tV 241 Dienstag, den 20. Oktober 1891. 18. Jahrgang
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* Floren; als italienische Hauptstadt.
Die Vorfälle in Rom, die sich an den bekannten Dummenjungenstreich knüpften, haben wieder deutlich bewiesen, wie unhaltbar die Lage des Oberhauptes der kath. Kirche in Rom ist und müssen jedem Unbefangenen und Vorurtheilsfreien klar gemacht haben, daß Papstthum und Königthum nicht auf ein und demselben Boden existiren können. Diese Anschauung vertritt und beweist die .Germania' in einem längeren Artikel, den wir hier wörtlich wiedergeben wollen. Sie schreibt:
Florenz als italienlscheHauptstadt würde ein Glück sein für das jetzt so unglückliche Italien. „Möge", so schrieben wir auch in diesem Jahre am Vorabend des zwanzigsten September, „möge das italienische Königthum sich in Florenz etabliren, das selbst laut dem Zeugniß der papstfeindlichen,National-Ztg.' nach geographischer Lage, militärischer Sicherheit, Klima, Naturschönheit und noch anderen Rücksichten eine beffere Hauptstadt des modernen Staates Italien ist, als Rom. Die ewige Roma hat eine Wellstellung und Weltaufgabe, und gerade in ihr ist es auch der Hauptstolz Italiens. Papstthum und Königthum zusammen in Rom sind das Unglück für beide, ein Unglück auch für Rom und Italien. Millionen und Millionen Katholiken protestiren morgen wieder gegen die sacrilegische Usurpation Roms. „Pro Romano Pontiftee1" Wir führten dieses vielfältige Unglück näher aus und sagten da u. A., „auch das Königthum fühle sich nicht wohl in dem usurpirten Palais, meide Rom, sobald die Regierungsgeschäfte es erlauben, würde in Florenz, Mailand, Neapel — allenthalben — sich wohler fühlen."
Niemand hat diesen unseren Sätzen widersprochen. Die Gegner können es auch nicht, denn wir schlagen sie dann mit ihren eigenen Worten. Wie wir oben schon erwähnten, daß die ,Nat.-Ztg.' Florenz als eine in jeder Beziehung beffere Hauptstadt für einen modernen Staat überhaupt und für Italien insbesondere bezeichnete und sagte, daß nur der „historische Zauber" für Rom als Hauptstadt des Königreichs spreche, ein „Zauber", der doch auch Florenz wenigstens nicht fehlt, so hat auch die »Kölnische Zeitung' vor Kurzem noch hervorgehoben, daß das italienische Königthum sich in Rom eigentlich noch gar nicht angesiedelt habe. Der König besitze nichts, als den (den Päpsten geraubten) Quirinal in Rom und ein in der Campagna für die Jagden des Königs angekauftes Gebiet, im Uebrigen aber keinen noch so unbedeutenden Besitz; sobald die Regierungsge- schäste es erlaubten, verlaße der König Rom und gehe nach Monza u. s. w.
Daß sogleich der erste römische Kaiser, welcher Christ wurde, Rom verließ und den Sitz des Reiches nach Konstantinopel verlegte, so daß Rom aufhörte, die Stadt der
Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(19. Fottsetzung.)
11. Graf Bannstein.
Zwei Jahre sind vergangen. Aus einer der die fruchtbaren Rübenfelder durchschneidenden Waldanlagen treten soeben zwei Herren in lebhafter Unterhaltung hervor. Der Zustand ihrer verstaubten Jagdtoilette und die ihre Jagdtaschen beschwerenden Trophäen deuten an, daß sie sich auf dem Rückwege von der Hühnerjagd befinden.
In dem älteren der beiden Jäger erkennen wir Major Ormann. Sein Schnurrbart ist etwas grauer, feine Gestalt noch etwas schwerfälliger geworden, aber die Stimme, mit der er seinen Begleiter anspricht, hat nichts von dem zu seiner Dienstzeit besonders geschätzten Kommandoton verloren. Sein Jagdgenosse, ehemaliger Regimentskamerad und jetziger Hausfreund, Graf Bannstein, ist ein Mann in den 40er Jahren, von großem, muskulösem Körperbau, prononcirtem Gesichtsschnitt und dunklem Colorit.
Er sieht aus, wie Jemand, der eine reiche Vergangenheit hinter sich hat, und den die Frauen, ohne etwas Näheres darüber zu wissen, kurzweg „einen interessanten Mann" nennen.
Imperatoren zu sein und die Stadt der Päpste zu werden anfing, hatte eine üefinnerliche Begründung, die durch die Geschichte fort und fort ihre Bestättgung erhalten hat. Selbst manche liberale italienische „Patrioten", die seit Mit:e dieses Jahrhunderts mit allem, auch den unerlaubtesten Mitteln nach der,Jtalia Una' zu streben anfingen, haben dabei an eine Einverleibung der Stadt der Päpste nicht gedacht und, wo davon die Rede war, dringend davor gewarnt; sogar von Cavour liegen derartige Aeuße- rungen vor.
Religionshaß und revoluttonärer Radicalismus, die das Papstthum, diese Grundsäule von Religion und Recht und Ordnung, bewußt ins Herz treffen wollten, haben das italienische Königthum, welches ja diesen Elementen durch eigenes Thun weithin verfallen war, mehr nach Rom getrieben, als, was ja auch irrig gewesen wäre, das Bewußtsein einer politischen und nationalen Noth- wendigkeit. Für diese, sagte man sich in den besonneneren Kreisen auch der Jtalianissimi, würden gewiffe Abmachungen über die Neutralisirung des päpstlichen Gebietes und deren Sicherung vollständig genügt haben. Aber man wurde nach Rom getrieben vor Allem von denjenigen Elementen, die gegen das widerstrebende Königthum schon damals zu einer Revolutton fähig gewesen wären, und die in dem dauernden Gegensätze zwischen Papstthum und Königthum die Schädigung Beider mit Freuden sahen. So ging Viktor Emmanuel nach Rom, um es nach Möglichkeit zu — meiden! Er ist nie lange dort gewesen, viel weniger noch als König Humbert; der Boden brannte ihm dott unter den Füßen, es peinigte ihn sein — Gewiffen.
Schaden aber haben Papstthum und Königthum von der verbrecherischen That des 20. September in Hülle und Fülle gehabt. Das Papstthum nicht in seiner Weltstellung: da würde der Schaden ja erst eintreten können, wenn das Papstthum sich mit dem offiziellen Italien aussöhnte, oder sogar befreundete. Dann würde dem Papste bei jedem noch so rein kirchlichen und berechttgten Einschreiten in anderen Ländern, das dort nicht gefiele und die mit Italien nicht auf gutem Fuße ständen, vorgehalten werden, er handle als Vasall Italiens, aus italienisch- polttischep Gründen suche er andern Staaten Schwierigkeiten zu' machen. Man würde so alle nationalen und politischen Leidenschaften auch gegen die berechtigten kirchlichen Maßregeln der Päpste wachrufen, die universale Aufgabe derselben aufs Aeußerste erschweren und eventuell sogar Schismen und Abfälle schaffen.
Diese äußerste Gefahr ist nicht Wirklichkeit geworden, eben weil das Papstthum auf seiner territorialen Sou- verainetät besteht und deshalb nicht mit Italien sich versöhnt, bis dieses Rom restituitt und die freie internationale Stellung des Papstthums gesichett ist. Aber schwer ist das Papstthum sonst, abgesehen von seiner Weltstellung, geschädigt, wie tief sogar in seiner Stadt ge- demüthigt worden, z. B. durch die Giordano-Bruno- Feier und die jährlichen Skandale an der Potta Pia; an wie vielen seiner wichtigsten Bethätigungen wird es gehindert, welche schwere Leiden sind über die Kirche verhängt worden! Durch unchristliche Schulen und Beispiele und Verführungen aller Art ist das ganze italienische Volk in seinem ererbten Glauben bedroht, und immer weiter zeigen sich schon thatsächlich die Folgen.
Damit aber wird auch für das Königthum ein immer unbotmäßigeres Volk herangezogen. Anarchismus, Sozialismus, Radikalismus und Republikanismus breiten sich erschrecklich aus, die steigende wirthschastliche Roth arbeitet ihnen in die Hände, selbst in seiner auswärtigen
Den Mittelpunkt der Unterhaltung scheinen soeben wieder die mißlichen Vermögensverhältnisse des Grafen zu bilden.
„Warum heirathest Du nicht, alter Sausewind?" fragte Ormann, den Freund von der Seite anblinzelnd. „Die Freuden, die Du mir neidest, könntest Du ebenso gut selbst genießen."
Bannstein lachte.
„Häusliches Glück habe ich, wie Du weißt, nie zu schätzen gewutzt. Ich hasse jede Art von Fesseln, und wenn der alte Erbonkel nicht mit den beaux restes der Tugenden zufrieden ist, die ich ihm zu Füßen lege, so — nun um so schlimmer für ihn. Die Aussicht, einmal einen großen Besitz und 50000 Thäler Reve- nüeu zu haben, wirkt furchtbar demoralisirend auf den Charakter, besonders wenn er mit 5000 Thalern kümmerlich sein Leben fristen und dabei sehen muß, wie viel schönes Geld im Verließ eines alten Geizhalses rostet."
Ormann schritt eine Weile schweigend fürbaß, dann sagte er, stehend bleibend: „Wenn man einmal selbst Familie hat, darf man ja leider nicht mehr so flott jein, einem Freunde aus der Patsche zu helfen, aber ich weiß einen anderen Ausweg."
„Nun?" fragte Bannstein, und ein spöttisches Zucken bewegte seine Mundwinkel.
Politik ist Italien jetzt durch die römische Frage nachtheilig beeinflußt; die besten Volkselemente aber, die religiösen und konservativen, betheiligen sich am Staatsleben gar nicht, so lange dem Papstthum nicht Gerechtigkett wird. Geht das noch länger fort, dann wird das Königthum von den schrecklichsten revolutionären Ausbrüchen zuerst bedroht und dann verschlungen werden. Auch das Papstthum wird dann zuerst noch härter leiden — aber es wird gerettet werden, das Königthum aber ist vernichtet, und Italien erfährt entsetzliches Unglück.
Möge das italienische Königthum also in Florenz sich etabliren, und Rom wieder die Stadt der Päpste werden! Es giebt kein anderes Heil für Italien; Recht und Gerechtigkeit und die höchsten Jntereffen der Christenheit fordern es so. Der milde und weise Papst Leo streckt die Hand weit entgegen zu Frieden und Versöhnung!
Deutsches Keich.
Berlin, 17. Oktober.
* Ein Bund zur Hebung des Mittelstandes hat sich am 15. d. Mts. konstituirt, dessen Ziele aus folgenden Bestimmungen der Satzungen ersichtlich sind: Der Bund stellt sich die Aufgabe, „die wirthschastliche Lage der selbstständigen Handwerksmeister und kleinen Gewerbetreibenden durch Einwirkung auf die Gesetzgebung und durch Selbsthülfe zu heben und das Nationalbewußtsein des deutschen Mittelstandes zu stärken." Diese Ziele will der Bund erreichen „durch energische Agitation für Aenderung der Konkursordnung, für Beseitigung oder wesentliche Einschränkung der Zuchthausarbeit, Einschränkung des Hausirhandels, Aenderung des Submisstouswesens und Einschränkung der Gewerbefreiheit." Der Bund plant ferner die Gründung von Genossenschaften zur Anschaffung billiger Rohprodukte, von Handwerkszeug u. dgl., er will seine Mitglieder über Kreditsuchende informiien und Rechtshülfe in Prozeßsachen gewähren. Mitglied des Bundes kann jeder selbstständige deutsche Handwerker und Gewerbetreibende werden, der sich im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte befindet und sich verpflichtet, die gemeinsamen Interessen des Bundes zu fördern.
* Der Bundesr ath beschäftigt sich wie die ,Berl. P. R.' berichten, gegentoürtig mit zwei auf die Jnvaliditäts- und Alters-Verficherung bezüglichen Vorlagen. Die eine betrifft die Entwerthung der Beitragsmarken, die andere die Versicherungspflicht einer Ka- togorie von Hausgewerbetreibenden. Eine Bundesrathsvorschrift über die Entwerthung der Beitragsmarken besteht schon jetzt und bestimmt, daß die Arbeitgeber berechtigt sind, die in die Quittungskarten der von ihnen beschäftigten Personen eingeklebten Marken mit einem die Bezeichnung der Lohnklasse und Versicherungsanstalt lesbar lassenden, dünnen, horizontalen Strich zu durchstreichen. Diese Vorschrift hat sich als nicht genügend erwiesen. Die zweite der in Rede stehenden Bundesrathsvorlagen, die über die Ausdehnung der Jnvaliditäts- und Altersversicherungspflicht auf die Hausgewerbetreibenden der Tabak- und Cigarrenindustrie, beruht auf dem § 2 des Gesetzes vom 22.
„Ich weiß eine Frau für Dich."
„Und die wäre?"
„Die Schwägerin meiner Frau."
„So, sie hat also Geld, das wirst Du am besten wissen?"
„Sie hat Geld wie Heu, das kann ich Dir versichern."
„Nun, rücke sie mir einmal vor."
„Sie kommt noch vor dem Schluffe der Hühnerjagd zu uns, dann kannst Du sie sehen. Elisabeth v. Argast hat außer ihren finanziellen Vorzügen auch noch den, durchaus keinen Anhang zu besitzen. Sie hat weder Vater noch Mutter, noch sonst irgend einen Verwandten. Meine Frau und ich sind die Einzigen, welche ihr überhaupt näher stehen, und in ein paar Wochen wird sie mündig."
„Lauter nicht zu unterschätzende Vortheile", warf Bannstein in seiner übermüthigen Weise hin.
Er hatte etwas Kurzangebundenes, Rauhes in seinem Wesen, was ihm in den Augen der Damen jedoch einen besonderen Reiz zu geben schien, denn seine Aufmerksamkeiten wurden nie gleichgültig hingenommen.
Die Herren hatten, da der Abend kühler zu werden begann, ein rascheres Teuqw eingeschlagen und waren einem in parkähnlicher Umgebung gelegenen Schlößchen