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,/V 246 Domttag, den 25. Ottober 1891. 18. Jahrgang

Fuldlicr W Zeitung

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Hierzu eine Beilage. "AWE

♦ Der Brüsseler Kongreß und die Gewerk- schastsbervegung.

Die österreichische „Monatsschrift für christliche Sozialreform" bringt in Heft 9 d. I. einen sehr be- achtenswerthen Bericht über den diesjährigen inter­nationalen Arbeiterkongreß aus der Feder des Spezial­berichterstatters, den die Monatsschrift im Vereine mit dem Wiener .Vaterland' zu dem Kongresse entsandt hatten. Es ist nicht zufällig, daß der Berichterstatter r>on dem internationalen Arbeiterkongresse statt Sozialistenkongresse spricht. Er sieht nämlich die Hauptbedeutung des diesjährigen Kongresses darin, daß unter dem Einflüsse der mitbetheiligten englischen Trades Unions oder Gewerkschaften der Kongreß trotz mancher revolutionären Aeußerungen Einzelner und im Einzelnen doch in seinen Berathungen und Beschlüssen sich merklich einem ruhigeren und gesetzmäßigen Stand- Punkt genähert habe. Nicht nur wurden die Anarchisten ausgeschlossen, nicht nur waren die noch im Jahre 1889 zu Paris getrennt tagenden Marxisten undPossi- bilisten vereint, sondern es wurde auch den alten Trades Unions, welche im allgemeinen gemäßigter sind als die gemäßigtesten französischen Possibilisten, in allem Rechnung getragen. So begründete Jean Bolders, der Chefredakteur des Brüsfeler ,Peuple', gleich im An­fänge des Kongresses die Ausschließung der Anarchisten in folgender Weise: „Die Anarchisten sind keine Sozia­listen, und nur jene verdienen den Namen Sozialisten, welche zwei Dinge bekennen: Die Organisation -er Arbeiterschaft und das Eingreifen des Staates zum Schutze des Rechtes der Ar­beit." Mit dieser Erklärung waren die Anhänger der gewaltsamen Revolution ausgeschlossen und den Ver­tretern der Trades Unions die Betheiligung ermöglicht.

Noch entschiedener näherte sich der Kongreß in der entscheidenden Sitzung vom 20. August, wo über die Koalition der Arbeiter verhandelt wurde, dem gesetz­mäßigen Standpunkte, indem der französische Delegirte Groussier die Berufsgenossenschaft als unerschütterliche Grundlage der Berathung mit den Worten hinstellte: „Die Gewerkschaft ist nicht nur ein Mittel zum Kampfe gegen das Kapital, sondern die Grundlage der zukünftigen Gesell­schaft." Ueber diese Erklärung bemerkt der Bericht­erstatter der Monatsschrift':

Die feierliche Erklärung, gegen welche sich kein Widerspruch und kein Antrag auf Abänderung erhob, sondern die einstimmig unter Beifallskundgebungen gutgeheißen wurde, scheint mir eines der wichtigsten Ereignisse des Brüsseler Kongresses zu sein. Sie kennzeichnet die Entwickelung des internationalen Sozialismus. Tie rothe Internationale verläßt den unbestimmten und aus- schließlich kritischen Marxismus, um sich muthig dem Genossen- sckiaftsprinzipe zu nähern. Die Sozialdemokratie hat sich immer geschmeichelt, daß sie die Welt für ihre Ideen der wirthschaft- lichen Entwickelung gewinnen werde. Diesem Ehrgeize hat sie nun entsagt — sie selbst wird fortgerissen von der genossen- fchastlichen Strömung: diesem wesentlich christlichen und einzig menschlichen Prinzipe. Es ist dies ein unerhoffter Erfolg der Ideen und Grundsätze, welche die katholischen Sozialreformer

A Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(24. Fortsetzung.)

14. Die Erbtante.

Major Ormann saß mit seiner Frau an dem ele­gant gedeckten Frühstückstische.

„Deine Briefe scheinen heute ausnehmend interessant zu sein," sagte er, ihr seine Tasse zum Einschenken hin­schiebend, während er sich selbst der eben eingetroffenen Zeitungen bemächtigte.

Frau Ormann sah mit einem freudestrahlenden Blicke von ihrer Lektüre auf. „Das sind sie auch," rief sie, und ihre Stimme zitterte vor Aufregung. „.Denke Dir nur, Elisabeth hat 100,000 Thaler an Ernst und Otto cediren lassen. Die Hälfte der Zinsen wird an mich für Erziehungskosten ausgezahlt, bis die Jungen das 21. Jahr erreicht haben, dann darf zur Begründung ihrer Carriers eine weitere Summe erhoben werden, und mit 25 Jahren fällt ihnen das ganze Kapital zu. Na, ich hoffe, sie werden mir dann wenigstens ein anständiger Nadelgeld auSzahlen," fügte sie, felbstvergessen wie immer, hinzu. „Elisabeth hätte wirklich auch etwas an mich denken sollen." Dabei reichte sie ihrem Manne den Brief hin.

Der Major hatte ihr schmunzelnd zugehört und

Oesterreichs seit so vielen Jahren mit aller Kraft und Ueber- zeugung vertheidigen. Es ist dies eine Ehrung der katholischen Kirche, welche das Mittelalter geschaffen, diese glänzende Ver­körperung des Prinzips der Arbeitergenossenschaft. Es ist dies ein Faustschlag für das Manchesterthum, für die Theorien der ftanzösischen Revolution, welche nun von deren eigenen Kindern verworfen werden. Ja, dem 20. August 1891 ist eine Stelle in den Annalen der Menschheit gesichert. Er kennzeichnet den Ueber- gang der rothen Internationale von den abstrakten Ideen des utopistischen Staates zu der konkreten Idee eines Staates, der möglich ist — denn er hat bereits bestanden. Ich weiß wohl, daß die Sozialdemokraten ein vollständig neues System geschaffen zu haben meinen. Sie sind von einem zu naiven Hochmuthe besessen, um klar zu sehen. Ich weiß wohl, daß die sozial­demokratische Genossenschaft sich noch nicht mit der christlichen Genossenschaft deckt. Sie erinnert vielleicht mehr an eine Karri- katur derselben. Aber was schadet das alles? Es ist deshalb nicht weniger Thatsache, daß die Internationale mit einem großen Schritte sich der volkswirthschaftlichen Wahrheit genähert hat. Man kann das nicht oft genug wiederholen, denn es ist von der höchsten Bedeutung. Wenn es wahr ist, daß nur der erste Schritt in einer Richtung schwer fällt — was dürfen wir nicht von der Zukunft hoffen! Die Völker handeln folgerichtig. Ist einmal das Prinzip angenommen, so geschieht dasselbe mit allen Konsequenzen. Ja, ein großes Ereigniß hat stattgefunden! Wir Katholiken haben das Recht und die Pflicht, uns darüber in tiefster Seele zu freuen. Der heutige Beschluß der Sozial­demokratie verspricht uns den nahen Sieg unserer Prinzipien.

Wir können uns zwar nicht verhehlen, daß der Be­richterstatter hier stark optimistisch ist. Der Weg ist noch weit, bis unsere deutsche Sozialdemokratie sich auf den Standpunkt der alten englischen Gewerkschaften stellen wird, wenn sie auch auf dem Brüsseler Kongresse denselben wider Willen manche Konzessionen machte. Aber darin hat der Berichterstatter recht, daß nur auf dem Wege der Gewerkschaften an eine gründliche Lösung der sozialen Frage gedacht werden kann. Die Arbeiter sind sich ihres Rechtes bewußt und man wird sie nicht zur Ruhe bringen, bis ihnen ihr Recht ganz und voll geworden ist. Um dies zu erreichen, organisiren sie sich in allen Ländern in Berufsgenossenschaften oder Ge­werkschaften und man wird diese Bewegung nicht mehr aushalten können. In Brüssel wurde zur Zeit des diesjährigen Kongresses der Grund zu fünf weiteren internationalen Gewerkschaftsverbänden neben der schon bestehenden internationalen Organisation der Bergleute gelegt, indem dort neben dem allgemeinen Kongresse Gewerksschaftskongresse gehalten wurden von den Holz­arbeitern, den Metallarbeitern, den Textilarbeitern, den Handschuhmachern und den Typographen. Es hängt sür die Lösung der Arbeiterfrage alles davon ab, wie diese Gewerkschaftsbewegung sich entwickelt, friedlich oder revolutionär. Das aber hängt weiter davon ab, wie sich die Regierungen und Arbeitgeber zu den Gewerk­schaften stellen werden, freundlich oder feindlich. Möge man die Zeichen der Zeit erkennen! Mit bloßen Pallia­tivmitteln ist nicht mehr zu helfen. Es gilt, energisch den Weg betreten, auf den auch die Encyklika über die Arbeiterfrage hinweist mit den Worten: „Es ist noth- wendig, Vas Korporationswesen unterBei- behaltung des alten Geistes, der es belebte, den Bedürfnissen der Gegenwart anzupas­sen!" Es gilt zunächst den gewaltigen Einfluß, den die Sozialdemokratie in richtiger Würdigung der Ge­werkschaftsbewegung namentlich in Deutschland auf die-

lehnte sich jetzt mit dem Ausdruck sichtlicher Befriedi­gung in seinen Sessel zurück. „Famose Schwägerin das," sagte er ausseufzend. „Ich kann Dir versichern, mir wurde schon ganz schwül, wenn ich daran dachte, sie könne sich vor dieser Entscheidung verloben. Dann hätten wir das Nachsehen gehabt; und so etwas kann man sich unmöglich gefallen lassen. — Na, ich würde an ihrer Stelle jedenfalls nicht so gehandelt haben. Frauen haben eben gar keinen Geldverstand. Entweder sie sind geizig, oder sie werfen das Geld aus dem Fen­ster. Wie gut, daß ich Deine Schneider-Rechnungen jetzt nicht mehr zu zahlen habe. Ueberhaupt, alle Ach­tung vor Elisabeth's Freigebigkeit! Aber vernünftig hat sie doch nicht gehandelt."

„Das kann uns einerlei sein," fiel seine Frau ein. „Jedenfalls ist mir eine Last vom Herzen. Ich werde gleich nach Berlin fahren und mir eine elegante Diner- Toilette bestellen."

„Sie fragt an, ob uns ihr Besuch willkommen sei," sagte Ormann, den Brief überfliegend, „natürlich ist sie uns willkommen. Ich will gleich Montag hinfah­ren und sie abholen. Sorge Du dafür, daß Alles in Ordnung ist. Sie wird ein sehr angenehmes Mitglied für unseren häuslichen Kreis werden. Ein hübsches, kluges Mädchen mit einem disponiblen Vermögen ist immer ein guter Lockvogel, das kann ich Dir sagen."

selbe gewonnen hat, zu brechen und eine auf christlich" monarchischer Grundlage beruhende Organisation der Gewerkschaften anzubahnen. Freilich ein schwieriges Werk, aher des Schweißes der Edlen werth! Die Ge­werkschaften sind unter sozialdemokratischer Führung, wie wir durchaus nicht verkennen, die größte Gefahr. Unter konservativer, aber nicht engherziger Führung können sie das festeste Bollwerk der Ordnung und des zeitge­mäßen Fortschritts werden, wie die alten englischen Trades Unions zeigen, wenn auch sie leider schon vom radikalen Sozialismus theilweise angesteckt sind.

Deutsches Deich.

Berlin, 23. Oktober.

* Das Material, welches der Reichstag bei der bevorstehenden Wiederaufnahme feiner Thätigkeit all­dem zweiten großen Abschnitt seiner Session in den dritten übernimmt, ist nach der uns vorliegenden Zu­sammenstellung noch ziemlich umfangreich. Von Bun­desrathsvorlagen sind noch die in Kommissionen durch- berathenen Gesetzentwürfe zur Reform des Krankenkaffen­gesetzes und über das Telegraphenwesen in zweiter und dritter Plenarberathung zu erledigen. Von Anträgen aus dem Hause liegen noch die folgenden vor: der Jesuitenantrag des Centrums, einige Anträge zur Re­form des Justizwesens (Einführung der Berufung gegen Strafkammerurtheile, Entschädigung für unschuldig er­littene Strafen), ein Antrag Barth-Rickert betreffend Abänderung deS Reichswahlgesetzes (Einführung amtlich gestempelter Umschläge für die Wahlzettel), sozialdemo­kratische Anträge auf Aufhebung der Wirkungen deS Sozialistengesetzes, auf Uebernahme des Apothekenwesens durch das Reich, auf Ermächtigung des Reichstags zur Berufung von Untersuchungskommissionen, deutschfrei- sinnige Anträge auf Regelung der Verhältnisse einge­tragener Berufsvereine und auf Ertheilung von Zeugnissen an Handlungsgehilfen, ein freisinnig-nationalliberater Anttag betreffend die Volksvertretung in den Bundes­staaten (mecklenburgische Verfassungsfrage) ein national­liberaler Antrag, betreffend statistische Aufnahme über die Lage der arbeitenden Klassen, der konservative Entwurf eines Heimstättengesetzes. Alle diese Anttäge sind im Reichstag noch nicht zur Verhandlung gekommen.

* Es bestätigt sich, daß der Militär-Etat eine For­derung für Verbesserung des Arttllerie-Materials, ins­besondere für die Einführung eines Einheits-Geschosses der Feld-Artillerie enthält. Die Bronze-Geschütze sollen ganz beseitigt werden.

* Der neue Volksschulgesetz-Entwurf soll sich, laut der ,Natlib. Korrespondenz', dem Goßler'schen Entwurf mehr als angenommen, nähern, so daß eine Verstän­digung mit den Liberalen nicht ausgeschlossen sei. Das wird man abzuwarten haben.

* König Karl von Rumänien trifft am Dienstag Mittag in Potsdam ein, wo Nachmittags im Neuen Palais große Festtafel stattfindet. Am Mittwoch ist große Gala-Vorstellung im Opernhause zu Berlin.

* In der Diözese Münster und Ermland ist die Bildung einer Kommission zur Bertheilnng der Sperr­gelder bereits in die Wege geleitet.

„Du wirst sie sehr verblüht finden, Egon, und mit ihrer Unterhaltung ist es auch nicht weit her. Aber selbstverständlich freue ich mich auch, sie hier zu haben. Vergiß nur nicht, daß Fräulein von Deling morgen Abend kommt."

Major Ormann murmelte etwas wie: „Steifes, langweiliges Frauenzimmer" — „früh genug zurück sein" und damit verließ er das Zimmer. —

Zwei Tage später langte der Gutsherr von Graveu- hof triumphirend mit der reichen Erbtante vor dem Portale seines Hauses an. Seine Frau lief der An­kommenden mit lebhafter Freude entgegen, und auch die Knaben an ihrer Seite traten, obwohl etwas fremd geworden und schüchtern, hervor, um ihr strahlenden Antlitzes die'Hand zu reichen. Elisabeth beugte sich gerührt über die Lieblinge herab, deren Anblick so weh- müthige Erinnerungen in ihr wachrief, und konnte nicht satt werden, die körperlichen Fortschritte zu bewundern, welche während der zweijährigen Trennung an ihnen vorgegangen waren. Dann bat sie, in ihr Zimmer geführt zu werden, um noch vor dem Esfen ihre Toilette zu wechseln.

Frau Ormann holte sie eine halbe Stunde später ab und geleitete sie in den Salon, in welchem ihr Mann bereits mit den übrigen Gästen ihrer Ankunft harrte. Die Elisabeth noch unbekannten Besucher bestanden aus einer Dame und zwei Herren.