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jW 257 Samstag oen 7. November 1891. l8. Jahrgang

Fuldaer M Ze i t uug

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«ierteljährlicher AbounementSpreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen SountagSbeüage .Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erschemeaden GraNSbeu^r i ,Rathgeber für Laudwirthschast, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda itnb auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Deutsches Keich.

Berlin, 5. November.

* Das neue russische Ausfuhr-Verbot dehnt, wie schon bekannt, das bereits bestehende Ausfuhr-Verbot für Roggen auf alles andere Getreide (ausgenommen Weizen) und auf Kartoffeln, sowie auf Erzeugnisse aus Getreide und Kartoffeln aus. Die Ausdehnung des Ausfuhr-Verbots auch auf Kartoffeln wird als ein Beweis dafür angesehen, daß der Nothstand im Zarenreiche ein großer sein muß. Wenn aber Berliner Blätter meinen, es werde nun in Deuffchland an Kar­toffeln fehlen, zumal unsere Kartoffel-Ernte keine gute gewesen, so ist zu bemerken, daß die russische Kartoffel- Produktion weit hinter der unserigen zurückbleibt. Nach Dr. v. Scherzer's neuester Schrift: „Der wirthschaft- liche Verkehr der Gegenwart" betrug im Durchschnitte der Jahre 1884—1888 die Kartoffel- Erzeugung in Deutschland 291 Millionen Hektoliter gleich 25,170,500 metrische Tonnen, während Rußland mit 137 Millionen Hektoliter gleich 11,853,500 metrische Tonnen nur Wenig die Kartoffel-Erzeugung Frankreichs übertraf, welche 130 Millionen Hektoliter betrug. Gleich hinter Frankreich folgte Oesterreich mit 117,6 Millionen Hek­toliter, während Irland allein 481/i Millionen Hekto­liter Kartoffeln produzirte, Großbritannien aber nur 35 V2 Millionen Hektoliter, Ungarn 31 Millionen. Den stärksten Kartoffel-Konsum wies Irland auf: pro Kopf 868 Kg., dann folgte Deutschland mit 537 Kg., Belgien mit 507, Niederlande 470, Oesterreich 437, Frankreich 295 und Rußland mit 192 Kg. pro Kopf. Spanien und Italien wiesen gar nur 93 bezw. 23 Kg. pro Kopf auf. An Kartoffeln wurden über­haupt im Durchschnitt der Jahre 1884—1888 zu­sammen 983 Millionen Hektoliter oder 851/2 Millionen metrische Tonnen (ä 1000 Kilogramm) als Jehres- produkt der Erde gewonnen, welche Produktion 1887 auf 988 Millionen Hektoliter stieg. Europa allein erzeugte rund 925 Millionen Hektoliter oder etwa 80 Millionen metrische Tonnen im Werthe von 5700 Millionen Mark. Die bedeutendsten Kartoffel-Aus­fuhren hatten 1888: Deutschland, Frankreich, Nieder­lande, Australien, Kanada, die nordamerikanische Union. Wir dürfen also wegeu der Sperrung der russischen Kartoffeln zunächst unbesorgt sein. In erster Linie dürften von dem neuen russischen Ausfuhr-Verbot unsere östlichen Bah nen betroffen werden, da deren Ver­kehr fast ausschließlich von dem Umfang der russischen Cerealien-Ausfuhr abhängt. Die Verkehrs-Verhältnisse auf diesen Bahnen waren ohnehin bisher schon un­günstige, und es wird sich daher im nächsten Eisen­bahn-Etat bei diesen Linien wohl ein bedeutender Einnahme-Ausfall zeigen. Rußland geht offen­bar einer schweren wirthschaftlicben Krisis entgegen, die durch die riesigen Truppen-Anhäufungen an seiner Westgrenze noch verstärkt wird. Es liegt die Gefahr vor, daß die innere Unzufriedenheit und Noth die russische Regierung dazu treiben kann, in auswärtige Abenteuer sich zu stürzen, um das Gewitter der

.A Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(35. Fortsetzung.)

Gleich darauf war das eigens zur Entfaltung ihrer wunderbaren Vokalgymnastik arrangirte Duett der Vor­tragenden zu Ende. Eine allgemeine Bewegung ent­stand, und Jeder ließ seiner Zunge freien Lauf.

„Wie sie sich Alle freuen, daß es vorbei ist!" be­merkte Frau Ormann aufathmend. „Sieh Dir einmal die junge Dame in Rosa an. Sie hat echte Diamanten um den Hals. Wahrscheinlich irgend ein reicher Gold­fisch, aber jedenfalls nicht reicher als Du."

„Das wäre doch möglich," entgegnete Elisabeth eben, als sie durch den Klang einer ihr wohlbekannten Stimme unterbrochen wurde.

„Daß man sich unter gebildeten Menschen solche Torturen des Gehörsinnes gefallen lassen muß!" mur­melte Graf Bannstein hinter ihrem Stuhle.

„Waren Sie nicht von dem Vortrage befriedigt?" wendete sie sich lächelnd um.

„Nein, aber es ist erhaben, so viel Selbstbeherrschung um sich her bewundern zu können. Ich höre, unten würde Thee verabreicht. Sie thun besser sortzueilen, ehe die Sache von Neuem losgeht. — Da wird schon ein großes Violoncell herbeigeschleppt."

„Thee!" rief Frau Ormann begeistert, „das ist

I allgemeinen Unzufriedenheit von den innern Verhält- \ nissen abzulenken. Man kann nur wünschen, daß die finanziellen Wirren, die große Unordnung in allen Zweigen der Staatsverwaltung, einschließlich der des Heeres, auf die Lenker der Geschicke Rußlands einen mäßigenden Einfluß ausüben.

* Nach einem vom Reichskanzler von Caprivi und dem deutschen Botschafter in Petersburg, General v. Schweinitz, dem Vorsteheramt der Kaufmannschaft zu Königsberg zugegangenen Telegramm blieben die Reklamationen der Reichsregierung, die russische Re­gierung zur Freigebung der bereits vollendete« Sendungen von Cerealien rc. rc. zu veranlassen, erfolglos. Wie aus Thorn gemeldet wird, wurde auf den russischen Zollämtern die Ausfuhr von Kartoffeln ans dem Land- und Waffer- wege sofort nach Eintreffen des Ukases verboten, sämmtliche anlangende Sendungen wurden zurückbe­halten. Dagegen wurde in Alexandrowo den dort gestern angelangten, mit Kartoffeln beladenen Waggons die Weiterfahrt nach Deutschland noch gestattet.

* Auch dem heiligen Kater hat der neue König vorr Württemberg, Wilhelm IL, Anzeige von seiner Thronbesteigung erstattet und, wie dem Pariser ,Univers' aus Rom gemeldet wird, bei diesem Anlaß dem Ober­haupte der katholischen Kirche versichert, er werde be­strebt sein, die religiöse Freiheit seiner katholischen Unter- thanen zu schützen. Der hl. Vater hat dann den König zur Thronbesteigung beglückwünscht und ihm für seine guten Absichten bezüglich der katholischen Unterthsnen gedankt. — Es wird gewiß nicht nur bei den Katho­liken Württembergs, sondern ganz allgemein wohlthuend berühren, daß der neue Monarch den Schutz- der Rechte und Freiheiten seiner katholischen Unterthanen an der berufensten Stelle betont. Möge die Versicherung des Königs ein günstiges Omen für die Lösung der bren- neoden O r d e n s f r a.g e im Sinne der schwäbischen Katho­liken sein!

* Bei der Insolvenz der Berliner Bankfirma Hirsch­feld & Wolff erleiden hohe Standespersonen, Mitglie­der des Hofstaats und der Reichsverwaltung erhebliche Einbuße an Depots. — Der Chef der genannten Fir­ma, Kommerzienrath Wolff, ist wegen betrügerischen Bankerotts verhaftet worden.

* Der Zusammentritt der europäischen Sommer- Fahrplan-Konferenz pro 1892 ist für den 16. Dezbr. in Aussicht genommen worden.

* Dem Bundesrath wurde ein Gesetzentwurf, betr. die Gesellschafte« mit beschränkter Haftung vorgelegt. Der Entwurf soll gegen 80 Paragraphen in 6 Ab­schnitten enthalten. Er behandelt die Errichtung der Gesellschaft, die Rechtsverhältnisse der Gesellschaft und der Gesellschafter, Vertretung und Geschäftsführung, Abänderungen des Gesellschafts-Vertrages, Auflösung und Liquidation, Schluß-Bestimmungen, welche zugleich Geldstrafen bis zur Höhe von 5000 Mark oder Ge- fängniß bis zu einem Jahre für Geschäftsführer fest- setzen, welche gegen das Gesetz verstoßen. Gegen solche Verurtheilten kann auch auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden. Bei Zuerkennung mildernder herrlich! entführen Sie mich rasch, Graf; ich bin schon am Verschmachten."

„Mandolf, thue Deine Pflicht!" wendete sich der Graf an einen in der Nähe stehenden jungen Herrn. „Frau Ormann sehnt sich nach Befreiung und Thee. Bitte, etwas rasch.

Der Angerufene stürzte sich, anscheinend hochbe­glückt, vorwärts. Frau Ormann legte, nicht ohne eine kleine Spur von Enttäuschung zu verrathen, ihren Arm in den seinigen.

„Nun, Fräulein von Argast!" sagte Graf Bann­stein, der jungen Dame ebenfalls den Arm bietend. Sie nahm denselben an, und ließ sich die Treppe hin­untergeleiten.

„Sind Sie schon länger hier im Hause bekannt?" fragte sie, als er ihr, unten angelangt, einen Teller mit Eis brachte.

„Länger? Nein," er lachte. „Ich hörte den Namen der Hausfrau heute zum ersten Male, als Frau Or­mann mir Ihre Absicht hierherzukommen verrieth."

„Aber wie kamen Sie denn zu einer Einladung?" „O, ich erkundigte mich in meinem Bekanntenkreise, ob irgend Jemand hier im Hause verkehre; erfuhr dann, daß Mandolf noch halb und halb mit der Ge­neralin verwandt ist und mir gerne eine Einladung verschaffen würde und — kurz — hier bin ich."

„Aber Sie hatten meiner Schwägerin, wie sie mir

Umstände soll Geldstrafe zulässig sein. Die Ergänzung des Wien-Gesetzes durch Einführung ein r neuen Form für die Association mit beschränkter Haftpflicht sämmt- licher Theilnehmer hat sich, so wird offiziös bemerkt, seit Jahren und ganz besonders gegenüber den Schwierig­keiten, mit welchen die deutschen Kolonial-Gesellschaften zu kämpfen hatten, nicht nur für überseeische Unterneh­mungen, sondern auch im weiteren Umfange im inlän­dischen Verkehrsleben als dringendes Bedürfniß heraus­gestellt. Es ist dies auch durch die Gutachten der preußischen Handelskammern und des bleibenden Aus- schusies des deutschen Handelstages bestätigt worden, welche der preußische Handelsminister eingeholt. Die Aeußerungen der Organe des Handelsstandes sind denn such für die Grundsätze des Gesetzes maßgebend geworden.

* München, 4. Nov. Einen Brief König Lud- wig's II. von Bayern an Richard Wagner, der als ein bemerkenswerther Beitrag zur Geschichte der Regierung jenes unglücklichen Königs bezeichnet zu werden verdient, veröffentlicht Marcal Herwegh, ein Sohn des bekannten Dichters und „Achtundvierzigers", im,Echo Artistique'. Derselbe hat folgenden Wortlaut: „Dem Wort-Tondichter Richard Wagner, München. Erhabener, göttlicher Freund! Kaum kann ich den morgenden Abend erwarten, so sehne ich mich nach der 2. Vorstellung schon jetzt. Sie schrieben an Pfister­meister, Sie hofften, daß meine Liebe zu Ihrem Werke durch die in der That etwas mangelhafte Auffassung der Rolle des Kurwenal von Seiten Mitterwurzers, nicht Nachlassen möge! Geliebter! Wie konnten Sie nur diesen Gedanken sich aufiommen lassen? Ich bin begeistert, ergriffen. Entbrenne in Sehnsucht nach wieder­holter Aufführung!

Dies wunderhehrr Werk, Das uns dein Geist erschuf!

Wer dürft'es sehen, wer erkennen, ohne selig zu preisen? Das so herrlich, hold, erhaben mir die Seele muj$te laben! Heil seinem Schöpfer, Anbetung ihm! — Mein Freund, wollen Sie die Güte haben, dem treff­lichen Künstlerpaar zu sagen, daß deren Leistung mich entzückt und begeistert hat; Meinen herzlichen Dank, werden Sie ihn den Beiden künden? Ich bitte Sie, erfreuen Sie mich bald mit einem Briefe!‘ Nicht wahr, mein theurer Freund, der Muth zu neuem Schaffen wird Sie nie verlassen; im Namen Jener bitte ich Sie nicht zu versagen, Jener, die Sie mit Wonne erfüllen, die sonst nur Gott verleiht. Sie und Gott! Bis in den Tod, bis hinüber nach jenem Reiche der Welten­nacht bleibe ich Ihr treuer Ludwig. Berg, den 12. Juni 1865.“ Man bemerke, daß dieser Brief ganze zwei Jahrzehnte vor jenem Zeitpunkt geschrieben worden ist, wo endlich der unglückliche König als regierungs­unfähig erklärt wurde. Läßt aber dieser Brief die Annahme zu, daß Ludwig IL noch im Fahre 1865 im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten war? Gewiß nicht. Wie konnten unter diesen Umständen gewissenhafte Staatsmänner die Verantwortung dafür übernehmen, daß ein geistig gestörter Monarch so lange Herrscher­befugnisse ausübte? Das Lutz'sche Regiment scheint

auf dem Herwege erzählte, ja schon heute Morgen Ihre Anwesenheit zugesagt."

„Und ich habe, wie Sie sehen, damit keine falsche Behauptung aufgestellt. Der Vorsatz, hierher zu kom­men, stand bei mir fest, sobald ich Ihrer Anwesenheit sicher war."

„Sie sind sehr kühn, Graf Bannstein!" bemerkte Elisabeth, wobei sie trotz ihres Vorsatzes, eine abwei­sende Haltung ihm gegenüber zu bewahren, ein Lächeln nicht unterdrücken konnte.

„Finden Sie? Nun, den Ruhm habe ich mir dies­mal billig erkauft." Dann bei dem Klange der oben wieder beginnenden Musik aufhorchend: „Halten Sie es für möglich, daß der musikalische Unfug da oben auch die ganze Nacht fortgeht? Ich hatte wenigstens gehofft, hie Sache würde sich in eine Tanzerei auflösen."

„Zum Tanzen würden Sie sich doch noch weniger herablassen."

„Warum? Ich habe unter Umständen immer sehr gerne getanzt. Und sprechen Sie mir Sinn für Musik ab, weil ich dem Concerte oben entflohen bin? Sie irren sich. Ich weiß wirkliche, schöne Musik sehr zu schätzen. Ich liebte es sehr, wenn Sie sangen, gerade so wie ich jetzt auch viel sür einen Walzer mit Ihnen geben würde. Es ist, wie Sie wissen, das erste Mal, i daß ich Ihnen in Gesellschaft begegne und Gelegenheit 1 dazu haben könnte." Er hielt plötzlich inne und ließ