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JM 235

Dienstag, den 13. Oktober 1891.

18. Jahrgang

Zeitimg

Illi) litt

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ZUM Schul-Kulturkampf in Frankfurt a. M.

Bezüglich deS Schulwesens ist wohl kaum eine Stadt 'denKatholiken gegenüber so intolerant, als die ehemals freie Reichsstadt Frankfurt. Es ist das eine ebenso bekannte wie oft beklagte Thatsache. Auf dem Schulgebiet herrscht hier auch heute noch — aber nur für die Katholiken — ein recht heftiger Kulturkampf, welcher der Stadt, die sich auf ihre „freiheitlichen" Anschauungen und Einrichtungen soviel zu Gute thut, keineswegs zur Ehre gereicht. Was sie allen anderen Konfessionen: Protestanten, Juden und Dissidenten, anstandslos zugesteht, will sie den Katholiken nicht gewähren. Juden und Dissidenten haben ihre eigenen Schulen, und die Katholiken sollen keine Konfessionsschule haben. Auf Grund wohloerbriefter Rechte und Stiftungen besaß die dortige katholische Gemeinde von jeher eigene Konfessionsschulen, sowohl niedere wie höhere, und wurde in deren Besitz auch bis zur Auflösung des deutschen Bundes nicht behelligt. Dann aber, als die Simultanisiruugssucht sich zu äußern begann, ging man auch hier gegen die katho- 'lischen Schulen vor. Man wird sich noch der heftigen Kämpfe erinnern, die hier stattfanden, als in den siebenziger Jahren die damalige intolerante Stadtverwaltung, gegen Recht und Billigkeit mit dem katholischen Schulwesen tabula rasa zu inachen versuchte und katholische Kinder zum Besuche kon­fessionsloser Schulen zwang. Seit jener Zeit ist, wie ge­sagt, der Schul-Kulturkampf hier in Permanenz. Die Katho­liken wehrten und wehren sich aufs Aeußerste für ihr Recht und ihre Konfesiionsschulen. Und als es der Stadt-Ver- waltung mit Gewalt nicht gelang, ihren Willen vollständig durchzusetzen, suchte sie ihr Ziel auf Umwegen zu erreichen -und die katholischen Schulen, die sie nicht beseitigen konnte, auf den Aussterbeetat zu setzen. Durch Verträge zu bestimmten Leistungen für diese Schulen verpflichtet, mußten die Katholiken solche Leistungen wiederholt gerichtlich er­zwingen, und auch dann that die Stadt, die sonst für das Schulwesen eine äußerst freigebige Hand hat, nur das Nothwendigste, wozu sie verurtheilt war, so daß die Katho­liken, die auch zu den allgemein en Schullasten beitragen müssen, für ihre Schulen noch besondere Opfer bringen müßen. Während z. B. die Stadt für ihre konfessionslosen Schulen wahre Paläste baut, befinden fich die katholischen Schulen in Lokalen, die allen gesundheitlichen Anforderungen Hohn sprechen. Wird nun die Stadt um Abhilfe ange­gangen, so lautet die Antwort: „Wir haben Schulen <(bie konfession slosen nämlich), in die ihr eure Kinder hineinschicken könnt; für konfessionelle Schulen thun wir nichts. Auch Anregungen der Regierung in dieser Richtung blieben erfolglos.

Der Schulkampf ist nun in jüngster Zeit wieder be­sonders heftig entbrannt. Bisher war in dem alten Bundes- palais in der Eschenheimer Gasse eine katholische Mädchen­schule untergebracht. Dieses Lokal mußte am 1. Oktober geräumt werden, ohne daß der katholischen Gemeinde ein anderes zur Verfügung stand. Sie wandte sich daher mit dem Ansuchen an die Stadtverwaltung, diese möge ein anderes geeignetes Lokal beschaffen. Das Gesuch aber ward — abgelehnt. In Folge dessen haben die Katholiken zu energischer Wahrung ihrer Rechte sich aufgerafft und zu diesem Zwecke vor wenigen Tagen eine sehr zahlreich be­suchte öffentliche Versammlung abgehalten, welcher Katho­liken aller Stände, die gesammte Geistlichkeit und auch der Reichstagsabgeordnete Dr. Lieber beiwohnten, liebet den Verlauf derselben berichtet die ,Frankf. Ztg.':

a Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(13. Fortsetzung.)

7. Die Ereignisse bereiten sich vor.

Elisabeth Argast hatte seit der letzten Krankheit ihrer Mutter keine so unruhige Nacht mehr verbracht. Alle ihre Nerven waren angespannt, ihr Ohr lauschte auf jeden Ton. Wie, wenn der alte Mann allein und ohne geistliche und irdische Hilfe in's Jenseits schiede! Das Gefühl ihrer Verantwortlichkeit überwältigte sie voll­ständig. Sie stand früh auf und wartete ängstlich auf Frau Knapp's erste Meldung.

Im gewöhnlichen Leben war Herr v. Argast ein Frühaufsteher. Heute mußte Frau Knapp an seine Thür klopfen und ihn, schließlich eintretend, daran er­innern, daß seine übliche Frühstücksstunde längst vor­über sei. Mürrisch gab er endlich zu, daß ihm etwas Thee an das Bett gebracht werde.

Elisabeth übernahm es, ihn selbst mit der ersten Mahlzeit zu versorgen. Er schenkte ihr wenig Auf­merksamkeit und erklärte nur, gegen Mittag aufstehen zu wollen, damit sie ihm die Zeitung vorlese. Zu ihrer großen Beruhigung erschien jedoch noch vor dem ange­gebenen Zeitpunkte Herr Walter.

„Der alte Herr muß sogleich einen Doktor sehen," erklärte er nach einigen Fragen über dessen Befinden. „Wir müssen aus verschiedenen Gründen Alles thun,

Herr Schriftgießereibesitzer Grimm eröffnete und begrüßte die Versammlung. Seit 15 Jahren, so führte er aus, petitio- niren und protestireu wir in Betreff der Schulen umsonst bei den städtischen Behörden. Die Palaisschule ist als konfessionelle Volksschule anerkannt. Wenn die katholische Gemeinde nicht mehr in der Lage ist, die Kosten aufzubringen, oder diese nicht mehr übernehmen will, so hat sie das Recht, zu verlangen, daß die Schule den anderen vollständig gleich gestellt wird. Die hiesigen Simultanschulen sind eigentlich rein protestantische Schulen; sie sind wahre „Brutstätten der Intoleranz". Der Unterricht ist nicht nur indifferent, sondern direkt katholikenfeindlich. Die Volksschule muß konfessionell eingerichtet werden. Die frank­furter Zeitung' hat in Betreff des neuen Volksfchulgefetzentwurfs sich mit Recht darüber aufgehalten, daß der Staat Preußen den Religionsunterricht in feinem Auftrage ertheilen lassen will, in städtischer Beziehung aber geht ihr dieser klare Blick merkwür­diger Weise ab. Wenn die Gegner aus der Einführung der konfessionellen Schulen eine Störung des konfessionellen Friedens herleiten wollen, so ist das nur eine Verlegenheitsausrede. Erst als man die Minorität zwang, ihre Kinder in die Zwangsschulen zu schicken, begann der Streit, der nicht eher beendigt sein wird, bis die konfessionellen Schulen eingeführt sind. Durch den 15- jährigen Kampf fühlen wir uns nicht entmuthigt, wir erheben den Ruf mit den alten Forderungen, wir verlangen die freie konfessionelle Schule, und indem wir mit der Palaisschule an­fangen, fetzen wir die Axt an die Wurzel der Simultanfchule, dieser Giftpflanze der Religionslosigkeit." (Lebhaftes Bravo!) Herr Inspektor Dieffenbach-Sachsenhausen weist darauf hin, daß die Katholiken Frankfurts drei Mal in die Tasche, greifen müßten, um ihre Schulen zu erhalten. In ganz Deutschland gäbe es keine katholische Stadt, wo von Protestanten solche Klagen laut geworden wären, wie hier von den Katholiken.

Herr Reichstags- und Landtagsabgeordneter Dr. Lieber be­trachtet die Palais-Schulsrage als die erste praktische Probe auf die Lösung der Schulfrage, wie sie die Katholiken Deutschlands sich als Ziel gesteckt haben. Wenn wir hier einen Erfolg ver­zeichnen können, dann: Gute Nacht, Frankfurter Simultanschule! Es muß aufgeräumt werden mit diesem „Rest einer glaubens­losen Zeit". Wollen und sollen die Eltern die Lösung der Frage in die Hand nehmen? Der Zufall hätte uns keinen besseren Dienst erweisen können, um die Sache am rechten Ort anzu­greifen. Die Eltern müssen selbst hervortreten an die städtische Verwaltung mit der Forderung einer konfessionellen Volksschule. Wir haben das ABC in der Schulfrage außer Acht gelassen: das Recht der Eltern, als der berechtigsten und verpflichtetsten Erzieher. In weiten katholischen Kreisen besteht noch Zweifel, ob hier fo viel Muth sich findet, die vorhin angeregte Frage mit einem entschlossenen Ja zu beantworten. Wo es sich um eine Entfaltung katholischer Bolksenergie handelt, da bin ich gern dabei. Wir fordern die konfessionelle Schule für Alle, die noch ein Bekenntniß haben, und gehen sogar soweit, die Simultan­schule den Bekenntnißlosen zu lassen. Die Eltern sollen also selbst hervortreten, und da wir der Ansicht sind, daß die Frauen in öffentlichen Dingen sich zurückhalten sollen, so ist das Sache der Väter. Was aber die Frauen zu Hause mit den Vätern sprechen, ist ihre Sache. Die Frankfurter Stadtverordneten stehen aus dem Standpunkt der unumschränkten Herren über Einnahmen und Ausgaben und schaffen deshalb Simultanschulen. Ich kann es aber den Stadtverordneten nicht ersparen, zu sagen, daß sie gebunden sind an die gesetzliche Verwendung, nicht, wie sie selbst es verstehen, sondern wie die Bevölkerung es will. Es ist be­trübend, die Stadtväter auf den Wegen rote im 16. Jahrhundert wandeln zu sehen. Ich hätte gedacht, die hochwohlweisen Väter der Stadt hätten in drei Jahrhunderten etwas gelernt, umso­mehr, als die Gleichberechtigung der Konfessionen verfassungs­mäßig garantirt ist.

Ich spreche es offen aus: In Frankfurt bestehen die K o n- fessionsschulen rechtens, die Simultanschulen un- rechte ns. Wenn die Palais-Schulfrage nicht auf getaucht wäre, fo wäre ich doch noch vor Beginn des Landtags nach Frankfurt gekommen, um entgegen der Behauptung des Herrn v. Hergen­hahn, „die Frankfurter Katholiken wollten keine Konfessions- um ihn bei Leben und Besinnung zu erhalten. Es ist gut, daß er noch im Bette ist, so kann ich, ohne etwas von Ihrer Mittheilung zu verrathen, meine Rathschläge ertheilen."

„Sie haben Recht, verrathen Sie mich nicht."

„Nicht wahr, Sie sind jetzt einen Monat hier?" fuhr Herr Walter in wohlwollendem Tone fort. „Ihr Aussehen ist leider seitdem nicht besser geworden, aber wie steht es denn mit Ihren freundschaftlichen Fort­schritten?"

„Ich fürchte, nicht zum Besten," entgegnete Elisa­beth, mit einem wehmüthigen Lächeln: „die Unter­haltung meines Onkels mit mir geht eigentlich nicht über die nothwendigsten Fragen und Antworten hinaus. Andererseits muß ich allerdings sagen, daß er mich nicht rauh anfährt, ja ich glaube, aus dem Klang seiner Stimme und aus dem Blick seiner Augen sogar hin und wieder etwas wie — nun — wie ein ab­nehmendes Mißtrauen zu erkennen."

„Wie sollte er auch Mißtrauen gegen Sie hegen können", bemerkte der Advokat mit einer höflichen Ver­beugung. „Ich hoffe im Gegentheil, daß die Zeit und die bessere Einsicht ihn nach und nach zu einer Aner­kennung seiner verwandtschaftlichen Pflichten umstimmen werden". Mit der Bitte, sofort den Arzt, dessen Adresse er angab, holen zu lassen, trat er darauf in das Krankenzimmer.

Elisabeth's Geist begann wieder aufzuleben, seit sie

schule", die Frage zu stellen, ob dies wirklich fo fei. Ich denk aber, ehe ich nach Berlin komme, werden die Väter der Kinder der Palaisschule die richtige Antwort gegeben. Die freifinnigen Parteien, von den Nationalliberalen bis zu den Demokraten, haben bei allem Freisinn dem Einzelnen noch die Freiheit ge­geben. Der Redner spricht dann die Hoffnung aus, daß der junge und energische Regierungspräsident v. Tepper-Laski ein Wörtchen reden werde, und berührte dann auch das Verhältniß der Katholiken zum Dreibunde, wobei er mit Bezug auf die Artikel in der,Bonner Reichszeitung', die dem Papst einen schlechten Dienst erwiesen, erklärt: „Wir liegen dem Papst in seiner Stellung als Stellvertreter Christi als demüthige Christen zu Füßen, als fremben Souverän gegen unseren Souverän kennen wir ihn nicht!" Zum Schluß verlangt Redner keine Resolution, sondern fordert, daß die betheiligten Väter vor die Thür der Stadtverordneten-Berfammlung ziehen, um dort eine freie katho­lische Konfessionsschule für die aufgelöste Palaisschule zu ver­langen.

Herr Stadtpfarrer Bahl ist darüber erfreut, da er sieht, daß die katholischen Frankfurter ihr Recht kennen. Er hält es für nothwendig, in der vorliegenden Schulfrage ein Plebiseit ab­zugeben, die Väter müßten es klarlegen, was sie wollten, und zwar in zwei Aetenstücken, eins an die Stadt, das zweite an die Regierung. Wir wollen nicht, fo sagte er, daß die Kinder „unter­gebuttert" werden unter die konfessionslosen Schulen, wir wollen, damit unsere Kinder nicht endlose Wege machen müssen, Distrikts­schulen, die einen konfessionellen Charakter haben.

Die alsdann von Herrn Grimm vorgelesene und zur sofortiaen Unterschrift aufgelegten zwei Exemplare der Pe- tition haben folgenden Wortlaut: „Die unterzeichneten Väter erllären durch eigenhändige Unterschrift, daß sie für ihre Kinder von dem städtischen Magistrat die Einführung einer katholischen städtischen Volksschule fordern."

Man darf auf den Ausgang dieser Bewegung gespannt sein. (Germ.)

Deutsches Keich.

Berlin, 9. Oktober.

* Der Kaiser hat gestern Abend Stuttgart wieder verlassen; heute früh traf er mit dem Prinzen Heinrich und dem Großherzog von Hessen unerwartet in Frank­furt a. M. ein, wo er der elektrischen Ausstellung einen zweistündigen Besuch abstattete. Darauf fuhr der Kaiser mit dem Prinzen Heinrich zum Besuch der Kaiserin Friedrich nach Homburg v. d. H. Homburg war reich beflaggt und die Bevölkerung bereitete dem Kaiser einen jubelnden Empfang. Die Ankunft des Kaisers in Pots­dam erfolgt morgen früh. Am Montag begibt sich der Monarch nach Hubertusstock.

* Die Vermählung des sächsischen Thronfolgers, des Prinzen Friedrich August von Sachsen mit der Erz­herzogin Marie Antoinette von Toskana findet am 22. November zu Wien in der Hofburgkirche statt.

* In der Donnerstagssitzung des B'indesraths gab der Vorsitzende, Staatssekretär von Bötticher Namens der Versammlung der Trauer über das Hinscheiden König Karls von Württemberg Ausdruck. Die Ueber- weisung des Trunksuchtsgesetzes an die zuständigen Ausschüsse erfolgte übrigens nicht erst in dieser Sitzung, sie hatte bereits während der Vertagung stattgesunden. Dagegen wurden in der Sitzung an die Ausschüsse verwiesen die Vorlagen wegen Entwerthung der Alters­und Jnvaliditätsversicherungsmarken und wegen Er-

ihre Verantwortlichkeit mit noch Anderen theilen konnte. Sie brachte den bald darauf erscheinenden Arzt bis vor das Bett des Kranken und zog sich dann, seiner Entscheidung harrend, in das Wohnzimmer zurück.

Es dauerte ziemlich lange, ehe die beiden Herren von ihrer Konsultation zurückkehrten. Der Doktor schrieb ein einfaches Medicament auf, dann sagte er zu dem jungen Mädchen:

„Ihr Onkel, mein gnädiges Fräulein, bedarf vor Allem einer fortdauernden, kräftigen Ernährung. Seine Herzthätigkeit und fein ganzer Organismus überhaupt ist auf das äußerste Maß der Schwäche herabgefunken und kann nur durch starke Weine und kräftige Kost wieder in die Höhe gebracht werden. Da sonst keine bestimmten Kränkheitserscheinungen vorliegen, so ist es eben so gut, wenn er aufsteht, aber jedenfalls muß eine Nachtwache eingerichtet werden."

„Wie haben Sie es nur fertig gebracht, sich Gehör zu verschaffen?" fragte Elisabeth Herrn Walter, als der Doktor weg war.

„O, ich hatte einen sehr wichtigen Faktor zur Seite. Ihr Onkel hat sich vor Jahren in eine s. g. Tontine eingekauft, d. h. eine Kapitalanlage, wo die überleben­den immer die Erben der sterbenden Mttglieder wer­den. Nun leben von allen Interessenten nur noch zwei Mitglieder: Ihr Onkel und ein anderer, ungefähr gleichalteriger Herr. Was ist nun natürlicher, als