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V 254

Mittwoch, den 4. November 1891.

18. Jahrgang

Fuldaer W Zcitiing

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* Verbrechen und Presse.

Das entsetzliche Bild, welches die jüngsten bestiali­schen Mordthaten mit den begleitenden Nebenumständen von dem rohen Berbrecherthum und der sittlichen Ver­kommenheit in Berlin gezeichnet haben, legt immer wieder die Frage nahe, wer trägt die Schuld an solchen bestialischen Auswüchsen der Menschennatur, an solcher tiefgehenden und weitverbreiteten Verworfenheit? Will man das Hebel ausrotten, so muß man es bei der Wurzel anfassen; aber wo liegen diese Wurzeln? Sie sind leider so zahlreich und weitverzweigt, sie sind so tief eingewurzelt, daß es keine leichte Aufgabe ist, dem Baume der Versumpfung und des Verbrechens die Wurzel auszugraben. Eine Hauptursache der grenzenlosen Verkommenheit ist allerdings die grenzen­lose Sittenlosigkeit. Immer wieder zeigt sich das Verbrechen am Arme der Unzucht und die Un­zucht am Arme des Verbrechens. Eine Hauptwurzel wird deshalb getroffen, wenn es gelingen sollte, in den Kreisen, wo Unzucht und Verbrechen nebeneinander wohnen, „wirksame Auskehr zu halten". Nach dieser Richtung hin verdient der kaiserliche Erlaß zur rück­sichtlosen Bekämpfung des Zuhälterthums und der Pro­stitution unsere volle Zustimmung. Aber mit dem Kampfe gegen die gewerbsmäßige Unsittlich­keit und deren Auswüchse ist das Hauptübel noch nicht beseitigt. So freudig wir auch den kaiserlichen Erlaß begrüßen, so wenig können wir leider erwarten, daß die Durchführung desselben gründliche und nach­haltige Abhülfe schaffen wird.

Wie vorhin bereits bemerkt, gibt es der Ur­sachen der Verkommenheit und des Verbrecherthums in Berlin sehr viele, und die Großstadt bietet einen besonders geeigneten Boden für das Emporwuchern dieser Sumpfpflanzen im Volksleben. Die Ent­fremdung von Religion und christlicher Sitte, die Verführung, auch die Wohnungsfrage u. s. w. be­günstigen die Entwickelung und das Gedeihen dieser Sumpfpflanzen. Aber auf eine Ursache glauben wir besonders aufmerksam machen zu müssen, schon deshalb, weil das nicht blos Berlin sondern auch die Pro­vinz angeht; auf den Zusammenhang zwischen Ver­brechen und Presse. Als das achtzehnjährige Dienstmädchen Machus, eine „Unschuld vom Lande" seine Dienstherrin in der scheußlichsten Weise hinge­mordet hatte, wurde auch in der liberalen Presse die Frage erörtert, ob nicht das Lesen von Schauer­romanen Herz und Gemüth des jungen Mädchens so verdorben haben, daß es durch die Verbrechens-Romane über die Einzelheiten einer Mordthat und über die Verheimlichung derselben unterrichtet, für die Unthat vorbereitet wurde. Aber die Schauerromane, deren sittliche und religiöse Gefahren leider noch nicht genug­sam erkannt werden, sind es nicht allein, welche das Herz vergiften, das Gemüth verderben und die Sinne verwirren. Auch ein großer Theil unserer modernen Belletristik und unserer Bühnen­literatur ist Schuld daran, aber nicht zum geringsten ein Theil der Berliner Presse, der Berliner Tages-

a Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(32. Fortsetzung.)

Danfeld's Augen hatten während ihrer Rede ernst und mit sichtlichem Interesse auf ihr geruht. Es schien ihm schwer, den rechten Ton für ihre Entgegnung zu finden. Endlich sagte er, indem er die Hand wie zur Bekräftigung auf den Tisch legte. „Ich wollte, Sie hätten mir daS Alles nicht gesagt. Ich hätte Sie einer solchen Handlung nicht für fähig gehalten. Nur Ihre augenblickliche Auftegung konnte sie dazu veranlaffen."

Und dann fuhr er fort: „Warum kamen Sie nicht zu mir, um Ihre Ansprüche geltend zu machen? Hielten Sie mich für kleinlich genug, Ihnen einen berechtigten Anspruch vorzuenthalten?"

„Konnte ich wissen, wessen Geistes Kind Sie wären?" rief sie. „Ja, ich hätte meine Seele gerettet, wenn ich Sie damals gekannt hätte, wie ich Sie heute kenne. Aber welche Bedeutung hatte damals der Name Danfeld für mich ? Es war mir nur der Name meines Feindes! Als ich das erste Mal mit Ihnen redete, da glaubte ich in den Boden zu sinken, so sehr über­wältigte mich das Gefühl meiner Scham . . . Aber wenn ich zurückdenke an meine Verzweiflung, an meine gänzliche Unfähigkeit, das Loos meiner armen über-

zeitungen, der leider auch seinen Weg in die Provinz findet. Die Art und Weise, wie diese pikante, sensations­lüsterne, niedrigste Gattung Berliner Tagcsblätter die Unsittlichkeit und das Verbrechen behandelt, ist nichts anderes als Einflößen von Gift. Eine bestimmte politische Richtung wollen diese Blätter nicht haben, sie sind in dieser Beziehung fteilich nicht unparteiisch son­dern gesinnungslos, aber dafür spekuliren sie um so mehr auf das Sensationsbedürfniß und auf die niedrigsten Triebe des Menschen. Für Politik ist in diesen Blättern kein Raum, aber eine pikante Erzählung, eine lüsterne Dar­stellung und eine grausige Mordgeschichte mit den ekelhaftesten Einzelheiten, dazu eine Art Verherrlichung des Verbrechens und des Verbrechers, das ist so etwas, was in Berlin in den von sittlicher Fäulniß ange­griffenen Volkskreisen mit Gier gelesen wird und eine Hauptursache mit ist an dem sittlichen Verfall und dem Verbrechen. Möge man dies nicht nur für Berlin, sondern überall beherzigen!__

Deutsches Keich.

Berlin, 2. November.

* Der Kaiser wohnte gestern in Berlin der feier­lichen Enthüllung des auf dem Schloßplatze errichteten Begas'schen Brunnens bei, welchem er den Namen „Schloßbrunnen" gab.

* Die Verhandlungen zwischen Deutschland und Italien sind beendet. Geheimrath von Huber ist gestern von Berlin nach München zurückgekehrt mit der Er­mächtigung zur Unterzeichnung des Vertrages.

* Der Ausschuß des preußischen Landeseisenbahn­raths ist zum 13. November einberufen. Auf der Tages­ordnung steht die Umarbeitung des Betriebs-Reglements.

* Dr. Karl v. den Steinen hat ein Schreiben an die ,Natl. Ztg.' gerichtet, in dem er auf Grund brief­licher Mittheilungen tzmin Paschas der Angabe ent­gegentritt,. daß dieser einen Zug nach Wadelai und einen Uebergriff in englisches Gebiet beabsichtige. Viel­mehr plane Emin, von Ruhanda nach Kamerun vorzu­dringen und er setze ein freudiges Vertrauen in die Aus­führbarkeit dieses Planes.

* Major v. Wißmaun soll, wie die Börsenztg.' von maßgebender Stelle erfahren haben will, dem Reichs­dienst erhalten bleiben.

* lieber den Antheil des deutschen Geschwaders an der Uebergabe Valparaisos enthält eine Nummer der in Valparaiso erscheinenden .Deutschen Nachrichten' einen Artikel, in welchem die Freude und Genugthuung der in Chile lebenden Deutschen über die Anwesenheit der deutschen Kriegsschiffe folgenden starken Ausdruck findet. Das Blatt schildert ausführlich die Vermittlung des deutschen Admirals bei den Uebergabe - Verhandlungen und die Zwischenfälle, welche sich dabeiereigneten. Der bemerkenswertheste ist folgender: Admiral Valois und seine Begleiter hatten das Ihrige gethan, um das auf­geregte Volk zu beruhigen, und das war ihnen auch dermaßen gelungen, daß die Leute riefen: „Vivan los alemanes, vivan, vivan!“ So war Alles auf dem besten Wege, als plötzlich etwas Unerwartetes geschah: der Bedienungsmannschaft von zwei vor der Jntendan-

bürdeten Mutter zu erleichtern, wenn ich mir wieder ihr fruchtlosen »Arbeiten, ihre Enttäuschungen und das sich stets enger um uns zusammenziehende Netz unserer Schuldenlast vorstelle, — dann fühle ich auch wieder die ganze Unwiderstehlichkeit, mit der damals die Versuchung an mich herantrat. Sie, der Sie weise und stark und fest in der Tugend sind — Sie hätten widerstanden, aber", mit einer demüthigen Neig­ung ihres Hauptes, „ich unterlag dem Kleinmuth meines Herzens".

„Ich verstehe diesen Kleinmuth nicht in Ihnen," bemerkte Danfeld. Der Zwiespalt in seiner eigenen Natur, der ihm diesmal die Entscheidung zwischen Recht und Unrecht so schwer machte, beunruhigte ihn.

Eine Pause entstand, dann richtete sie sich auf und fuhr fort: „Es wäre überflüssig, mich vor einem Manne, wie Sie es sind, zu entschuldigen. Ich möchte Ihnen nur die Ueberzeugung zurücklassen, daß ich nicht aus Habsucht gehandelt habe. Jetzt wissen Sie Alles. Ich übergebe Ihren Händen, was ich nie hätte nehmen sollen. Meine Neffen habe ich Ihrer Wohlthätigkeit empfohlen; es bleibt mir also nichts zu wünschen übrig."

Sie machte eine Bewegung, um aufzustehen.

„Erlauben Sie mir noch ein Wort, gnädiges Fräulein", bat Danfeld; dann begann er: „Sie be­finden sich augenblicklich in einem Zustande großer

tur aufgefahrenen Mitrailleusen wurde von Viel und Vicunna der Befehl zugerufen, auf das andringende Volk zu feuern. „Inzwischen glücklicherweise noch früh­zeitig genug waren die Herren Admirale zurückgekehrt, ein energisches „Halt!" wurde den Herren Viel, Vi- cunna ic. zugerufen, und kühn entschlossen sprangen Herr Kapitän-Lieutenant Wenzel und Herr Konsul v. Voigts-Rhetz vor die zwei Oeffnungen der Kanonen­rohre, während die Bedienungsmannschaften schon die Zündschnur ergriffen hatten: so das Verhängniß in seinem Laufe aufhaltend und die Menge vor einem ent­setzlichen Unglück bewahrend."

* Zufolge kaiserlicher Bestimmung kommt denjenigen aus dem Heere oder der Marine zur ostafrikanischen Schutztruppe übergetrrtenen Militär-Personen, die in je einem der Jahre 1889, 1890 und 1891 an einem Gefechte theilgenommen, je ein Dienstjahr zur Anrech­nung. Der Theilnahme an einem Gefechte wird eine fortlaufende Dienstzeit in je einem der 3 Jahre gleich­gestellt.

* Die Politische Stellungnahme der Gewerkschaften. Für die gegenwärtige Gewerkschaftsbewegung charakte­ristisch ist der Umstand, daß ein ganz besonderes Ge­wicht aus Politik gelegt wird. Eine Versammlung des Fachvereins der Tapezierer Berlins vom 14. Sep­tember bekennt sich in einer Resolution zu der Anschauung, „daß eine jede Gewerkschaftsbewegung ohne politische Forderungen nicht im Stande ist, Ersprießliches für das arbeitende Volk zu erringen. Das Proletariat hat die Pflicht, für wirthschaftliche und politische Freiheit zu kämpfen; deshalb ist nur eine Organisation anzu­erkennen, welche sich beides zur Aufgabe macht." In einer öffentlichen Schneider- und Schneiderinneuver­sammlung zu Breslau vom 19. August wurde aus­geführt :^„ Es genügt uns nicht allein die gewerkschaftliche Bewegung. Diese liefert uns nur die Waffen für die politische Bewegung und ist somit nur die Vorschule dazu; darum sei es unsere Aufgabe, uns für die poli­tische Bewegung vorzubereiten." Anläßlich einer außer­ordentlichen Generalversammlung der freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins vom 13. September legte ein Redner den Bauarbeitern unter deren Zustimmung an's Herz, „unter den heutigen Verhältnissen die Lokal­organisation, welche die Verbindung des gewerkschaft­lichen Elements mit der Politik gestatte, während letztere für die Centralisation so gut wie ausgeschlossen sei, beizubehalten und dieselbe zu fördern." In einer Vereinsversammlung der freien Vereinigung der Zim­merer zu Berlin am 14. September erklärte ein Redner, „es sei Pflicht jeder Gewerkschaft, ihre Mitglieder auch politisch aufzuklären; jede Gewerkschaft müffe versumpfen, wenn sie nicht politisch wirken könne". Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß mit der Politik, welche in den Gewerkschaften betrieben werden soll, die s o z i a l- demokratifche gemeint ist. Unter dieser Voraus­setzung versteht man es, warum ein Redner (Pokorny- Wien) auf dem internationalen Arbeiter-Kongresse zu Brüssel erklären konnte: „Wir wissen alle, daß jeder gute Gewerkschaftler ein guter Sozialist und jeder gute Sozialist ein guter Gewerkschaftler ist." Wie stark geistiger Aufregung. Das Bewußtsein des schrecklichen Jrrthums, welchen Sie begangen, hat Ihr Urtheil er­schüttert. Es liegt mir fern, die Aufrichtigkeit Ihres mir eben gemachten Anerbietens anzuzweifeln, aber ein wenig Ueberlegung würde Ihnen zeigen, daß ich es nicht annehmen kann."

„Warum nicht? Ich bin vollständig bereit, die Schande, die ich verdiene, auf mich zu nehmen. Es ist bester, als wenn das Mädchen, das so nahe daran ist, Ihre Frau zu werden, darunter leiden müßte."

Danfeld unterbrach sie: „Die Trennung von Baro­nesse Deling macht meine jetzige Leidenszeit natürlich noch schwerer", sagte er, „Allein in Anbetracht der Ansprüche, welche wir beide bisher an das Leben zu machen gewohnt waren, bin ich dennoch glücklich, daß es ihr erspart geblieben ist, mein Loos zu theilen. Ich werde der Dame, welche einwilligte, meine Lebensge­fährtin zu werden, stets meine Hochschätzung und Dankbarkeit bewahren; allein ich werde auch glück­lich sein, sie in einer sicheren Lebensstellung an der Seite eines würdigeren Mannes, als ich selbst, zu wissen. Diese Angelegenheit ist abgethan. — Was nun das Antreten der genannten Erbschaft betrifft, so verlangen Sie das Unmögliche von mir. Erstens ha Ihr Onkel Sie augenscheinlich zu seiner Erbin ausert sehen gehabt, und zweitens wäre es überhaupt di-