BJV 228 Sonntag, den 4. Oktober 18SI. 18.Iahrgmg
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Zum schossen. Jemand „Er hat
wie es sich die sonderbaren „Christen von Santiago geleistet haben, bringen die frivolm Pariser nicht fertig.
Der Selbstmord Balmaceda's hat auch trotz der größeren Schwierigkeiten, in der er sich befand, mehr überrascht, als die Boulanger'sche Berzweiflungsthat. Nach allen bisherigen Schilderungen schien Balmaceda doch ein willensstarker Mann und ein fähiger Kopf zu sein. Seine Feinde warfen ihm Herrschsucht und Grausamkeit vor, was doch auch nicht gerade auf einen schwächlichen Charakter deutet. Und nnn bricht diese knorrige Tyrannengestalt unter der Niederlage seines Heeres sofort zusammen zu einem Häuflein Rath- und Hilflosigkeit. Er nistet sich in einer Gesandtschaft ein, ohne daß man von einem ernstlichen Fluchtversuch etwas erfahren hätte, schreibt dort einen wehmüthigen Entschuldigungsbrief und entzieht sich dann den Folgen seiner Thaten durch Selbstmord, ohne sich durch den Gedanken an das Gericht des Ewigen zurückhalten zu lassen. Balmaceda war fteilich ein „Liberaler"; aber ihm hätten wir doch noch eher religiös-sittliches Gefühl zugetraut, als dem in Genußsucht verlotterten Boulanger.
Die beiden traurigen Fälle lehren abermals, daß kein Mensch vor seinem Tode glücklich zu preisen ist und daß der liebe Gott eine bessere Stütze ist, als das eitle Ich. Wer sich an Gott und sein Gebot hält, ist nicht gegen Unglück im Leben gesichert, aber er darf einen guten Tod erhoffen. Ende gut, Alles gut. Ende schlecht, Alles schlecht. Selbstmord ist die jämmerlichste Frucht der Gottlosigkeit. Es ist die Quittung über ein verfehltes Dasein auf Erden und die Anweisung auf ein verfehltes Dasein in der Ewigkeit!
Bestellungen auf die,Fuldaer Zeitung' werden noch fortwährend entgegengenommen.
Koulanger's Gnde.
N. Berlin, 1. Oktober.
Deutsches Keich.
Berlin, 2. Oktober.
• Ueber das Ergebniß der Handelsvertragsverhandlungen zwischen Deutschland «nd Italien verlautet, da die Verhandlungen vertraulich geführt werden, noch nichts Zuverläfstges. Dieselben müssen aber doch erfolgreich sein, da seitens der deutschen Delegirten erklärt worden ist, daß die Verträge dem kommenden Reichstage noch in diesem Herbste zur Genehmigung zugehen werden. Gleich günstig sind die Aussichten für einen Handelsvertrag zwischen Deutschland und Belgien.
* Betreffs der neuen Lehrpläne, welche bekanntlich am 1. April nächsten Jahres an den höheren Unterrichtsanstalten zur Einführung gelangen sollen, erfährt die ,Pomm. Reichsp.' noch, daß der Unterricht im Französischen nicht wie bisher in der Quinta, sondern erst in der Quarta der Gymnasien und Realgymnasien beginnen soll. Für diesen um ein Jahr hinausgeschobenen Anfang des französischen Unterrichts ist die Erwägung ausschlaggebend gewesen, daß es den Schülern zu große Schwierigkeiten bereite, wenn sie nach erst einjähriger Beschäftigung mit der lateinischen Sprache bereits eine zweite fremde Sprache anfangen sollen. Die Schüler müßten sich erst in die lateinische Sprache mehr cinleben und vertiefen. Doch bieten sich für die Zeit des Uebergangs manche Schwierigkeiten dar. Diejenigen Schüler nämlich, welche zu dem bevorstehenden Michaels- termin nach Quinta versetzt werden, beginnen, dem alten Lehrplan gemäß, jetzt mit dem französischen Unterricht. Da nun die neuen Lehrpläne, nach denen der französische Unterricht erst in Quarta einsetzt, Ostern 1892 zur Einführung kommen, so würden jene Quintaner nur bis zu diesem Termine das Französische betreiben und dann nach halbjähriger Unterbrechung Michaelis 1892, wo sie nach Quarta versetzt werden, mit der Erlernung der französischen Sprache von Neuem anfangen müssen. Es würde sich daher gewiß empfehlen, mit denjenigen Schülern, welche zu diesem Hecbsttermine nach Quinta versetzt werden, in dem bevorstehenden Winterhalbjahre den Betrieb der französischen Sprache überhaupt nicht erst zu beginnen.
* Der preußische HandelSminißer hat an die wirth- schastlichen Vereinigungen eine Zuschrift gerichtet, in welcher er sich über den Inhalt der von deutschen Firmen an das Ausland zu versendenden Kataloge und Preisverzeichnisse äußert. Die Zuschrift ist auf Anregungen der deutschen konsularische« Vertreter im Auslande zurückzuführen. Von diesen ist wiederholt hervorgehoben worden, daß der Inhalt der deutschen Kataloge und Preisverzeichnisse trotz des Fleißes, mit welchem sie oftmals hergestellt werden, den Anforde-
Quartalschluß hat sich Boulanger todtge- Jn einer Berliner Weißbierstube machte nach einem langem Zuge die Bemerkung: wohl die Miethe zum 1. Oktober nicht zusammen bringen können! Der Mann wird in keinem
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der zitternden Hand im Stich gelassen worden ist. Denn sonst ist ihm immer während seiner politischen Abenteurer-Laufbahn im entscheidenden Augenblick immer das Herz in die Hosen gefallen. Daher die zwei Eisenbahnfahrten, die ihm zum Verderben gereichten. Als er seinen Ministerposten verloren hatte und als kommandirender General in der Provinz kalt gestellt werden sollte, hatte bekanntlich das verzückte Volk den Bahnhof besetzt, um seinen Liebling in Paris zurückzuhalten. An der Spitze dieser tollen Masse hätte Boulanger den Triumphzug in den Regierungspalast halten können; ohne Zweifel wären die damals für ihn schwärmenden Truppen zur Revolution übergelaufen, Aber der Retter Frankreichs hielt den Spaziergang der Revolution für gefährlich und flüchtete auf einer Lokomotive von dannen. Er hatte mehr Anlagen zum Spitzbuben, als zum Räuber der Macht und verlegte sich auf die Jntrigue, bei der kein Blut fließt. Er hatte auch dann noch Aussicht das Spiel zu gewinnen, als der Prozeß wegen Hochverrats gegen ihn eingeleitet wurde. Er mußte sich der Regierung und den Richtern stellen, um das Volk zum Aufstand gegen seine Verfolger, aufzurufen. Aber dann hätte er ja einige Zeit Gefängniß- luft athmen und auf seinen gewohnten Zeitvertreib verzichten müssen! Dazu konnte sich der „Held" nicht verstehen, er riß aus und erfüllte damit den innigsten Wunsch seines hartnäckigen und schlauen Gegners Constans. Mit dieser zweiten feigen Flucht war das Schicksal seiner Sache besiegelt. Der Mann hat überraschend viel Glück gehabt, aber er war selbst seines Unglücks Schmied.
Zu den Glücksgöttern Boulangers gehörte auch unser Fürst Bismarck. Als Bismarck mittelst der Kriegsangst sich das Septennat und die Kartellmehrheit sichern wollte, brauchte er einen Popanz zur Einschüchterung der politischen Kinder und wählte zu diesem Posten den damaligen Kriegsminister Frankreichs, den Barackenbauer und Melinit-Propheten Boulanger? Ob der vielerfahrene alte Reichskanzler den Reklamehelden in Paris wirklich für gefährlich gehalten hat? Ich glaube es nicht. Aber indem Fürst Bismarck ihn für gefährlich ausgab, hob er den Cirkus-General auf den Gipfel der Volksthümlichkeit in Frankreich. Wenn Boulanger überhaupt das Gefühl der Dankbarkeit gekannt hat, so muß er es gegenüber dem jetzigen Einsiedler vom Sachsenwalde empfunden haben. Diejenigen biederen Deutschen, welche 1887 sich durch die Angst vor Boulanger in's Bockshorn jagen ließen, können sich auch bei dieser Gelegenheit nachträglich noch etwas schämen. Erhebend ist der Gedanke gerade nicht, daß die Furcht vor einem so saft- und kraftlosen Komödianten die innere Entwickelung Deutschlands, wenigstens auf drei Jahre, beeinflußt hat.
Uebrigens könnte man auch die Frage aufwerfen, ob nicht Boulanger in einer gewissen Beziehung zu dem Bankerott der Bismarck'schen Herrlichkeit stehe. Boulanger half die Kartellmehrheit gründen; die Kartellmehrheit, die besonders dazu erdacht war, nm dem Fürsten Bismarck einen parlamentarischen Rückhalt gegenüber dem Nachfolger Wilhelms I. zu geben, stärkte die Ueberhebung des Fürsten Bismarck, und die Ueberhebung führte zum Krach.
Kurz vor dem Selbstmord Boulanger's hat sich ein anderer Unglücks-Politiker erschossen, der besiegte Präsident Balmaceda von Chile. Ob dieses böse Beispiel vielleicht der letzte Tropfen war, der das Maß der Lebensscheu bei Boulanger zum Ueberfließen brachte? Das ist keineswegs unmöglich. Die Lage der beiden gescheiterten Abenteurer war allerdings nicht gleich. Boulanger hatte höchstens Geldmangel zu fürchten, der ihn zum Verzicht auf die kostspieligen Passionen nöthigen konnte. Balmaceda aber stand in der Gefahr, seinen grausamen Feinden in die Hände zu fallen und entweder von der wüthenden Menge todtgeschlagen oder nach einer schimpflichen und harten Behandlung zum Richtplatz geführt zu werden. In einem Punkte treffen fteilich die Schicksale Beider zusammen: in dem jähen Sturz von einer hohen und anhangreichen Stellung in die tieffte Tiefe der Machtlosigkeit und Verlassenheit. Der Mann, der noch vor einigen Wochen der anerkannte Herrscher von Chile war, findet nach einer Niederlage seines Heeres nicht einmal so viel Hilfe und Freundschaft mehr, um aus dem Lande entweichen zu können! Der Umschlag der Volksstimmung scheint in Chile noch schneller und gründlicher vor sich zu gehen, als in Frankreich. Auch eine Illumination zur Feier des Selbstmordes ihres ehemaligen Gebieters,
spottlustigen Spree-Gemüth wohl den wahren Grund des Selbstmordes geahnt haben. Der Schwindel- General hat auch im letzten Augenblick noch Komödie gespielt, als er auf dem Grabe seiner neulich verstorbenen „Geliebten" seine Heldenseele in das Jenseits spedirte, um seinem Selbstmord einen romantischen Anstrich zu geben. So ein alter Bruder Liederlich schießt sich nicht aus Verzweiflung über den Tod einer Geliebten tobt, sondern ist viel eher geneigt, sich nach Ersatz umzusehen. Aber wenn das „geliebte" Wesen, das bisher für Kleingeld sorgte, ihrem Ritter mit den leeren Taschen keine Münzensammlung hinterläßt, dann ist der Lebensüberdruß schon verständlicher. Nicht die Leere des Herzens, sondern des Portemonnaies trieb ihn zum Selbstmord.
Mildere Richter sagen, die grausame Enttäuschung seines Ehrgeizes, die Verzweiflung über den gänzlichen Ruin seiner politischen Bestrebung habe ihm die Pistole in die Hand gedrückt. Nach meiner Ansicht würde der Mann heute noch vergnügt das Leben genießen, wenn sich noch eine Herzogin von Uzes oder eine andere Tante Guthand (Bonnemain) gefunden hätte, die ihm mit einigen Millionen oder wenigstens Hunderttausenden unter die Arme greifen wollte. Daß sein politischer Karren bis über die Achsen rettungslos im Morast stack, wußte er längst, ohne sich dadurch den Appetit verderben zu lassen. Als Opfer der „Liebe" hätte er sich am Sarge der Madame Bonnemain mit dem rechten Knallefekt tobten können, aber er zog es vor, sie so lange zu überleben, bis festgestellt war, baß er nichts von ihr geerbt unb auch von anberer Seite nichts zu erwarten habe.
Die Pariser, die einst so stürmisch dem „braven General" zujubelten, als er auf seinem eleganten Rappen mit einem theatralischen Gefolge von Beduinen- Kavallerie durch die Straßen sprengte, und ihn durch ihr „Plebiszit" den Windbeutel zum Retter Frankreichs und neuen Napoleon stempeln wollten, haben die Nachricht von seinem Selbstmorde mit großer Kaltblütigkeit entgegengenommen. Er war für die bewegliche Menge schon tobt, ehe er an Selbstmorb bachte. Was brauchen bie „nationalen" Götzendiener sich auch noch um Boulanger zu kümmern. Sie haben ja inzwischen schon einen neuen Fetisch auf ben Revanche- Altar gesetzt: Der Zar ist an Stelle Boulangers National-Gott geworben unb an Stelle bes Boulanger- Gafsenhauers ist bie russische Nationalhymne getreten. Eigentlich müßten sich bie Pariser unb bie sonstigen Boulangisten jetzt grünblich schämen über bie Verehrung unb bas Vertrauen, bie sie einem solchen Menschen gewibmet haben. Aber bavon ist nichts zu merken. Entweber hat man bort für bie Jämmerlichkeiten im Leben unb Sterben Boulangers nicht baSselbe Gefühl, wie bei anberen civilifirten Völkern, ober man macht sich nichts baraug, von einem Hanswurst an ber Nase herumgeführt worben zu sein.
Um bie ganze Jämmerlichkeit des Boulanger'schen Endes zu begreifen, muß man sich erinnern, daß er nicht bloß eine greife Mutter und eine verrathene Frau, sondern auch erwachsene Töchter hinterläßt. Der Gedanke an seine Töchter hat ihn nicht abhalten können, das Grab des Frauenzimmers, mit dem er in einem ehebrecherischen Berhältniß stand, zum Sterbeplatz zu wählen.
Der Selbstmord ist ein Verbrechen der Feigheit. Es fehlt dem Selbstmörder an Muth und Kraft, die Unannehmlichkeiten der Lebens, bie ihm das Mißgeschick ober seine eigene Schulb bereitet haben, zu ertragen. Andererseits gehört eine gewisse augenblickliche Anspannung der Willens- und Nervenkraft dazu, um den Revolver richtig anzusetzen und loszudrücken. Mancher wird sich wundern, daß Boulanger noch die nöthige Augenblicks-Courage gehabt hat und nicht von