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249 Donnerstag, den 29. Oktober 1891. 18. Jahrgang

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* Das badische Gentrum.

Die naive Hoffnung der Liberalen, es könnte in nächster Zeit schon im badischen Centrum zum Krachen kommen, da sich der „Löwe von Zähringen" der Parteidisziplin wohl nicht fügen werde, war für die Hoffnungsfreudigen von kurzer Dauer; nicht ein Stroh­halm ist ihnen geblieben, an den sie sich klammern könnten. Der Abg. Wacker überrascht seine Gegner mit der bestimmten Erklärung, daß es in Betreff der künftigen Centrumsleitung „beim Alten" bleiben werde, und er am allerwenigsten daran denke, an derselben eine Aenderung zu begehren. Es werden demnach die zwei bisherigen Vorstände deS Centrums in Amt und Würden verbleiben, was nur zu loben ist; aber eine noch größere Verblüffung hat der „Löwe" seinen libe­ralen Feinden bereitet, indem er es für angemessen er­achtete, sich auch über die zukünftigen Ziele und Be­strebungen des badischen Centrums offen und mit aller wünschenswerthen Freimüthigkeit auszusprechen. Und in der That! — seine Worte haben in der liberalen Partei gewaltig eingeschlagen, und wie auf Kommando -fällt auch diesesmal wieder die ganze „nationale" Presse über den „Löwen" her. . Es ist gut, daß Pfarrer Wacker weder nach „Nadelstichen" noch nach „groben Stößen" etwas fragt, sondern daß er schlicht und geradeaus seinen Pfad wandelt, fo daß die Libe­ralen ihre Zornesergüsse also hätten sparen können. Was geht es den Liberalismus an, wenn Wacker in der Ordensfrage erklärt, daß sich das Centrum nicht mit einer armseligen kleinen Abschlagszahlung — etwa mit der Gewährung einer Kapuziner- und Franzis- kanerniederlaffung in Haßlach oder in Walldürn — abfinden lassen werde, sondern daß es die Lösung der Ordensfrage überhaupt verlangen und betreiben werde? Hat das Centrum nicht die Ordnung der Kloster­frage immer und allzeit nach ihrem ganzen Umfange in Sinn und Geist der Kirche verlangt — selbst die Jesuiten nicht ausgeschlossen? Wo hat es von einer ungenügenden Abfindung gesprochen? Wenn daher das Zentrum die Lösung der Ordensfrage im Allgemeinen verlangt, so handelt es nur nach den Erwartungen des katholischen Volkes, das ein Anrecht hat auf die ganze freie katholische Religionsübung — auch im Ordens­stande. Der „Vormarsch auf der ganzen Linie", den die liberale Presse so übel deutet und so unwirsch auf­nimmt, ist etwas durchaus Selbstverständliches, und es handelt sich dabei absolut nicht um ein „rechtzeitiges Verhindern einer Abzweigung versöhnlicherer Elemente im Centrum" zur Bildung einer „gemäßigten Fraktion" im Landtag, die ihren Einfluß auf das flache Land hinaustragen soll, wie die liberale Presse oberflächlich genug voraussetzt. Daß doch die Liberalen an die voll­ständige Einigkeit in unserm Centrum nicht glauben wollen! — Es ist nichts als eitle Thorheit, wenn die Liberalen ausstreuen, daß es im Centrum immer noch Männer genug gebe, welche der „sortgesetzten konfessio­nellen Verhetzung und Aufrüttelung" gänzlich abgeneigt seien. Die Abgeordneten des Centrums — das mögen

a Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

<27. Fortsetzung.)

Er schürte, vielleicht um in dem zunehmenden Halb­dunkel ihre Züge besser erkennen zu können, das Feuer zu hellerem Aufflackern an, dann fuhr er fort:

„Ich glaube von Ihnen behaupten zu dürfen, daß Sie einen hohen Grad von moralischem Muth besitzen, obwohl Ihnen in gewissen Fällen auch ein Gefühl von Angst nicht ganz fremd sein wird."

„Sie haben," fuhr er, feine durchdringenden Augen fest auf sie heftend, fort, „die Fähigkeit zu genießen und zugleich einen stark ausgeprägten Oppositionsgeist in sich. Ich könnte Ihnen noch mehr sagen, aber ich will es damit genug sein lassen. War das Ihnen Mit- getheilte richtig?"

Elisabeth zuckte lachend die Achseln: „Wer kennt sich selbst?" sagte sie.

„Sie haben Recht, aber nur Wenige geben ihre Unwissenheit darin zu. Die Unterhaltung über das eigene Selbst ist ein Köder, auf welchen gemeiniglich alle Frauen anbeißen."

„Und alle Männer," fiel Elisabeth ein; „ich glaube, wir "haben uns darin nichts vorzuwerfen."

„Nein, das gebe ich zu. Die eigene Persönlichkeit bleibt immer ein höchst interessantes Thema." Und als

sich die Liberalen ein für alle Mal gesagt sein lassen! — sind auf Grund eines objektiven und gerechten Pro­gramms gewählt, und was sie bündig versprochen haben, das werden sie auch treu und ehrlich halten. Die Warnung der Konservativen und der Demokraten vor den Zielen des Centrums ist sehr überflüssig; das Centrum handelt offen und ohne Hintergedanken und braucht nichts zu verschweigen und zu vertuschen. Am allerwenigsten aber werden die wahren Konservativen auf den liberalen Köder zur Erregung der Eifersucht anbeißen, und dem Freisinn wird es nicht unbekannt sein, wem er eigentlich sein siegreiches Vordringen bei den letzten Wahlen zu danken hat. Und in Zukunft wird es für ihn kaum anders sein.

Deutsches Keich.

Berlin, 27. Oktober.

* Der König von Rumänien wurde bei seiner heute Vormittag in Potsdam erfolgten Ankunft von S. M. dem Kaiser auf das Herzlichste bewillkommt. Beide Monarchen umarmten und küßten sich wiederholt. Potsdam war festlich geschmückt; großartig war nament­lich der Bahnhof dekorirt. Der Kaiser fuhr unter dem Donner der Geschütze mit seinem Gaste zunächst nach dem Stadtschlosse, wo König Karl während seines Potsdamer Aufenthalts Wohnung nimmt. Nach etwa einer halben Stunde fuhren beide Majestäten von hier nach dem Neuen Palais. Mit dem König von Ru­mänien ist auch der Fürst von Hohenzollern aus Sig­maringen eingetroffen. S. M. der Kaiser traf um 3 Uhr in Berlin ein, um an dem militärischen Diner im Kaiserhof theilzunehmen. — Die ,Nordd. Allg. Z.' widmet dem König von Rumänien in offiziellen Lettern einen Begrüßungsartikel, in dem es heißt: Das deutsche Volk wünscht und hofft, daß König Karl von seiner Reise nach Deutschland die Gewißheit mit nach Ru­mänien nehmen möge, daß Er und sein Volk im Herzen Europas Freunde haben, deren selbstlose Wünsche für das Wohl des aus der freien Wahl der rumäni­schen Nation hervorgegangenen Herrscherhauses und für das Glück und Gedeihen des rumänischen Volkes aufrichtig und treu sind und deren Sympathien für die Schicksale Rumäniens sich — wie es in der Ver­gangenheit geschehen ist — so in Zukunft sicherlich stets bewähren werden.

* Der .Reichsanzeiger' publizirt einen kaiserlichen Erlaß an das Staatsministerium, worin die Aufmerk­samkeit des Staatsministeriums auf die beklagenswerthen Erscheinungen aus dem Prozeß gegen die Eheleute Heinze gelenkt und behufs energischer Bekämpfung des Zuhälterunwesens auf die bestehenden Gesetze hinge­wiesen wird. Ein sehr thatkräftiges Vorgehen würde die kaiserliche Anerkennung und den kaiserlichen Schutz finden. Das Gericht dürfe sich bei seinem Urtheil nicht von falscher Humanität leiten lassen und solle bei ernsten Fällen auf das höchste Strafmaß erkennen. Es seien ferner Maßregeln zu erwägen, wodurch die Ver- theidiger verhindert würden, dem Unrecht durch frivole Mittel zum Siege zu verhelfen.

sie nichts entgegnete, suhr er mit zunehmender Ver­traulichkeit fort: „Wie ist es nur möglich, daß ein Mädchen von Ihren Anlagen ein Leben aushält, wie es sich ihr hier bietet? Sich mit ungezogenen Kindern herumquälen, das Haus hüten, während sich die Andern amüsiren, im ewigen Einerlei die beste Zeit des Lebens verlieren — mir scheint, Sie sind für etwas Anderes geschaffen!"

„Ich bin auch weit entfernt, mir Gravenhof zum ständigen Aufenthalt zu wählen," erwiderte Elisabeth, welche das Mißverständniß heraus zu fühlen begann.

„Ah so, wie vertragen Sie sich denn mit Frau Ormann? Langweilt sie Sie nicht mit ihren Jungen? Sie ist eine ganz nette kleine Frau, aber ich hätte nie gedacht, daß sie sich gerade eine junge Dame Ihrer Art auswählen würde."

„Und warum nicht?"

Er schluckte die Antwort hinunter, welche ihm auf den Lippen schwebte, und sagte nur: „Sie scheinen mir so wenig zu ihr zu passen."

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und die eben Besprochene trat herein.

Graf Bannstein erkannte in der Art, wie sich beide Damen begrüßten, sogleich seinen Jrrthum, aber er schwieg. Erst als Elisabeth das Zimmer verließ, um sich nach Baronesse Deling umzusehen, sagte er, ihr nachblickend:

* Im Reichsgesundheitsamt ist heute eine Konfe" renz zur Erörterung über einen Gesetzentwurf betr. den Verkehr mit Giften zusammengetreten.

* Von dem ältesten Offizier der westafrikanischen Station, Korvettcn-Kapitain v. Dresky, ging heute folgende, am 21. Oktober von Kamerun abgesandte und in Lagos aufgegebene telegraphische Meldung ein: „Abo-Leute bestraft. Miang durch „Habicht", „Hyäne", Gravenreuth erstürmt. — „Habicht" verwundet: Ma­trose Spieß, schwer; Matrosen Baumann, Rudolf, Krause, Born, Grebe, leicht. — „Hyäne" : Bootsmanns­mat Lack schwer, Matrose Dewald leicht. Verwundeten gehts gut."

* Am gestrigen Geburtstag Moltke's fand in der Gruft in Creifau eine Gedächtnißfeier statt; S. M. der Kaiser ließ durch seinen Flügeladjutanten Major v. Moltke einen prachtvollen Kranz am Grabe niederlegen.

Ausland.

* Wien, 27. Okt. Es wird bestätigt, daß auf Wunfch des Kaisers drei nichtpolitische ungarische Bischöfe ernannt werden sollen: zum Erzbischof und Primas von Gran Erzabt Vaszary von Martinsberg, zum Erzbischof von Kalocsa der Zipser Bischof Csaszka und zum Erzbischof von Agram der Agramer Domherr Vucetics.

* Wegen der Pilgerskandale richtete der Papst, wie aus Rom gemeldet wird, eine diplomatische Note an alle beim Vatikan vertretenen Mächte, in welcher auf die Gefahr hingewiesen wird, die daraus entspringe, daß Rom der Sitz zweier Mächte sei, und daß die Unterdrückung der Pilgerfahrten dem Papste den freien Verkehr benehme.

* Schon wieder meldet der Telegraph ein schreck­liches Eisenbahnunglück und zwar diesmal aus Frankreich: „Bei Grenoble entgleiste gestern Abend ein Personenzug, bei welchem 8 Wagen zertrümmert wurden. Man zählte 15 Todte und 40 Verletzte, von denen bereits mehrere gestorben sind. Unter den Trüm­mern wurden 50 Unverletzte hervorgezogen." So die erste Nachricht. Es ist leicht anzunehmen, daß die Zahl der Todten eine noch größere sein wird.

* Eine Deputation der Offiziere der Garde m Kopenhagen überreichte, von ihrem Regiments-Chef ge­führt, dem Zarenpaar anläßlich. deren bevorstehenden silbernen Hochzeit eine aus einem Oelgemälde bestehende Hochzeitsgabe, das die Landung der Zarenfamilie in Kopenhagen darstellt.

* London, 26. Okt. Die Maschinenbauer kündigten ihren Arbeitgebern zu Ende der Woche, weil die Arbeitgeber die Forderungen der Arbeiter nicht be­willigen wollen. Man schätzt die Zahl der beschäf­tigungslos werdenden Arbeiter auf 30,000.

* In Argentinien gährts immer noch. So sind m Cordoba und Tecurnan anläßlich der Wahlen Unruhen ausgebrochen. Die Polizei hat auf die Menge gefeuert, wodurch viele Personen getobtet und verwundet worden sind.

„Das ist also Fräulein von Argast?'

„Ja, entspricht sie nicht Ihren Erwartungen?

„Erwartungen? Ich hatte gar nichts erwartet; aber sie entspricht gar nicht Ihrer Beschreibung!"

„Habe ich zu viel gesagt?"

„Ja, aber in der verkehrten Richtung!

"Wie so?" . m r .. .

„Nun, Sie haben mich auf eine naive Penstonarm vorbereitet, die jedes Kompliment, wie dick aufgetragen es auch sei, mit einem vergnügten Grinsen hinunter- schlucken würde, und nun finde ich eine gewandte Dame mit, wenn mich nicht Alles trügt, sehr hervorragenden, geistigen Fähigkeiten. In gewissem Sinn, meine reizende Wirthin, ist sie ja älter als Sie selbst."

„Schmeichler!"

Das Hereinkommen der übrigen Gesellschaft schnitt eine Vertheidigung seinerseits ab.

16. Konkurrenz.

Graf Bannstein hatte Elisabeth an diesem und den folgenden Tagen zu Tisch zu führen, und er versäumte es nicht, ihr auch außer den Mahlzeiten die größte Aufmerksamkeit zu erzeigen; sie sand ihn unterhaltend, denn er war eine neue Spezies für sie; weit verschieden von den höflichen, glatten Italienern und den formge­wandten Franzosen, welche sie auf ihren Reisen kennen gelernt hatte. Graf Bannstein war von geradezu ver­blüffender Offenherzigkeit, aber er verleugnete doch nie