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JW 240 Sonntag, den 18. Oktober 1891. 18. Jahrgang

Fuldaer M Zeitung

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3MS" Hierzu eine Beilage. "WIE

* Der evangelische Kund

hat sich auf seiner jüngsten Jahres-Versammlung wieder­um sehr eingehend und mit dem ihm eigenthümlichen Mangel an Takt- und Anstandsgefühl mit Angelegen­heiten der katholischen Kirche befaßt. Das ist eine alte Geschichte, und ehe es anders werden kann, muß der Bund erst aus seiner Haut fahren. Wie es m den Wald hereinruft, ruft es auch hinaus, und den gütigen Bemühungen des im Evangelischen Bund verewigten Bruchtheils der protestantischen Bevölke­rung um das Wohl ihrer katholischen Mitbürger wird stets die Antwort entgegenschallen: Fegt doch vor euerer eigenen Thüre!

Einen passenden Anknüpfungspunkt bietet die dritte Resolution der Jahres-Versammlung. Sie verlangt eine Reform des Geschichts-Unterrichts, um „den Zu­sammenhang aufzudecken, der zwischen der deutschen Reformation und der seitdem begonnenen geistigen Wiedergeburt unseres Volkes besteht". Fragen wir dieserhalb bei Herrn Liebknecht an. Der wird uns nach seinem Begriff von „geistiger Wiedergeburt" sagen: Seht nur hin auf die Vis Millionen sozial­demokratischer Wähler, die zum weitaus größten Theile „evangelischen Glaubens" sind: das sind geistig „Wieder- geborene". Die radikale Masse weiß nichts von einem Gott, sie läßt ihre Nachkommenschaft nicht taufen, „pfeift" auf alles Kirchenthum. Im Schatten des Protestantismus wuchert die Sozialdemokratie am mächtigsten empor, Cand. theol. Paul Göhre sieht ihren Sieg voraus und sängt schon an, zu kompromit- tiren. Die Entwickelung von Luther bis Bebel ist ja großartig und höchst lehrreich, ein glänzendes Thema für den „reformatorischen" Geschichts-Unterricht, der doch von 1517 bis 1891 sich erstrecken muß.

Wir gehen weiter und sehen uns in Berlin um, wo ja, wie Stöcker sagt, „alles protestantisch ist bis auf die Knochen." Nun, wir haben ja eben durch den Mordprozeß Heinze einen tiefen Blick in das Berliner Leben thun können. Verdorbener ist keine Großstadt der Welt, das ist das Urtheil, welches selbst in der Berliner Presse wiederklingt. Die „Moral der Redemptoristen", gegen welche sich der Bund in einer besonderen Resolution ereifert, trägt daran doch keine Schuld! Die Angeklagte, Prostituirte Heinze, sagte ein Mal zu dem Präsidenten: „Nun, dem Zeugen werden sie doch wohl nichts glauben, der ist ja nicht 'mal evangelisch, der ist ja katholisch." Sie hat also doch „Zeugniß abgelegt." Will der Evangelische Bund ihr dafür keine Prämie aussetzen?

Hier wäre das wahre „Rhodus" für den Bund, wo er „tanzen" könnte. Warum schickt er seine Hetz­apostel nicht nach Berlin, die Sozial-Demokraten zu bekehren, die Freisinnigen in das Bekenntniß zum „ein­geborenen Sohne Gottes", wozu er dies Mal, plötzlich die Fahne seiner Orthodoxie heraussteckend, geschworen hat, einzuführen? Auch die National-Liberalen, ja selbst viele Konservative antworten auf die Gretchen- srage: „Wie hältst du's mit der Religion," recht aus­weichend.

Die im Prozeß Heinze bloßgelegte unglaubliche Verworfenheit „verunehrt" nach allgemeiner Anschauung unser Vaterland. Dem Bunde aber verschwinden alle schweren Schäden, die auf Deutschland lasten, gegen die Ausstellung des hl. Rockes in Trier. Er übersieht Vieles, sein ceterum censeo ist, daß die katholische Kirche zerstört werden muß.

Vielleicht wird mancher „gutmüthige" Mensch denken, wenn wir dem „Evangelischen Bund" den Mordprozeß Heinze zu Gemüthe führten, um ihn aufmerksam zu machen, auf diesem Gebiete seine Thätigkeit zu ent­falten, so faßten wir ihn doch ein Bißchen hart an. Man ist in katholischen Kreisen eben recht zartfühlend. Auf der andern Seite ist man viel rücksichtsloser. So schrieb z. B. ein angesehenes Organ — nicht des „Evangelischen Bundes", sondernder konservativen Partei — der .Reichsbote', vor einigen Tagen wört­lich: „Das Papstthum ist tolerant bis zum Exzeß in sittlicher Beziehung, wie die Geschichte desselben beweist, aber ebenso intolerant in religiöser, soweit es die Geltung der Macht des Papstes betrifft. . . . Nicht die christliche Wahrheit, nicht das Heil der Seelen, nicht Pflanzung und Pflege von christlicher Frömmigkeit und Sittlichkeit steht, wie die Geschichte lehrt, bei dem Papstthum im Vordergrund, sondern die Erhaltung,

Sicherung und Ausbreitung seiner Herrschaft." Hier wird also die Unsittlichkeit direkt auf das Papstthum geschoben.

Der „Altkatholik" Weber hat nun ja auch in Kassel seinen Knix gemacht. Er war jedenfalls der unge­fährlichste bei der ganzen Gesellschaft, denn seine Ge­treuen schmelzen zusammen wie der Schnee vor der Märzsonne. Daher kann er auch uns nicht aufregen, es kommt uns nur spaßig vor, daß er so ein „alter" Katholik sein will, und deshalb gerade die Todfeinde der katholischen Kirche aufsucht. Was soll man aber von diesen Bündlern halten, die lange schon vor 1870 mit tödlichem Hasse gegen den Katholizismus an­kämpften und jetzt einem „alten" Katholiken zujubeln! Gesetz den Fall, 1870 wäre das Unfehlbarkeitsdogma nicht proklamirt, so würden sie heute gerade so fanatisch sein, wie sie sich jetzt gezeigt haben. Aus diesem Grunde bezweifeln wir auch, daß es „evangeli­sche Glaubenstreue" ist, welche die Bündler so animirt, sie jauchzen Jedem zu, wer es auch sein möge, der ihnen mithilft.

Und was ist schließlich der Grund? Es ist die Verzweiflung über den inneren Gang des Pro­testantismus, über seine Selbstanflösung, und dabei die Furcht vor der katholischen Kirche. Auch in Betreff Trier's ärgert man sich weniger über die Ausstellung selbst, als über den großen Besuch. In allen pro­testantischen Ländern der ganzen Welt nimmt das Kirchenthum einen hippokratischen Zug an, die Massen werden untreu, die Prediger stehen immer isolirter da. Sie predigen vielfach vor halb leeren Bänken oder auch vor ganz leeren. In den „glaubentreuesten" Dörfern von Pommern und Mecklenburg muß nicht selten der sonntägliche Gottesdienst, der einzige in der Woche, wegen Mangels an Besuchern ausfallen. In Berlin gibt es wenige protestantische Kirchen, die Markusge- meinde hat z. B. eür 160,000 Seelen nur eine. Aber das Stöcker'sche ,Volk' sagt von dem Berliner Kirchen­besuch, statt Tausenden von Menschen finde man in den Kirchen häufig nur hundert oder gar ein halbes Hun­dert. Man redet so große Dinge von der „Stöcker'schen Bewegung". Das Publikum freut sich über seinen Anti-Semitismus, wenn aber auch nur die Mehrheit der Konservativen und Anti-Semiten die Kirche besuchte, so würden sie bis zum Brechen voll sein.

Die jungen Berliner Prediger klagen, wie auf der Stadt-Synode gesagt wurde, über Mangel an Arbeit. Glauben wir schon! Selten kommt Jemand, der des Rathes des „Seelsorgers" bedürftig ist. Statt in den Kirchen sucht man geistige Erquickung in den Theatern, und bei den heftigsten theologischen Parteikämpfen bleibt das Volk kalt. Ob Orthodoxe, ob Liberale siegen, das Volk behandelt die Streitfrage wie der „Elephant vom Senegal", dem die Sache „ganz egal" ist. Nun wird das letzte Mittel versucht: die Hetze gegen den Katholizismus. Von diesem Standpunkte muß man die Thätigkeit des Evangelischen Bundes auffassen. Aber welches Maß von Blindheit gehört dazu, um von solchem Treiben Heil für den Protestantismus zu erhoffen! _____________________(K. V. Z.)

Deutsches Keich.

Berlin, 16. Oktober.

* Der Kolonialrath ist auf den 21. d. zusammen­berufen. Den Mitgliedern desselben sind bereits zuge­gangen die Etats für Kamerun, Togo und Südwest­afrika und der Entwurf einer Zollordnung für Ost­afrika. Die Etats von Kamerun und Togo balanciren, für Südwestafrika wird dieselbe Summe wie im Vor­jahre gefordert, für Deutsch-Ostafrika wird ein Pausch­quantum verlangt.

* An der deutsch-astafrikanischen Küste sollen einer Depesche der,Times' ans Sansibar zufolge die Zustände nicht zufriedenstellend sein. Es soll daselbst Unbehagen und Ungewißheit darüber herrschen, welche Maßregeln von der Regierung gegen die feindseligen Stämme er­griffen werden dürften.

* Die neugeschaffene Stelle eines Oberrichters in Deutsch-Ostafrika soll, der Berliner ,Börsenzeitung' zu­folge, Legationsrath Sonnenschein übernehmen. Der­selbe begibt sich schon in den allernächsten Tagen an seinen Bestimmungsort. Legationsrath Sonnenschein ist berufen, dem Gouverneur die Geschäfte des Richters zweiter Instanz abzunehmen und demselben bei der obersten Verwaltung zur Seite zu stehen.

* Der Reichskanzler hat beim Bundesrath die probe­weise Verwendung von Ouittungskarten der Jnvalidi- täts- und Altersversicherung aus einem neuen Stoff

unter Vertheilung derselben auf einzelne Versicherungs­anstalten beantragt.

* Onno Klopp, der Geschichtsschreiber und Politiker, feierte am 9. d. M. seinen 70. Geburtstag. Onno Klopp ist unter den Katholiken besonders bekannt durch seine glänzende Ehrenrettung des viel verunglimpften Feldherrn Tilly. Er schrieb dieselbe noch als Protestant, und jetzt in zweiter Auflage will er sie zu einer Geschichte des dreißigjährigen Krieges erwei­tern, von welcher der erste Band bei Schöningh in Paderborn bereits erschienen ist. Onno Klopp ist am 9. Oktober 1821 in Leer in Ostfriesland geboren, ver­ließ 1866 mit seinem Königshause seine Heimath Han­nover und lebt jetzt in Wien, wo er in den Schooß der katholischen Kirche zurückgekehrt ist. Seine histori­schen Werke umfassen eine Reihe von Bänden, und auch in Zeitschriften entfaltet er in verschiedenen Fragen eine fruchtbare Thätigkeit. Möge Gott dem bewährten Manne noch lange Jahre die bisherige Frische und Arbeits­freudigkeit erhalten, vor Allem zunächst zur Vollendung des oben erwähnten, groß angelegten, auf gründlichen Studien beruhenden und glänzend geschriebenen Werkes über den bisher zum Theil noch vielfach fabelhaften dreißigjährigen Krieg! (Germ.)

* Am 27. d. M., als am Tage der Kapitulation von Metz, veranstaltet die militärische Gesellschaft eine größere Festlichkeit zum Gedenken an den Prinzen Friedrich Karl. Der Kaiser hat sein Erscheinen zugesagt.

Eine einheitliche Saatenstandsberichterstattung. Die Handelskammer Mannheim hat an den Reichskanzler eine Eingabe gerichtet, in der sie eine einheitliche Saatenstandsberichterstattung für ganz Deutschland fordert. Sie weist in dieser Eingabe, die sie den übrigen deutschen Handelskammern zur Unterstützung zugesandt hat, nach, daß die Verschiedenheit, mit der diese Be­richte heute in den einzelnen Bundesstaaten eingeholt werden, einen einheitlichen Ueberblick über den jeweiligen Stand der Saaten nicht zulasse, und dies um so weniger, als das Verfahren der Veröffentlichung heute ein ganz unzureichendes sei. Eine rasche und möglichst stetige Information aller an einer so wichtigen Frage, wie sie die Ernährung der Bevölkerung sei, betheiligten Gruppen und Organe sei unerläßlich.

* Aus Myslvwitz wird gemeldet: Seit gestern ist russischerseits die Ausfuhr von Kartoffeln nach Preußen, vom 28. Okt. ab die Ausfuhr von Weizenmehl- brod verboten.

* Gegenwärtig halten die deutschen Sozialdemokraten in Erfurt einen Parteitag ab. Es handelt sich hier hauptsächlich um die Feststellung des neuen Programms. Der Entwurf desselben ist radikaler, als das bisherige Programm, indem er ausschließlich auf der Grundlage der Marx'schen Lehren beruht. Das bisherige Pro­gramm war Compromiß-Arbeit, es enthielt zahlreiche Anklänge an den Lassalleanismus, die nun beseitigt werden sollen. Gemildert wird der Programmentwurf in Erfurt sicherlich nicht werden, eher verschärft. Die Auseinandersetzungen zwischen den „Alten" und „Jun­gen", welche Letztere die Fraktionstaktik eines in der Form maßvolleren Auftretens verwerfen und deshalb die „Alten" scharf befehden, darf nicht darüber täuschen, daß mit der Annahme des Programmentwurfs die So­zialdemokratie die letzten Fäden zerreißt, welche zwischen ihren Bestrebungen und der heutigen Gesellschaftsord­nung bisher etwa noch vorhanden waren.

* Aus Lunten meldet ein Telegramm: Kriminal- Kommissar Wolf aus Berlin verhaftete die des Knabenmordes verdächtige Familie Buschohoff, Ehepaar und Tochter. Die Verhafteten wurden nach Kleve in Untersuchungshaft abgeführt.

* Karlsruhe, 15. Okt. Die Todesnachricht, welche ans Baden kommt, ruft die Erinnerung an die schlimm­sten Zeiten und Zustände dieses Landes wach: Jolly, der frühere badische Ministerpräsident, ist am Mittwoch Mittag in Folge eines Schlaganfalles plötzlich gestorben. Im Allgemeinen soll man — und es ist das ja auch eine löbliche Sitte — von den Tobten nur Gutes reden; aber wir müssen gestehen, daß es schwer, wenn nicht unmöglich ist, dieser Auf­gabe am Grabe Jolly's gerecht zu werden; denn all' das Unglück und der schwere Nachtheil, welche der badische Kulturkampf dem so arg heimgesuchten Lande gebracht hat, sind mit dem Namen dieses Mannes für alle Zeiten untrennbar verbunden. Nicht genug, daß Baden vom Kulturkampf aufs Schwerste heimgesucht wurde: Jolly hat diesen Kampf, soviel an ihm lag,