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Mittwoch, den 7. Oktober 1891
18. Jahrgang
FilliMrWZeitung
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Deutsches Keich.
Berlin, 5. Oktober.
* Zur kirchenpolitischen Lage bringt der .Hamb. Corr.' folgende Auslassung, die an sich zwar nichts Neues enthält, als Stimmungsausdruck aber doch nicht ganz uninteressant ist: „In letzter Zeit cursirten wieder Meldungen über Verhandlungen zwischen der Berliner Regierung und dem Vatikan. Von Berlin aus wird jetzt bestimmt versichert, daß von direkten Verhandlungen der Reichsregierung und der römischen Kurie zur Zeit nicht die Rede ist; daß auch eine weitere Mittheilung, wonach der Münchener Nuntius Agliardi im Auftrage des Papstes dem Reichskanzler v. Caprivi eine tadelnde Mittheilung über die Haltung des.Osser- vatore Romano' hätte zukommen lassen, durchaus unzutreffend ist. Ueber die wahre Bedeutung und die Herkunft des vielerwähnten Artikels des ,Osservatore' war man in Berlin von vornherein genau unterrichtet. Man wußte, daß der Vatikan dem Artikeln völlig fern steht, und man hatte ihm von der Regierung in keiner Weise die Bedeutung beigelegt, die er durch die Erörterungen der Presse zu finden schien."
* Der Reichstag ist bekanntlich bis zum 10. Nov. vertagt. Nach dieser Frist liegt es in der Befugniß des Präsidenten, die Sitzungen zu einem beliebigen Tage wieder anzuberaumen. Wie die ,N. L. C.' hört, wird beabsichtigt, den Reichstag in den nächsten Tagen nach dem 10. November wieder einzuberufen. Es wird denselben u. A. auch die Novelle zum Arbeiter-Krankenversicherungsgesetze beschäftigen; sie ist bekanntlich eine derjenigen Vorlagen, deren Erledigung dem Reichstage noch aus der vorigen Session obliegt. Sie hat die erste Lesuny im Plenum passirt und ist in einer besonders zu diesem Zweck gewählten Kommission eingehend vor- berathen worden. Es sind auch die verschiedensten Aenderungen an der Vorlage der verbündeten Regierungen vorgenommen worden, jedoch dürsten nicht alle ohne Widerstand im Plenum bleiben. Es scheint sogar, als würden sich recht ausgedehnte Debatten an bie Novelle knüpfen, schon deshalb, weil die Streitpunkte, um welche es sich dabei handelt, recht mannigfacher Art sind. Den Hauptgegenstand der Erörterungen wird die Stellung der freien Hilfskassen bilden, die bekanntlich in der Novelle einer dreifachen Aenderung betreffs An- und Abmeldepflicht, Gewährung von freiem Arzt und freier Arznei, sowie Berechnung des Krankengeldes unterworfen werden foll. Aber auch andere Punkte dürften einer eingehenden Diskussion unterzogen werden. So die Frage der Nichtgewährung des Unterstützungsanspruchs nach Austritt aus der Kasse an kontraktbrüchige Versicherte, die Bildung von Krankenkassenverbänden, welche durch die Kommissionsbeschlüsse geradezu verhindert werden würde, die Aerzte- und Apothekenwahl, die Ordnung der fakultativen Aufhebung der dreitägigen Carenzzeit, der Festsetzung gleichmäßiger Grundsätze für die Berechnung des ortsüblichen Tagelohnes u. m. A. Es ist auch wahrscheinlich, daß bei der Erörterung des sozialdemokratischen Antrages auf Verstaatlichung der Apotheken die ganze Apothekenfrage wieder aufgerollt wird. Dem Vernehmen der Berliner
a Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(8. Fortsetzung.)
Es war 7 Uhr vorbei, als Elisabeth endlich von ihrem Ausgange zurückkehrte.
„Wie gut, daß Du vor Ada wiederkommst!" sagte die Mutter, sie mit einer herzlichen Umarmung begrüßend. „Bist Du sehr müde, mein Liebling?"
„Nein, lange nicht so müde, wie gestern; und denke Dir nur, Herzensmama, ich glaube wirklich, der sonderbare alte Mann will uns das Geld geben."
„Gott sei Dank! Aber nun erzähle mir, wie Alles kam."
„Der Onkel scheint vor Allem gesonnen, eine gute Köchin aus mir zu machen," berichtete Elisabeth, „wenigstens hatte er außer etwas Kaffee und Zwieback nichts mehr zu sich genommen, seit ich ihm das letzte Gericht vorgesetzt. Während er und sein Vertrauensmann — Herr Walter heißt er — sich miteinander unterhielten, wurde ich hinaufgeschickt, um die Zimmer der oberen Etage zu besichtigen. Wie es dort aussah, das kannst Du Dir gar nicht denken, Mama! Der Schmutz und die Verkommenheit spotten jeder Beschreibung."
,Polit. Nachr.' nach haben bereits verschiedene der größeren wirthschaftlichen Bereinigungen Stellung zu den einzelnen Kommissionsbeschlüssen genommen und ihre Ansichten darüber in Petitionen an den Bundesrath und Reichstag niedergelegt.
* Im Reichseisenbahnamt werden gegenwärtig die im Monat Mai d. I. begonnenen Berathungen über die Abänderung verschiedener Bestimmungen des Bahnpolizei-Reglements, der Signal-Ordnung und der Normen für die Konstruktion und Ausrüstung der Eisenbahnen Deutschlands, sowie der Bahnordnung für deutsche Eisenbahnen untergeordneter Bedeutung und der Bestimmungen über die Befähigung von Bahnpolizei- Beamten und Lokomotivführern fortgesetzt. An den von dem Geh. Ober-Reg.-Rath Streckert geleiteten Verhandlungen sind betheiligt Kommissare des Reichsamts für die Verwaltung der Reichseifenbahnen, der Militär- Verwaltung, des preußischen Ministeriums für öffentliche Arbeiten, der Regierungen von Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hessen, Mecklenburg, Oldenburg, Braunschweig, Sachsen-Meiningen und Hamburg, sowie der Landesverwaltung von Elsaß-Lothringen.
* Die Abhaltung eines internationalen Kongresses für Eisenbahnficherheit in Berlin ist in Aussicht genommen.
* Das Reichsbankcuratorium, dem die Aufsicht über die Reichsbank zusteht, hielt heute eine Sitzung unter dem Vorsitz des Staatssekretärs v. Bötticher ab, in welcher der Rechenschaftsbericht für das verflossene Vierteljahr erstattet wurde.
* Der Kaiser hat wegen der gegenwärtig schönen Witterung seinen Aufenthalt in Ostpreußen auf Jagdschloß Rominten noch um einige Tage verlängert. Wie verlautet, dürfte Se. Majestät sich von Rominten aus direkt zu einem Jagdausfluge nach Hubertusstock in der Schorfhaide begeben und, wie schon im vergangenen Jahre und sofern das Wetter günstig bleibt, dort einen etwa achttägigen Aufenthalt nehmen, voraussichtlich wird auch die Kaiserin zum Anfang der nächsten Woche sich nach Schloß Hubertusstock begeben, um daselbst mit dem Kaiser zusammenzutreffen und während dessen Anwesenheit dort zu verweilen. Das Befinden des Kaiserpaares ist das beste. Nachrichten aus Dresden zufolge wird Kaiser Wilhelm Ende November d. I. sich nach Dresden begeben, um dafebst an den aus Anlaß der Vermählung des Prinzen Friedrich August stattfindenden Festlichkeiten theilzunehmen.
* Ihre Maj. die Kaiserin Friedrich reist am Sonntag nach Italien.
* Prinz Albert von Sachsen-Altenburg hat sich am 1. Oktober mit der Herzogin Helene von Mecklenburg- Strelitz verlobt.
* Die Kommission für die 2. Lesung des bürgerlichen Gesetzbuchs für das deutsche Reich tritt nach dreimonatlicher Pause am 12. d. M. im Reichsjuftiz- amt zusammen.
* Zwei kommandirende Generäle: Der Kommandeur des Gardekorps, v. Meerscheidt-Hüllessem, und der des 7. (westfälischen) Armeekorps, v. Albedyll, hatten, wie früher gemeldet, ihr Abschiedsgesuch eingereicht. Dasselbe ist nun, wie das ,Berl. Tageblatt' von unter»
„Und Du bekamst die ganze Zeit über nichts zu essen?" unterbrach sie ihre Mutter.
„Doch, Herr Walter war so freundlich, um etwas Kuchen für mich in die nächste Konditorei zu schicken, überhaupt scheint er mir sehr wohlgesinnt, denn als er fortging, sagte er: „Ich freue mich, Herrn v. Argast endlich überzeugt zu haben, daß Sie seine Nichte sind, und falls Sie geneigt sind, auf die Bedingungen einzugehen, welche ich Ihnen vorzulegen habe, so können wir morgen Mittag das Weitere abmachen." Dabei gab er mir seine Karte; hier ist sie."
„Die gestellten Bedingungen müßten schon über die Maßen schwer sein, wenn wir uns nicht auf dieselben einlassen sollten, nicht wahr, meine Liebe?" sagte ihre Mutter, die Karte fortlegend. Gott scheint uns noch einmal helfen zu wollen. Einstweilen habe Dank für den Muth, mit dem Du Dich in die Höhle des Löwen hineingewagt hast."
„Sage lieber, die Höhle der Hyäne," warf Elisabeth ein. „Und doch thut mir der alte Mann leid. Es muß schrecklich sein, sich von Niemand geliebt zu wissen und nicht einmal einer angenehmen Erinnerung nachhängen zu können!"
„Seine Erinnerungen sind allerdings nicht dazu angethan, ihn angenehm zu beschäftigen," stimmte Frau
richteter Seite erfahren haben will, vom Kaiser abgelehnt worden. Beiden Generälen seien diesbezügliche überaus gnädige Handschreiben zugegangen.
* Seit dem Inkrafttreten des Atters- «nd Znvali- ditätsverstcherungsgesetzes (alfo vom 1. Januar 1891 ab) sind bis Ende September d. I. inSgesammt 1649 Anträge auf Altersrente eingegangen und hiervon 1105 anerkannt, 501 abgewiesen, 18 anderweitig erledigt, 25 noch unerledigt. Von den 501 abgewiesenen Anträgen sind 67 von Neuem erörtert und demnächst 52 anerkannt, 12 nochmals abgewiesen, 2 anderweitig erledigt, 1 noch unerledigt, (auf Grund des Gesetzes vom 8. Juni 1891.)
* Die diesjährige Kartoffelernte Preußens wird auf 188,3 Millionen Doppel-Zentner geschätzt, d. i. 17 Millionen Doppel-Zentner mehr als im Vorjahre.
* Von den bis jetzt in Hamburg eingetroffenen Sendungen von amerikanischem Schweinefleisch mußten mehrere zurückgewiesen werden, weil die Exporteure nicht die vorgeschriebenen Certifikate ihrer Bundesbehörden über stattgehabte Untersuchungen mitschickten.
* Vorige Woche wurde das neue Kabel zwischen England und Deutschland zum ersten male erprobt. Das Kabel läuft bekanntlich von Becton an der Küste von Norfolk, unweit von Nord-Walsham, über Borkum nach Emden. Es enthält vier Drähte. Welche Verbindung dieselben erhalten werden, ist noch nicht entschieden. Wahrscheinlich wird je ein Draht nach Berlin, Hamburg und Frankfurt a. M. führen, während der vierte mit Wien verbunden wird.
* Wie der ,Post' aus Bochum geschrieben, entstand am Sonnabend Abend auf dem Bergisch-Märkischen Bahnhofe gelegentlich der Ankunft des Redakteurs Fasangel ein großer Menschenauflauf. Die Menge gab durch Hurrahrufe, Pfeifen und Johlen ihrer Sympathie oder ihrem Mißfallen Ausdruck. Vor der Wohnung Fusangels entstand ein solches Gedränge, daß die Polizei einschreiten und von der blanken Waffe Gebrauch machen mußte. Viele Skandalmacher wurden festgenommen. Zur Aufrechterhaltung der Ruhe war die ganze Bochumer Polizeimannschaft requirirt. Nachts gegen 11 Uhr war die Ruhe wieder vollständig hergestellt.
Ausland.
* Das Befinden des Königs von Württemberg scheint zu ernsten Bedenken Anlaß zu geben, denn die seit Samstag ausgegebenen offiziellen Krankheitsberichte rücken die Lebensgefahr immer näher. Der neueste, am Sonntag veröffentlichte ärztliche Untersuchungsbefund lautet: „Nach einem heute (Sonntag) früh 7*/a Uhr ausgegebenen Bulletin hielt bei dem König bis Mitternacht große Unruhe an. Nach gewährter weiterer Hilfe trat ziemlich ruhiger Schlaf mit erheblicher Erleichterung ein. Ein zweites, ll1/t Uhr Mittags ausgegebenes Bulletin theilt mit, daß die Störungen sich in der letzten Nacht bis zu vollständiger Harnverhaltung steigerten, welche eine Punktion der Blase nothwendig machten. Dadurch wurde vorübergehend eine Erleichterung erreicht, während die entzündlichen Erscheinungen
von Argast ernst zu. „Seine Frau verließ ihn, in Folge schlechter Behandlung mit ihrem 5jährigen Söhnchen. Von da an schien sich fein Blut noch mehr in Galle zu verwandeln, und er mißhandelte den Sohn, als er seiner habhaft wurde, derartig, daß dieser ebenfalls mit 16 Jahren die Flucht ergriff, und sich als Schiffsjunge anwerben ließ. Der arme Schelm! Eine Zeit lang schrieb er Deinem Vater noch, dann erfuhren wir, daß er in den Goldminen in Ausstralien umgekommen sei."
Elisabeth hatte tief erschüttert zugehört, dann fuhr sie, von ihrer Mutter dazu aufgefordert, in ihrem Berichte fort:
„Nachdem Herr Walter fort war, mußte ich wieder Börsenberichte aus verschiedenen Zeitungen vorlesen, dann schrieb ich einige Briefe und endlich sagte der Onkel zu mir: „Sie scheinen also wirklich meine Nichte zu sein; dann will ich nur hoffen, daß Sie mehr vom Wetthe des Geldes verstehen, als Ihr Vater und Ihre Mutter." Ich vermochte die Antwort auf solche Anklage nicht hinunterzuschlucken und erwiderte daher: „Ueber meinen Vater habe ich kein Unheil, denn ich war noch ein Kind, als er starb, aber was meine Mutter betrifft, so glaube ich, daß es wenige Menschen giebt, die besser mit Geld umzugehen verstehen, wie sie." Er starrte mich verwundert an und sagte: „Nun umso besser." Die Ant-