JV 243 Donnerstag, den 22. Oktober 1891. 18. Jahrgang
Fuldaer M Zeitmii;
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Deutsches Keich.
Berlin, 20. Oktober.
* Der neue Entwurf des Volksschulgesetzes ist nunmehr im Kultusministerium fertiggestellt und liegt gegenwärtig dem Staatsministerium vor.
* Dem Reichskommissar für die Chicagoer Welt- ausstellung. Geh. Rath Wermuth, ist es gelegentlich seiner Anwesenheit in Chicago gelungen, bereits jetzt auf Grund detaillirter Pläne schriftliche und bindende Zusicherungen bezüglich der der deutschen Abtheilung zur Verfügung zu stellenden Räume zu erhalten. In dem Jndustriepalast, dessen Grundfläche etwa 900000 Quadratfuß beträgt, ist für die deutsche Abtheilung ein im Centrum belegener Raum von 100 000 Quadratfuß festgelegt, während die innerhalb der sonstigen Gebäude (Kunst, Maschinen, Elektricität, Landwirthschaft rc.) auf Deutschland entfallenden Räumlichkeiten weitere 105 000 Quadratfuß und die der deutschen Abtheilung im Freien zur Verfügung stehenden Flächen etwa 210000 Quadratfuß umfassen. Auch bezüglich des Transvortwesens, der Zollabfertigung, des Verkaufs von Ausstellungsgegenständen, des Verschanks von Getränken u. dergl. hat eine durchaus befriedigende Vereinbarung stattgefunden.
* Die katholischen Vereine in Berlin und in der Mark Brandenburg hielten vergangenen Sonntag in der alten Bischossstadt Brandenburg a. d. Havel ihren ersten gemeinsamen Vereinstag ab, welcher sehr zahlreich, namentlich auch von Berlin aus, besucht war. Fürstbischof Kopp von Breslau sandte der Versammlung seinen Segen.
h* Die bevorstehende Veröffentlichung Robert Koch's wird zum ersten Mal genaue Details über die Herstellung des Tuberkulin bringen und über die Versuche zur Reindarstellung deS Tuberkulins. Diese Versuche bezwecken, diejenigen Stoffe aus dem Tuberkulin aus- zuscheiden, welche die das Leben der Patienten bedrohenden Entzündungserscheinungen nach Tuberkulin- Injektionen hervorriefen, ohne die Heilwirkung des Mittels auf die eigentlich tuberkulös erkrankten Organe aufzuheben.
* Nachdem die Kaiserin Friedrich fast sechs Monate in Homburg residirt hat, begibt sie sich, begleitet von ihrer Tochter, der Prinzessin Margaretha, nach Italien. Der dortige Aufenthalt wird bis Mitte Dezember währen.
a Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(21. Fortsetzung.)
Elisabeth hörte nicht weiter. Die Worte: „Diebstahl ist Diebstahl, mögen die Umstände sein wie sie wollen"", waren ihr tote eine Centnerlast aufs Herz gefallen. Wenn diese arme Frau für ein unbedeutende-, aus bitterer Noch begangenes Vergehen mit schimpf- kicher Verhaftung und Gefängniß bestraft wurde, was sollte dann ihr, der vornehmen Frau von guter Erziehung geschehen, wenn sie den rechtmäßigen Eigen- thümer um ein Vermögen von ungeheurem Werthe betrog? Sie hatte ihr Gewissen getäuscht, indem sie sich für berechtigt hielt, zu nehmen, was ihr zugedacht war. Wie aber vermochte sie vor Gott und auch vor der menschlichen Gerechtigkeit diesen Scheingrund aufrecht zu haltm? Konnte er ihrer Vernichtung Einhalt thun, toenn ihre Schuld offenbar wurde?
Alle diese Gedanken hatten sie seit dem Tage, wo sie das Testament an sich genommen, verfolgt. Das unscheinbare Papier war ihr Begleiter auf allen Reisen gewesen, und so ost sie auch die Hand auSgestreckt, es zu vernichten, so hatte eine unsichtbare Macht sie doch stets zurückgehalten, den stummen Zeugm ihrer Frevels aus der Welt zu schaffen. Ahnte ihr, däß er noch dazu dienen würde, ihrm Frevel zu sühnen?
* Onno Klopp, der berühmte Historiker, ist anläßlich seines 70. Geburtstages im Auftrage des hl. BaterS von Staatssekretär Kardinal Rampolla durch ein huldvolles Schreiben beglückwünscht worden. Der sehr verdiente Jubilar hat außerdem noch eine Menge Glückwunschschreiben hoher und angesehener Persönlichkeiten erhalten. Möge Gott ihn noch lange zur Zier der katholischen Kirche und der Wissenschaft erhalten.
* Von verschiedenen Seiten wurde in diesen Tagen gemeldet, daß in Spandau und Metz Versuche angestellt toittben, die zweijährige Dienstzeit praktisch zu erproben, indem mehrere Bataillone aus Rekruten und im zweiten Jahre dienenden Leuten zusammengestellt werden sollten. DaS ,Berl. Tagebl." erklärt, diese Mittheilung dahin ergänzen zu können, daß diese „Versuche"" nicht nur beim 4. Garderegiment, sondern bei allen Armeekorps angeordnet sind und daß diese nach Ablauf derselben über die praktischen Resultate an's Kriegsministerium zu berichten haben.
* Aus Sansibar meldet ein Telegramm, Lieutenant Prince, Offizier der deutschen Schutztruppe, habe sich mit 80 schwarzen Soldaten der Schutztruppe ins Innere begeben zum Schutze der katholischen Mission bei Mkondoa und Tunungun.
* Die .Vossische Zig.' theilt mit, die Gesammt- summe für die Befestigung Helgolands betrage angeblich 10 Millionen. Die Begründung dieser Forderung wird dem Reichstage in einer Denkschrift unterbreitet.
* An dem nationalliberalen Parteitag in Eisenach nahmen 60 Delegirte theil. In der Hauptversammlung sprach Osann-Darmstadt über die Entwicklung der Partei, feierte Bismarck's Größe, die thurmhoch über Alle hinausrage. Die Nationalliberalen hätten fortgesetzt das größte Berttauen zu ihm, ohne ihn entstehen Besorgnisse für das Wohl des Vaterlandes. Hans Blum eiferte sehr heftig gegen die Sozialdemokraten. Meyer- Heidelberg berichtete über die badischen Wahlen.
• Erfurt, 19. Oktbr. Im weiteren Verlauf des sozial - demokratischen Parteitages spricht Heine aufgeregt gegen Bollmar; die Sozialdemokratie sei keine Kampfpartei. Auerbach sagt, die Berliner Opposiüon sei der Sozialdemokratie getreueste Opposition; sie habe kein Programm, denn sie stelle sich nicht außerhalb der Partei. Die Partei klage jetzt Bollmar an, aber sie habe immer nach Vollmars Taktik gehandelt; freilich anders geredet. Man habe die Sozialdemokratie von der Bourgoi sie und der Regierung bedrängt genannt; dann müsse man die Sturmglocke läuten. Das haben die Berliner gethan. Nach der Taktik der Parteileitung toürben zielbewußte Sozialdemokraten nicht erzogen; daS wäre eine Gefahr bei dem eventuellen Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft. Die Opponenten hätten auf dem Parteitag nur sachlich diSkutirt. (Zurufe: gelogen, geschimpft!) Auerbach: Ich fühle mich nicht beleidigt. Liebknecht meint, besser gehe man mit Stürmern als mit Bremsern wie Bollmar, vor. Auerbach wendet sich sodann gegen Bebel, der unS die russische Erbfeindschaft aufokttoyiren möchte. Zum Schluß zittrt Auer-
Endlich ihre Gefühle beherrschend, sagte sie:
„Was gedenken Sie für die arme Frau zu thun, Fräulein von Buchenau?""
„Ich werde vor Allem versuchen, der Frau Arbeit zu verschaffen, mit deren Verdienst'.sie ihre Kinder ehrlich ernähren kann,"" erwiderte diese. „Die Arbeit und der daraus hervorgehende Wohlstand hebt schon an und für sich daS moralische Bewußtsein der Leute."
Elisabeth schwieg einen Augenblick, dann sagte sie: „Nach meinem Dafürhalten zerstören Armuth und Noth überhaupt daS Selbstbewußtsein. Der Mensch, bewert JbeenkreiS sich fortwährend um kleinliche, alltägliche Sorgen concentriren muß, wird schließlichInfähig, große erhabene Gedanken zu fassen. Aber wie wäre da abzuhelfen?""
„Ihr werdet allezeit Arme bei Euch haben,"" antwortete Fräulein von Buchenau. „Mit diesem Worte ist klar ausgedrückt, daß die Armuth und die Noth des Lebens überhaupt nie ganz von der Erde verschwindm wird. Aber muß nicht Jeder in seiner Art die Folgen der Erbsünde mit tragen helfen? Den Einen plagen die materiellen Sorgen des Lebens, den Anderen die unerfüllten Wünsche seines Herzens; Manche das Bewußtsein der Unfähigkeit in der Erreichung ihrer Ziele, Biele das Bewußtsein der Schuld, mit der sie den Segen des Himmels von sich abgewendet haben. Wer vermöchte da, die Hand helfend an die Leidm der
bach Lassalle, das Extreme, das Ganze, das Große ziehe die Massen an, junb eine Verkleidung gelte nicht auf dem Weltmarft. Auerbach gibt sodann die Erklärung: Werner, Boetge, Schulze, Wildberger und Auerbach stellen sich der Neunerkommission nicht. Die fünf Genannten verlassen demonstrativ den Saal. Bebel bedauert, daß Auerbach und Genossen nicht mehr anwesend seien. Hätte Auerbach immer gesprochen, wie heute, so wären Differenzen nicht vorgekommen. Vollmar habe die Fühlung mit den Parteigenossen verloren, er sei isolirt, appellire aber that- sächlich an die Ungeduld durch die schroffe Betonung des Klassenkampfs. Bollmar habe ihn (Bebel) einen opttmistischen Propheten genannt. Er nenne ihn ben schwärzesten Pessimisten. Aus lauter Vorsichtelei sei bte nationalliberale Partei zu Grunbe gegangen. Voll- mar's Taktik wäre ähnlich, sie raubte bte Begeisterung. Bollmar'S heutige Rebe sei günstiger für bie gegenwärtige Taktik als bie vorgestrige. Hätte er vorgestern ber Resolution zugestimmt, wie heute, so wäre Oertel's Anttag unmöglich geworben. Man solle bie Meinungen gegen einanber abwägen unb namentliche Abstimmung möge entscheiden. Wenn Bollmar'S taktische Vorschläge angenommen würden, würde die Rebellion sofort gegen die Delegirten entbrennen und Redner trete an die Spitze der Rebellion. Oft habe er die Freunde gewarnt : Seid nicht wie die thörichten Jungfrauen, die kein Oel auf der Lampe hatten, als ber Bräutigam kam, das heißt man solle sich nicht aus Kleinmuth überraschen lassen. Wie überraschend sei die große Revolution Frankreichs gekommen. Die Herrschenden seien heute rathlos, daS Bürgerthum in der Deroute: Wie kann die Katastrophe lange auf sich warten lasten! Die Sozialdemokratie wolle keinen Krieg, sondern Aussöhnung mit Frankreich um jeden Preis. Wehe denen, die Schuld daran sind, daß die Aussöhnung so erschwert ist. (Spontaner Beifall.) Darnach wird die Erklärung der fünf Dissidenten vom Mittag verlesen. Sie zeigen ihren Austritt aus der Partei an.
* Die Mitglieder der sozial-demokratischen „Oppa- filio»"" (Werner, Wildberger und Auerbach) haltm in Berlin morgen eine Protest - Versammlung gegen den Erfurter Parteitag ab.
* Der „Evangelische Arbeiterverein"" in Erfurt veranstaltet heute Abend eine Demonstration gegen den sozialdemokratischen Parteitag. Er hat nämlich eine große Versammlung einberufen, in welcher der Vorsitzende über das Thema: „Wir sind auch noch d a! Eine Antwort an den neuen' Propheten Bebel", Dr. Hans Blum über die neueste Programm - Taktik der Sozial-Demokratte und ein Schuhmacher über bie Taktik der Sozial-Demokratie beim jüngsten Erfurter Schuhmacher-Ausstand sprechen wollen.
* Köl», 20. Okt. Die Strafkammer sprach den Cheftedakteur der .Kölnischen Volkszeitung", Cardauns, von der Anklage, die protestantischen Lehrer der Provinz Brandenburg beleidigt zu haben, frei. ES handelte sich um die Frage der Theilnahme kathol. Kinder am protestantischen Religionsunterricht.
Menschheit zu legen! Und wie ist nicht oft glücklich zu nennen der, dessen Wunden der Hilfe Anderer überhaupt zugänglich sind!"'
„Ich hoffe, Sie zeigen mir recht oft solche Wunden," entgegnete Elisabeth. „Mir ist, als vermöchte ich nur im Wohlthun zu erkennen, daß der Reichthurn mehr als ein negatives Glück ist."
Fräulein von Buchenau erzählte ihr daraus von einer armen, gänzlich hilflosen Näherin, welche sie an demselben Tage bei einem Besuche in den armen Stabt- theilen aufgefunden hatte, und empfahl dieselbe dringmd ihrer Wohlthättgkeit.
Elisabeth gab sogleich ihrer Bereitwilligkeit zu diesem Liebesdienste Ausdruck:
„Am liebsten würde ich das arme Mädchen selbst aufsuchen," sagte sie, „aber eS fehlt mir gänzlich an der Hebung im Umgänge mit den Nothleidendeu, und ich bin beforgt, da lästig zu fallen, wo ich Gutes thun möchte."
Fräulein von Buchenau beruhigte sie, indem sie ihr Mittel und Wege angab, sich bei ihrm Schutzbefohlenen einzuführen, und fo beschloß Elisabeth, gleich am anderen Morgen ihren Samariterdienst anzutteten.
ES war ein trüber, feuchter Morgen, als sie sich, von Fräulein von Buchenau begleitet, auf den Weg zu ihrem Armenbefuch machte. Ihre Begleiterin verließ sie an der Thür eines kleinen Kramladens, ben eine