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18. Jahrgang

Mittwoch, den 14. Oktober 1891

Zeitung

ulbfltr

im mit

a Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg. (14. Fortsetzung.)

8. Das Ende des Geizigen.

M. Gine sozialdemokratische Kirchen- und Kulturgeschichte.

i.

So könnte man die jüngst erschienene Schrift: „Die christliche Kirche und der Sozialismus. Eine sozialdemokratische Antwort auf die Encyklika Leo XIII. von Kurt Falk (Bruno Geyser) Nürnberg 1891" betiteln. Das Machwerk läßt aus seiner leidenschaft­lichen Verbohrtheit schließen, in welchem Ton und nach Welcher Methode der Geschichtsunterricht in den sozia­listischen „Arbeiterbildungsschulen" ertheilt wird. — Der Verfasser behandelt im 1. Kapitel „die Stellung der Kirche zu den Völkern und Staaten, beleuchtet von Streiflichtern des Reinmenschlichen"; im 2. „die Kirche der Gegenwart und die Arbeiter"; im 3. schildert er, „was die Kirche auf der Höhe ihrer Macht für die Armen gethan hat"; das 4. behandelt „die höchste welt­liche Aufgabe der Kirche und die Urchristen"; das 5. lucht darzustellen, „wie die Kirche die besten Grundsätze des Christenthums preisgab und in tausendjähriger Ar­beit die hohe Kultur des oströmischen Reiches zerstörte"; das 6. schildert „die Kirche und die Armen im Abend­lande bis zur neuesten Zeit"; das 7. „die Kirche und die Wissenschaft im Abendlande"; das 8. mit der Ueber- fchrift „Ihr und wir" kündigt der Kirche, die „gegen­wärtig mit höchster Kraftanstrengung den letzten Kampf um die Existenz führt", ihre Niederlage durch den Sozialismus an.

Schon diese konfuse Disposition bietet Anlaß zur Verwunderung; dieselbe steigert sich aber, wenn man sieht, wie der Verfasser auf 92 Seiten seines umfassen­den Stoffes Herr wird und dabei noch Raum hat, seitenlange Citate aus allen möglichen Schriftstellern unterzubringen. So wird im 1. Kapitel, ein Artikel des katholischen Kirchenlexikons über den Staat in ziem­licher Ausführlichkeit mitgetheilt, dann folgen lange Citate aus Vorträgen von Mermillod und v. Ketteler; die größte Ehre aber widerfährt Ratzinger, dessen Werk über die Armenpflege den rothen Faden bildet, der sich durch die ganze Schrift hindurchzieht. Wo bleibt, so wird man fragen, dabei denn Raum für den beabsichtigten Nachweis der kulturfeindlichen Thätigkeit der Kirche. Das Geheimniß liegt in der Methode der sozialistischen Geschichtswissenschaft; dieselbe ist nämlich eklektisch, sie wählt sich aus ihren Quellen das aus, was in ihren Kram paßt; und so ist es für sie ein Leichtes, auch aus katholischen Autoren ein abschrecken­des Bild der christlichen Vergangenheit zusammenzu­stellen. Der Verfasser ist so offen, das selbst einzu­gestehen: „Was in diesem Werke (von Ratzinger) für die katholische Kirche und ihre Vertreter günstig ist, mag Mißtrauen Hervorrufen können und wird dem Verdachte der Parteilichkeit keineswegs mit Unrecht be­gegnen. Was aber just in diesem Werke als historisch festgestellt auftritt und zuungunsten der Kirche und ihrer höchsten Vertreter spricht, hat von vornherein das denkbar höchsteMaß vonGlaubwürdigkeit für sich."(S.42.)

Eine solche Aeußerung läßt tief blicken. Woher nimmt Falk die Berechtigung zu einem fo beleidigenden

Es ist eine der sonderbarsten Erscheinungen Leben, wie schnell die Gewohnheit den Menschen den großen Schicksalsveränderungen aussöhnt. Selbst Elisabeth hatte sich nach Verlauf einiger Wochen so sehr in ihren neuen Beruf hineingearbeitet, daß sie die unangenehmen Seiten desselben nur noch als noth- wendige Zugabe ihrer Lebensaufgabe auffaßte. Im Ganzen hatten sich die Verhältnisse auch für sie ge­bessert, seit Herr Walter die Kontrolirung der Haus­haltungsausgaben übernommen, und ihr Onkel so keinen Anlaß mehr zu kränkenden Aeußerungen fand.

Frau von Argast machte regelmäßig einmal die Woche von der Erlaubniß, ihre Tochter besuchen zu dürfen, Gebrauch, und ebeso durfte diese einige Stunden im häuslichen Kreise zubringen. Aber es war selten, daß Elisabeth in gehobener Stimmung von ihren Be­suchen in der Familie zurückkehrte. Ada gab sich keine Mühe mehr, ihre schlechte Laune über den Stand der Dinge zu verbergen, und Frau v. Argast brach, das fühlte Elisabeth deutlich, mit jedem Tage mehr unter der Last der sie überwältigenden Verhältnisse zusammen.

Man war in der zweiten Hälfte des September angelangt, als Herr Walter wieder einen seiner regel­mäßigen Besuche an dem Sessel des alten Sonderlings abstattete. Elisabeth, welche hinausgegangen war, um eine Tasse Thee für ihren väterlichen Freund zu be­stellen, hörte, wie er die durch ihr Eintreten unter­brochene Unterhaltung wieder aufnahm.

„Ich will damit durchaus nicht sagen", erklärte Herr Walter, „daß er ein gefährlicher Spieler oder paffionirter Renner sei. Ein Rennpferd zu halten, ist ja bei seinen Verhältnissen durchaus keine Extravaganz".

„Und es ist doch eine Extravaganz", fiel ihm Herr von Argast mit größerer Lebhaftigkeit, als er sie seit Wochen geäußert, ins Wort. „Wer sich für reich ge­nug hält, um sein Geld so sinnlos hinauszuwerfen, der ist überhaupt schon an der Grenze des Ruins an­gelangt. Er erscheint mir jetzt in einem ganz neuen Lichte. Ich hielt ihn für einen soliden, besonnenen Menschen, der ganz von der Verantwortlichkeit seiner Stellung erfüllt sei. Ach, auf wen kann man sich noch verlassen. — Auf wen?"

Herr Walter suchte den Kranken von dem auf­regendem Thema abzubringen und begann, ihm die wunderbaren Erfolge eines neuen Kraftmittels zu rühmen.

Verdachte? Hat Ratzinger die für die Kirche günstigen Stellen nicht ebensogut und noch besser aus den Quellen bewiesen, als die für sie ungünstigen Urtheile? Aber vielleicht ist jene Methode, die Geschichte zu fälschen, der sozialistischen „Wissenschaft" schon so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie auch bei anderen Leuten eine gerechte Vertheilung von Licht und Schatten für unmöglich hält? Dieser Verdacht wird bestärkt, wenn man weiter sieht, daß Falk sich beständig an die erste, 1868 erschienene Auflage des Ratzingerschen Werkes hält, obschon seit 1884 eine zweite existirt, die, wie der Verfasser im Vorwort erklärt, als ein wesentlich neues Werk sich darstellt. Seit 1868 hat nämlich die historische Forschung gerade auf sozialpolitischem Gebiete so reiches und für die Kirche glänzendes Ma­terial geliefert, daß manche scharfe und übertriebene Bemerkung der 1. Auflage wegfallen mußte, und ganze Perioden ein helleres Ansehen gewinnen. Die sozia­listische Wissenschaft aber, die doch so sehr dem Fort- schritl huldigt, klammert sich hier an ein veraltetes Buch und jagt darin mit „Falken"augM nach Anklagen gegen die Kirche. '

Aber alles läßt sich aus einem katholischen Autor doch nicht beweisen; darüber wird jedoch unser Histo­riker nicht verlegen; er braucht zwar Autoritäten, wenn er aber von katholischen verlassen wird, ruft er eine protestantische herbei, nämlich den (ungläubigen) Prof. Daniel Schenkel, der so freundlich sein muß, ihm zu beweisen, daß die Kirche zuerst keinen „herrschenden Priesterstand" hatte und erst durch einen Abfall vom Christenthum Christi ihre spätere Verfassung erhalten hat. Fast alle diese Belegstellen stellt Falk ohne An­gabe der Seitenzahl, theilweise sogar ohne Benennung des Werkes hin; es scheint wohl, daß die sozialistischen Forscher über solche Kleinigkeiten erhaben sind und mehr auf den innern Werth einer Nachricht (für die sozialistischen Zwecke) als auf kritische Unanfechtbar­keit sehen. Wenn man sich übrigens die Mühe nimmt, die zitirten Stellen aufzusuchen, trifft es sich schon, daß dieselben gerade abbrechen, wo ein für die Kirche günstiger Satz folgt; bisweilen wird auch eine Re- sums gegeben, das über den wirklichen Inhalt weit hinausgeht. Viel schlimmer aber für die wissenschaftliche Reputation des Herrn Falk ist die merkwürdige Ver­schiebung der Sachlage, die er sich erlaubt. Er will die katholische Kirche bekämpfen; nun wendet er sich aber, abgesehen davon, daß er im 6. Kapitel vor allem die Zustände der von Rom sich immer mehr entfernenden orientalischen Kirche kritisirt, S. 83 und 84, mit berechtigter Entrüstung gegen die grausamen englischen Armengesetze (des 16. Jahrh.), die „unter dem Beifall der Geistlichkeit", „unter Zustimmung der Kirche" geschaffen worden seien. Was hat denn die katholische Kirche und ihre Geistlichkeit mit den Ge­setzen einer Elisabeth von England zu thun? Konnte nicht Falk bei Ratzinger (1. Aufl. S. 328) glänzende Zeugnisse über die Thätigkeit des katholischen Kle­rus Englands in den früheren Jahrhunderten nachlesen?

Uebrigens scheint die häufige Berufung auf andere Werke ein Bedürfniß des Verfassers zu sein, das mit

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dem Mangel an eigenen theologischen und geschicht­lichen Kenntnissen zusammenhängt. So gibt er S. 57 eineSchilderung der „sozialdemokratischen" erstenChristen- gemeinde, die durch irgendwelche Kenntniß der Apostel­geschichte und der apostolischen Briefe in ihrer Unbe­fangenheit keineswegs getrübt wird; er schreibt S. 62: „Jeder Gläubige wollte doch in den Himmel kom­men, jeder war sich doch irgend einer großen oder mindestens so mancher kleinen Sünde bewußt, und wenn es sich auch um die tugendhaftesten Menschen handelte, so hatten sie doch ihr ganzes Leben hindurch ihr Theil an der Erbsünde mit sich herumgetragen!" S. 71 spricht er von Anbetung der Bilder; ja was man nicht für möglich halten sollte, Gregor VII. ist für ihn identisch mit Gregor (I.) dem Großen (S. 45)! Wer sodonn sich nicht scheut, Phrasen, wie: „das lange, bange, unselige Mittelalter" in den Mund zu nehmen (S. 90), dem muß doch nachgerade entweder jeder historische Wahrheitssinn, oder aber die noth- dürftigste Kenntniß mittelalterlichen Lebens abgesprochen werden. — Ferner wagt Falk die Behauptung: „Eigent­lich sind es nur zwei Männer gewesen, welche in all den Jahrhunderten der neueren Zeit etwas Erheb­liches zum Nutzen der Armen leisteten", nämlich Karl Borromäus und Vineenz von Paul (S. 82). Daß ein Johannes von Gott, ein Philippus Neri, ein Joseph von Calasarz, Ozenam, Dom Bosco, Kolping auch etwas für die Armen gethan haben, braucht ja ein sozialdemokratischer Geschichtsschreiber nicht zu wissen! — Unter der Herrschaft der Kirche war nach Falk Alchymie, Astrologie und ähnlicher Aberglaube an den Höfen der Fürsten allmächtig; keinerlei vernünf­tige Forschung; durfte bis ins 15., 16. und 17. Jahrhundert sich vor die Oeffentlichkeit wagen." (Seite §7.) Nun ist es aber anerkannte That- sache, daß gerade in diesen genannten 'Jahrhunderten Alchymie und Astrologie eine Verbreitung und einen Einfluß gewannen, wie sie ihn im katholischen Mittel­alter nie besessen hatten. Besonders ergötzlich ist das Lob, welches Falk den Bemühungen des TheophrastuS Paraeelsus um die medizinische Wissenschaft und vor­züglich um Anbahnung einer vernünftigen Natur- Ausfassung ertheilt. Ohne den Verdiensten dieses Mannes zu nahe treten zu wollen, möchten wir doch folgendes Citat ans Paraeelsus Herrn Falk zur Er­wägung anheimgeben: „In allen vier Elementen hat Gott lebendige Geschöpfe hervorgebracht, im Wasser die Nymphen, Wassernixen, Melosynen, Sirenen; in der Erde die Gnomen, Sylphen, Berggeister und Zwerge; im Feuer die Vulkanalen, Salamander u. s. w. Da Alles ein Ausfluß von Gott ist, so sind auch alle Kör­per mit einem gewissen himmlischen Geiste versehen, von welchem ihre Form, Figur und Farbe abhängt. Die Gestirne werden von Geistern höherer Art bewohnt, welche die Schicksale der Menschen regieren. Die menschlichen Krankheiten werden am sichersten durch die Magie geheilt." (Janssen, Gesch. des deutschen Volkes 6, 441). Kostbar ist auch die Er­wähnung des Kopernikus. „Bekanntlich brachte erst Kopernikus das ptolemäische Weltsystem zu Falle," be-

„Sagen Sie meiner Nichte, wo dasselbe zu bekom­men ist," sagte der Leidende.

Elisabeth sah überrascht auf. Es war das erste Mal, daß ihr Onkel sie mit dieser Anrede beehrte, und sie freute sich dessen — klang es doch wie eine Versicherung, daß nicht alle ihre opferwillige Liebe an diesem steinernen Herzen abgeprallt war.

Mit dem Vorwärtsschreiten der kühleren Jahreszeit nahmen die Kräfte des Greises immer mehr ab. Er stand jetzt nur noch einige Stunden des Tages auf und blieb dann vor dem Ofen in seinem Schlafzimmer sitzen. In solchen Stunden wurde es oft schwer, etwas zu finden, was geeignet war, seinen düstern Sinn auf­zuhellen. In Nachdenken Über ein solches Thema ver­loren, saß Elisabeth eines Nachmittags wieder, als ihr eine kleine unerwartete Einnahme in den Sinn kam, welche sie im Laufe des Tages gemacht hatte.

„Ich bin endlich die alten Zeitungen los geworden", tagte sie, „sie brachten zwar nur 1 Mark 25 Pfg. ein, aber es ist immerhin besser, als das Papier werthloS umher liegen zu lassen. Hier" — dabei drückte sie dem Alten die kleine Summe in die sich gierig darnach auSstreckende Hand; „ein anderes Mal hoffe ich bessere Geschäfte damit zu machen."

Er antwortete nicht, sondern blickte nur mit einem Anfluge von Zufriedenheit in das Feuer. Endlich