JV 244
Freitag, den 23. Oktober 1891.
t8. Jahrgang
uldaer M Zeitung
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Deutsches Keich.
Berlin, 21. Oktober.
* In Bezug auf den Dreibund schrieb kürzlich Dr. Joerg in den ,Histor.-Pol. Blättern': „Für Italien ist der Dreibund nicht ausschließlich im Hinblick auf die Erhaltung des Friedens geschlossen worden; er ist ein Schwert, dessen Spitze gegen den Papst gerichtet ist und der Kirche schon blutende Wunden geschlagen hat." Der .Moniteur de Rome" möchte, schreibt die Köln. Bolksztg.', unsere Ansicht über diesen Satz hören. Das kann ihm werden. Wir haben niemals die unliebsamen Folgen geleugnet, welche der Dreibund zunächst auch nach der kirchenpolitischen Seite hin hat. Das gegenwärtige Regiment in Italien betrachtet denselben zweifellos als eine Sicherung seiner römischen Position. Dr. Joerg sagt ja auch ausdrücklich: „Für Italien ist der Dreibund nicht ausschließlich im Hinblick auf die Erhaltung des Friedens geschloffen worden." An erster Stelle erscheint aber der Dreibund als die mächtigste Friedensbürgschaft; auch die katholischen Deutschen betrachten ihn als solche und halten darum entschieden an demselben fest. Sie können auch nicht einsehen, daß die Interessen des Papstthums besser gewahrt wären, wenn etwa Italien mit Frankreich und Rußland sich verbündete. Dann wäre vielmehr erst recht an eine Wiederherstellung der territorialen Souveränetät des Papstes nicht zu denken. Frankreich und Rußland würden zweifellos noch weit weniger geneigt sein, dem hl. Vater zu seinem Rechte zu verhelfen, als Oesterreich und das Deutsche Reich. Letztere beiden Mächte stehen einer befriedigenden Lösung der römischen Frage an sich nicht feindlich gegenüber — wenn nur Italien wollte. Das ist der Schwerpunkt der Sache. In Italien muß eingesetzt werden; da sollte auch der Moniteur de Rome' seinen Eifer vor Allem anwenden. Wir wiederholen nochmals: Wären die italienifchen Katholiken fo energisch eingetreten für die Rechte der Kirche und des hl. Stuhles wie die deutschen Katholiken, so stände es wahrlich besser um die Lage des hl. Vaters.
* Lüge und kein Ende. Die ,Allg. Evang.-Luth. Kirchenzeitung' in Leipzig schreibt, die römisch-katholische Kirche habe sich weit von den Grundlagen des Evangeliums entfernt, Beweis dafür sei, daß das bischöflich approbirte Epistel- und Evangelienbuch der Diözese Paderborn nichts vom Apostel Paulus wisse und sogar den Charfreitag unberücksichtigt lasse. Wie es scheint, hat der Urheber der gegen die katholische Kirche geschleuderten Verleumdung das Buch entweder gar nicht oder in einer höchst oberflächlichen Weise angesehen. Denn einmal enthält dasselbe in längerer Darstellung die Leidensgeschichte des Heilandes nach den vier Evangelien und anderseits, nach dem römischen Missale, nicht weniger als 49 Episteln von Sonn- und gebotenen Feiertagen. Und dennoch sagt das Blatt: Man sucht vergeblich in dem Buche nach dem Apostel Paulus, derselbe wird in ihm nicht einmal erwähnt, er muß wohl für die katholische Kirche eine unbequeme Persönlichkeit sein, und der Charfreitag wird in dem Buche
jC Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(22. Fortsetzung.)
Diese Angst, dem Mitleide oder der Neugierde Anderer zu begegnen, gab Elisabeth Muth. Hier galt es offenbar, ein schwergeprüftes Menschenherz zu trösten.
„Wehren Sie mir nicht, hereinzukommen," sagte sie, in das Zimmer tretend. „Man hat mich an Sie gewiesen, da ich einige Nähereien bald ausgeführt haben möchte."
Die Krämerin hatte sich unterdessen entfernt, und Elisabeth stand allein vor einem sehr hübschen, wenn auch überaus zart aussehenden, jungen Mädchen. Man hätte fast sagen können: vor einer jungen Dame, denn wiewohl die Kleidung ärmlich und das reiche, blonde Haar in beinahe nachlässiger Weise aufgesteckt war, so verrieth die ganze Erscheinung doch unverkennbare Anzeichen einer höheren Lebensstellung, wenigstens der Bekanntschaft mit einer solchen. Das Zittern ihrer bleichen Lippen, die Verzweiflung, welche sich in ihren Augen, die Angst und das Entsetzen, welches ihre ganze Person auszudrücken schien, lähmten ihrer Besucherin fast die Zunge, aber sie bezwang sich und fuhr freundlich fort:
„Ich hoffe, Sie nehmen mir meine Zudringlichkeit nicht übel und sind im Stande, meine Arbeit zu über-
nicht berücksichtigt! Man sollte so etwas nicht für möglich halten!
* König Karl von Rumänien trifft nächste Woche zum Besuche am hiesigen Hofe ein und wird etwa 3 bis 4 Tage hier verweilen. Die Königin von Rumänien hat sich in Pallanza überraschend schnell erholt. Die Verlobung des rumänischen Thronfolgers mit Prinzessin Maria, ältesten Tochter des Herzogs v. Edinburgh, gilt als sicher bevorstehend.
* Dr. Robert Koch veröffentlicht in der Deutschen Medizinischen Wochenschau' weitere Mittheilungen über das Tuberkulin. Nach den angestellten Thierversuchen übertrifft ein mit 60 °/0 Alkohol erhaltener Niederschlag alle auf andere Weise aus dem Tuberkulin hergestellten Stoffe an Wirksamkeit und verhält sich so konstant, daß man ihn als nahezu rein ansehen kann. Bei Versuchen mit niedrigen Dosen gereinigten Tuberkulins an einer großen Zahl von Kranken ergab sich, daß das reine Tuberkulin von dem Rohtuberkulin sich in seiner Wirkung nicht merklich unterscheidet; diagnostisch und therapeutisch bestimmte nur die Dosis den Effekt.
* Der Oberbürgermeister von Berlin, Dr. v. Forcken- beck, wurde zu seinem heutigen 70. Geburtstag vom Minister des Innern, Herrfurth, persönlich beglückwünscht. Eine städtische Deputation überreichte ihm im Auftrage der Stadt Berlin sein von Lenbach gemaltes, für den Donatorensaal des Rathhauses bestimmtes Portrait, sowie die Urkunde für eine mit 200,000 M. dotirte Forckenbeckstiftung für Kommunalbeamte und deren Hinterbliebenen.
* Die ,Hamb. Nachrichten' bringen einen Leitartikel zur Entlastung des Fürsten Bismarck, welcher darin gipfelt, daß die ,Straßb. Post', deren Korrespondenten alle Aktenstücke zugänglich zu sein scheinen, das schon erwähnte Abschiedsgesuch Bismarcks vom Itz. oder das Protokoll vom 17. März im Wortlaut veröffmtlichen möge. Die ,Hamb. Nachr.' weisen namentlich die Verantwortlichkeit Bismarcks für alle durch des Fürsten Rücktritt herbeigeführten Schädigungen der Interessen des deutschen Reiches zurück, und schieben dieselbe Denen zu, welche dem Fürsten das weitere Verbleiben in seiner Stellung unmöglich gemacht hätten.
* Der heute unter Vorsitz des Geh. Rath Kayser zusammengetretene Kolonialrath verwies die Vorlagen über das Zollwesen in Ostafrika und über die den Miffionsgefellschaften in den Schutzgebieten zu gewährenden Zoll- und Steuererleichterungen an einen Siebener- Ausschuß. Einstimmigkeit herrschte darüber, daß den Missionsgesellschaften eine Begünstigung zu gewähren sei. Dann wurden die Etats für die Schutzgebiete be- rathen.
* Die unter dem Vorsitz des Oberpräsidenten abzuhaltenden Konferenzen zur Vorberathung der Neuregelung der Lehrer- und Lehrerinnen-Gehälter an Volksschulen haben der .Norddeutschen Allg. Ztg.' zufolge bereits vor einigen Tagen in Kaffe l begonnen. Nach den westlichen Provinzen komme die Reihe an die östlichen. Als Kommissarien des Kultusministers nehmen nehmen. Aber sie fcheinen krank zu sein!" fügte sie, als ihr keine Antwort zu Theil wurde, hinzu. „Sagen Sie es nur, wenn ich Ihnen helfen kann."
Die bleichen Wangen des Mädchens rötheten sich etwas. Sie klammerte sich fest an den Stuhl, vor welchem sie stand, unö heftete den Blick auf den Boden. Dann versuchte sie zu sprechen.
„Ich danke Ihnen," brachte sie endlich hervor. „Sie sind sehr gütig. Ich habe lange umsonst nach Arbeit gesucht. Jetzt fehlen mir, glaube ich, die Kräfte, um etwas zu thun."
Die Farbe war wieder aus den Wangen gewichen und die Wimpern blieben über den Augen gesenkt.
„Ja, Sie scheinen sehr schwach zu sein," meinte Elisabeth, gerührt von der Hoffnungslosigkeit der Fremden, „aber gute Nahrung und die Aussicht aus Verdienst wird Sie bald wieder in die Höhe bringen. Sie müssen mir nur sagen, wie ich Ihnen helfen kann. Wir Alle brauchen ja zuweilen der gegenseitigen Hilfe und dürfen die Hoffnung auf besiere Zeiten nicht aufgeben. Jetzt ist die Reihe zu helfen an mir, vielleicht kommt sie auch einmal an Sie."
„An mich?" entgegnete die Angeredete mit unaussprechlicher Bitterkeit.
Elisabeth forderte sie auf, sich zu setzen und streichelte die kalte Hand, welche sie ihr willenlos überließ. Dann, als sie sah, wie der Schmerz des armen Ge-
an den Konferenzen Theil Ministerialdirektor Küchler und ein Rath aus dem Kultusministerium.
* Der „Verband katholischer Lehrer" hat nunmehr fast in der ganzen preußischen Monarchie festen Boden gefaßt. Zu den bisher schon angeschlosfenen Provinzialvereinen sind in letzter Zeit Hessen-Nassau und Westpreußen hinzugekommen und ist der förmliche Anschluß beider Vereine bereits erfolgt.
* Ausnahme - Tarife für Kohlen. Die Agitation gegen die Kohlenverkaufs-Vereine und das Westfälische Coaks-Syndikat zieht täglich weitere Kreise, und rascher, als anzunehmen war, geht man gegen die Vertheuerungs- Bestrebungen jener Vereinigungen vor. Die Bielefelder Handelskammer beantragt bereits in einer Eingabe an den Eisenbahnminister die Aufhebung aller jener Ausnahme-Tarife, welche für den Transport von Kohlen aus den rheinisch-westfälischen Zechen nach den Seehäfen und das Ausland bestehen. Die Handelskammer weist dabei darauf hin, wie jene Tarif-Begünstigungen es den Zechen ermöglichen, sich in den deutschen Küstenplätzen für die Versorgung der Schiffe, sowie im Ausland ein aufnahmefähiges Absatzgebiet zu suchen, um dadurch das Angebot im Inland künstlich zu vermindern und so einen Preisdruck durch vermehrte Konkurrenz zu verhüten. So trügen in erheblichem Maße jene Tarife zu der andauernden Kohlentheuerung bei. Dieselben seien dereinst geschaffen, um einem darniederliegenden Produktionszweig zu Hilfe zu kommen; heute bei den veränderten Verhältnissen seien dieselben dagegen in der Hand der Kohlenproduzenten eine Waffe geworden, durch welche die Industrie in ihrer Allgemeinheit gezwungen wird, sich den rücksichtslosen Bedingungen einer sich ohnehin in günstiger Position befindlichen Minderheit zu unterwerfen. Hinzu komme, daß der bevorstehende Winter die Kohlentheuerung auch in den breiten Massen des Volkes fühlbar machen werde; die Klagen über die Theuerung der nothwendigsten Konsumtions-Gegenstände werden vermehrt werden durch Klagen über die Theuerung des Hausbrandes. Bekanntlich haben schon eine Reihe von rheinisch-westfälischen Handelskammern in ihren im Frühjahr erschienenen Jahresberichten darauf hingewiefen, daß ein fortdauernder Preisstand der Kohlen auf der damaligen Höhe eine Beseitigung jener Ausnahme-Tarife nöthig machen werde. Inzwischen haben sich die Verhältnisse keineswegs geändert. Angesichts dieser Thatsache erscheint es angebracht, daß die Kohlenverbraucher sich zu einem energischen Vorgehen gegen jene Ausnahme-Tarife zusammenschließen.
* Der sozialdemokratische Parteitag zu Erfurt ist heute geschloffen worden. Der Programmentwurs wurde unverändert in der von der Kommission vorgeschlagenen Fassung angenommen. Zum Ort des nächstjährigen Parteitages wurde Berlin gewählt, ebenso zum Sitz der Parteileitung. — Eine gestern von der sozialdemokratischen Opposition in Berlin abgehaltene Versammlung beschloß die Einsetzung eines Ausschusses zur Vorbereitung eines Vereins, der die in der Opposition stehenden Sozialdemokraten umfassen soll. Zugleich schöpfes sich unter der freundlichen Berührung in Thrä- nen aufzulösen begann, eilte sie in den kleinen Laden der Hausfrau hinunter, um sich nach einigen Stärkungsmitteln für die Unglückliche umzusehen und zugleich deren Namen zu erfahren.
„Sie heißt Fräulein Traut," erklärte die Krämerin. „Sie ist eine fo anständige Dame," fügte sie hinzu, „ja wirklich eine Dame; fo vornehm, obwohl sie so arm ist."
Etwas Wein und einige Bisquits waren schnell herbeigeschafft, und mit diesen eilte Elisabeth wieder die Treppe hinauf. Sie fand ihre arme Freundin in einem beinahe ohnmächtigen Zustande, aber doch noch fähig, ihrem Befehle gehorchend, eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Die Stärkung verfehlte auch nicht ihre Wirkung, denn schon nach kurzer Zeit vermochte Fräulein Traut sich wieder etwas in ihrem Stuhle aufzurichten.
„Ich verdiene wirklich nicht fo viel Mühe," sprach sie, die Augen zu Elisabeth erhebend, „aber ich will versuchen, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen, indem ich Ihre Wünsche erfülle. Wenn es Ihnen nicht zu lange dauert, so will ich Ihre Arbeit gern übernehmen; aber wie gesagt, es wird lange dauern."
Elisabeth versprach, hoch erfreut über das Resultat ihrer Bemühungen, schon am nächsten Morgen das Material zu einem Kleide und zugleich einige Bücher zur Zerstreuung zu bringen.