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JM 238

Freitag, den 16. Oktober 1891.

18. Jahrgang

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Zeitung

Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(16. Fortsetzung.)

9. Der Versuchung erlegen.

Elisabeth stand zitternd und keines Wortes fähig vor der Leiche des Dahingeschiedenen.

Ihr alter Freund ermunterte sie noch einmal: „Gehen Sie", sagte er freundlich. „Schicken Sie mir den Arzt und dann ziehen Sie sich felbst zurück. Alles, was jetzt bevorsteht, wird Sie zu sehr angreifen."

Sie folgte mechanisch seiner Weisung, dann ließ sie sich in dem Nebenzimmer nieder, wo die Gedanken über das soeben Erlebte mit voller Wucht auf sie ein­stürmten.

So hatte denn ein armes, unfruchtbares Dasein sein Ende erreicht. Ja, arm und unfruchtbar, denn was hatte es zurückgelassen? Keine liebevollen Erinne­rungen, kein Glück, keinen Segen, der auf seinen Hinter­bliebenen ruhte, kein Dankeswort eines Mitbruders, dem er mit seinem Reichthum auf dem Lebenswege ge­holfen hätte — nichts als kaltes Gold, Gold, das, wie sie wußte, in die Hände eines Fremden übergehen würde, der desselben nicht bedurfte. — O, sie durste Nicht denken an dieses verachtete Gold, das von ihr

M. Eine sozialdemokratische Kirchen- und Kulturgeschichte.

ii.

In unferm ersten Artikel über die Falk'sche Schrift: „Die Kirche und der Sozialismus" haben wir die „wissenschaftliche" Methode und die Fachkenntniß des Verfassers beleuchtet. Es ergab sich daraus ein Urtheil über den Werth des Schriftchens, das uns der Mühe weiterer sachlicher Kritik überhebt. Beweise für die heilsame Thätigkeit der Kirche beizubringen, ist ja so­zialdemokratischen Forschern gegenüber (verschwindende Ausnahmen abgerechnet) ohnehin verlorene Liebesmühe, da alles, „was für die katholische Kirche und ihre Ver­treter günstig ist," mag es noch so eingehend bewiesen werden, bei ihnen „Mißtrauen hervorruft und dem Verdachte der Parteilichkeit keineswegs mit Unrecht begegnet." (S. 42.) Sie rühmen es zwar an der echten Wissenschaft, daß sie „von der Beobachtung der natür­lichen Dinge ausgeht und sich, statt an vorgefaßte Meinungen, an die Ergebnisse vernünftigen Nachdenkens hält" (S. 85); aber wie sie bei Vertheidigung ihres .Zukunftsprogramms mit „unerhörten, riesenhaften Faktoren" rechnen, die erst die Gesellschaft aus ihrem Schooße zu entwickeln hat, so legen sie auch bei Er­forschung der Vergangenheit ihre „vorgefaßten Meinungen" zu Grunde, nach welchen dann mit Bei­hülfe der Phantasie die „natürlichen Dinge" beurtheilt und zurechtgelegt werden. Fatal aber ist es doch für eine Wissenschaft, selbst für die sozialistische, wenn sie mit sich selbst in Widerspruch geräth; und darum möchten wir Herrn Falk auf einige Punkte in seinem Werke aufmerksam machen, die schwerlich diesem Vorwurfe sich entziehen dürften.

Er unterscheidet scharf zwischen dem Urchristen- '1hum, dessen Glieder Kommunisten und „Demokraten reinsten Wassers" aewei-- r^lu ruULiy '

vte „etwa im 2. Jahrhundert nach Chrlsti Geburt das .Licht der Welt erblickt hat." (S. 28.) Ersteres über­häuft er mit Lobsprüchen, letztere mit den allerstärksten Schmähungen. Nun schreibt er aber S. 63: „Die Kirche ist zu keiner Zeit für die Aufhebung der Skla­verei eingetreten, schon die Apostel und deren früheste Nachfolger dachten nicht daran, die Sklaverei zu beseitigen, ja der Apostel Paulus erklärte sich sogar entschieden.gegen deren Aufhebung." (S. 63.) Wie stimmt diese Beschuldigung zu der „gesunden, so­zialdemokratischen Organisation" der ersten Christen­gemeinde, in der schon „die soziale Revolution an die Pforte des römischen Weltreiches pochte?" (S. 91.) Auf der anderen Seite muß er die sozialen Leistungen des Christenthums auch sür die spätere Zeit ausdrück­lich anerkennen: „In dem von Proletariern aller Art, insbesondere auch von Bettlern strotzenden Rom war im ganzen 3. Jahrhunderte kein christlicher Bettler zu finden, und selbst zur Zeit des Kaisers Julian des Abtrünnigen (also 361—363) waren nach dessen aus­drücklichem Zeugnisse unter den Christen keine Bettler." (S. 57.) Also hat doch auch „die Kirche" des 3. und 4. Jahrhunderts auf sozialem Gebiete etwas geleistet! — Noch besser! Im Anfänge des 4. Jahrhun­

derts wurde die Kirche noch mehr verdorben, indem „die herrschende Priesterschaft das Christen- thl'm selbst in allen seinen Grundbedingungen preisgab und verrieth" (S. 59.); die Kirche wurde unter Kaiser Konstantin Staatskirche und verbündete sich „mit der schlechtesten Regierung, die es je gegeben hat, ohne auf diese irgendwie b essernd einzuwirken, sich vielmehr der schlechten Staatsgewalt anpassend und ihr in der Unterdrückung und Knechtung und Ausbeutung der zu allem Guten beanlagtenVolks­massen helfend." Aber gehören denn nicht der hl. Basilius, der hl. Ambrosius, der hl. Hieronymus, die Falk (S. 56) als laute und entschiedene Vertreter des kommunistischen Urchristenthums (d. h. in Wirklichkeit als eifrige Beschützer und Anwälte der Armen) preist, auch zu der herrschenden Priesterschaft? Und diese Männer lebten und wirkten alle nach Konstantin, in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts! Ja, in der oben angeführten Stelle hat ja Falk selbst aner­kannt, daß noch unter Kaiser Julian die Kirche durch ihre Mildthätigkeit jede drückende Armuth in ihrem Schooße beseitigt hatte; und da soll schon zu Anfang des 4. Jahrhunderts das Christenthum in seinen Grund­bedingungen preisgegeben und in eine Anstalt zur Aus­beutung der Volksmassen verwandelt gewesen sein?

Anderswo (S. 73) behauptet Falk, die Kirche habe das Große und Gute, das in ihr auftauchte, entweder gleich ignorirt resp. unter die Füße getreten oder es für eine kurze Zeit gewähren lassen, um es später um so sicherer dem Verderben zu überliefern. „Wir brauchen nur," fährt er fort, „in die Kirchengeschichte hmeinzugreifen, um sprechende Beweise für unsere Be­hauptung zu finden." Und welches sind diese Beweise? Der Griff in die Kirchengeschichte ist nicht besonders glücklich gewesen; denn er hat nur einen „Beweis" zu Tac^e gefördert, und der^beweist gerade das Geaenjbeil. großen und guten Gedanken" hervor, groß und gut wegen seiner Aehnlichkeit mit dem kommunistischen Ur- christenthum und wegen der Proklamirung des Prin­zips freier Arbeit. Aber, fo fragen wir, hat denn die Kirche dieses Mönchthum achtlos übersehen oder unter die Füße getreten? Haben „die maßgebenden Vertreter der Kirche, die höhere Geistlichkeit, es für eine kurze Zeit gewähren lasten, um es später um fo sicherer dem Verderben zu überliefern ?" Das wagt selbst Falk nicht zu behaupten; er versteigt sich nur zu der allerdings auch phänomenalen Aufstellung, das Klosterwesen habe, weil es eben das Allerbeste am Urchristenthum, „die Gedanken- und Gewissensfreiheit" nicht in sich ausge­nommen, schließlich doch nichts für die Gesammt- menschheit Nutzbringendes und für die Dauer Großes geleistet! Aber, daß die maß­gebenden Vertreter der Kirche das Ordenswesen behin­dert und geschädigt hätten, dafür erwarten wir ver­gebens einen „sprechenden Beweis!" Jedes Blatt der Kirchengeschichte würde eben das Gegentheil, die Für­sorge der Kirche für die Orden, auf's klarste beweisen.

Ihren Gipfel erreicht die Schmähsucht des Ver­fassers am Schlüsse seiner Schrift. Er ruft der Kirche zu (S. 91): „Euresgleichen haben alle Zeit denMäch- doch mit so heißem Verlangen erhofft worden war — oder verwerfliche, schlechte Gedanken würden ihre Seele überwältigen!---

Der Arzt hatte den Todtenschein ausgestellt. Herr Walter trat zu Elisabeth. „Mein liebes Fräulein," sagte er, „ich glaube, es wird Ihnen jetzt am liebsten sein, nach Hause zu gehen."

„Nach Hause zu gehen," wiederholte Elisabeth lang­sam; „nein, ich will hier bleiben. Mein Onkel war nie unfreundlich mit mir, und ich will ihn nicht ver­lassen, bis er begraben ist. Aber vielleicht könnte meine Mutter zu mir kommen?"

„Gewiß, ich will selbst bei ihr vorsahren und ihr das Nöthige mittheilen."

„Morgen Vormittag komme ich wieder, um dort in dem Bureau nach den hinterlassenen Papieren Ihres Onkels zu sehen. Einstweilen habe ich es für gut be­funden, seine Schlüssel an mich zu nehmen."

Elisabeth dankte ihm mit Thränen in den Augen für seine Umsicht, und er fuhr fort: „Seien Sw über­zeugt, mein liebes, gnädiges Fräulein, daß mir selten, vielleicht nie, etwas so leid gethan hat, als meine gestrige Abwesenheit. Meine einzige Hoffnung stützt sich jetzt darauf, daß Ihr Onkel seinen letzten Willen ver­nichtet hat und so ohne Testament gestorben ist."

„. . ..... ..Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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tigeu und Herrschenden, auch den verruchtesten unter ihnen, Häscher- und Henkerdienste geleistet .... Das Monument, das ihr euch aere perennius, dauerhafter als Erz, gesetzt habt, trägt auf den Quadern grauen­vollen sozialen Elendes und unsäglicher politischer Schmach in den euch gehörenden anderthalb Jahrtausenden die Krone der Lächerlichkeit eurer Wissenschaft, der Astro­logie, der Alchemie und der Scholastik", (sic!) Bahn frei! Glauben Sie wohl, Herr Falk, daß Sie mit solchen wahnsinnigen Kraftsprüchen gegen­über einer Macht, wie die Kirche es ist, bei vernünf­tigen Menschen etwas Anderes Hervorrufen können als ein mitleidiges Lächeln? — Und nun die Jdealge- stalt der Sozialdemokratie, „vom Scheitel bis zur Sohle geharnischt", und doch die Arme ausstreckend „nach allen Mühseligen und Beladenen, auch nach den armen Verirrten eures niederen Klerus, eurer unglücklichen Mönche und Nonnen, die bisher zeitlebens nur dazu da waren, den Großen und Gewaltigen der Kirche die Schuhriemen zu lösen" — wer sollte da nicht gerührt werden! — „Wie kann uns in diesem Erdenleben scheiden, was, wie ihr selbst glaubt, außerhalb der Schranken desselben liegt?" so ruft Herr Falk den Gläubigen zu; ja er prophezeit: „Wenn es ein Jenseits gibt, dann werden wir, sobald unser Stündlein gekommen ist, unvergleichlich besser vorbereitet als ihr und getrosten Gemüthes |tion dieser schönen Erde Abschied nehmen." (S. 92.) Ein kühnes Wort, Herr Falk, nachdem Sie kurz vorher versichert, daß Sie all' Ihre Kraft auf die „schöne Erde" und auf das diesseitige Leben, „das einzige, dessen wir sicher sind", konzentriren wollen; denn wie können Sie da von Vorbereitung auf das Jen­seits sprechen!

Sie proklamiren: „Veredelung Alles dessen, was trSnt" , v hftfi SlVÄ t> 4 t **

als das Göttliche zur Geltung bringen wollen. Aber wir erinnern uns zu gut an das, was Bebel über das „rein Menschliche" im Gegensätze zu den „herrschenden ungesunden spiritualistischen Anschauungen" vorgetragen hat, an seine Aeußerungen über die Befriedigung der Naturtriebe (die Frau S. 59, 60), als daß wir nach einer folchen Veredelung begierig sein könnten. Sie proklamiren „liebevollste Pflege der Kunst", „partei­losen und rückhaltfreiesten Ausbau der Wissenschaft"; aber die bisherigen künstlerischen Leistungen der sozial­demokratischen Bühne, auf der Sie den Arbeiter mit der Mistgabel gegen den Gutsherrn aufmarfchiren lasten, geben uns von Ihrer „liebevollen" Kunstpflege einen eigenartigen Vorgeschmack; und was von der Partei­losigkeit Ihrer Wissenschaft zu halten ist, das haben Sie selbst durch Ihre Tendenzschrift in einer Welfe klargelegt, die jedem vernünftigen Menschen die Augen öffnen muß.______

Deutsches Deich.

Berlin, 14. Oktober.

* Am Sonntag, dem Geburtstage weiland Kaiser Friedrichs wird in Gegenwart des Kaisers, der

Warum das?" fragte Elisabeth gedankenlos. Sie war zu erschöpft an Geist und Körper, um seinen Ge­danken rasch folgen zu können.

„Weil es ein großer Vortheil für Sie wäre, denn Sie würden in diefem Falle feine nächste Erbin fein, erklärte Herr Walter; und als sie wie abwehrend den Kopf schüttelte, fuhr er fort: „Nach meinem Wlssen hat der Verstorbene bereits drei oder vier Testamente verworfen; was liegt daher näher, als der Gedanke an eine Wiederholung dieses Vorganges, besonders wenn man die letzten Aeußerungen Ihres Onkels in Anschlag bringt."

Elisabeth hatte den letzten Worten mit wachsender Spannung gelauscht. Es war, als ob sie sprechen wollte, aber eine innere Gewalt schnürte ihr die Kehle zu­sammen, und sie vermochte nur starren Blickes vor sich hinzuschauen, während ein Kampf nie geahnter Gefühle in ihr vor sich ging. Herr Walter beobachtete mit Be- sorgniß ihre innere Aufregung. Er erhob sich und sagte, ihr die Hand zum Abschied bietend: „Sie sehen fieberisch aus, mein gnädiges Fräulein. Ich werde dafür sorgen, daß Ihre Mutter bald kommt."

„Ja, sie soll kommen — bald — bald," brachte Elisabeth mühsam hervor.

Dann wankte sie in ihr Zimmer, schloß die Thux