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JW 233

Samstag den 10. Oktober 1891.

18. Jahrgang

iilimer M Ztitling

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* Die badischen Kandtagsrvahlen haben bestätigt, was die Wahlmännerwahlen versprochen. Die letzte Hoffnung der National-Liberalen, eS möchten noch einige Wahlmänner zu ihnen umfallen, hat sich nicht erfüllt. Fortan werden in der Zweiten badischen Kammer die Nationalliberalen 32, das Centrum 21, die Demokratisch-Freisinnigen 6, die Konservativen 2 und die Sozialdemokraten ebenfalls 2 Mitglieder zählen. Die nationalliberale Mehrheit ist alfo noch gerade gerettet. Sie muß aber schon sehr stramm Zusammen­halten, was um so schwerer sein wird, als nach einer verlorenen Schlacht die Heerführer einander die Schuld zuzuschieben suchen.

Nun das Unglück geschehen ist, wird, wie üblich, darüber geredet, wie es denn gekommen ist. Man kann nicht leugnen, daß einige nationalliberale Blätter die Ursachen zum Theil richtig erkennen. Wenn sie nicht erst klug geworden sind, als sie vom Rathhause herunterkamen, so ist es unverantwortlich, daß sie ihre Meinung nicht eher bekannt gegeben haben. Die „Hono­ratioren-Brüderschaften", welche die liberale Sache zur Herrschafts-Domaine von Familien und Personen Machten und ein Herrschafts- und Gefolgschafts-Ver- hältniß aufrecht zu halten bestrebten, bezeichnet die «Straßb. Post' in dem bereits' erwähnten Artikel als eine der Ursachen. Deutlicher gesprochen heißt das: die unerträgliche nationalliberale Parteityrannei. So­dann verfehlte Parteitaktik, die ungeeignete Per­sönlichkeiten als Kandidaten aufstellte, wo man katho­lische Wähler ködern mußte. Diese Meinung ist für Baden „nicht ganz ohne", da die „gemäßigten Katho­liken" den Liberalen immer noch zu willig in's Garn gehen. Wenn die ,Straßb. Post.' endlich davon spricht, daß der Parteivorstand durch die Brille des Prote­stanten-Vereins dirigirt habe, so kommt er dem eigentlichen Kernpunkte nahe: das Kulturkämpfen in Schule und Kirche ist dem Nationalliberalismus verhängnißvoll geworden. Die Katholiken empörte schließlich die Kulturkämpferei, viele Protestanten lang­weilte sie wenigstens. Das Uebrige that dann die Wirthschaftspolitik der Nationalliberalen.

Die Selbstkenntniß und das Schuldbewußtsein scheint aber noch nicht sehr groß zu sein. In ihrer Mehrzahl setzt sich die nationalliberale Presse noch auf's hohe Roß. Sie pocht eben darauf, daß ein „ultramontanes", konservatives oder demokratisches Ministerium nun ein Mal nicht möglich sei, man also bei ihnen bleiben müsse. Daß in einem zu zwei Drittel katho­lischen Lande nur ein nationalliberales Ministerum möglich sein soll, ist allerdings ein starkes Stück. Ein zu zwei Dritteln protestantisches Land würde sich sicher ein nicht-protestantisches Ministerium, selbst unter einem nicht-protestantischm Herrscher, nicht gefallen lasten. Wir erkennen aber an, daß, wie jetzt die Dinge liegen, ein katholischer Ministerium in Baden allerdings nicht „möglich" ist. Anderseits wird auch das jetzige Ministerium, wenigstens in seinen partei­politisch nm meisten ausgeprägten und hcrvorgetretenen Persönlichkeiten nicht zu halten sein. In der

Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(11. Fortsetzung.)

„Jedenfalls werde ich mein Haus nicht Ihretwegen umbauen. Und dann, was Ihre Besuche betrifft, so will ich nichts dagegen einwenden, aber ich will vor Allem nicht durch dieselben gestört werden, merken Sie sich das. Am Sonntage, wenn es keine Zeitungen zum Borlesen gibt, kann Ihre Tochter meinetwegen auch zu Ihnen gehen, ich bemerke aber ausdrücklich, daß ich mich nicht um das Fahrgeld für Droschken, Pferde­bahn oder dergleichen kümmern werde. — Noch etwas! Ich will Ihnen, um Ihnen alle unnützen Hoffnungen zu ersparen, gleich von Anfang an sagen, daß mein Testament schon gemacht ist, und daß ich's auch in Niemandes Interesse wieder ändern werde. Ich ver­spreche Ihrer Tochter Nahrung, Obdach und meinen Schutz und Gesellschaft — im Uebrigen braucht sie sich auf nichts gefaßt zu machen."

„Ich bin Ihnen dankbar für die mir augenblicklich gewährte Hülfe," sprach Frau v. Argast, indem sie sich erhob. „Meine Tochter mag bis zur Rückzahlung von Kapital und Zinsen hier bleiben, dann aber mache ich meine Rechte auf sie geltend."

„Bis dahin kann recht lange Zeit vergehen," meinte

Ersten Kammer hat es ja ohnehin schon keine Mehr­heit gehabt. Ein Personenwechsel kann sich aber nicht auf diese beschränken, auch das System muß sich ändern, wenn die Regierungsmaschine nicht bald zum Still­stehen kommen soll. Nun können zwar die Liberalen nicht aus ihrer eigenen Haut fahren; aber die schwere Noth der Zeit kann ihnen doch einige Besonnenheit beibringen. So hoffen wir denn, daß in absehbarer Zeit den dringenden Beschwerden derKatho- liken abgeholfen sein wird, wenn anders diese, durch böse Erfahrungen belehrt, sich auf die Wahrnehmung ihres Vortheils und die Benutzung der Ilmstände nur irgend verstehen.

Etwas komisch nimmt sich das Auftreten der Konservativen aus. Sie haben ein ganzes Man­dat erobert, so daß sie jetzt summa summarum zwei besitzen. Ihre Presse geberdet sich aber, als hätten sie eigenhändig dem gesammten National-Liberalismus den Garaus gemacht. Die konservative Presse hat Recht, wenn sie den Nationalliberalen Hochmuth vor­wirft ; die nationalliberale Presse hat aber nicht minder Recht, wenn sie den Vorwurf zurückgiebt. Daß die Tage des National - Liberalismus in Deutschland ge­zählt sind, ist ja zweifellos; nicht fo zweifellos aber, daß die Konservativen dies bewirkt haben und die Erben sein werden. Vorläufig haben ja sogar die Sozial-Demokraten in Baden doppelt so viel Mandate erobert als sie. Die Konservativen können daher zu­nächst nichts Besseres thun, als das Bewußtsein zu pflegen, daß sie in der badischen Kammer „den Aus­schlag geben." Demokraten und Sozialdemo­kraten rühmen sich freilich derfelben Stellung als Zünglein an der Waage. Wollen die Konservativen es zu etwas bringen, so werden sie sich schon bequemen müssen, rückhaltlos, offen und ehrlich mit dem Cent rum zusammenzugehen.

Der ,Reichsbote' phantasirt von „Jesuitismus" und „Verachtung aller christlichen Grundsätze" auf Seiten der Katholiken, weil sie „überall den Radikalen gegen die Konservativen zum Siege verhelfen." Uns sind die inneren Angelegenheiten der einzelnen Wahl­kreise nicht bekannt genug, um die angebliche Thatsache beurtheilen zu können. Das aber können wir sagen: „Radikalen", welche auch die Rechte der Katho­liken zu schützen versprechen, werden wir immer den Vorzug geben vor „Konservativen" mit dem verbohrten Katholikenhaß eines Herrn v. Göler. Auch mit Leuten nach dem Herzen des ,Reichsboten' würde ihnen ein Zusammengehen nicht gerade leicht sein. Glücklicher­weise sind aber nicht alle Konservativen nach solchem Muster geartet. (K. V.-Z.)

Deutsches Deich.

Berlin, 8. Oktober.

* Zu de« Beisetzungsfeirrlichkeiten ist der Kaiser heute früh nach Stuttgart abgereist. Er trug beim Be­steigen des Eisenbahnzuges einen mächtigen Lorbeer­kranz mit weißer Schleife an deren Enden die Initiale „W“ mit der Kaiserkrone eingestickt ist. Die Ankunft in Stuttgart erfolgt heute Abend 9 Uhr. Prinz Heinrich, der Alte mit verächtlichem Lächeln. „Ich erinnere mich nicht, daß in Ihrer Familie schon einmal sechs­hundert Mark übrig waren."

„Das wird sich zeigen," erwiderte Frau v. Argast, ohne ihren Gleichmuth zu verlieren.

Herr Walter erhob sich, bereit, der Dame den Weg durch das Haus zu zeigen.

♦

Die Trennung von der gewohnten Umgebung war ein Ereigniß für Elisabeth, dessen Erschütterungen ihr Herz bis jetzt nie gekannt hatte. Sie fand es schwer, schwerer als sie erwartet hatte, denn so kurz die Ent­fernung auch war, so einschneidend war doch der Wechsel, der sich jetzt in ihrem Leben vollzog.

Der Empfang Elisabeth's in ihrem neuen Heim war so abschreckend wie möglich gewesen.

„Sie kommen sehr spät," war die in vorwurfs­vollem Tone gehaltene Begrüßung ihres Onkels. „Die Person, welche Herr Walter für mich ausgesucht hat, langweilt mich schon den ganzen Morgen mit ihren Fragen. Das muß aufhören."

„Ich werde gleich zu ihr hingehen, Onkel, — mcht wahr, so darf ich Sie doch nennen?"

„Nennen Sie mich, wie Sie wollen," entgegnete er mürrisch.

Die Sorge, das Chaos zu ordnen, welches sich

der sich in Darmstadt befand, hat sich auf Befehl feines kaiserlichen Bruders bereits nach Stuttgart be­geben. Die Rückkehr des Kaisers nach Potsdam erfolgt Sonnabend Vormittag. Auf Befehl des Kaisers ist auch eine Deputation des Jnfant.-Regmts. v. Lützow (1. rheinisches) Nr. 25, dessen Chef weiland König Karl war, nach Stuttgart abgegangen.

Das Armee-Verordnungsblatt veröffentlicht folgen­den Armeebefehl: „Seine Majestät König Karl I. von Württemberg ist heute aus dem Leben geschieden. Mit mir betrauert die ganze Armee den Heimgang eines deutschen Fürsten, der in dem glorreichen Kriege 1870/71 Meinem verewigten Großvater, Kaiser Wil­helm I., treu zur Seite gestanden hat, während Würt­tembergs Söhne, dem Befehle ihres Königs folgend, in enger Waffengemeinschaft mit ihren deutschen Brü­dern gekämpft haben. Seit jener großen Zeit hat des dahingeschiedenen Königs Majestät nicht ausgehört, diese Waffengemeinschaft zu pflegen und zu fördern. Um Meiner und Meiner Armee Trauer einen sichtbaren Ausdruck zu geben, bestimme Ich, daß die Offiziere der Armee drei Tage und die des Infanterie-Regiments v. Lützow (1. Rheinisches) Nr. 25, welches mit König Karl seinen hochverehrten Chef verloren, acht Tage hin­durch den Trauerflor um den linken Unterarm anzu­legen haben. Jagdhaus Rominten, den 6. Okt. 1891. (gez) Wilhelm."

Der Zar läßt sich bei der Trauerfeier in Stutt­gart durch den Großfürsten Michael vertreten, der heute früh Berlin pafsirte.

* Zwischen dem Kaiser und dem neue» König von Württemberg, Wilhelm II. ist bereits eine Korre­spondenz geführt worden. Der .Staatsanzeiger für Württemberg' veröffentlicht folgendes Telegramm des Kaisers an den König Wilhelm:

„Tief erschüttert durch die Todesnachricht beeile Ich Mich, Dir, Deiner Gemahlin und Deinem gesammten Volke Meine aufrichtigste Theilnahme anSzudrücken. Einer der Mitstifter des Deutschen Reiches und Mitgenosse Meines theueren Großvaters ist dahin. Ich komme persönlich, Meinen Antheil an der Trauer Württembergs zu betätigen. Mögest Du in Deinem neuen Amt mit Gottes Beistand für Dein Volk und Unser deutsches Vaterland ein Segen sein. Meiner wärmsten Freundschaft und innigsten Zuneigung bist Du allezeit sicher. Wilhelm".

Die Antwort des Königs lautet:

„Die Worte, welche Du an Mich gerichtet hast, haben Meinem tiefgebeugten Herzen unendlich wohlgethan. Ich bin Mir der großen Verantwortung, welche Gott Mir auferlegt hat, bewußt und hoffe. Mein Amt mit seiner Hilfe, zum Wohle des gemeinsamen deutschen Vaterlandes wie.Meines Landes auszufüllen. Ich fühle mich gestärkt durch die wohlwollenden Gesinnungen, welche Du Mir wie immer so auch jetzt kund giedst. Aus tiefster Ueberzeugung stehe Ich, wie seit Jahren als Glied der preußischen Armee zu dieser, jetzt als deutscher Regent fest und treu zu Kaiser und Reich. Wilhelm."

Am Freitag, Bormittags um 10 Uhr, nimmt ein militärischer Trauerzug zu Fuß um die vier Seiten des Schlotzplatzes Aufstellung. Als Traueranzug ist Gala mit Tryuer-Abzeichen vorgeschrieben. Hieran schließt sich ein Familien-Dejeuner. Des Abends fin­det ein größeres Diner statt. An diesen Feierlichkeiten nimmt die Königin-Wittwe nicht Theil. Der Kaiser bewohnt seine alten Gemächer im Schloß, das kaiserliche Gefolge wird dort gleichfalls einquartiert fein. (Germ.) durch jahrelange Vernachlässigung in dem Hause ge­sammelt hatte, nahm alle Kräfte Elisabeth's so in An­spruch, daß kaum Zeit zu Reflexionen über die trau­rige Wendung ihres Schicksals übrig blieb. Die Vor­mittage waren durch gelegentliche Briefe an den Banquier und durch Vorlesen der auf die Börsenschwankungen bezüglichen Artikel angefüllt. Freundschaftliche und an­dere Beziehungen, wie sie der Verkehr mit der Welt in tausenderlei Gestalt mit sich bringt, existirten nicht für Herrn v. Argast. Geld war das Einzige, woran sein Herz hing, seitdem traurige Erfahrungen den letzten Rest seiner menschlichen Gefühle ertödtet hatten. Elisa­beth gab sich alle erdenkliche Mühe, seinen Gedanken­gang auch 'auf andere Interessen hinzulenken. Aber diese Versuche scheiterten an dem alle anderen Gefühls­regungen unterdrückenden Egoismus ihres Verwandten.

„Warum soll ich mich für das interessiren, was mir keinen Nutzen bringen kann?" war seine stete Ent­gegnung.

„Aber ich möchte so gern etwas finden, um Sie aufzuheitern," erwiderte Elisabeth. „Es thut mir leid, Sie nie mit einem Gedanken beschäftigt zu wisfen, der Ihnen Freude macht."

„Mir Freude macht?" entgegnete er mit höhnischem Auflacken. „Darüber brauchen Sie sich keine Sorge zu machen. Ich habe oft die allerangenehmsten Ge