe uns an's Leben. Aber eigentlich hat man uns doch nur recht wach gemacht, weil ein Morgen zum neuen Tage anbrechen sollte. Und dieser Morgen, Verehrteste, ist uns gekommen dadurch, daß der Kulturkampf uns einig gemacht; daß wir von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf ein blühendes Vereinswesen gegründet haben; jetzt blüht die katholische Kirche wie ein Garten in Deutschland. (Bravo!) Es ist uns ergangen wie den Römern, als der Ruf erscholl: Hannibal ante portas — Hannibal ist vor den Thoren! Da haben sich die Katholiken zusammengeschaart und haben sich ge­sagt: wenn die Belagerung stattfindet, dann tritt auch die allge­meine Wehrpflicht ein! (Bravo!) Und in dieser Wehrpflicht, Verehrteste, da hat Jung und Alt, Groß und Klein, Vornehm und Gering es für seine Pflicht erachtet, mitzuwirken und ein­zugreifen, auf den Wällen der katholischen Kirche die Verthei- digung auch zu führen. (Stürmischer Beifall.)

Meine Herren, die Belagerung der katholischen Kirche hört auch heute nicht auf. Mögen die Fahnen gewechselt sein, — auch heute noch ist die katholische Kirche belagert vom Materialismus, vom Unglauben, von dem falschen Liberalismus und von einer todtfeindlichen Sozialdemokratie. Darum, meine Herren, gilt auch heute noch die Mahnung, die Windthorst, unser unsterblicher Führer, in Bochum gegeben: in jeder Gemeinde muß ein Ver­ein gegründet werden. (Bravo!)

Wenn ich das sage, meine Herren, dann weiß ich, daß mir eine ganze Menge von Einreden entgegentreten. Die Einen sagen: wir haben der Vereine so viele, daß es eine wahre Last ist. Die Anderen sagen: es sind so viele Zwecke bereits verfolgt, daß man eigentlich keinen neuen Verein mehr erfinden kann. Die Dritten sagen: es sind immer dieselben Katholiken. Die Vierten sagen: es ist so langweilig in den Vereinen, und ich sitze lieber zu Hause. Und dann gibt es prinzipielle Gegner, die sagen: die ganze katholische Kirche ist ja ein Verein — was sollen wir noch Vereine bilden, ich bin für die regelmäßige Seelsorge, das ist das Allerschönste. Meine Herren, was soll ich darauf erwidern? — Der Ort meiner priesterlichen Wirksamkeit liegt fern im Westen, ganz nahe an der Grenze von Holland. Man sagt den guten Holländern nach, sie seien ein wenig bequem, und auch ihre Soldaten bekundeten in der soldatischen Zucht und im Manö- veriren die national« Bequemlichkeit. Da gab es mal ein Manö­ver; während die Truppen hm und her marschierten und auf einander feuerten, kommt ein Offizier und findet einzelne hollän­dische Soldaten gemüthlich im Graben liegend. „Was macht ihr da?" so fuhr der Offizier sie an. Die holländischen Soldaten antworteten: „Mir spillen die Dudens" — d. h. wir spielen die Tobten. (Heiterkeit.) Sie meinten, wenn manöverirt und geschossen fvird, dann müßte es auch Soldaten geben, die die Todten spielen. (Heiterkeit.)

Ja, meine Herren, wenn ich mich im katholischen Deutsch­land umsehe, da finde ich manche Stadt, wo es bei dem Kampfe der Katholiken auch heute noch heißt: „mir spillen die Dudens." (Heiterkeit.) Jene vornehmen Herren, die sich zu fein erachten, in unsere Vereinslokale herabzusteigen:. — „mir spillen die Dudens". (Heiterkeit.) Jene bequemen Herren, die da sagen, ich bin viel lieber bei meiner FamUie oder trinke mein Glas Bier in meiner Stammkneipe, — jawohl! „mir spillen die Dudens!" Jene vorsichtigen Herren, die durch die Zugehörigkeit zu einem Verein sich zu kompromittiren fürchten; „mir spillen die Du­dens!" Jene noblen Damen — Sie nehmen mir's nicht übel, meine Damen, die anwesenden sind ja immer ausgenommen (Heiterkeit) —, die da sagen: wenn man so in einen Elisabeth- Verein, in einen Mukterverein eintritt, das ist ja so gewöhnlich. — Jawohl, die Noblesse erträgt das Mitthun nicht; „mir spillen die Dudens." O, meine Herren, das Schlafen ist eine schöne Sache —, aber wenn gekämpft wird, dann ist Schlafen ein Ver­brechen. (Bravo!) Ich meine, wir müssen allen diesen Elementen ins Gesicht sagen: mit eurem „Spielen der Todten" seid ihr

Sonntag, den 8. November 1891.

eigentlich unsere größten Feinde im eigenen Lager geworden. (Lebhafter Beifall.)

Wir treiben im katholischen Deutschland nicht Vereinswesen, weil es uns eine besondere Liebhaberei wäre an und für sich, — nein, meine Herren, in diesem Vereinswesen wirkt der Geist der katholischen Einheit und der Geist des katholischen Apostolates. Der Geist der katholischen Einheit — Kohle an Kohle, das macht Wärme und Feuer. Und ich frage Sie, meine Herren: was wären Sie geworden, jeder von Ihnen ohne das Vereinsleben? Ich bin überzeugt, wenn Sie hinecngreifen in Ihre Brust, dann jagen Sie: für mich rour es der Studentenverein, und für mich der kaufmännische Verein, und für mich ein Vincenzverein, und für mich ein katholisches Kasino, daß ich geworden und geblieben bin, was ich heute bin: ein ganzer katholischer Mann. (Bravo!)

Ja, Ihre Wärme, die haben Sie nicht in den Bierlokalen moderner Art. nicht in Concerten sich angeeignet, die Haden Sie in Ihrem katholischen Bereinsleben allein erhalten. Und das sage ich auch für die Damen; es gibt Tausende von Müttern im katholischen Deutschland, die es auf den Knieen unserem Herrgott danken, daß sie als Jungfrauen einem Marienverein und als Frauen einem Elisabethverein und als Mütter einem Mutterverein angehört haben. An dem Glühofen des Vereins hat ihr katholisches Mmterherz sich begeistert. (Bravo!) Das lernen Sie, meine Damen, nicht in den Thees der Damenwelt und nicht in Concerten, in Theatern und auf Bällen —, dazu gehört ein katholischer Herd, und der ist allein im katholischen Vereinsleben zu finden. Der Geist der katholischen Einheit und der Geist des Apostolates wirkt im Vereinsleben. — Es ist etwas Großes, meine Herren, daß der Geist, welcher in der Kirche weht, jedem einzelnen Menschen die Idealität der Aufgaben gibt, und den Mann, das Kind, den Jüngling, den Greis über sich selbst erhebt, ihm sagt: neben deinem Berufsleben hast du noch eine andere, eine höhere Aufgabe, und die erfüllst du ihm katholischen Vereinsleben. Ein wunderbares Apostolat: christlich zu wirken für seinesgleichen! Das fängt an, meine Herren, mit dem kleinen Kinde: Wenn das Kind eintritt in den Kindheitsverein, die Sparbüchse öffnet, um den Groschen zu geben, damit ein Heiden­kind in Afrika oder im fernen China angekauft und getauft werde, — o, da meine ich, müßte eine Mutter diesen Moment segnen; denn mit der Sparbüchse öffnet sich das Herz des Kindes für den Geist des Apostolates; das Kind will ein anderes Kind erwerben und auf feinen kindlichen unschuldigen Händen hinein­tragen durch die Taufe in das Himmelreich. (Bravo!)

Ich habe gehört, daß die Staatsregierung und die könig­liche Schulbehörde diese Kindheitsvereine verboten habe. O, meine Herren, ich denke, nachdem wir einmal in die Kolonialpolitik eingetreten find, wird die königliche Regierung in Zukunft es überall gerne sehen, wenn die Kinder auch Kolonialpolitik in diesen Kindheitsvereinen nach ihrer Weise treiben. (Lebhafter Beifall.)

Meine Herren, wächst das Kind heran und wird zum Knaben und zum Mädchen, jetzt nehmen Sie es in den Aloysius-Verein und den Marien-Verein auf; — da regt sich schon in dem kleinen Knaben das Gefühl, daß es andere gibt, die vielleicht gefährlichere Pfade gehen, und er sagt sich mit dem egyptischen Joseph in dem Geist dieses Apostolats: ich suche meine Brüder, und ich suche sie zu vereinigen in einem Aloysius-Verein, der der Gegensatz ist von allen Vereinen für Flegeleien und Aus­schreitungen der Jugend.

Es wächst der Knabe heran und wird zum Jüngling; da nimmt ihn bann der Lehrlingsverein, der Gesellenverein und der kaufmännische Verein und der Studentenverein auf. Ich frage Sie: wo finden Sie sie denn — die katholischen Gesellen und die katholischen Studenten und die katholischen Kaufleute? wo finden Sie sie? Nicht anderswo, nicht an anderer Stelle, als wo diese Vereine blühen. Ich meine, wir müssen Gott danken für eine solche Phalanx, wie der Gesellenverein im katholischen Deutschland, der Studentenverein und die kaufmännischen Vereine ist; 6—7000 junge katholische Kaufleute in 76 Vereinen des Verbandes kaufmännischer Kongregationen und Vereine, die reifen Tag für Tag mit der Eisenbahn und auf Dampfschiffen, sie alle wollen Missionare im Geiste des Apostolats für die katholische Kirche sein. (Bravo!)

Und bann, meine Herren, kommt ber Mann. O, ber Mann — gewiß, er soll seinem Berufsleben treu bleiben. Aber neben all bem hat er auch Zeit unb Muße unb Anlage genug, baß er bas thut, was der Dichter Weber in „Dreizehnlinden" so schön beschreibt: Grab' einen Quell in Wüstensand, pflanz' einen Baum in die dürre Heide hin, damit nach Jahren, wenn ein Wanderer kommt, an deinem Quell sich labt und von deinem Baum die Früchte bricht, froh dich segnend spricht: ein guter Mann ist dieses Wegs gegangen. Wissen Sie, meine Herren, was das für Bäume und was das für Quellen sind? In der katholischen Vereinsthätigkeit werden diese Bäume gepflanzt und diese Quellen gegraben Sie kennen sie alle, die Vincenz-Vereine, — diese Vincenz-Vereine, wo eigentlich kein katholischer Mann heutigen Tages fehlen sollte. (Bravo!)

O diese Volksvereine, denen wir alle angehören sollten! Die Vereine, meine Herren, wie sie alle heißen mögen, Bonifatius- Bereine, Missions-Vereine, — o, es darf keiner von Euch Männern darin fehlen. Auch die katholischen Kasinos! Es will mir zwar scheinen, als ob man nach dem Kulturkampf in manchen Kasinos wieder sagt: „mir spillen die Dudens." (Heiterkeit.)

Nein, meine Herren, wir wollen wach bleiben auch in diesen Kasinos und wollen diesen katholischen Geist des Apostolats der Kirche bewahren unb biefen Verein pfle> en. Unb wenn du ein Greis geworden bist, mein Lieber, dann sage ich dir mit dem­selben Dichter von „Dreizehnlinden": Greis, vor deinem Ende noch eine Tbat: in dem katholischen Vereinsleben, daß dein Name gesegnet werde. Wenn einst in den Katakomben der Grab­stein den Namen des ersten Christen trug und darunter die Palme stand als bezeichnendes Sinnbild, daß er ein Märtyrer gewesen, dann, mei e Herren, sollte heute keine schönere Grab- schrist den katholischen Mann zieren als die: er ist Mitglied ober Vorsitzender ober Vorstandsmitglied eines großen Vereins in dieser und jener Stadt gewesen. Ich meine, es wäre ein Lob, wie es kein Tvdtenzettel so schön erzählen könnte. (Bravo!)

Nun, meine Herren, ein ganz kurzes Wort noch, — sonst langweile ich Sie zu lange — (Widerspruch) über den Arbeiter­verein. Ich sollte Ihnen ja vom Arbeiterverein sprechen, wie das vorbereitende Komitee es wollte. Meine Herren, warum Arbeitervereine? Nun, weil untere katholische Festung an dem Punkte, wo der Arbeiter lebt und seine Interessen pulsiren, be­droht ist. Während einer Belagerung geht alles an den bedrohten Punkt. Meine Herren, wenn an dem bedrohten Punkt eine Bresche geschossen wird, und die Sozialdemokratie in unser katho­lisches Lager hereinbricht, dann geht Staat und Kirche und Ge­sellschaft in Trümmer. Darum sage ich, meine Herren: dagegen gilt es, katholische Arbeitervereine gründen. Die Sozialdemo­

kratie bekämpft man nicht vom Katheder aus mit ber Wissen­schaft, auch nicht mit Gesetzen allein, auch nicht mit Beten allein, so schön es ist. Nein, meine Herren, ber unchristliche Sozialismus kann nur burch ben christlichen Arbeiter selbst überwunden werden. Und darum sage ich: es gilt, Arbeitervereine zu gründen, damit gegen die Sozialdemokratie die Arbeiter zur Stelle sind. Wenn sie nicht in Vereinen vereinigt sind, sind sie überhaupt nicht da.

Ja, sagen die Sozialdemokraten, — ich höre es jede Woche zweimal —: ihr Pfaffen, ihr mißbraucht die Arbeiter zu hier­archischen Zwecken; ihr habt einen großen Verein da in Creseld von 2000 Arbeitern, ihr mißbraucht den zu euren Parteizwecken. Meine Herren, wir wollen daraus nichts erwidern; ich labe die Bebel und die Liebknecht und die Singer und alle Führer unb Soldaten ber Sozialdemokratie ein, die Hände mit uns auf ben Tisch zu legen. Wenn wir sie bann in bie Höhe heben, bann hat keiner so reine Hänbe wie wir. (Heiterkeit.) Nein, meine Herren, wir haben Arbeitervereine, aber nur für ben Arbeiter selbst. Gelingt es ber Sozialdemokratie ben Arbeiter einzu­fangen, bann ist es geschehen um ben Frieben seines Herzens, um bie Freube in seiner Familie, nm die Lust an seinem Leben, um ben Glauben unb bie Hoffnung auf das Jenseits. Meine terrett, wenn ich so ben armen Arbeiter sehe, rote et an das reuz ber Arbeit geschlagen ist auf Erden, und es kommt dann bie Sozialbemokratie unb sagt biefem Arbeiter an seinem Arbeiter­kreuz : mache es wie der schlechte Schächer und fluche an deinem Kreuz der Arbeit deinem Gott und Herrn und deiner Ewigkeit und dann fahre von dem Kreuz der Arbeit auf Erden zur Hölle in bie Ewigkeit! O, meine Herren, wir müßten kein Herz im Leibe haben, wenn es nicht bluten würbe über solche Versührung unb solches Verderben unserer katholischen Arbeiter. (Bravo!)

Darum, meine Herren, lehren wir den Arbefter das erste, was er lernen soll, und woraus alles ankommt: lerne dein Kreuz lieben und nicht deinen Gott lästern hier auf Erden! Aber da­für müssen wir da sein! Wenn der Arbeiterverein nicht da ist, dann ist der einzelne Arbeiter ein Null. Und wenn tausend fromme Arbeiter in der Stadt sind, — es bleiben taufend Nullen; die Eins davor, das ist der Arbeiterverein; erst dann werden es tausend Arbeiter, die von den Sozialdemokraten ge­fürchtet sind, weil sie im Vereine zusammen sind. Gleichgiltig bleiben, das geht nicht für den Arbeiter ber Gegenwart. Zwischen uns unb ben Sozialdemokraten ist ein großer Kampf — da gilt es nicht: „mir spillen bie Dudens." (Heiterkeit.) Nein, meine Herren, entweder christlich-katholischer Arbeiter ober sozialdemo­kratischer Arbeiter, — anders geht es nicht.

Nun werben Sie sagen : was thut ihr benn in den Arbeiter­vereinen ? Nun, meine Herren, alles was nöthig ist! Ist bie Arbeiterfrage eine religiöse, so beten wir im Arbeiterverein; ist bie Arbeiterfrage eine Wohlthätigkeitssrage, üben wir Wohl- thätigkeit im Wohlfahrtsausschüsse; ist sie eine Gesellschaftsfrage, — gut, wir haben ben Rahmen ber Encyklika und haben bie zehn Gebote, unb innerhalb dieses Rahmens sehen wir allen Fragen getrost entgegen; wir hängen gar nicht an bestimmten Formen des Erwerbslebens. Wenn es heute heißen sollte: die kapitalistische Produktion ist aufzugeben, unb eine gefellfchaftliche Probuktion soll an bie Stelle treten, — nun, bann sagen wir: bas wollen wir einmal prüfen, unb wenn es sich empfiehlt, gut, bann sind wir auch dafür. Wir sind wahrhaft nicht vereidet auf das Kapital, ober auf irgenb eine Form des Erwerbslebens : bie Encyklika läßt uns darin freie Bewegung. Aber eines, meine Herren, thun wir niemals : wir machen keine Programme, bie morgen sich als verfehlt erweisen, unb versprechen dem Ar­beiter nicht, was wir nicht halten können, wie bie Sozialdemo­kraten es alle Tage thun. (Sehr wahr!)

Meine Herren, versprechen Sie bem Arbeiter in ben Ar­beitervereinen wenig! Aber eines zeigen Sie ihm alle Tage: ein weites, ein liebeubes, ein bereitwilliges Herz! Sagen Sie bem Arbeiter: hier in unserer katholischen Brust schlägt bas fühlende Herz für dich, Arbeiter, unb das muß dir genug sein; benn bas Herz hilft, wo es kann.

Das ist bas Programm, bas wir für den Arbeiterverein haben. Die Sozialbemokraten mögen tausend Bogen voll Pro­gramme schreiben, — wir haben das eine Programm: wir kommen mit dem katholischen Herzen und sagen: wir lieben dich, Arbeiter, bis zu unserem Tode. (Bravo!)

Noch ein ganz kurzes Wort. Mau spricht so gerne von bevorstehenden Katastrophen. Ja, Katastrophen, meine Herren, reden wir nicht von Katastrophen! Dabei kommt nichts heraus. Biele Leute werden schon bange, wenn man ihnen von Kata­strophe spricht; das Wort Katastrophe erinnert immer an Revo­lution. Aber das Wort der Revolution ist aus unferm katho­lischen Fremdwörterbuch gestrichen (Bravo!) Und wenn man von Katastrophen spricht, da beschleicht manchen ein häßliches Gefühl: es freut mich, daß es bem Menschen mal schlecht geht — jetzt geht es drüber her — wollen mal sehen, rote die Kapi­talisten alle ihre Prügel bekommen u. s. ro Aber, meine Herren, werden wir dabei verschont bleiben ? Ich erinnere an bie Anek­dote von bem Knaben, ber Frostbeulen an ben Händen hatte unb sagte: es geschieht meinem Vater schon recht, baß ich Frost­beulen an ben Hänben habe — warum kauft er mir keine Hand­schuhe ! (Heiterkeit.) Ja, meine Herren, bei einer Katastrophe geht es uns selber ans Leben, unb darum wollen wir sie nicht!

Es gibt auch Leute, bie sagen: ihr braucht euch nicht um bie Arbeiter zu kümmern, nächstens kommt bie große Katastrophe, bann geht boch alles brunter unb brüber. Meine Herren, ba haben wir sie wieder: „mir spillen bie Dudens." Nein, meine Herren, wir wollen die Tobten nicht spielen unb nicht auf Kata­strophen rechnen, sondern wir sagen mit bem hl. Thomas: wie aus bem alten heibnischen römischen Staat auf bem Wege der Reform eine christliche Welt geboren ist, de temporal! in spirituale, aus einer zeitlich, fleischlich, irdisch, materiell gesinnten Welt eine geistig, christlich, übernatürlich gesinnte Welt herausgestaltet wurde, so ist auch diese christliche friedliche Reform für bie neue heidnische Welt das einzige Heilmittel.

Darum, meine Herren, in jeder Stadt und in jedem Dorf, auch in jeder Diaspora — unb wenn Sie nur 20 Arbeiter finben — gründen Sie einen Arbeiterverein! Unb wenn er so tritnn brennt wie eine ewige Lampe, — ber Schein fällt doch durch die Kirchenfenster, und die draußen werden sagen: es ist boch ein katholischer Arbeiterverein hier; bie Katholiken arbeiten an der Lösung ber sozialen Frage. (Bravo!)

Unb nun, meine Herren, ein Wort zum Schluß! Die Welt hat sich stets aufgebäumt gegen bie Zumuthung, ihre Heilmittel anzunehmen aus schwielenbebeckter Arbeiterhanb. So war es, als unser Heilanb Jesus Christus aus bei Arbeiterwohnung und im Arbeitergewand unb mit ber Arbeiterhand ber Welt bas Heil entgegenbrachte, — ba sagte bie Welt: ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Unb so war es, als bie Apostel in bie Arbeiterhand die Leuchte des Evangeliums zu ben Grenzen ber Erbe trugen, ba sagte bie Welt: „sind das nicht Zeltwirker