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JV 255 Donnerstag, den 5. November 1891. 18. Jahrgang

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* Die gemischten Ehen.

"So betitelt sich Nr. 35 der bekannten Broschüren „Zur Wehr und Lehr,"" welche im Verlag der Berliner ,Germania" zweimal monatlich erscheinen. Es möge uns gestattet sein, schreibt die Deutsche Reichsztg.", unsere Leser noch nachträglich auf diese interessante und höchst zeitgemäße Broschüre aufmerksam zu machen. Die Mischehen sind das stete Kreuz der Seelsorger zumal in unserer Zeit, in welcher wegen der hochent­wickelten Verkehrsmittel und in Folge der Freizügigkeit die Bevölkerungsschichten so sehr durcheinander ge­würfelt werden. Durch die Mischehen erleidet die katholische Kirche von Jahr zu Jahr ganz erhebliche Einbußen, wenigstens in Deutsch­land. Das sind wahrlich schwerwiegende Gründe, welche eine klare, gründliche Beleuchtung dieses Gegen­standes durchaus erwünscht, ja nothwendig machen.

Freilich fehlt es nicht an solchen Beleuchtungen. Hat doch unsere heilige Kirche die Mischehen von jeher mißbilligt und nicht aufgehört, durch ihre berufenen Organe, Bischöfe und Priester, die Gläubigen vor dem Eingehen solcher Ehen zu warnen. Somit ist es selbst- verständlich, daß die katholischen Theologen in dogma­tischen, moraltheologischen und apologetischen Arbeiten t>ie Mischehen behandeln, das Gefährliche und Bedenk­liche derselben allseitig darlegen, außerdem die mit der praktischen Seelsorge betrauten Geistlichen in Predigten und Unterweisungen diesen Punkt immer wieder er­örtern mußten. Gleichwohl kann man eine erneute Behandlung dieses mißlichen Gegenstandes gerade in unseren Tagen nur als ein „zur rechten Zeit gesprochenes Wort"" begrüßen, namentlich, wenn diese Beleuchtung in kurzer, gemeinfaßlicher Form alles in diese Frage Einschlägige beibringt. Die wissenschaftlich gehaltenen Ausführungen der Fachmänner »erben für gewöhnlich nur von Fach­männern gelesen. Unsere schnelllebige Zeit hat nicht mehr Geduld genug, um sich an größere Werke zu wagen: man will Alles in kurzen Broschüren oder flott geschriebenen Zeitungsartikeln sich auftischen lassen. Außerdem fürchtet unfere Zeit, bei der Lektüre wissen­schaftlicher Bücher einigermaßen nachdenken zu müssen — und zum Nachdenken ist man nicht sonder- Uch geneigt.

Was aber im Katechismusunterricht vor­getragen worden ist und was in den Predigten immer noch vorgetragen wird, das ist für einen guten Theil der jetzigen Generation so ziemlich verloren. Wie viele aus dieser Generation haben, Dank dem unglückseligen Kulturkampf, in der Zeit von 1872 bis zur ersten Hälfte der Achtziger Jahre gar keinen, oder doch nur einen höchst mangelhaften Religionsunterricht genossen! In Folge dessen sind sie in einer der Kirche ziemlich ent­fremdeten Atmosphäre ausgewachsen und scheuen des­halb jetzt noch vielfach die Kirchenluft, so daß sie die Predigt wohl selten besuchen. Für solche Leute — und es gibt deren leider! zu viele — ist die er-

a Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(33. Fortsetzung.)

19. Ein ernster Antrag.

Wie die Stunden nach der Auseinandersetzung mit "Baron Danfeld vergangen, das wußte Elisabeth sich "später selbst nie zu sagen. Sie machte wie im Traume die Besorgungen, welche den Vorwand zu ihrer Reise geboten hatten, und reifte noch an demselben Nach­mittage an die See zurück.

Eine Woche war seitdem vergangen. Elisabeth hatte sich eben auf einem felsigen Ufervorsprunge niedergelassen und blickte ihren Neffen nach, welche, von -einem Bootsmanne geleitet, eine Fahrt in die offene See unternahmen.

Da wurde ihre Aufmerksamkeit plötzlich durch das Geräusch sich nähernder Schritte nach einer anderen Richtung hin abgezogen. Sie wendete sich um und gewahrte zu ihrer Befremdung Graf Bannstein, welcher bereits auf Hörweite angelangt war.

„Verzeihen Sie mein erstauntes Gesicht, lieber Graf"", sagte sie aufstehend und ihm die Hand reichend. „Allein ich lebe hier wie Robinson Crusoe, der selbst bei Freitag's unerwartetem Schritte zusammenschrak.""

„Der Schall der Schritte kündigt hier wie dort

wähnte Broschüre so recht eigentlich „ein Wort zur rechten Zeit.""

Aber auch alle anderen, die in ihrer Religion sonst hinlänglich unterrichtet sind, dürfte die Broschüre eine nicht unwillkommene Gabe sein. Sie finden dort in übersichtlicher Kürze noch einmal alle Gründe, warum die Mischehen unstatthaft, gefährlich, bedenklich genannt werden müssen, klar zusammengestellt, so daß sie das durch den Religionsunterricht und Predigtunterweisungen bereits Bekannte gewissermaßen in einem Punkt vor sich sehen. Eine genaue Kenntniß dieser Gründe ist aber allgemein nothwendig; dem immer wachsenden Uebel der Mischehen muß gesteuert werden. Das kann natürlich nur geschehen wenn nicht bloß diejenigen, welche in Gefahr sind, eine solche Ehe zu schließen, das Unstatthafte und Bedenkliche dieses Schrittes klar kennen, sondern auch die älteren Leute, namentlich Eltern und Vormünderer ihrer Pflicht leb­haft eingedenk sind, die unter ihrer Obsorge Stehen­den bei Zeiten vor den Gefahren eines solchen, oft für das ganze Leben fatalen Schrittes zu warnen. Es ist aber leider! nicht zu läugnen, daß eben wegen der erschreckenden Zunahme der Mischehen, selbst bei sonst aufrichtigen und unterrichteten Katholiken die Scheu vor demselben abgenommen hat. Wie sehr muß man daher ein Schriftchen begrüßen, welches in präziser Form wieder eindringlich auf das Uebel hinweist, dasselbe durch Gründe der Religion und Vernunft bekämpft und so nicht blos den Verstand aufklärt, son­dern auch das Gewissen wieder schärft!

Endlich ist die Broschüre auch „ein gutes Wort zur rechten Zeit"" in Rücksicht auf die Gegner der katholischen Kirche, namentlich in Rücksicht aus die protestantischen Prediger und Brüder des sogenannten Evangelischen Bundes. Es gehört ja zu den stehenden Borwürfen, daß die katholische Kirche durch die Misch­ehen der „theuren evangelischen Kirche"" das Wasser abzugraben versuche. Schon oft hat man protestan­tischerseits steif und fest behauptet, die katholischen Priester beförderten planmäßig solche Ehen, um durch dieselben nach und nach den Protestantismus „auszu- rotten" und die Zahl der Katholiken anwachsen zu lassen. Ein gewisser Prediger Brinkmann wollte vor ein paar Jahren ein „Dorf bei Soest"" entdeckt haben, in welchem der Kaplan die katholischen Jungfrauen veranlasse, in den benachbarten protestantischen Gemein­den sich Ehemänner zu holen. Aehnliches wäre, wie dieses Jahr noch die Stöcker'sche .Deutsch-Evangel. Kirchenztg." zu melden wußte, in einer westpreußischen Pfarrei vor gekommen. Ja, es sollte sogar in dieser Pfarrei ein „Rosenkranzverein"" existiren für Jung­frauen, die sich zur Eingehung von Mischehen verpflichteten, und die, falls sie ihr „Gelübde"" treu ausführten, Heiraths-Aussteuern, „schon bis zu 1000 Mark'", erhielten. Wohl muß der mit den An­schauungen seiner Kirche vertraute Katholik über der­artige Anklagen lächeln; allein der Protestant wird sich in seiner Ansicht, die Mischehen seien ein bei den katholischen Priestern beliebtes Mittel zur Proselyten­macherei, doch immerhin bestärkt fühlen. Denn weder

nur das Erscheinen eines Sclaven an'", bemerkte der Graf mit einer bei ihm sonst fremden Galanterie.

Elisabeth überhörte das Kompliment. „Ich glaubte Sie noch bei Ihrem Onkel,"" sagte sie. „Sie scheinen ein unstätes Leben zu führen?""

Er lachte. „Allerdings, mit einem nur literarischen und politischen Interessen geweihten Stillleben, wie Ihr Freund Danfeld es führt, könnte ich mich nicht be­gnügen.""

Eine Pause entstand, während welcher der Graf sich zu Elisabeth's Füßen niederließ. Ein Zug finsterer Entschlossenheit in seinem etwas von ihr abgewendeten Gesichte fiel ihr auf.

„Sie sehen aus, als gefiele ihnen die Welt nicht mehr,"" sagte sie, bereute aber eben so schnell die per­sönliche Anspielung, als er, sich mit einem durchdringen­den Blick seiner schwarzen Augen zu ihr wendend, ent­gegnete :

„Sie haben recht gerathen. Soll ich Ihnen auch sagen, warum?""

Elisabeth schwieg und blickte scheu zur Seite. Sie hätte viel darum gegeben, einer intimen Auseinander­setzung aus dem Wege gehen zu können. Der Graf ließ sich jedoch nicht stören.

„In erster Linie"", begann er, „muß ich Ihnen ge­stehen, daß ich einen Haufen Schulden habe; so groß,

der protestantische Prediger noch der gebildete prote­stantische Laie — von dem schlichten protestantischen Volke erst recht zu schweigen — werden zu einer katho­lischen Dogmatik oder Moraltheologie greifen, um die Grundsätze der katholischen Kirche über die Mischehen zu studiren und daraus zu lernen, wie sehr sie mit ihren Klagen über „Proselytenmacherei"' auf dem Holz­wege sind.

Hier in dieser kleinen Broschüre finden die Herren die ganze Sache kurz uud klar erörtert. Möchten sie dieselben lesen; sie würden sich doch besinnen, ob es wohlgethan sei, noch fernerhin nach Dörfern bei Soest und Pfarreien in Westpreußen auf Suche zu gehen.

Was nun die in Rede stehende Broschüre noch be­sonders empfehlenswerth macht, das ist die gar an­ziehende Form, in welcher dieselbe abgefaßt ist. Ob­wohl die Anschauungen der Kirche in dogmatischer und moraltheologischer Hinsicht, ebenso wie die aus der Vernunft und der praktischen Erfahrung sich ergebenden Bedenken bezüglich der Mischehen klar und scharf dar­gelegt werden, so braucht man doch nicht zu fürchten, eine philosophisch-theologische Abhandlung zu finden. Das Ganze lieft sich vielmehr so leicht und angenehm, als habe man es mit der Darstellung eines wirklichen Vorkommnisses zu thun, bei dem die beteiligten Per­sonen handelnd und redend vor uns auftreten.

Deutsches Keich.

Berlin, 3. November.

* Wie die Münchener Allgem. Ztg.' mittheilt — und der ,Reichsanzeiger' übernimmt diese und die nach­stehenden Mittheilungeu, so daß man darin wohl eine Bestätigung erblicken kann —, sind in einer am Sonn­tag Abend abgehaltenen Konferenz der deutschen und italienischen Bevollmächtigten in München die bezüglich der Vertragsverhandlungen zwischen Deutschland und Italien noch schwebenden Differenzen zur Erledigung gebracht worden; dasselbe sei in allernächster Zeit be­züglich der österreichisch-italienischen Verhandlungen zu gewärtigen. Die nächsten Tage werden der Redigirung der Vertragstexte und der Zolltarife gelten, worauf die Paraphirung erfolgen wird. In Bezug auf die Ver­handlungen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns mit der Schweiz gibt man sich, wie dasselbe Blatt mit­theilt, in Wien der Erwartung hin, daß diese noch im November beginnen und rasch zu Ende geführt werden dürsten. Wie man weiter aus Wien meldet, halten die Regierungen von Deutschland und Oesterreich-Ungarn an der Hoffnung fest, daß daS System der neuen Handelsverträge, wie geplant war, am 1. Februar 1892 in Kraft treten werde. Es werde voraussichtlich mög­lich fein, bis Mitte Dezember auch mit Serbien zum Abschlüsse zu gelangen, nachdem der Vertrag mit Italien vereinbart sei.

* Die Berathungen des Staatsministeriums über das Bolksschulgesetz dürsten der Magdeburger Zeitung' zufolge zeitig genug beendet werden, um den Entwurf als eine der ersten Vorlagen an den Landtag ge­langen zu lassen. Jedenfalls gehe der preußische Land-

daß, wollte ich ihn abtragen, mir ungefähr 5 Groschen zum Leben übrig blieben. Das einzige Gegengewicht dieser traurigen Aussichten bildet ein unverantwortlich alter Onkel, dessen Einkommen, lumpige 15,000 Thaler, mir, wenn er überhaupt noch einmal sterben sollte, zu­fällt. Besser als das Einkommen ist jedoch das Kapital­vermögen des alten Kunden, und dieses kann er ver­machen, wem er will. Seither hat er meine Verdienste nie anerkennen wollen; da — ich weiß nicht, ob ihm llötzlich ein Licht über mich aufgegangen ist — bietet er mir neulich an, bedingungsweise meine Schulden zu zahlen."

„Wie angenehm für Sie," warf feine Zuhörerin ein, als er eine kurze Pause machte.

„Ja, aber hören Sie die Bedingung: Ich soll eine Frau heirathen, deren Vermögen groß genug ist, um )as durch meine Schulden absorbirte Geld wieder zu ersetzen. Eine Frau, welche die Gefühle, welche sie vom ersten Augenblicke an in mir erweckte, in keiner Weise erwidert; die ich mich in Anbetracht der verächtlichen an ihren Besitz geknüpften Bedingungen überhaupt zu ragen schäme; deren Herz zu gewinnen ich aber nichts­destoweniger versuchen werde, welches immer auch der verlangte Preis dafür sei. Können Sie errathen, wer dieses begehrenswerthe Wesen für mich ist?"

Er hielt ein, und seine leidenschaftlich. flehenden