V 256 • Freilag, den 6. November 1881. 18. Iahrgvna
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* „Zum Reformationsfeste"
brachte der ,R e i ch s b o t e' dieser Tage einen fulminanten Artikel, in dem die „römische" Kirche des 15. und 16. Jahrhunderts sehr schlecht wegkommt und die Reformation gepriesen wird. Die Methode ist die alte bekannte, darf daher unbeachtet gelassen werden. Wir können uns damit trösten, daß der Ton sehr bald umschlägt und auch an der evangelischen Kirche nicht viel Gutes gelassen wird. Niemand, meint das orthodoxe Blatt, werde den Muth haben, zu behaupten, daß diese ihre Aufgabe in vollem Umfange erfüllt habe. „Sie hat vielfach in theologischen Streitigkeiten die Hauptsache — den Sauerteig des Evangeliums in's Volksleben hineinzuwirken — nur allzu sehr versäumt, und durch eine falsche Verfassungs-Entwickelung ist es ihr nicht möglich geworden, sich so zu organisiren, wie es zur Erfüllung ihrer göttlichen Aufgabe nöthig wäre. So hat sie und mit ihr wieder das Christenthum seinen Einfluß auf das Volksleben in weiten Kreisen verloren usw." „Das reine Evangelium haben wir, aber wir tragen den Wein der Wahrheit in alten zerrissenen Schläuchen, wir haben eine Kirche, sie ist aber unfähig, ihre Aufgabe so zu erfüllen, wie es die großen Verhältnisse unserer Zeit erheischen." Kurz, wir sind also trotz des „reinen Evangeliums" da wieder, wo wir vor der Reformation gewesen sein sollen, und brauchen eine neue Reformation. Mit dem „offiziellen Kirchenthum" ist es nichts. Die jetzige Kirchenleitung hat ihre „Unzulänglichkeit für die Erfüllung der Aufgaben der Kirche" längst bewiesen, namentlich durch „ihre klägliche Unbeholfenheit gegenüber den kirchlichen Nothständen des Kulturkampfes."
Man sieht schon, der .Reichsbote' kommt auf sein ceterum censeo zurück: Freiheit und Selbständigkeit der Kirche, deren Notwendigkeit er denn ausführlich an der Zerfahrenheit, Ordnungslosigkeit und Ohnmacht des jetzigen amtlichen und privaten Kirchen- thums schildert. Wir gönnen den Protestanten Freiheit und Unabhängigkeit ihrer „Kirche" gern. Sie werden im Sinne der Kleist-Hammerstein'schen Bestrebungen wohl nie erreicht werden; erreicht aber würden sie das Ende dieser „Kirche" bedeuten, die in Wahrheit vom Staate weniger gefesselt als gestützt und aufrechterhalten wird.
Auf dasselbe Thema von der Unzulänglichkeit der evangelischen Kirchenverfassung und „offiziellen Kirchen- thums" kam auch Stöcker in einem Vortrage beiden Christlich-Sozialen über den Ausfall der Berliner Kirchenwahlen. Bei eminenter Wahlbetheiligung trotz aller Agitation haben bekanntlich diese Wahlen ziemlich alles beim Alten gelassen. Damit stellen sich beide Theile zufrieden. Die Liberalen sagen, es hat sich gezeigt, daß wir Liberalen, wenn wir uns überhaupt die Mühe geben wollten, die ganze Berliner Orthodoxie über den Haufen werfen könnten. Die „Positiven" dagegen freuen sich ihrer kleinen Mehrheit und meinen, „die Wahlbewegung gewinne auch die Seelen für die
a Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(34. Fortsetzung.)
20. Auf den Wogen des Lebens.
Ende Oktober kehrte die kleine Gesellschaft endlich von ihrem verspäteten Seeaufenthalte in die Stadt zurück. Frau Ormann hatte sich bereitwillig darin gefunden, ihrer Schwägerin die Knaben noch für die Wintermonate zu überlassen, da sie selbst einen Ausflug nach Paris für den Anfang des Winters geplant hatte. Fräulein von Buchenau war dem Gedanken an eine so ungewohnte Vergrößerung ihres Haushalts auch nicht hindernd in den Weg getreten, und so war man zur allgemeinen Zufriedenheit bald in die städtischen Räume verpflanzt und eingewöhnt.
Ein Plan, welcher Elisabeth jetzt mehr als alles Andere beschäftigte, war der Ankauf eines Hauses, in welchem sie ihre Freundin, Eva Trant, an der Spitze eines großen Schneideraeschäfts zu etabliren gedachte. Ihre früher erworbenen Geschäftskenntnisse befähigten das junge Mädchen vollkommen zur Leitung eines größeren Etablissements dieser Art. Ihr Geschmack und ihre vortreffliche Arbeit hatten ihr bereits eine zahlreiche Kundschaft erworben, und es fehlte ihr nur an den Mitteln, um ihr Talent in einem großartigeren Maßstobe zu verwerthen.
Kirche". Ein wie geringer Prozentsatz hat sich aber überhaupt nur in die Listen eintragen lassen! Die aufgestellten Kandidaten sollen nach Stöcker in einer Versammlung „das kräftigste Zeugniß für unfern Glauben abgelegt" haben. Das wäre doch auch gar zu traurig, wenn sich nicht ein Mal ein Paar gläubige Kandidaten auftreiben ließen. Hinterher heißt es dann auch bei Stöcker, die Wahlleiter klagten über die Gleichgiltig- keit der Konservativen; unter diesen haben wir aber die Positiven zu suchen. Das eigentliche Ziel war, in den drei stärksten Gemeinden die Liberalen zu werfen. Das ist nicht erreicht worden. Was die Thaten lehren, bestätigte Stöcker mit Worten. „Jetzt werden die Jungen von 14 Jahren mündig erklärt. Dann kümmert sich die Kirche zehn Jahre lang um die Heranwachsenden gar nicht, überläßt sie der Sozialdemokratie, dem Unglauben, dem Umsturz, und wenn sie 24 Jahre alt sind, dann sind sie auf ein Mal kirchliche Wähler."
Die Gesammtlage schildert Stöcker wie folgt: „Im politischen, sozialen, öffentlichen Leben steht Rom an der Stelle, wo wir stehen sollten; im wissenschaftlichen und geselligen Leben regiert statt des christlichen Glaubens der Unglaube; im Handel und Gewerbe, im bürgerlichen Leben herrscht der jüdische Geist statt des evangelischen; im Volksleben dominirt die Sozial- demokratie. Wir haben die Grundlage im Volke, den Boden unter den Füßen verloren. Das ist das Unglück des Protestantismus." Demnach will uns scheinen, bemerkt hiezu die ,Köln. Vztg.', die Herren Prediger könnten „zum Reformationsfeste" ein zeitgemäßeres Thema für ihre Kanzelvorträge wählen, als das beliebte Toben gegen „Rom".
Deutsches Deich.
Berlin, 4. November.
* Präsident von Levetzow hat die nächste Reichs- tagssitzung auf den 17. d. Nachmittags 2 Uhr festgesetzt. Auf der Tagesordnung stehen die 1. Berathung des Gesetzentwurf, betreffend die Bestrafung des Sklavenhandels und Petitionen, betreffend Ausdehnung der Kranken- und Unfallversicherung auf die Insassen der Gefangen-Besserungs- rc. Anstalten, die Revision des Wuchergesetzes, Einführung eines Zolls auf mit Salz bestreute Häringe, kommunale Besteuerung des Weins, die Verleihung der Rechte der juristischen Person an Jnnungsausschüsse und die Abänderung der Unfallversicherungsgesetze. In den folgenden Sitzungen werden die Berathungen der Novelle zum Krankenversicherungsgesetz und des Telegraphengesetzes fortgesetzt. Die Bildung einer freien parlamentarischen Vereinigung aus denjenigen Parteien des Reichstags, welche den colonialpolitrschen Bestrebungen günstig gegenüberstehen, ist angeregt worden.
* Professor Schweinfurth kanzelt in einem in der ,Post' veröffentlichten Schreiben die Angreifer Emin Pascha's ab. Die Annahme von Emin's Rückkehr nach der Aequatorialprovinz sei unwahrscheinlich bis zur
Das Gefühl, der Verlassenen wirklich eine Lebensretterin in der Stunde der Noth gewesen zu sein, wäre an und für sich schon genügend gewesen, ihr für alle Zeiten Elisabeth's Sympathie zu erhalten. Aber noch mehr, als durch dieses schöne Bewußtsein, fühlte sich ihre Beschützerin durch die im Laufe der Zeit immer mehr hervortretenden Gaben des Geistes und Herzens angezogen, welche Eva in ihren dankbaren und freundlichen Gesinnungen gegen sie an den Tag legte. Das von Elisabeth für ihren Zweck in Augenschein genommene Haus sollte auf Eva's Namen eingetragen werden. Elisabeth wollte ihr dann ein Kapital zur Einrichtung und Inbetriebsetzung des Geschäfts auszahlen, während Fräulein Trant sich ihrerseits verpflichtete. das Betriebskapital zu einem bestimmten Prozentsatz zu verzinsen.
Herr Walter suchte seine Klientin auf die unvor- theilhaften, fast einer Schenkung gleichkommenden Bedingungen dieses Handels aufmerksam zu machen, und Fräulein Trant war selbst nur schwer zu bewegen, ihren Namen als den der Haus- und Geschäftsinhaberin eintragen zu lassen. Elisabeth ließ sich jedoch nicht von ihrem großmüthigen Vorhaben abbringen, und das Geschäft wurde noch innerhalb der nächsten vier Wochen abgeschlossen.
Frau Ormann kam kurz vor ihrer Abreise nach Paris noch einmal nach Berlin, um auf Elisabeth's
Unmöglichkeit. Für Schweinfurth ist das nächste Ziel Emin's einfach die interessante Gegend zwischen Albert- Edward- und Albert-See im Gebiete des Kongostaates, eines der verlockendsten Forschungsgebiete.
* Im deutsch-italienischen Handelsverträge soll der deutsche Weinzoll von 24 auf 15 Mark herabgesetzt sein.
* Im Reichsamt des Innern finden Konferenzen deutscher und österreichisch-ungarischer Delegirter statt, behufs einer Vereinbarung über Patent-Muster- und Markenschutz, die gleichzeitig mit der österreichffch-unga- risch-deutschen Veterinärconvention in Krafts treten soll.
* Die Hauptkonferenz des deutschen Eisenbahnver- kehrsverbands ist auf den 27. d. nach Dresden einbe- rusen worden.
* Im Jahre vom 1. August 1890/91 wurden im preußischen Staate an Jagdscheinen ausgegeben 189,543 Stück (d. i. 5270 mehr als im Jahre 1889/90). Von den ausgegebenen 189,543 Jagdscheinen entfallen auf die gegen Entgelt abgegebenen: 184,525 und auf die unentgeltlich abgegebenen 5018 Stück. Von Letzteren sind mithin 159 Jagdscheine weniger verabfolgt worden, als im gleichen Zeiträume des Vorjahres.
* Der Präsident des Herrenhauses, Herzog do« Ratibor, ist am Wechselfieber erkrankt.
* Die Gleiwitzer Garnisou soll erheblich verstärkt werden. Das ganze Ulanenregiment v. Katzler, 2 Brigadestäbe und Artillerie sollen hierher verlegt, ferner soll ein thüringisches Husarenregiment in Sorau und Plesh garnisonirt werden.
Ausland.
* Wien, 3. Nov. Der Kaiser genehmigte, daß dem vom Linzer Schwurgerichte wegen Brandlegung unschuldig verurtheilten Waldheger Peter Pabst eine Entschädigung von 3000 fl. zugewendet werde. Der Betrag wird als Nachtrags-Forderung in das Budget eingestellt werden.
* Bern, 4. Nov. Der Bund meldet, die Nachricht über den Beginn der Handelsvertrags-Verhandlungen zwischen Italien und der Schweiz sei verfrüht. Die Verhandlungen zwischen Deutschland, Oesterreich und der Schweiz würden wieder ausgenommen, sobald die beiden ersten Staaten dazu geneigt seien.
* R-m, 4. Nov. Der General-Staatsanwalt erhob Anklage wegen Beleidigung des Richterstandes gegen 4 Advokaten des Anarchisten-Prozeffes.
* Am Dienstag Nachmittag 1'/» Uhr ist die interparlamentarische Friedenskonferenz im großen Saale des Kapitels zu Rom unter Theilnahme von Mitgliedern fast sämmtlicher europäischer Parlamente eröffnet worden. Es waren etwa 200 Deputirte erschienen (darunter Deutsche 15 und Franzosen 18). Nach Verlesung der Namen der Mitglieder der Konferenz begrüßten der Vorsitzende und der Bürgermeister von Rom die Versammlung. Hierauf ergriff der deutsche Reichstagsabzeordnete Dr. Baumbach zu einer längeren in deutscher Sprache gehaltenen Anrede das Wort. Nach demselben sprachen noch eine Reihe anderer Delegirter aus verschiedenen europäischen Parlamenten.
Wunsch Einiges wegen der Kinder mit ihr zu besprechen. Es handelte sich hauptsächlich um die Wahl einer passenden Erziehungsanstall für den älteren der beiden Knaben. Elisabeth, welche, wie bereits früher erwähnt, eine sehr hohe Summe für die Erziehung der Neffen an ihre Schwägerin auszahlte, hatte ihr Augenmerk auf eine wegen ihrer vorzüglichen Einrichtungen berühmten, aber eben darum auch besonders kostspieligen Anstalt gelenkt. Die Wahl eines so theuern Pensionats stimmte aber durchaus nicht mit Frau Or- mann's Absichten zusammen. Stets das Angenehme mit dem Nützlichen verbindend, sand sie es bei aller mütterlichen Liebe sehr in der Ordnung, wenn der Löwenantheil der Erziehungsgelder in ihre eigne Tasche floß.
„Wenn Otto nächstens auch in dieselbe Pension käme, dann gingen die paar tausend Thaler, die Du mir ausgesetzt hast, ja ganz und gar darauf," schmollte sie. „Und was sollte dann aus mir werden? Du wirst doch nicht Unfrieden in unsere Familie säen, Elisabeth?"
Die Angeredete lächelte. „Nein, Ada, Du sollst um Deiner Kinder willen nicht zu kurz kommen," sagte sie. „Du bleibst für mich immer die Wittwe meines Bruders, und als solche sollst Du nicht Noth leiden. Ich werde das Mehr Deiner Ausgaben seiner Zeit ausgleichen."