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Sonntag, den 1. November 1891.
18. Jahrgang
Fuldaer
Zeitung
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Allerseelen.
Ihr naht mit Lorbeer und mit Palmen, Entfacht der goldnen Ampel Schein, Thürmt Marmor auf, in goldnen Lettern Grabt ihr den theuren Namen ein.
Ihr naht am Allerseelentage Im ernsten, düsteren Gewand Und senkt der Thränen Perlenkette Hinab zu Kranz und Seidenband.
So streut die Nimmersatten Spenden
Auf's Grab die treue Liebe aus Und schmückt zum blumigen Palaste Des Leibes modervolles Haus.
Wie anders hält im stillen Winkel Die Alte dort ihr Todtenamt! Ein morsches Kreuz entragt dem Hügel Ein ärmlich Kerzlein qualmt und flammt.
Ihr ein'zger Kranz, aus Bein geflochten, Ist in der Hand ein Rosenkranz;
Die Thräne selbst, die zarte, meidet
Des dürren Auges starren Glanz.
Und doch, sie legt die schönsten Gaben
Auf's Grab, ihr wird der höchste Lohn: Denn ihr Gebet wirbt für die Seele Um einen Platz vor Gottes Thron. (Würzb. S.-Bl.)
Gmpor die Herzen!
Empor die Herzen! rufen die Glocken, die das Fest Allerheiligen einläuten. Empor aus den dumpfen Gründen des Irdischen zu den lichten, klaren Höhen des Jenseits, wohin uns die Seligen vorausgegangen sind! Empor vom Schmutz und Jammer zu ewiger Reinheit und ewigem Jubelgesang!
Die fünf Sinne unserer Leiblichkeit zeigen uns die Erbärmlichkeit des Erdenlebens; der heiligste Sinn unseres Geistes, der Glaube, stellt dagegen die herrliche Glückseligkeit in der anderen Welt vor. Aber dennoch schaudern wir vor der Pforte, die hinüber führt in die Gefilde der Wonne. Die Seele gleicht einer liebenden Frau, die den Gedanken einer Trennung von ihrem unwürdigen Mann als den schrecklichsten der Schrecken empfindet, obschon er sie hinabzieht in Unglück und Verderben. Sie klammert sich in krampfhaftem „Erhaltungstrieb" an das Stück organischer Materie, mit dem sie vom Augenblick ihrer Schöpfung an verbunden worden ist. So lange das Bleigewicht des Körpers den Flug des Geistes hemmt, behaupten wir zu leben, und die Befreiung der Seele, den Uebergang zum wahren Leben nennen wir „Tod".
Gott hat aus Weisheit und Güte diesen Trieb der Erhaltung des irdischen Lebens so stark gemacht. Er bewahrt uns vor Selbstmord und labt uns in den Nöthen der irdischen Pilgerfahrt. Wenn alles Andere den Menfchen im Stiche läßt: Besitz, Ehre, Liebe, Kraft und Gesundheit — dann bleibt ihm doch noch eine wehmüthige Freude am Leben selbst, eine Genug- thuung über den erfolgreichen Widerstand gegen den Tod. Und ob Einer hundertmal stöhnt: Ich wollt', ich wäre tobt! — es ist ihm doch nicht ernst, er freut sich über jede Minute, die er zur Verlängerung seiner Schmerzen dem Tode abgewinnen kann.
An die kalte und schmutzige Erde drängt uns der Instinkt. Um so nothwendiger ist es, daß der lebendige Glaube eine Jakobsleiter herstellt, die dem armen Erdenpilger die stete Fühlung mit der bessern Welt sichert. Empor die Herzen, daß sie Trost und Kraft herniederholen! Trost zum Erdulden des Unabänderlichen, Kraft zum fortgesetzten Kampfe gegen Unglück und Schuld, zum steten Streben nach Verbesserung der irdischen Zustände.
Die neueren Zeitläufe haben uns wieder einen recht schrecklichen Einblick in „der Menschheit ganzen Jammer" eröffnet. Gegenüber den acht Seligkeiten, die uns das Evangelium des Allerheiligenfestes verkündet, heben sich entsetzlich ab die Unseligkeiten, welche die Laster der Menschen und die Thorheiten ihrer Einrichtungen begründen. Die Elendesten der Elenden, die man sonst gern übersieht, sind jetzt in den Vordergrund gedrängt worden; die Verkommenheit steht auf der Tagesordnung.
Zum Himmel wandern am Allerheiligenfeste, zum Feg feuer am Allerseelentage unsere Gedanken und Wünsche: Die dritte Stätte im Jenseits ist die Hölle; vor ihren Thoren, die keinen Auslaß kennen, verstummt das Bitten und erstirbt die Hoffnung. Welch' eine grauenhafte Aehnlichkett mit der Hölle des Jen
seits zeigt sich uns auf Erden, wenn wir in den Sumpf des gewerbsmäßigen Lasters und Verbrechens blicken, wo es wimmelt von Menschen, die in die Zunft der Teufel getreten sind und in teuflischer Thätigkeit, verführend, vergiftend, zerstörend, ihr Leben zu verschleißen gedenken!
Von der „sozialdemokratischenGefahr" wird seit Langem laut und viel gesprochen. Ja, es ist eine schlimme Heimsuchung; aber sie ist noch eher mit dem Fegfeuer als mit der Hölle zu vergleichen. Wenn wir von den schlimmen Ausnahmen absehen, die in bewußter Bosheit alles Gute und Schöne ruiniren wollen, so steht die große Masse doch immer noch auf dem Boden der Menschlichkeit. Sie irren und fehlen aus Thorheit oder unter dem Druck, von Leidenschaften; aber sie haben doch etwas Ideal es vor Augen, mag es auch ein falsches Ideal sein, und sie verdienen sich durch redliche Arbeit ihr tägliches Brod. Wo noch ein Rest von gutem Willen und Arbeitskraft ist, da haben Wahrheit und Tugend noch Wurzeln im Boden, und wenn auch Stengel und Blüthen abgerisfen sind, die Wurzel kann noch unter günstigem Wetter doch wieder austreiben. Die Erlösung dieser „armen Seelen" erscheint noch möglich.
Biel schlimmer sieht es aus in der Ecke, wo der wahre Abschaum der Menschheit sich sammelt, wo nichts Edles gedacht oder erstrebt wird, wo mit der Lust und Fähigkeit zur Arbeit der letzte sittliche Halt gerissen ist, wo das ganze Sinnen und Trachten sich um Sünde und Verderben dreht und aus dem Menschen ein Raubthier wird, das vom Blute der Genossen wie ein Tiger, oder vom Aase der Liederlichkeit, wie eine Hyäne, sich sättigt. Auf dem Eingang zu dieser Stätte der Verkommenheit glaubt man zu lesen, was Dante's Phantasie am Höllenthor geschrieben fand: „Laßt alle Hoffnung fahren!"
Und doch unterscheidet sich diese Hölle auf Erden dadurch von der Hölle des Jenseits, daß noch ein kleiner Spalt zur Rückkehr offen bleibt, daß noch ein Wunder der Gnade ein nach menschlichem Ermessen verlorenes Menschenkind retten kann. Dem Geistlichen, der die schwere Aufgabe der Seelsorge in den Zuchthäusern übernommen hat, blüht doch dann und wann die Freude, einen gewerbsmäßigen Verbrecher für Gott und die Gesellschaft wirklich wieder zu gewinnen, nicht bloß in einer Nothbekehrung auf dem Todesbette, die nicht mehr die Probe auf dieser Welt bestehen kann, sondern in einer vollen Umwandlung des Denkens und Wollens bei gesundem Leibe mit nachfolgender Erhärtung durch die That. Und die frommen Frauen, die den am tiefsten gefallenen Geschlechtsgenossen ihre reine Hand reichen und sie an ihr keusches Herz emporzuziehen suchen — auch ihnen wird zwischen zahllosen Mißerfolgen doch mal das Glück zu Theil, aus einer Teufelin mit Gottes Hilfe einen Engel sich entpuppen zu sehen.
Die Diener der Religion arbeiten schon lange und eifrig an diesem schweren Rettungswerke. Aber wie kann ihre heldenhafte Arbeit eine Besserung im Allgemeinen herbeiführen, wenn die gesellschaftlichen Einrichtungen und die staatlichen Vorrichtungen so mangelhaft bleiben, daß Hunderte, ja Tausende hineingleiten in den Sumpf, ehe Einer herausgezogen werden kann. Die Gesellschaft geht mit pharisäischer Hartherzigkeit an dem vorbei, der aus materieller Roth in die Gefahr des Verderbens kommt, und der Staat denkt bei feiner Kraftentfaltung an äußere Bändigung und rächende Strafe, aber nicht genug an sittliche Einwirkung und Befferung.
Wenn wir sagen, mit Zwangs- und Sttafmaß- regeln lasse sich die Krankheit nicht heilen, so tönt von der andern Seite die spöttische Antwort, die Religion könne es auch nicht. Die Religion kann nicht alle Schlechtigkeit überwinden, weil es immer Schwachheit und Bosheit geben wird, so lange die Menschen Menschen sind; die Religion kann auch nicht allein mit ihren innern Mitteln zum erstrebten Ziele kommen; die sozialen und politischen Einrichtungen müssen dem Rettungs- und Bewahrungswerke zu Hülfe kommen. Und vor Allem müsfen die religiösen Kräfte die volle Freiheit der Entfaltung und des Wirkens haben.
Wie steht es dann mit der Freiheit? Das liederliche verbrecherische Gesindel in unseren Städten erfreut sich eines recht behaglichen Daseins unter dem Schutze der freiheitlichen Gesetze. Aber wenn Bußprediger hineinwollen in die modernen Sodomas und Gomorrhas, dann steht da der Schlagbaum des Jesuitengesetzes und die Wache der sonstigen Vorsichtsmaßregeln gegen Or
den, dann wird sorgsam aufgepaßt, daß nicht etwas geschehe, was den „Aufgeklärten" oder den Herren vom evangelischen Bunde unangenehm sein könnte. Freiheit für die Sünder, aber Fesseln für die Missionäre!
Und wie steht's mit den vorbeugenden Maßregeln, mit der Erziebung der Jugend zur Festigkeit in Glauben und Tugend? Kein Wunder, daß über Zunahme des Lasters und der Rohheit geklagt wird und schreckliche Früchte von schlechten Saaten zeugen! Wer im Jahre 1873, als die kulturkämpferische Kirchen- und Schulpolitik in ihrer ganzen Herrlichkeit sich entfaltete, in die Schule kam, ist jetzt 25 Jahre alt. Welch' ein riesiger Theil dieser Jugend ist des religiösen Sinnes verlustig gegangen? Von den Gefährdeten sind diejenigen, welche eine bessere soziale und wirthschaftliche Stellung fanden oder errangen, freilich zumeist vor dem Versinken in Ehrlosigkeit und Verbrechen bewahrt geblieben, weil sie die Mittel hatten, auch ohne Konflikt mit dem „Anstand" und der Polizei ihre Gelüste zu befriedigen. Von den Mittellosen, deren Glauben erschüttert war, sind die edleren Naturen Rekruten der Sozialdemokratie geworden; aber wo die ideale Gemüthsrichtung fehlt oder wo die Versuchung zu schlimm wurde, da gab es reichlichen Nachwuchs für die Armee der Verkommenen, Füllmaterial für den bodenlosen sittlichen Sumpf.
Pfleget und schützet die Jugend! Das ist der richtige Punkt in der Liste der Rettungsmittel. Religiöse Erziehung in der Schule, sittliche Ueber- wachung und religiöse Anleitung auch während der Entwickelungsjahre und von Seiten des Staates Abwehr der Verführung aus dem Kreise der wenig widerstandsfähigen Jugend.
Wir werden niemals einen wirklichen Himmel auf Erdeu haben; weder die materiellen Wünsche der unzufriedenen Klaffen, noch die idealen Wünsche der Arbeiter im Weinberge des Guten und Schönen werden sich verwirklichen. Die Sonne selbst, von der das ganze irdische Leben abhängt, hat, und behält ihre Flecken, auf der Erde wird es immer Schmutz, Niedertracht und Verderben geben. Aber so viel von Schande und Verbrechen und von so widerlicher, entsetzlicher Art braucht es nicht zu geben, wenn alle Menschen, die den nöthigen Verstand und guten Willen dazu haben, sich zu einem entschlossenen, gemeinsamen Vorgehen entschließen und die Nebendinge, um die man so viel Schweiß und Hirnschmalz zu verschweuden pflegt, mal vorläufig bei Seite stellen wollte, bis der große Augiasstall der sittlichen Verkommenheit auf ein kleineres Maß und auf einen milderen Duft zurückgeführt ist.
Wird es geschehen? Wird es reiner und besser werden auf Erden, oder wird die vielgepriesene „Kultur" eine fortschreitende Versumpfung des irdischen Jammerthals bedeuten? — Wohl dem, der die Erde hinter sich hat, und in den Höhen aller Heiligen wandelt!
Deutsches Keich.
Berlin. 30. Oktober.
* Das Handschreiben des Kaisers über die durch den Prozeß Heinze zu Tage getretenen Uebelstände findet auch im Auslande fast überall Zusttmmung. So sagt die streng demokratische italienische,Tribuna', „abgesehen vom konstitutionellen und liberalen Gesichtspunkte sei der Erlaß im ,Reichsanzeiger' der Ausbruch eines heiligen Zornes, welcher dem deutschen Kaiser die Zuneigung aller Bewunderer des Guten und Edlen verschaffen muß." Viele römische Blätter sagen, daß auch in Italien, insbesondere in Rom, energische Maßregeln gegen die Zuhälter nothwendig seien.
* Der Kundesrath hat in seiner letzten Sitzung die Petttionen von Pferdebahn-Gesellschaften wegen Ausdehnung des strafrechtlichen Schutzes auf den Pferdebahn - Betrieb dem Reichskanzler Überwiesen und der Eisenbahn-Gesellschaft für Deutsch-Oftaftika (Usambara- Linie) die Rechte der juristischen Person ertheilt.
* Prälat Dr. v. Stablewski, Propst in Wrefchen, wird Erzbischof von Posen. Diese Meldung geht der ,Köln. Vztg.' von unbedingt zuverlässiger Seite zu.
* Dr. Peters wurde einem Privatbriefe zufolge Anfangs September von Eingeborenen überfallen, hat den Angriff aber siegreich abgeschlagen.
* In dem Halbjahre vom 1. April bis Ende September d. I. gelangten an Zöllen und gemeinschaftlichen Berbrauchssteueril im Reiche zur Anschreibung 255 892 000 Mark (715000 Mk. weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs). Die Zölle allein erbrachten