245 Samstag, den 24. Oktober 1891. 18. Jahrgang
Fuldaer W Zeitung
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Deutsches Keich.
Berlin, 22. Oktober.
* Der Geburtstag der Kaiserin wurde heute im Neuen Palais zu Potsdam festlich begangen. Der Kaiser hatte persönlich den Aufbau der Geschenke geordnet. Zahlreiche Glückwunsch-Schreiben und -Telegramme waren eingegangen, insbesondere von allen verwandten und befreundeten Höfen. Der Kaiser nahm Vormittags von 10—108/4 Uhr den Vortrag des Kriegsministers entgegen.
* Der Bundesrath überwies heute den Gesetzentwurf über die Vereinsthaler österreichischen Gepräges den Ausschüssen für Handel und Verkehr und für Rechnungswesen und wies Helgoland dem Seeamts-Bezirk Hamburg zu.
* Der Zar kommt nach Berlin; er kommt, er kommt nicht — so geht es nun schon seit vielen Monaten, und es wird damit eine künstliche Erregung wachgerufen, welche für Handel und Wandel nicht eben erwünscht ist. Möchte endlich diese Reihe der Meldungen und Gegenmeldungen, die schließlich sammt und sonders nur auf Vermuthungen beruhen, aufhören.
* Die ,Kreuzztg.' tritt den Angaben über eine zwischen den Höfen von Berlin und Athen bestehende Spannung entgegen. Der Kaiser sei durch den Ueber- tritt seiner Schwester, der griechischen Kronprinzessin, zur griechischen Kirche ebenso überrascht worden, wie ungezählte Andere auch, und sei anfangs geneigt gewesen, den Grund des Uebertritts in Einflüssen der Königlichen Familie und der Hofkreise zu suchen. Es habe sich jedoch alsbald die Grundlosigkeit dieser Annahme herausgestellt.
* Das ,Kleine Journal' bestätigt, daß gestern in seinen Geschäftsräumen nach dem Manuskript des Leitartikels „Der heilige Rock vor Gericht" auf Antrag der Staatsanwaltschaft eine Haussuchung stattgefunden habe und daß das Manuskript aufgefunden und mit Beschlag belegt worden sei. Das .Kleine Journal' knüpft daran folgende Bemerkung: „Es ist also nun möglich, daß der heilige Rock zweimal vor Gericht kommt. Das wird ihm schlecht bekommen." „Ob ein solcher cynischer Ton gegenüber einem Gegenstände, der von Millionen Katholiken hoch verehrt wird, angebracht ist", sagt die .Germania', „überlassen wir dem i Urtheil aller anständigen Leute, zu denen wir den Ur- i Heber dieser Notiz im ,Kl. Journ.' allerdings nicht rech- ! nen können. Im Uebrigen möchten wir doch das : jüdische .Kleine Journal' und auch andere Blätter daran i erinnern, daß sie keinen Grund haben, über Antisemitismus und Beschimpfung der jüdischen Religion und Religionsgebräuche sich zu beklagen, wenn sie selbst mit cynischem Hohn christliche Dinge behandeln, die Ueber- zeugung von Millionen nicht achten und das verspotten und verhöhnen, was diesen Millionen theuer und verehrungswürdig ist."
* Suum cuique. Unter dieser Spitzmarke bringen die .Leipziger Grenzboten' folgende auffallende Notiz: „Daß der Sohn eines Regierungs-Präsidenten beim Abiturienten-Examen durchfällt, ist zwar traurig, aber
je Der Geizhals.
Nacherzählt van Cora von Schönburg.
(23. Fortsetzung.)
Sie hielt eine Weile sinnend inne, dann fuhr sie fort: „Nach und nach begann mich der Kampf zwischen Leidenschaft und Vernunft zu verwirren, ich wurde nachlässig und zerstreut, — ich hörte auf, die gute Arbeiterin zu sein, die ich vordem gewesen. Man gab mir Verweise, und ich bemerkte, wie das bisher in mich gesetzte Vertrauen schwand. Sechs Monate nachdem ich zuerst seine Bekanntschaft gemacht, kündigte ich. Ich gab vor, ich wollte auf's Land gehen. Und so war es auch, aber ich ging nicht allein .... Niemand fragte mich, wohin ich ginge, — Niemand hatte ein Recht dazu, Niemand ein Interesse daran. Ich war allein auf der Welt und ach, so hungrig nach ein wenig Liebe, so begierig nach den Freuden, welche mir das Leben bisher vorenthalten hatte! Zwei Jahre eines scheinbaren Glückes folgten .... Ach, ich darf nicht daran denken . . . ."
Die Erzählerin hielt wieder inne und verbarg ihr Gesicht in dem auf dem Tische ruhenden Arm.
Elisabeth hatte in athemloser Spannung zugehört. Bei den letzten Worten war ihr selbst die Schamröthe ins Gesicht gestiegen. Sie hatte wohl schon von solch'
nicht unerhört; daß der Vater vom Direktor die Arbeiten seines Sohnes einfordert, um das Urtheil der Lehrer zu prüfen, ist seltsam, daß der Direktor diese Forderung abschlägt, ist erfrischend, daß der Durchgefallene ein halbes Jahr später die Prüfung an einem anderen städtischen Gymnasium mit Auszeichnung besteht, ist merkwürdig, daß der Direktor dieses städtischen Gymnasiums bald darauf an eine königliche Anstalt berufen wird, ist sehr eigenthümlich. Ob solche Dinge wohl im Staate Friedrich des Großen vorkommen können?" Nach dieser deutlichen Anspielung erscheint eine Aeußerung von zuständiger Stelle zur Aufklärung sehr wünschenswerth.
* Der Volksverein für das katholische Deutschland, dessen Organisation sich unter Vermeidung jeder Reklame nunmehr in allen seinen Zweigen ausgestaltet hat, versendet neuerdings Instruktionen an die Geschäftsführer und Vertrauensmänner, welche die Thätigkeit derselben bis ins Einzelne regelt. Die Wirksamkeit des „Volksvereins" erstreckt sich zur Zeit auf folgende periodische Preßerzeugnisse: 1. Die Vereins-Zeitschrift „Der Volksverein" erscheint alle 6 Wochen für jedes Mitglied unentgeltlich; sie bringt populäre Abhandlungen über Zeitfragen und Vereinsnachrichten. 2. Die F l u g- schriften beschäftigen sich vornehmlich mit Widerlegung der sozialdemokratischen Angriffe auf die christlichen und sozialen Grundsätze. 3. Die Volkserzählungen sind besonders auf Massenverbreitung berechnet und sollen in unterhaltender Form ebenfalls aufklärend wirken. Jede Broschüre kostet 10 Pfg. Bis jetzt erschienen davon zwei. 4. Die Sozialkorrespondenz enthält sozialpolitisches Material für die Centrumspresse. Es wird nunmehr seitens des „Volksvereins" eine Agitation durch größere Versammlungen geplant. Die Bedeutung des Vereins ist von uns wiederholt hervorgehoben worden.
* lieber den Sieg des Abft. v. Bollmar über die sozialdemokratische Parteileitung auf dem 'Parteitag in Erfurt äußert sich die ,Kölnische Volksztg.' folgendermaßen :
Die Herren Liebknecht, Singer und Bebel hatten eine Ber- nrtheilung Bollmar's verlangt. Erklärt sich die überwiegende Mehrheit nicht gegen den Standpunkt Bollmar's, so hätte die Berliner Opposition Recht, und ich glaube, ich ginge dann selbst zu ihr über, rief Liebknecht aus. Stimmt ihr Bollmar bei, was ihr nicht könnt, so würden morgen euere Wähler rebelliren, ich zuerst, erklärte B eb e l noch unmittelbar vor der Abstimmung. Und dann wurde der von Liebknecht als eine Nothwendigkeit bezeichnete Antrag Oertel zurückgezogen unter dem Vorwande, Bollmar habe sich ohne jede Einschränkung für die von Bebel und Gen. entwickelten Ansichten bezüglich der Taktik erklärt. Das ist Herrn von Bollmar gar nicht eingefallen. Er hat im Gegentheil an seiner Ansicht festgehalten und ausgeführt, daß er so gut auf dem Programm stehe und stets gestanden habe, wie die Andern. Für die langathmige Resolution Bebel konnte er sich leichten Herzens erklären, denn er billigt die Taktik. Die Frage ist nur, was man mit dieser Taktik beabsichtigt. Die Parteileitung thut alles nur der Propaganda, der Arbeit für das Endziel wegen, auch die aktuellen Forderungen verfolgt sie nur als Mittel zu diesem Zweck. Herr v. Bollmar will dieses Endziel ebenfalls, auch die Propaganda mittels Betreibung der vorläufigen Forderungen will er, ihm haben aber die Forderungen auch zugleich einen selbständigen Werth; er will wirklich dem Arbeiter schon jetzt alle Wohlthaten zuwenden, die erreichbar seien. Dabei ist Herr v. Bollmar geblieben. Das
traurigen Vorkommnissen im Leben gehört und gelesen, aber es war etwas Anderes, einer solchen Gefallenen selbst gegenüber zu sitzen, sich von ihr erzählen zu lassen, tote sie den Abgrund überschritten habe, welcher die Tugend von dem Laster trennt. Das Entsetzen über das Gehörte drängte ihr unwillkürlich die Thränen in die Augen. Sobald die erste Enttäuschung aber überwunden war, gewann auch ihr Mitleid wieder die Oberhand.
„Sie sind ohne Zweifel auf das Schändlichste betrogen worden," sagte sie, die Schluchzende zu einer Entschuldigung drängend.
„Ja und nein, Fräulein v. Argast," ermannte sich die Bekennende, „ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Der Mann, welchen ich liebte, hat mir nie eine Hoffnung vorgespiegelt, die er nicht erfüllen konnte und nicht wollte. Er war nicht reich und er hatte Rücksichten zu nehmen, die ihn von einer gesetzlichen Verbindung mit mir abhielten. Aber ich glaubte, daß eine Liebe, wie er sie für mich kundgab, ewig dauern würde, und so lange ich diese besaß, verlangte ich nichts Anderes .... Wollen Sie mir noch weiter zuhören?" fragte sie, den thränenverschleterten Blick auf Elisabeth richtend, „oder verachten Sie mich zu tief, um mich noch Ihres Interesses zu würdigen?"
„Erzählen Sie weiter."
bezeugte Bebel in seiner Schlußrede, in welcher er zwar behauptete, Bollmar habe wesentlich anders gesprochen als am Samstag, und doch wieder klagte, er habe die ihm gebaute Brücke nicht betteten. Entspräche der Beschluß des Parteitages, wonach Bollmar sich ganz wie Bebel u. Genossen ausgesprochen haben soll, der Wahrheit, so hätte Bebel ja seine Rede gar nicht halten dürfen, sondern einfach sagen müssen: wir sind durch die Erklärungen Bollmar's zufriedengestellt. Woher nach den großen Worten der Parteileiter der ängstliche Beschluß? Herr v. Bollmar hat ruhig und einfach erklärt: Nehmen sie den Antrag Oertel an, so ist der Boden für eine weitere Wirksamkeit für mich nicht mehr gegeben, und ich habe zum letzten Male vor Ihnen gesprochen. DaS gab den Ausschlag. Einen Bruch mit Bollmar wagte man nicht, sowohl wegen den Gesinnungsgenossen, die er in Erfurt hat, wie wegen der vielen unsichern Kantonisten int Lande, welche die Wahrheit noch nicht ertragen können. Bollmar's Sieg bedeutet den Sieg der Ehrlichkeit über die Zweideutigkeit. Er will dem Arbeiter schon jetzt ehrlich helfen und nimmt die praktischen Theile des Programmes ernst; die Parteileitung betrachtet diesen Theil nur als Lockvogel und wünscht seine Erfüllung gar nicht, weil sie darin nicht eine Förderung, sondern ein Hemmniß auf dem Wege zum letzten Ziele sehen muß. Sie fordert für den Arbeiter nur, um die Ablehnung der Forderung zur Schürung der Unzufriedenheit zu benutzen. Wenn Herr v. Bollmar fachlich der Parteileitung nicht entgegenkommen ist, so formell noch viel weniger. Zwar ist er zu klug, um zu poltern, zu wüthen und zu schimpfen, aber er schenkte feinen Gegnern nichts. Mit überlegener Ironie that er gleich in feiner ersten Rede den „Propheten" Bebel ab. Und wie spöttelte er in der zweiten über die Ketzerrichterei der Parteileitung, über das „Stück Staatsanwalt", das in Jedem stecke, über das allzu leichte Absprechen der Parteipresse in allen möglichen Dingen, unter Hinweis auf die für das „klassenbewußte" Proletariat Berlin's beschämende Thatsache. Wille (ein Gegner der Parteileitung) referirt vor 5000 Menschen, und die 5000 stimmen Wille zu; bann referirt Bebel vor 6000 Menschen, und die Versammlung entscheidet sich einstimmig für Bebel. Bollmar's Sieg bedeutet weiter einen Sieg über die Parteityrannei der Leiter, die unter der fortwährenden Versicherung, bei der Sozial-Demokratie herrsche die vollste Freiheit der Meinung und Rede, jede abweichende Ansicht rücksichtslos verfolgen. Diesen Erfolg unmittelbar nach dem Siege der Parteileitung über die Opposition der „Jungen" verdankt Bollmar seiner großen Klugheit und Mäßigung. Wir sind überzeugt, es giebt auf dem ganzen Parteitag keinen zweiten „Genoffen", der in gleicher Lage gegenüber einer gegnerischen Mehrheit seine abweichende Sfteinung mit gleicher Ruhe, Klarheit und Unerschütterlichkeit zu entwickeln vermocht hätte. Sie Alle hätten durch ihre Leidenschaftlichkeit ihre Sache verdorben. Stände an der Spitze der „Jungen" ein Mann wie Bollmar, so wäre es ihnen sicherlich nicht schlimm ergangen.
* Bezüglich der Zubereitung des Tuberkulins sagt Koch in seiner heutigen Veröffentlichung: Zunächst seien Massen - Kulturen von Tuberkel - Bazillen erforderlich, jedoch nur Reinkulturen. Als Kulturflüssigkeit wird Kalbfleisch-Jusus oder einprozentige Fleischextrakt-Lösung angetoendet. Die beste Kulturen - Temperatur ist 38 Grad. Für die Wirksamkeit des Tuberkulins ist es gleichgiltig, ob frisch gezüchtete Kulturen oder alte Kulturen verwendet werden, gleichgiltig auch, ob die Tuberkeln tuberkulösen Menschen oder Thierkörpern entstammen. Die zur Extraktion verwendeten Kulturen müssen 6—8 Wochen alt, absolut rein und durch Wasserbad auf ein Zehrttel des ursprünglichen Volumens eingedampft sein.
* Eine erste größere Sendung amerikanischen Specks, (50 Kisten zu 500 Pfund) ist in Bremen eingetroffen. Die Einführung wurde nicht beanstandet.
* Der Myslowitzer Korrespondent des „Oberschles. Anz." hält seine Mittheilung aufrecht, daß schon seit
„Ich war blind genug, eine Zeit lang zu glauben, ich hätte das Glück gefunden. Dann merkte ich, tote sich unscheinbar, tote ein leichter Morgennebel zuerst, ein Hauch von Gleichgiltigkeit in seine Liebe mischte. Dieser Nebel verdichtete und verdunkelte sich, bis ich mir endlich bewußt wurde, daß ich aufgehört hatte, ihm eine Freude zu sein, — ja, daß ich ihm eine Last war. Wie es kam, daß ich trotzdem meine Augen schloß und weiter hoffte, — ich weiß es nicht!--Eines
Tages endlich erklärte er mir, daß er zu einer längeren Reise ins Ausland gezwungen sei, und da die Verhältnisse nicht erlaubten, mich mitzunehmen, so schlug er mir vor, mich an die Spitze eines Geschäfts zu stellen, in welchem ich meine vormals erworbenen Kenntnisse in der Schneiderei nützlich verwerthen könne. . . .
„Nun wußte ich Alles; ich wußte, daß nichts die verlorene Liebe wieder zurückrufen könne, daß ich nur ein Spielzeug für ibn gewesen, nicht eine Seele, die er in Jammer und Schmach zurückließ..... Keine
Klage entwand sich meinem verwundeten Herzen. Ich hatte Alles gewagt und — Alles verloren; aber ich hatte kein Recht, ihm einen Vorwurf daraus zu machen.
„Als er mich zu einem geschäftlichen Abkommen aufforderte, sagte ich, daß dafür noch später Zeit genug übrig bleibe. In Wirklichkeit aber war ich entschlossen, nichts von seiner Gnade anzunehmen. Ich hatte etwas