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Beilage zu Nr. 234 der „Fuldaer Zeitung".

Sonntag, den 11. Oktober 1891.

2^1 Ein Berliner Dienstmädchen.

Zu dem Mordprozeß Heinze, der einen Blick in die verworfenste Schicht der Bevölkerung eröffnet, ist uns jetzt ein Seitenstück besorgt, indem sich ein junges und anscheinend ganz harmloses Dienstmädchen als eine unmenschliche Raubmörderin entpuppt hat. Wenn liederliches Straßengesindel einen Nachtwächter tobt schlägt, der ihm lästig ist, so ist eine solche That viel weniger überraschend, als die kaltblütige Ermordung einer alten Dame durch das 18jährige Mädchen, das sie zu sich in's Haus genommen und in der gütigsten Weise behandelt hat! Der Anblick von vier Hundert­markscheinen im Portemonnaie ihrer He “fügte, um in der Seele dieser „Unschuld vom L einen Mordplan von der ärgsten Rohheit und R a..theit reifen zu lasten. Am Sonntag Nachmittag überfällt sie die alte Dame, drückt ihr mit der einen Hand die Kehle zu und führt mit der anderen Hand Messer­stiche gegen ihren Kopf. Sie wählt den Tag und die Zeit des Vergnügungsausganges der Dienstmädchen, um den Schein erwecken zu können, daß die Sache während ihrer Abwesenheit sich ereignet habe. Nachdem die Mörderin die geraubten 400 M. in ihrer Tournüre und unter dem Hutfutter versteckt hat, geht sie im Sonntagsstaat auf den — Tanzboden, wo sie sich bis fast zur Mitternacht leidenschaftlich dem Tanze hingibt. Unter lügnerischen Vorwänden bringt sie die Nacht bei ihrem Schwager zu, führt dann am andern Morgen vor den Hausgenossen eine ergreifende Ent­deckungskomödie auf und verlegt sich von da ab nach einem wohlüberlegten Plan darauf, die Welt an einen Selbstmord glauben zu machen.

Die Entdeckung der Mörderin war freilich der Polizei nicht zu schwer gemacht. Schon einem ver­ständigen Nichtpolizisten mußte bei dem ersten Zeitungs­bericht der Verdacht auftauchen, daß das Dienstmädchen die Hand im Spiele habe, weil das Mädchen seine Abwesenheit während der Nacht nicht in glaubhafter Weise erklärte. Aber in Anbetracht der Jugend und der bisherigen Unerfahrenheit des Mädchens ist doch das Rasfinement, mit dem der Vertuschungsplan aus­geheckt war, und vor Allem die Kaltblütigkeit bei der Durchführung schrecklich überraschend. Was ist das für ein Boden, auf dem solche Pflanzen aufwachsen? Welch' ein Licht fällt auf unser vielgepriesenes Unterrichts­und Erziehungswesen, wenn schon ein 18jähriges Mäd­chen kaltblütig eine That verübt, die selbst die abge­brühtesten Dirnen und gewerbsmäßigen Verbrecher in Aufregung setzt?

Neulich ist die Dienstbotenfrage mit beson­derem Bezug auf die Berliner Verhältnisse angeschnitten worden, als die Sozialdemokratie ankündigte, daß sie jetzt auch diese Gesellschaftsklasse zu bearbeiten gedenke. Der Raubmord des Dienstmädchens liefert auch einen Beitrag zu der Frage. Man wird vielleicht einen solchen entmenschten Charakter als eine vereinzelte Ausnahme hinstellen wollen, und es wäre ja auch wirklich zu wünschen, daß sich nicht sobald wieder ein Mädchen fände, das kaltblütig mit dem Tranchirmesser auf seine alte Herrin losgeht, um dem Opfer, wenn es still ge­worden, die Taschen auszuleeren. Aber die Keime, welche in dem Boden dieser jungen verkommenen Seele das gräßlichste der Verbrechen gezeitigt haben, liegen in Tausenden von Gemüthern und sprießen in Hunderten zu weniger auffallenden Missethaten. Die Geldgier ist unter diesem Nachwuchs viel weiter und viel stärker verbreitet, als der oberflächliche Beobachter glauben sollte. Zumeist führt sie nur zu Diebstählen. Die Gesindediebstähle sind sehr zahlreich und finden leider in den wenigsten Fällen ihre Bestrafung. In dem einen Falle ist der Beweis schwierig, in dem anderen Falle scheut man die Oeffentlichkeit und die Belästi­gungen, die eine polizeiliche und gerichtliche Untersuchung herbeiführt, im dritten Falle hat man falsches Mit­leid u. s. w. Also begnügt man sich meistens damit, der Diebin die Beute möglichst wieder zu entreißen und sie dann vor die Thür zu setzen. Oft sogar mit einem recht „anständigen" Zeugniß im Dienstbuch! Was Wunder, wenn nach solchen Erfahrungen die Spitzbübereien fortgesetzt werden!

Die Ermordete hat in dieser Beziehung auch ge­fehlt und hat dadurch eine gewisse Schuld an ihrem Unglück. Dasselbe Mädchen, das jetzt ihre Mörderin geworden ist, hat sie schon einmal um 300 Mark be­stohlen. Die Dame war gutmüthig genug, nach Herbei­schaffung des Entwendeten die That zu verzeihen und das Mädchen zu behalten. Das hat sich bitter gerächt. Aus der begnadigten Diebin wurde eine Raubmörderin. Man sollte daraus die Lehre ziehen: alle wirklichen Diebstähle oder sonstigen Eigenthumsvergehen, die auf eine verbrecherische Habgier zurückzuführen sind, un­nachsichtlich zur Anzeige und Bestrasung zu bringen. Thränen und Betheuerungen der Schuldigen oder ihrer Angehörigen dürfen nicht obsiegen über das allge­meine Interesse. Die menschliche Gesellschaft hat ein

Recht darauf, daß gegebenen Falles ein Jeder mitwirkt, um die Heiligkeit und Sicherheit des Eigenthums zu retten und den Werth der Ehrlichkeit wieder zu heben. Es wird fürchterlich viel gestohlen und der Abscheu vor dem Stehlen ist in weiten Kreisen, nicht blos der städtischen, sondern auch der ländlichen Bevölkerung, ersichtlich im Schwinden. Die ehrlichen Arbeit­nehmer haben auch ein Recht darauf, daß die un­ehrlichen Elemente als solche gebrandmarkt werden, damit nicht der geschonte Gauner dem braven Mit­bewerber die Brodstelle wegfischt und die Ehrlichkeit durch Hunger in Versuchung geführt wird.

Außer den Dienstherrschaften, die ihr unehrliches Gesinde schonen, sündigen in dieser Hinsicht die Ge­schäftsleute, die ihren Angestellten aus falscher Gut- müthigkeit oder Bequemlichkeit Unehrlichkeiten verzeihen. In den letzten Monaten haben verschiedene große Ver­untreuungen in der Handelswelt Aussehen erregt. Spricht man mit Leuten vom Fach über diese Dinge, so wun­dern die sich bloß darüber, daß es nicht noch ärger zugeht. Die Ausdehnung der Unehrlichkeit muß nach ihren Schilderungen im ganzen kaufmännischen und Börsen-Gebiete erschrecklich groß sein. Das sittliche Gefühl von der Niederträchtigkeit einer Veruntreuung scheint nur ausnahmsweise noch Kraft zu haben. Wer ehrlich ist, ist es zumeist aus Klugheits-Erwägungen, weil er berechnet, daß sich das Risiko nicht recht lohnt. Wie oft habe ich schon, wenn es irgend wo zu einem Skandal wegen Veruntreuungen gekommen war, von Sachverständigen sagen hören: „So'n dummen Kerl! Er hätte doch, als er die Sache nicht mehr halten konnte, seinem Prinzipal ein offenes Geständniß machen sollen, dann wäre die Geschichte vertuscht geblieben und der Prinzipal hätte ihn vermuthlich sogar behalten, weil er sich sagt: Bei seinem Nachsolger müßte ich die Erfahmng noch einmal machen, die ich bei diesem über­standen habe. Er ist wenigstens so gescheidt, mir den öffentlichen Skandal zu ersparen!" — Bei einer solchen Wirtschaft muß natürlich der Bacillus der Unehrlich­keit einen reichen Nährboden finden und eine Epidemie der Untreue herbeiführen. Es muß entschieden eine größere Strenge in der Beurtheilung und Verfolgung aller Unredlichkeiten Platz greifen. —

Um auf die Dienstmädchen-Frage zurückzukommen — was wollte die Raubmörderin mit dem Gelde machen? Die Verhandlungen haben noch keine Aus­kunft darüber gegeben, aber das Verhalten des Mädchens nach der That läßt ihre Bewegründe errathen. Sie putzt sich und geht tanzen. Putz- und Vergnügungs­sucht beherrscht die Gemüther dieser dienstbaren Geister und im Hintergründe steht die leidenschaftliche Hei- rathssucht. Der Tanzboden ist ihr Eins und Alles, auf ihm wird in der Regel die ganze freie Zeit zuge­bracht. Nicht bloß der angenehme Zeitvertreib an sich lockt sie dahin, sondern ganz besonders die Aus­sicht, ein „Verhältniß" zu finden. Die Mädchen, die ihren Lohn — (in Berlin ist 60 und mehr Thaler jährlich gar nichts Seltenes für ein ganz gewöhnliches „Mädchen für Alles!") — möglichst schnell in Putz- und Vergnügungsausgaben „alle machen", haben nie eine erhebliche Geldsumme in Händen gehabt und pflegen deshalb den Werth einiger Hundertmarkscheine übermäßig hoch zu schätzen. Wahrscheinlich hat die Mörderin geglaubt, mit 400 M. wäre sie eine ge­machte Frau, könnte sofort sich einen Begleiter zum Standesamt aussuchen und selbst Madame spielen.

Der Tanzboden ist die Quelle des Verderb- nisses für den Dienstbotenstand. Besonders in Berlin, wo die Tanzsäle das Verbindungsglied bilden zwischen dem Abschaum der Gesellschaft, der sich im Prozeß Heinze zeigte, und der arbeitenden Klasse. Da treiben sich gewerbsmäßige Verbrecher und Zuhälter um un­verdorbene Mädchen, Dirnen um brave junge Arbeiter herum. Die Tugend bessert nicht das Laster, aber das Laster färbt auf die Tugend ab.

Die Raubmörderin hatte noch Verwandte in Berlin, sie hätte also eine Geselligkeit außerhalb des Tanz­bodens finden können, wenn sie wollte. Nun gibt es aber viele Tausende von Mädchen, die ganz allein und vereinsamt in der großen Stadt dastehen und ihre freie Zeit nicht anders auszufüllen wissen, als daß sie auf's Gerathewohl sich auf dem Tanzboden Gesellschaft suchen. Die Gefahren, die daraus für einen so großen Theil des weiblichen Nachwuchses entspringen, lassen es dringendst geboten erscheinen, die Fürsorge für die weiblichen Dienstboten an den Nachmittagen und den Abenden der Sonn- und Festtage von Seiten gemein­nütziger Vereine ernstlich zu betreiben, wenn auch manche Versuche in dieser Hinsicht fehlgeschlagen sind und noch fehlzuschlagen drohen. In allen Orten, wo das geschilderte Uebel herrscht, müßten sich die wohl­meinenden und einsichtsvollen Elemente, vornehmlich die Hausfrauen selbst, zusammenthun, um ebensowohl den Dienstmädchen, als den Arbeiterinnen Stätten zu bieten, in denen sie ihre Erholungszeit ohne Gefahr und mit Vergnügen verbringen können.

Vielleicht weckt der traurige Fall in Berlin aller­orts, wo es Noch thut, das Bewußtsein, daß zur Zeit viele Tausende von jungen Mädchen, die künftig Haus­frauen und Erzieherinnen ihrer Kinder werden sollen, auf der kritischen Stufe ihrer sittlichen Entwicklung im wirren Getriebe eigener Leidenschaft und stemder Ver­führung sich selbst überlassen sind, ohne Liebe und Leitung, ohne Stütze und Schutz. Ein freventliches Glücksspiel, bei dem das Lebensglück und das ewige Heil der Betreffenden und das Wohl des künftigen Geschlechts dem Zufall preisgegeben ist!

a Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(12. Fortsetzung.)

„Ich werde meine Schwägerin mit in mein Zimmer nehmen, damit sie sich etwas ausruht," entgegnete Eli­sabeth, etwas gereizt über die Unfreundlichkeit des Onkels, obwohl Ada's Vorgehen durchaus nicht ihren Beifall hatte.

„Nehmen Sie sie mit, wohin Sie wollen!"

Allein Frau Paul Argast ließ sich nicht so leicht aus dem Felde schlagen.

„Aber, lieber Onkel," bat sie, „es ist Ihnen doch gewiß nicht ernst gemeint mit dieser Zurückweisung meiner verwandtschaftlichen Gefühle. Schicken Sie Eli­sabeth mit den Kindern nur fort, es gibt viele Menschen, welchen Kindern lästig sind, — aber, nicht wahr, mir werden Sie doch ein Biertelstündchen Ihrer Unterhal­tung gönnen?"

Herr von Argast's einzige Antwort bestand darin, aufzustehen und mit einem letzten, wüthenden Blick auf die Eindringlinge der Thür zuzuhumpeln. Dort an­gelangt, wendete er sich noch einmal um:

„Benachrichtigen Sie mich, wenn die Gesellschaft fort ist," sagte er, dann verschwand er.

Der kleine Otto brach in Thränen aus, während Ernst empört ausrief: „Sie unartiger, häßlicher, alter Mann!"

Frau von Argast war sehr roth geworden: „Hat man je einen solchen Grobian gesehen!" stieß sie, vor Erregung zitternd, hervor. „Ein Straßenkehrer hat mehr Anstandsgefühl! — Es ist unbegreiflich, wie Du mit einem solchen Geschöpf umgehen kannst, Elisabeth ! Aber freilich, für Geld sind manche Menschen zu Allem bereit!"

„Dein Mißgeschick thut mir außerordentlich leid", suchte Elisabeth sie zu beruhigen. „Komm' jetzt ein wenig auf mein Zimmer, und erhole Dich. Hättest Du mir etwas von Deiner Absicht verrathen, so würde ich Dich gleich vor diesem Schritte gewarnt haben."

„Es wird mir wirklich schwer, mich noch länger in dem Hause aufzuhalten, wo ich so schlecht behandelt worden bin," stöhnte die kleine Wittwe, indem sie ihrer Schwägerin die Treppe hinauf folgte.

„Aber, Mama, wir möchten so gern das Haus sehen", riefen die Kinder dazwischen.

„Warum hast Du mich nicht aus einen solchen Wütherich vorbereitet, Elisabeth? Ich wäre ihm ge­wiß nicht in den Weg gelaufen, um mir Grobheitm machen zu lassen."

„Ich glaube nicht, ihn Dir allzu anziehend be­schrieben zu haben; aber Du hattest es Dir nun ein­mal in den Kopf gesetzt, Dich selbst überzeugen zu wollen."

„Ja, ich weiß selbst nicht, warum, aber Major Ormann meinte, es sei meine Pflicht, dem Alten die Kinder vorzustellen. Mir selbst lag gar nicht so viel daran."

„Ich wollte, Major Ormann kümmerte sich um seine eigenen Angelegenheiten," erwiderte Elisabeth ge­reizt. „Seine Aeußerungen scheinen mir manchmal recht kopflos."

„Wie kannst Du nur über ihn urtheilen," erwiderte Ada im Tone der Entrüstung. „Er ist ein vollendeter Weltmann, und ich kann mich nur über die Bevor­zugung freuen, die er für mich an den Tag legt."

„Du magst Recht haben," sagte Elisabeth, indem sie sich dem Knaben zuwendete, welche sie mit Fragen bestürmten.

„Ist 'dies wirklich Dein Zimmer? Deines ganz allein?" fragte Ernst. „Und kommt der böse, alte Mann nie hierher? Und gehören die Bücherauch Dir und all' die Bilder? O, bitte Tante, laß uns doch bei Dir bleiben, wir wollen auch ganz still sein."

„Schwatzt keinen solchen Unsinn," fuhr ihre Mutter peremptorisch dazwischen. „Ich würde vor Angst um­kommen, wenn ich Euch bei dem alten Wehrwolf zu­rücklassen müßte. Ich könnte mich nicht entschließen, meine Kinder für schnödes Gold so hinzuopfern."

„Sprich nicht so sinnlos," warf Elisabeth unge­duldig ein. „Ich wiederhole noch einmal, daß mir der ganze Hergang sehr leid thut, aber Du wußtest, daß er ein Sonderling ist, und wenn Du bei mir an­gefragt hättest ..."