242 Mittwoch, den 21. Oktober 1891. l8. Jahrgang
Fulda er W Zeit«««
Deutsche Lehrerinnen in England.
- A ff »anbern Hunderte von deutschen Mädchen große Selbstverleugnung, hohe sittliche Kraft und volle m das Ausland und besonders nach England, um sich Hingabe an denselben. Wer zu jung nach England
Stellungen zu suchen. Immer aber noch gehen gehr, hat meist noch nicht die nöthige Reife des Cha- Vrele hin ohne die nöthrgen Vorkenntnisse oder mit......
allzu großen Erwartungen und sehen sich dann bitter enttäuscht. Die deutschen Lehrerinnen in England haben im Jahre 1877 einen Verein gegründet; dieser hat in London ein Daheim und gibt eine Zeitung heraus, „Der Vereinsbote" genannt. In diesem Vereinsboten vom August 1891 findet sich nun ein interessanter Vortrag, den Frl. Adelmann aus Speyer unlängst über die deutsche Erzieherin in England gehalten hat. Es ist gewiß von Interesse einiges aus diesem Vortrage hervorzuheben.
Vor einigen Jahrzehnten noch machten die Engländer an ihre Erzieherinnen wenig Ansprüche. Das hat sich aber inzwischen bedeutend geändert. Die Ansprüche an die Leistungsfähigkeit sind wie allenthalben auch auf diesem Gebiete bedeutend gewachsen. Früher nahm der Engländer eine Erzieherin oft nur, damit sie seine Kinder in der deutschen Sprache unterrichte. Gegenwärtig aber verlangt er von der deutschen Lehrerin ausgebreitete Kenntnisse in Geschichte, Rechnen, , ,.uu8v|Mu,t «yic. CUVU[in mit necyr, Literatur, Geographie und den sonstigen Realfächern daß die Erzieherin mit seinen Kindern stets deutsch und dann besonders gute musikalische Leistungen. Kann . ..... . <- - -
das Mädchen dazu noch Französisch und Zeichnen, um so besser für sie. Man verlangt deswegen so viel, weil viele englische Familien den größten Theil des Jahres auf dem Lande wohnen, wo weit und breit oft keine tüchtigen Lehrer zu finden sind. Daher soll die Gouvernante dann Alles leisten können. Unumgänglich nothwendig zu einem guten Fortkommen in England ist Musik und ein reines gutes Französisch. Den englischen Mädchen steht sogar die Universität offen und weil viele diese Gelegenheit benützen, um sicb höhere Kenntnisse anzueignen, so wächst damit auch der Maßstab, mit dem die Leistungen der deutschen Lehrerinnen gemessen werden. Wegen des Universitätsstudiums der Frauen wird sogar mitunter von den Gouvernanten die Kenntniß der lateinischen Sprache verlangt. Dabei muß die deutsche Lehrerin eine bedeutende allgemeine Bildung besitzen, sich natürlich und selbstständig, aber mit voller Selbstbeherrschung in guten Manieren bewegen und wenn sie das Alles leisten kann, wird ihr Jahresqehalt doch nur selten 100 Pfd. Sterling — 2000 M. übersteigen. Anfängerinnen und mögen sie noch so tüchtig sein, erhalten im ersten Jahre selten mehr als 50—60 Pfund und wenn sie nicht musikalisch sind 30—40 Pfund. Während der Deutsche die Erzieherin seiner Kinder, wo es irgend möglich ist, in die Familie aufnimmt, verweist der Engländer die Erzieherin hauptsächlich in das Schulzimmer. Ferner gehen die englischen Kinder wie mit ihren Eltern so auch mit der Erzieherin ziemlich frei um und von einer Autoritätsstellung nach unseren deutschen Begriffen wird die Erzieherin dort Vieles vermissen. Wenn man daher schon im Allgemeinen vor diesem Berufe warnen kann, so ist besonders
* Der Kaiser und die Kaiserin legten gestern, am Geburtstage weiland Kaiser Friedrichs, Kränze auf dessen Grabmal im Mausoleum der Friedenskirche zu Potsdam nieder. Bei seiner heutigen Anwesenheit in Berlin besuchte der Kaiser das von der Baugesellschaft „Eigenhaus" aufgestellte Musterhaus für eine Arbeiterfamilie und gab den Bau zweier solcher
und französisch rede und wenn die Erzieherin in dieser Beziehung ihre Pflicht thut, so lernt sie nur ungenügend Englisch. Solche Mädchen erreichen ihren Zweck viel besser in einem englischen Pensionat und auch hier dauert es mindestens ein Jahr, um die Sprache vollständig zu beherrschen, von den Feinheiten derselben ganz abgesehen. Der Verein deutscher Lehrerinnen in London hat mit dem allgemeinen deutschen Lehrerinnen-Verein und dessen 34 Untervereinen ein Abkommen geschlossen, wonach sie die offenen Stellen gemeinsam besetzen, wgs sehr vortheilhgft ist für beide Vereine. Der Londoner Verein hat bereits eine fegensreiche Thätigkeit entfaltet, besonders darin, daß die Gehalte etwas gestiegen sind und der Lehrerinnenstand in seinem Ansehen gewonnen hat. Im Daheim finden die jungen Lehrerinnen eine Heimath und mütterliche Fürsorge seitens erfahrener Kolleginnen; es wird ihnen auch in der Fortbildung und sonst gegen Vergütung der Auslagen nachgeholfen. Man kann daher den deutschen Lehrerinnen, die nach England gehen, den Anschluß an diesen Verein nur dringend empfehlen. Bureau des Vereins ist 16 Wyndtam Place Bryanston Square London W.
gehr, hat meist noch nicht die nöthige Reife des Charakters und wird leicht den vielen Gefahren, welche für junge Mädchen bei Reise und Aufenthalt sich bieten, unterliegen und dann lebenslänglich elend. Wer zu spät hingeht, wird sich niemals voll und ganz in die untergeordnete Stellung eingewöhnen, die der Engländer der Erzieherin ! zuweist. In der Regel verlangen die Engländer, ehe sie ein solches Mädchen engagiren, eine persönliche Vorstellung derselben, sie wollen ste vorher sehen und sprechen, und diese Eigenart der Engländer ist gewiß vollkommen berechtigt. Um dem zu genügen, hat der Verein deutscher Lehrerinnen in London sein Daheim geschaffen, in welchem die Mädchen gegen billige Vergütung vorübergehenden Aufenthalt genießen. Für Kost und Wohnung werden wöchentlich in einem getheilten Zimmer 18 M., in einem Privatzimmer 21—24 M. gerechnet. Noch ist zu warnen, nach England zu gehen, um dort die englische Sprache , zu erlernen. Der Engländer sucht für seine Kinder eine Ausländerin, damit diese die deutsche und französische Sprache lehre. Er erwartet mit Recht,
dringend anzurathen, nicht allzu jung und nicht allzuspät nach England zu gehen. Der Beruf erfordert
Deutsches Keich.
Berlin, 19. Oktober.
a Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(20. Fortsetzung.)
„Zwei Jahre in Frankreich, der Schweiz und Italien," wiederholte Bannstein; „da sollte man doch einige Welt- kenntniß voraussetzen."
„O, sie glaubt deren auch sehr viel zu besitzen, und sie ist überhaupt ein nettes Mädchen," erklärte Frau Ormann wohlwollend; „nur etwas überspannt und sonderbar. Ich mag sie recht gern, aber ich glaube nicht, daß sie Ihr Genre ist. Jedenfalls ist sie sehr eigensinnig. Anstatt zum Beispiel gleich zu uns zu kommen und unser Haus als ihre Heimath zu betrachten, wie wir es ihr vorgeschlagen hatten, miethet sie sich jetzt bei einem Fräulein v. Buchenau ein, einer alten Stiftsdame, die schon verschiedentlich das Ausführen von alleinstehenden jungen Mädchen übernommen hat. Ja, sie schließt, ohne uns nur zu fragen oder unsere Zustimmung einzuholen, mit diesem Fräulein v. Buchenau einen Kontrakt auf ein ganzes Jahr ab!
„Ist sie nicht minorenn?"
„Ja, aber in vierzehn Tagen ist sie einundzwanzig Jahre, und es regt mich auf, wenn ich daran denke, daß andere Einflüsse sie von ihren wohlthätigen Absichten für meine Jungen zurückhalten könnten. Es ist
schon Glück genug, daß sie nicht vor ihrer Mündigkeit von einem beutelustigen Ausländer fortgeschnappt wurde. Ueberhaupt scheinen die Herren glücklicher Weise wenig Geschmack an ihr zu finden."
„An ihrem Gelde werden sie jedenfalls mit der Zeit Geschmack finden."
„Einstweilen hat sie offenbar so zurückgezogen gelebt, daß keiner Reichthümer bei ihr vermuthet'e", plauderte die kleine Frau harmlos weiter, und dann fügte sie nachdenklich hinzu: „Unter den Persönlichkeiten, mit welchen sie verkehrte, fürchte ich am meisten einen Advokat Malier, welcher ihre rechte Hand zu sein scheint."
„Ja, mit so alten Geschäftsleuten ist schlecht Kirschen essen", warf Graf Bannstein ein, indem er mit einem vergnügten Augenzwinkern auf die mittheilsame Erzählerin herabsah: „Ich würde ihrer Schwägerin nicht zu viel trauen, wenn ich an Ihrer Stelle wäre. Böse Einflüsterungen vermögen die besten Intentionen zu erschüttern."
„Ich bitte Sie, Graf Bannstein, sprechen Sie doch nicht solch schreckliche Befürchtungen aus!" rief Frau Ormann entsetzt, beinahe weinend. „Was sollte dann aus mir — ich meine, aus uns werden, wenn sie ihre Absichten änderte? Egon würde außer sich sein, er würde mir das nie verzeihen."
r,®rf<W täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsvrecbender Rabatt Blertchahrlicher Abonnementsprers ohne Bnngerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen SonntagsbeUage .Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden'GratisbeL,« _________________________________________,Rathgeber für Landtmrthschast, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. U 6$
Häuser auf seine Rechnung in Auftrag, die er selbst besetzen will.
* Fürst Bismarck trifft dieser Tage wieder in । Friedrichsruhe ein.
* Ein nationalliberaler Parteitag fand am gestrigen Sonntag in Eisenach statt. Bei der geselligen Vereinigung am Vorabend hielt Professor Stechelt- Eisenach die Begrüßungsrede, in welcher er die Freisinnigen als die Gegner, die Sozialdemokraten und die Antisemiten als die Feinde der Partei bezeichnete. Die übrigen Reden waren mehr geselliger Natur, lieber den Parteitag selbst berichtet das ,Bureau Herold': Reichstagsabgeordneter Pieschel eröffnete die stark besuchte Versammlung mit einem Hoch auf den Kaiser und den Großherzog von Weimar. Der erste Redner, Osann- Darmstadt, spricht mit Worten warmer Anerkennung vom Fürsten Bismarck, dem Manne, der Deutschland in den Sattel gehoben, der Jahre lang seine ganze Persönlichkeit eingesetzt habe, um Deutschland in die Wege ruhiger Entwicklung zu leiten, der viel mehr als seine Schuldigkeit gethan. „Wir Alle sind diesem Manne ewige Dankbarkeit schuldig." (Lebhafter, anhaltender Beifall und Bravorufe.) Redner feierte die Partei als Abglanz und Wiederspiel « des deutschen Lebens, das sie richtig darstelle. Die Konservativen wie die Freisinnigen ständen zu sehr auf den Flügeln und verlören die Fühlung mit der breiten Masse des erwerbenden Volkes. Redner wendet sich sodann gegen das Centrum und die Sozialdemokratie. Die Agitation der letzteren fordere zu Nachdenken und thätigem Eingreifen auf. Redner bespricht sodann eingehend die inneren sozialen Verhältnisse und bittet, dahin zu wirken, daß die inneren Zerklüftungen nicht weiter um sich greifen, sondern eine Einigung erzielt werde. Die Zukunft der Partei liege nicht auf politischem, sondern auf wirthschaftlichem Gebiete. (Lang anhaltender Beifall.) Der zweite Redner, Blum, bezeichnet die ,U lt ram o nt a n en' wie die Sozialdemokraten als a n t i n a t i o n a l. Letztere seien von dem Lassalle'schen Programm, vom nationalen und gesetzlichen Wege immer mehr abgewichen. Redner bespricht eingehend die Geschichte der Entstehung des sozialdemokratischen Programms und greift insbesondere das neue, in Erfurt zur Berathung stehende an. Die Grundzüge des neuen Programms zielten ab auf schrankenlose Bethätigung des kommunistischen Prinzips, mit dem vollen Bewußtsein, die Massen dadurch zu vergiften, sie loszulösen vom Vaterlande, vom Glauben, von der Zucht und Ordnung, sie zu Revolutionären zu erziehen, die dann losschlagen sollen, wenn ein Krieg mit Frankreich und Rußland das Vaterland bedrohe. Redner empfiehlt Liebe zu den Arbeitern, aber Strenge gegen die Führer. (Großer Beifall.) Der dritte Redner, Meyer-Heidelberg, bespricht zunächst die Verhältnisse bei den badi- schenWahlen, bei denen die Partei gegen alle übrigen Parteien hart gekämpft habe. Die Freisinnigen hätten durch ihre Verbindung mit den Ultramontanen die Wiedererrichtung der Klöster und die Abschaffung der gemischten Schulen unterstützt. Redner fordert die Partei auf, lebhaft gegen die Zulassung der Jesuit en zuagitiren.
„Unsinn, einer Frau wie Sie find, vergiebt ein Mann Alles!"
„Einer Frau schon, aber nicht seiner Frau", gab sie, mit dem Kopf schüttelnd, zurück. — „Aber ich will gar nicht an solche Schrecknisse denken. Ich kenne Elisabeth, sie ist viel zu treu und wahr, um ein Versprechen zu brechen."
„Hu — ein Charakter von elastischer Strenge, wie mir scheint. Beschreiben Sie sie mir einmal. Ist sie so reizend, wie Sie selbst?"
Frau Ormann lächelte geschmeichelt, dann drohte sie mit dem Finger und sagte aufstehend:
„Sie sind unverbesserlich, Graf Bannstein. Ueber- zeugen Sie sich lieber durch den Augenschein, wieweit die Ähnlichkeit zwischen mir und meiner Schwägerin geht. Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir jetzt unsere Billardpartie beginnen. Vielleicht erwartet mein Mann uns schon. Ich spiele zwar sehr schlecht, wenn er zusieht . .. ."
„Lassen Sie mich die Gattin vor seinen kritischen Blicken schützeu, gnädige Frau!" bat Bannstein, indem er die Thür öffnete, um sie vortreten zu lassen.
12. Eine gerettete Seele.
Wie Frau Ormann bereits erwähnte, hatte Elisabeth sich, nachdem sie gebrochenen Herzens, aber doch dankbar für die letzten, ihrer Mutter gewährten Jahre