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Beilage zu Nr. 240 der „Fuldaer Zeitung".

sh Wie hoch im Gaurs stehl der Mel „Kommerzienrath?“ *)

Nach dem neuesten gerichtsamtlichen Marktbericht, der sich freilich auf ein Geschäft von 1887 bezieht, könnte man sagen: 35,000 G., d. h. es hat Jemand 35,000 M. Geld dafür ausgeben wollen, aber gekriegt hat er ihn doch nicht. Ein Fabrikbesitzer und zeitwei­liger Millionär fühlt sich nämlich gekränkt in seinem Gemüthe durch die höchst prosaische und plebejische Anrede: Guten Morgen, Herr Thomas! Wie anders klingt es doch, wenn die Leute sagen: Gehorsamen Diener, Herr Kommerzienrath! Dieser Mann ohne Titel stand in pumpgeschäftlichen Beziehungen mit einem Mann ohne Mittel, dem Berliner Rektor Ahlwardt. Er vertraute Herrn Ahlwardt das Sehnen seines Herzens an, und fand ein sachverständiges Ohr. Herr Ahlwardt führte ihn zum Kaufmann Aron Meyer; Herr Meyer ließ sich 5000 M. übergeben und führte den angehenden Kommerzienrath zum Geh. Hofrath Manchs. Nachdem Herr Thomas dort 30,000 M. abgeladen hatte, angeblich zu „wohlthätigen Zwecken", versprach Hofrath Manchs, die Palastdame Gräfin Hacke für ihn zu interessiren. Im Februar 1887 war das Gesuch um den Kommerzienrathtitel eingereicht. Aber trotz der guten Schmierung kam die Karre nicht von der Stelle. Im Mai war Herr Thomas noch kein Kommerzienrath, wohl aber anderen Sinnes ge­worden. Er forderte die 30,000 M. von Herrn Manchs zurück, obschon er damals bestimmt hatte, daß sie für wohlthätige Zwecke verwendet werden sollten. Herr Manch« gab ihm in der That 20,000 M. in Konsols zurück; die andern 10,000 M. wollte er der Gräfin Hacke zu dem mehrerwähnten Wohlthätigkeits- zwecke übergeben haben. Die alte Gräfin Hacke sagte, sie wisse von gar nichts, und starb. Nun hatten der Sohn und die Gattin Manchs's, um dem Skandal vorzubeugen, Herrn Thomas die fehlenden 10,000 M. ersetzt. Aber die Geschichte wurde doch bekannt, Hof­rath Manchs mußte sich pensioniren lassen und wurde wegen Unterschlagung in Anklage versetzt. Mit ihm der Mittelsmann Aron Meyer. Derselbe war der nicht ganz unbegreiflichen Ansicht gewesen, daß er dem Titeljäger nicht umsonst seinen Dienst zu leisten brauche, hatte von den 5000 M. 3000 für sich behalten und 2000 dem Rektor Ahlwardt übergeben. Selbiger Ahl­wardt, der jetzt in Antisemitismus macht und den ganzen Handel verrathen hat, war nämlich gewitzigt und resolut genug gewesen, sich gleich bei der Einfädelung des Geschäfts einen Antheil vom Trinkgeld in Höhe von 2000 M. von Meyer versprechen zu lassen. Tho­mas behauptet aber, daß er die 5000 M. dem Meyer nur zur Uebermittelung an Manchs übergeben habe, Meyer sie also widerrechtlich sich angeeignet habe.

Als Hofrath Manchö von der Gräfin Hacke im Stich gelassen wurde, entsann er sich, die fehlenden 10,000 M. dem Polizeihauptmann Greiff übergeben zu haben. Herr Greiff konnte kein Zeugniß abgeben, weil er inzwischen gestorben war. Ein Agent Cohen bekundete aber, daß der frühere Finanzminister Bitter in Ordens- und Titelangelegenheiten mit Greiff in Verbindung gestanden und als den richtigen Weg in solchen Sachen „Greiff und Hacke" bezeichnet habe. Dabei kam die überraschende Thatsache zu Tage, daß der alte Bitter in der Noch der Wucherschulden sich an dem faulen Geschäfte dieser Art betheiligt hat.

Herr Thomas hat zum Tröste für den Verlust von 5000 M. wenigstens dm Kronenorden im Knopfloch. Er erhielt ihn 1888, aber nach seiner Ansicht nicht durch die Gesellschaft Meyer-Manchs's-Greiff-Hacke, sondern durch einen neuen Kunstgriff des findigen Hrn. Ahlwardt. Letzterer trieb einige Berliner Spießbürger auf, die eine Eingabe vom Stapel ließen, in welcher der Beruf des Herrn Thomas zum „Ordensstande" so schlagend nachgewiesen war, daß die berufenen Dekv- rationsräthe sich überzeugen ließen. Herr Thomas wurde „Ordensmann", und in Folge unglücklicher Spekulationen kam er in den nächsten Jahren dem Stande der Armuth, d. h. der unfreiwilligen, bedenk­lich nahe.

Das Gericht hat beide Angeklagte der Unterschla­gung für schuldig erkannt, hauptsächlich auf das Zeugniß des Nicht-Kommerzienraths Thomas hin, obschon das Erinnerungsvermögen dieses Herrn sich in ganz hand­greiflicher Weise als unsicher erwies. Der Schuldspruch hat riesiges Aufsehen erregt. Die Volksstimme geht zu­meist dahin, daß die Angeklagten zwar sehr verwerf­liche „Geschäfte" betrieben haben, aber der bestimmte Beweis einer rechtswidrigen Zueignung des ihnen an­vertranten Geldes nicht geliefert ist. Bei solchen licht­scheuen Abmachungen, wo man die klaren Worte zu vermeiden und mit diplomatischen Phrasen und viel­sagenden Händedrücke zu operiren pflegt, ist sehr schwer festzustellen, wozu das geopferte Geld eigentlich be- stimmt sein sollte. Wenn man auch als erwiesen an-

*) Nachdruck nicht gestattet.

Sonntag, den 18. Oktober 1891.

nehmen wollte, daß Manche die 10,000 M. in seine Tasche gesteckt, so liegt immer noch die Möglichkeit vor, daß Herr Thomas ihm Anlaß zu dem Glauben ge­geben hat, er könne sich seine Provision stillschweigend abziehen. Höchst auffallend ist es, daß Herr Ahlwardt, der Anstifter und Verräther des Handels, nicht ver­nommen worden ist. Also die strafrechtliche Frage ist unklar geblieben. Um so klarer tritt freilich die sitt­liche Jämmerlichkeit und die politische Gefährlich­keit derartiger Machenschaften zu Tage.

Dieser widerliche Fall steht leider nicht vereinzelt da. Wie man Hoflieferant wird, ist unlängst auch in recht bedenklicher Weise vor Gericht klargelegt wor­den. Der Zeuge Cohen hat jetzt zur Genüge klar ge­stellt, daß in der letzten Zeit der Regierung Wilhelm's I. von geldbedürftigen Beamten der Ordens- und Titel- Handel systematisch betrieben wurde. Herrn Ahlwardts Kronen-Ordens-Petition zeigt uns, daß ein geschickter Mann auch auf „demagogischem" Wege den Ordens­jägern lohnende Treiberdienste leisten kann. Als die Franzosen ihren Wilson-d'Limousin-Scandel hatten, warfen sich viele deutsche Pharisäer in die Brust. Ach, es ist auch bei uns in der Eitelkeitsküche schon mit sehr schmutzigem Wasser gekocht worden! Wir dürfen hoffen, daß unter den neuen Männern eine neue Wirtschaft auch auf diesem Gebiete herrscht. Aber wir werden immer Ordens- und Titeljäger ha­ben, denen kein Preis zu hoch ist, und es werden sich gelegentlich gewinnsüchtige und raffinirte Helfer finden, welche die maßgebenden Stellen zu täuschen verstehen. So lange es Pferdemärkte gibt, wird be­trogen werden, und so lange das gegenwärtige System der „Auszeichnungen" besteht, wird bestochen werden. Es giebt wohl kaum ein Land, aus dem nicht im Laufe der Jahre ein Fall von Ordens- oder Titelhandel an die Oeffentlichkeit gelangt wäre. Dagegen sind für mehr als ein Staatswesen förmliche Preistabellen bekannt geworden. Auch dort, wo man an den obersten Stellen den besten Willen und die strengste Vorsicht übt, sind bei der eigenartigen Aufgabe, die Würdigsten aus einer Millionenbevölkerung und Tausenden von Klassen aus­zusuchen, Mißgriffe nicht ganz zu vermeiden.

Einige Blätter bringen den Namen des Fürsten Bismarck in Zusammenhang mit diesem Aergerniß. Freilich hat Fürst Bismarck mit seinen Steuererlassen, mit seiner Welfenfonds-Verwerthung, seinem Dotations­system den Geist der schlichten Uneigennützigkeit sehr gefährdet. Aber um die Ordens- und Titelsachen wird er sich nicht gekümmert haben, so lange nicht ein parteipolitisches Interesse im Einzelfalle vorlag. Für seine Person war er offenbar ein Verächter aller Titel ohne Mittel und sah die Adler und Kronen lieber auf Münzen, als im Knopfloch. Auf den Herzogstitel hat er schon zu Kaiser Wilhelm I. Zeiten verzichtet, weil ihm die herzoglichen Mittel fehlten. Man ver­stand diesen zarten Wink nicht; sogar beim 70. Ge­burtstage mußte er sich an einem kleinen Rittergute von „Volkes" Gnaden genügen lassen. Fürst Bismarck paßte freilich immer mit Luchsaugen auf, daß nicht einer feiner Gegner einen Orden ober Titel erhielt, u. man könnte das vielleicht als eine Werthschätzung der Deko­rationen deuten wollen. Ich glaube aber doch, daß er über die Knopfloch- und Visitenkarten-Zierden an sich sehr freisinnige Anschauungen hatte und nur Werth darauf legte, im Kleinen wie im Großen immer klargestellt zu taffen, daß ohne ihn und gegen ihn im ganzen Staatswesen nicht das Mindeste zu machen sei.

Was ist nun zu thun, um solchen Aergernissen, wie sie jetzt enthüllt sind, vorzubeugen? Können wir nicht das Ordens- und Titelwesen abschaffen? Schwer­lich. Wenn die Fürsten sich zu dem Verzicht auf das „Auszeichnen" verstehen wollten, fo würde aus dem Volke heraus sich eine starke Gegenströmung geltend machen. Der Hunger nach sicht- oder hörbaren Ehren­zeichen ist da, er verlangt seine Befriedigung. Ob Monarchie oder Republik — die Eitelkeit und die Prahlsucht herrschen überall. In Frankreich spielt das rothe Bändchen der Ehrenlegion eine noch viel größere Rolle, als bei uns der rothe Adler. Wo man keine inländischen Auszeichnungen hat, wird mit größter Mühe und vielen Kosten auf ein ausländisches Zierstück Jagd gemacht.

Vertrauensselige Leute meinen nun, die neuesten Enthüllungen würden den Werth der Ordenstitel, und also auch die Gier darnach herabmindern. Nur nicht so stürmisch im Hoffen! Die Masse der Liebhaber von Dekorationen ist nicht so ideal angelegt. Sie wollen eine „Auszeichnung" d. h. sie wünschen ihre Um­gebung fortwährend empfinden zu laffen, daß sie mehr sind, als gewöhnliche Müllers und Schulzes, daß sie Orden oder Titel haben, den nur Leute von außerge­wöhnlichem Ansehen erlangen. Ueber den etwaigen Verdacht, daß sie dem Glanze seiner „Verdienste" durch Metall nachgeholfen haben, werden sie sich meistens leicht trösten; denn man kann auch darauf schon eitel sein, daß man genug Geld und hohe Verbindungen hat, um

so etwas durchzusetzen. Uebrigens verläßt man sich darauf, daß der Zauber eines Bändchens ober Titels auf bie große Masse mit so elementarer Kraft wirkt, um ben Leuten Lust unb Zeit zu einer nüchternen Kritik zu lasten. Die Mobebame trägt mit stolzem Behagen ihren prächtigen Haarbau spazieren, ob bie Leute an bie Echtheit glauben ober zweifeln, sie ist überzeugt, baß sie auf jeben Fall Effekt bamit macht.

Du lieber Himmel, wie kann man es einem reich geworbenen Spekulanten ober Industriellen übel nehmen, wenn er nach einen schönen Titel geizt? Wir erleben ja fortwährend, daß die Angehörigen der edelsten Be­rufe auf der höchsten Bildungsstufe mit dem kräftigsten sittlichen Ernst die Titelfrage für ihren Stand erörtern, eine Vermehrung der Zahl der titulirten „Räthe" be­treiben, mit Eifersucht über die Gleichheit der Titel­schönheit mit den anderen Ständen wachen, über jede dekorative Errungenschaft für die eigene Person eine kindische ober wenigstens weibische Freude empfinden. Es muß wohl das Ordens- und Titelwesen zu den unveräußerlichen Schwächen der menschlichen Natur gehören.

Mögen die berufsmäßigen Seelenfvrscher das große Räthsel lösen, warum gerade diejenigen Titulaturen den schönsten Klang haben, hinter denen nichts Reelles steckt, wie z. B. der Rathstitel für Leute, die Niemand um Rath zu fragen gedenkt, und warum diejenigen Ördenszeichen so hoch geschätzt sind, bie gar keine orbensähnliche Vereinigung von Menschen anbeuten, fonbern nur mit Abbildern von Steinen aus ber Ruine eines früheren korporativen Baues sich vergleichen lassen.

a Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(18. Fortsetzung.)

10. Wendung des Schicksals.

Elisabeth war mit ihrer Mutter in den häuslichen Kreis zurückgekehrt. Sie hatte die Pflichten wieder aufgenommen, die bis zu dem jetzt vollzogenen Wende­punkte ihres Schicksals ihr Leben ausgefüllt hatten. Und gern würde sie Alles, was diese Zeit an schmerz­lichen Erinnerungen in sich schloß, aus ihrem Gedächt­nisse verwischt haben, wenn die Noch und Sorge ihrer Mutter sie nicht immer wieder gezwungen hätte, den Blick ängstlich dorthin zu richten, wo mit dem Schuld­bewußtsein auch die Hoffnung auf augenblickliche Ret­tung verknüpft war.

Vier Monate waren in banger Erwartung einer Entscheidung verflossen, die, wie sie auch ausfallen moch­te, kein wahres Glück für sie bedeuten konnte, da wur­de ihr eines Morgens der folgende Brief gebracht:

„Sehr verehrtes gnädiges Fräulein!

Es wäre mir angenehm, wenn Sie Dienstag Mit­tag bei mir Vorkommen könnten. Ich habe Ihnen verschiedene Dozumente vorzulegen. Im Falle Frau von Argast nicht verhindert ist, wäre mir ihr Mit­kommen sehr erwünscht.

Mit ausgezeichneter Hochachtung

A. Walter."

So war denn ihr Schicksal besiegelt! Eine neue Seite im Buche des Lebens war umgeschlagen, unb wie schwer würbe es, mit dem Schulbbewußtsein im Herzen, bie ersten Schritte in bie lächelnde Zukunft hinaus zu wagen!

Herr Walter war offenbar hoch erfreut, feiner jun­gen Freundin am Mittage die Eröffnung machen zu können, daß sich kein Testament vorgefunden habe, unb sie baher laut ben gesetzlichen Bestimmungen bie nächste Erbin ihres Onkels sei. Dann nannte er ben Betrag des Vermögens, so weit sich dasselbe bis jetzt schätzen ließ.

Die Summe war so hoch, so alle Erwartungen übertreffend, daß Elisabeth einen Augenblick wie ver­steinert stehen blieb. Sie hatte ihrer Mutter aus ber Noth helfen, den Ihrigen eine Verbesserung ihrer Lage verschaffen wollen. Der Gedanke aber, daß mit ber Erfüllung dieses Wunsches auch die Verantwortung für ein großes Vermögen verbunden sein könne, war ihr nie in den Sinn gekommen. Die Folgen ihrer That schienen jetzt plötzlich ins Riesenhafte zu wachsen, und das Gefühl der Schuld war überwältigender denn je zuvor.

Der ünertoartete Eindruck, welchen feine Mitthei­lungen hervorriefen, konnte Herrn Walter nicht ent­gehen.

„Mein gnädiges Fräulein, man sollte eher glauben, Sie hätten ein Vermögen verloren, als eins gewonnen", sagte er, verwundert in ihr verstörtes Gesicht blickend.

Elisabeth entschuldigte sich mit der durch bie Höhe des Betrages hervorgerufenen Ueberraschung und fragte bann, ob es nicht möglich fei, ihre Neffen zu Miterben zu machen. Herr Walter erklärte ihr, baß bies erst nach ihrer Mündigkeitserklärung statthaft fei, tröstete sie aber gleichzeitig mit der Aussicht auf eine Revenue,