Mittwoch, den 28. Oktober 1881.
18. Jahrgang
Fuldaer W Zeitung
Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(26. Fortsetzung.)
„Die Knaben sind also Frau Ormann's Kinder?" „Ja, haben Sie dieselben noch nie gesehen?" „Nie," erwiderte er bestimmt, und dann, nach einer augenblicklichen Pause: „Aber ich weiß jetzt, wo ich Sie zum ersten Male gesehen habe, gnädiges Fräulein. Waren Sie nicht die junge Dame, der ich vor zwei Jahren das Vergnügen hatte beizustehen, als einer Ihrer kleinen Pflegebefohlenen in Gefahr gerieth, von einer Droschke überfahren zu werden?"
„Das waren Sie?" rief Elisabeth mit so ungeheucheltem Erstaunen, daß er nicht länger an ihrer Ueberraschung zweifeln konnte. Dann fügte sie, wie zur Entschuldigung ihrer scheinbaren Undankbarkeit hinzu:
„Major Ormann hat mir öfters erzählt, daß er mit "zu den Zeugen des damaligen Ereignisses gehörte, aber er hat mir nie verrathen, daß ihn. der Name unseres Retters bekannt sei. Lassen Sie mich demselben heute noch einmal meinen Dank aussprechen," fuhr sie, ihm schüchtern die Hand reichend, fort: „Die Auflegung des Augenblicks möge entschuldigen, daß sich mir die Physiognomie des Wohlthäters nicht besser eingeprägt hat."
Deutsches Keich.
Berlin, 26. Oktober.
* Der Kaiser und die Kaiserin empfingen gestern Mittag den Herzog Albrecht von Württemberg, welcher den erfolgten Thronwechsel offiziell anzeigte.
* Der König von Rumänien trifft morgen Vormittag 10 V2 Uhr von Neuwied zu einem dreitägigen Besuch des kaiserl. Hofes in Potsdam ein. Ihm zu Ehren findet ein besonders festlicher Empfang statt, dem auch die König!. Prinzen wie die z. Zt. in Berlin und Potsdam anwesenden Prinzen aus souveränen Häusern beiwohnen werden.
* Major v. Wißmann hat, der .Nationalzeitung' zufolge, infolge von Meinungsverschiedenheiten mit dem kaiserl. Gouverneur von Deutsch - Ostafrika, Freiherrn v. Soden, seine Entlassung aus dem Kolonialdienste nachgesucht.
* Der deutsche Gesandte in Japan v. Holleben ist zum Nachfolger des verstorbenen Grafen Arco als Gesandter bei der amerikanischen Regierung designirt.
* Vom sozialdemokratischen Kriegsschauplätze. Einen „ehrlosen und schurkenhaften Denunzianten" nennt der Redakteur der .Volkstribüne' den zweiten Sekretär des Partei-Vorstandes, Fischer, weil Letzterer auf dem Parteitage in Erfurt zu behaupten versucht habe, j>er .Volkstribüne' wären Nummern der Londoner anarchistischen .Autonomie' beigelegt worden. Fischer wird diese Beschuldigung kaum auf sich sitzen lassen, und so charf man weiteren gereizten Erörterungen entgegensehen. Vielleicht erfolgen diese schon in der ausgeschriebenen „großen öffentlichen Volksversammlung", in welcher die Delegirten vom Erfurter Parteitage Bericht erstatten sollen. Da die Versammlung im 6. Wahlkreise, dem Hauptsitz der Jungen, stattfinden und sich an die Berichterstattung eine „Diskussion" schließen soll, so werden wohl die Geister wieder heftig aufeinanderplatzen. In der,Volkstribüne' und im .Vorwärts' erläßt Werner eine Erklärung, in welcher er seinen Austritt aus der Drucker-Firma Maurer, Werner & Co. anzeigt. Im Verlage dieser Firma erscheint bekanntlich die .Volkstribüne'. Nach seinem Austritt aus der Partei hält es Werner für gut, auch aus dieser Firma auszuscheiden, um „nicht Andere mit leiden zu lassen". Auch die Magdeburger Versammlung zeichnete sich durch die schlimmsten Verdächtigungen und Schmähungen aus. Diese gegenseitige Behandlung gibt einen Vorgeschmack von dem allgemeinen Durcheinander, welches nach einem Sieg der Sozialdemokratie an der Tagesordnung sein würde. Am vernünftigsten benahm sich in Magdeburg noch die Frau des Dr. Lux, welche dem Parteitage in rother Toilette beiwohnte. Sie rief nämlich den sich zankenden Männern zu, sie sollten sich schämen, solche Faseleien vorzubringen. Wenn man den ganzen Verlauf des Erfurter Parteitages als eine Probe auf die Aufhebung des Sozialisten-Gesetzes an- sehen will, so ist diese Probe vortrefflich gelungen. Die freie Aussprache der „Genossen" zeigt zahllose Vorkämpfer des Proletariats" in einer abschreckenden
und den Muth in sich selbst gefunden, einem alles beherrschenden Einflüsse sich zu entziehen, als derselbe nur zum schwersten Schaden der Krone und des Landes hätte ertragen oder gar noch ausgedehnt werden können. Dr. Lieber betont dann die landesväterliche Gesinnung und das Gerechtigkeitsgefühl des Kaisers gegenüber seinen katholischen Unterthanen: Dankbarkeit gebiert Liebe. Er hob dann die Treue und den Gehorsam der Katholiken gegen die Krone und deren Liebe zum Vaterlande hervor. Das Aussprechen dieser Gefühle wecke besonders lebhaftes Echo in der Westmark des Reiches. Die Katholiken halten fest am Reiche, am Kaiser und auch am Dreibunde; sie erwarten von Frankreich zu allerletzt etwas für den Papst, wenn auch der Wolf von jenseits der Vogesen in katholischer Kutte kommen sollte. (Brausender Beifall.) — Die bisherigen Nachrichten übe; die Höhe der Einnahmen aus den Opferstöcken im Dom während der Wallfahrt des hl. Rockes sind, laut der ,Tr. Ldsztg.' aus der Lust gegriffen. Die Zählung ist noch gar nicht vollendet.
* Der Thronwechsel in Württemberg hat auch die Stellung der Agnaten beeinflußt. Der österreichische Feldzeugmeister Herzog Wilhelm von Württemberg, der mit seinem Sohne das nächste Anrecht auf den Thron besitzt, hat seine militärische Stellung in Oesterreich aufgegeben und begibt sich zu dauerndem Aufenthalt nach Württemberg. Von gewisser Seite wurde die Nachricht in die Welt gesetzt, daß der Herzog, der ein gläubiger Katholik ist und deshalb manchem Pro- testantenvereinler nicht zu Gesichte steht, auf sein Erbrecht verzichten wolle. Allein das ist durchaus nicht der Fall, wie die Uebersiedelung des Herzogs in sein Heimathland beweist.
* Karlsruhe, 25. Okt. Das Central-Komitee der Centrumspartei dankt in den katholischen Blättern all' Denen, welche theils durch Uebernahme einer Kandidatur oder durch Betheiligung an der Agitation oder durch Wort und Schrift zu dem großen Wahlsiege beigetragen, und insbesondere „den vielen Tausenden, die wie eine wohldisziplinirte Kriegerschaar, von Pflichtgefühl und Begeisterung durchdrungen, in Reih' und Glied sich stellten, um ebenso entschlossen wie erfolgreich den Schlachtruf zu erheben: Wir lassen Keinen durch!" „Was in redlicher, von Gott gesegneter Arbeit errungen," und dann als Ziel der Zukunft bargelegt, „das wollen wir treu bewahren und entschlossen vollenden. Es wird neue Wahlkämpfe geben, in denen es gilt, das Errungene festzuhalten und das Fehlende zu ergänzen. Die Wahlkämpfe von 1889, 1890 und 1891 haben uns die Bahn gewiesen, die zum endgiltigen Siege führt. Wir werden sie nicht wieder verlafsen. Einigkeit und Energie", wird mit besonderem Nachdruck hervorgehoben, „muß und wird unsere Parole sein. Einigkeit thut mehr als je uns noth: Ewigkeit in der ganzen Partei! — Einigkeit in der Presse ! — Einigkeit in der parlamentarischen Fraktion! — Einigkeit in der Partei-Leitung!" Zum Schluffe wird darauf hingewiesen, wie gerade der rückhaltlose Anschluß an das Programm des Centrums im deutschen Reichstage der Welt noch nicht genug abgestorben zu sein, um aus der Wohlthätigkeit einen eigentlichen Beruf machen zu können. Es ist leicht, Geld, aber es ist sehr schwer, sich selbst hinzugeben."
„Ich bewundere diese richtige Erkenntniß bei Ihrer Jugend ..."
„Ich bin nicht jung," fiel ihm Elisabeth ernst m's Wort. „Ich bin viel, viel älter als Ihre Braut."
„Ein, zwei Jahre vielleicht?" entgegnete Dalifeld in einem Tone, welcher sie reizte.
„Die Jahre, welche ich meine, sind nicht mit dem gewöhnlichen Maßstab zu messen," warf sie ein. „Selbst Sie müssen es schon erfahren haben, daß es Jahre gibt, welche länger scheinen, oder vielmehr, welche schwerer wiegen, als andere."
„Selbst ich? So halten Sie mich also für einen ganz besonderen Realisten?"
„Ich habe überhaupt keine Berechtigung, Sie für etwas Bestimmtes zu halten, denn ich kenne Sie nicht," entschuldigte sie sich; „aber ich vermuthe, daß Sie mehr die praktische Seite der Dinge im Auge haben."
„Mag sein," erwiderte er; „man steht sich bester dabei, wenn man es tarnt"
Die Kinder, welche bis dahin vorausgelaufen waren, erwarteten die Nachkommenden an der Stelle, wo der schmale Fußweg in den Park abbog, und so verabschiedete man sich mit einem freundlichen: Auf Wiedersehen!
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Gestalt. Wenn es schon jetzt, wo man noch auf dem Marsche „nach dem gelobten Lande des Sozialismus" begriffen ist, zu solchen wüsten Auftritten kommt, wie foll es dann erst werden, wenn die „neue Gesellschaft" eingerichtet werden soll? Als Kuriosum sei noch erwähnt, daß die ,Hamb. Nachr.' die Erfurter Streitigkeiten als eine „abgekartete Komödie" bezeichnen. Sie brauchen diese Auffassung, um nach wie vor für das Sozialisten - Gesetz eintreten zu können. Ein solches fehlte nur, um sofort die Geschlossenheit und Einigkeit innerhalb der Sozialdemokratie wieder herzustellen.
* Bocholt, 26. Oktbr. Heute Vormittag 11 Uhr begann im Arbeiterinnen-Hospiz hierselbst die General- Versammlung des Verbandes katholischer Industrieller und Arbeiterfreunde Arbeiterwohl. Ueber hundert Theilnehmer sind anwesend. Vorsitzender Fabrikbesitzer Franz Brandts (M.-Gladbach), betont in seiner Eröffnungs-Ansprache und in seinem Rückblick das Zustandekommen des neuen Arbeiterschutzgesetzes und die päpstliche Enciclica de conditione opificium Über die Lage der Arbeiter. General - Sekretär Abg. Hitze erstattet den Geschäftsbericht. Der Kassirer Fabrikbesitzer Commes (M.-Gladbach) legt die Jahresrechnung vor, wonach für 1891 ein Bestand von 8664 M. verblieb. Landrath Brandts (Düsseldorf) verbreitet sich in längerem Vortrag über die katholische Charitas und begründet die Nothwendigkeit statistischer Veröffentlichungen über die charitaüven Einrichtungen. (K.Vztg.)
* Zum Bochumer Prozeß schreibt die .Westfälische Volkszeitung' gegenüber einem Artikel der .Köln. Zeitung', sie sehne den Tag herbei, wo sie in der Lage sein werde, alles, was sie über Schienenflicken, Stempelfälschungen und Zollhinterziehung gesagt habe, vor Gericht zu beweisen. Fortgesetzte Herausforderungen zwängen sie, das immer wieder zu betonen, obwohl sie im Interesse der deutschen Industrie bis zur gerichtlichen Entscheidung die Sache lieber auf sich beruhen lasten möchte. — Nach einer neueren Meldung der ,Köl. Vztg.' ist der Revisionstermin des großen Bochumer Steuerprozestes auf den 27. November vor dem Reichsgericht zu Leipzig angesetzt.
♦ Bochum, 26. Okt. In einer gestern stattgehabten Bergarbeiter-Versammlung zu Hamm (in Westfalen) erklärte Bergmann Schröder, die jetzige Sage der Bergleute fei schlimmer als vor dem Streik 1889. Die Bewegung schreite nicht fort.
* Trier, 26. Okt. Der großen Wähler-Verfamm- lung der Centrumspartei folgte eine sehr zahlreich besuchte Fest-Versammlung. Abg. ®r. Sieber brachte einen Trinkspruch aus auf Papst und Kaiser. Redner wies hin auf die Erhabenheit des päpstlichen Amtes und die persönlichen Tugenden Seo's XIII. gegenüber den neuesten römischen Skandalen und betonte die Nothwendigkeit der territorialen Sonverainetät des hl. Vaters. Diese Forderung sei kein Angriff auf den Dreibund, den auch wir Katholiken als Sicherung des Friedens und unseres Vaterlandes ansehen. Redner feiert dann das Königthum von Gottes Gnaden und die Perfon unseres jungen Monarchen, der die Einsicht
Danfeld erwiderte lächelnd ihren Händedruck, dann sagte er: „Entschuldigen Sie, 2e?.N ich Sie an einen so unangenehmen Moment Ihres Sebens erinnert habe." Er hätte gern noch eine Frage hinzugefügt, um sich über den eigenthümlichen Eindruck aufzuklären, welchen feine Erscheinung auf die junge Dame hervorgerufen, aber er schwieg.
„Wie sonderbar sich doch Manches fügt!" sagte seine Begleiterin nach einer Weile, während sie Beide vorwärts gegangen waren.
„Wie so?" fragte er. „Haben Sie eine abergläubische Vermuthung, welche mit dem Falle zusammenhängt ?"
„Nein, ich bin nicht abergläubisch, aber es ist doch sonderbar, daß ein Zufall mich gerade an dem Tage mit Ihnen zusammenführte, wo . . ." Sie stockte und fügte bann, wie zu sich selbst rebenb, hinzu: „Unb jetzt stehe ich auf beinahe verwandtschaftlichem Fuße mit Major Ormann und — und spreche mit Ihnen."
Eine Weile gingen Beide, in Gedanken verloren, nebeneinander her, da hob Danfeld von Neuem an: „Ist es wahr, daß Sie, wie mir meine Braut erzählt, Ihr Leben fortan ganz wohlthättgen Zwecken widmen wollen?"
Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort, bann entgegnete sie bescheiben: „Es ist allerbings mein Wunsch, den Bedürftigen zu helfen, aber ich fürchte,