JM 227
Samstag^den 3. Ottober 1891.
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rE Sozialdemokratische Kroduktivgenossen- schaften.
T2SX1 einiger Zeit ist eine ganze Reihe genossen- schastllcher Gründungen,sogen. Produktivgenosse n- s ch a f t e n seitens der Arbeiterwelt ins Leben gerufen worden. So existiren Genossenschaftsbäckereien in Berlin, Leipzig, München, Hamburg, Schuhmachergenossenschaften in Erfurt, Offenbach, außerdem eine Hut- macher- und Cigarrenarbeitergenossenschaft, auch scheint Äie Gründung einer Volksbrauerei in Hamburg gesichert zu sein; überdies dürften ähnliche Gründungen bald anderwärts sich anschließen, z. B. eine Genossenschaftsbäckerei in Mülhausen im Elsaß. Die Gründe, welche solche Unternehmungen veranlassen, dürften in Der Regel ähnliche sein, wie sie von der Zahlstelle des Vereins deutscher Schuhmacher in der ,Schuhmacherztg.' für die Gründung der Schuhmachergenoffenschaft in Erfurt angegeben werden:
„Unsere Erfurter Kollegen hatten im Lohnkampfe eine Nie- derlage erlitten und es blieb ihnen weiter nichts übrig, als eine Genossenschaft zu gründen, indem sie zum Hungertode verurtheilt waren. In ganz Deutschland könnten sie von Fabrik zu Fabrik wandern, nirgends würden sie Arbeit finden. Die große Reservearmee, welche sich heute auf der Landstraße bewegt, gestattet den Unternehmern in brutaler Weise gegen die Arbeiter vorzuqehen, welche em Verlangen an den Unternehmer stellen. Letztere denken, der Arbeiter soll froh sein, wenn er Unternehmer findet, die ihn beschäftigen. Also nur durch die Roth getrieben, wurde die Er- furter Schuhfabrik ins Leben gerufen und dadurch den geboy- kotteten Kollegen wieder eine Existenz verschafft."
Aber auch ohne, daß die Existenz geboykotteter Arbeiter aktuell in Frage steht, kommt die Gründung von Produktlvgenossenschaften vor, z. B. die neuliche Gründung der Bäckereigenossenschaften in Berlin: in letzterem Falle war die Gründung gegen den „Druck Der Innungen, insbesondere des Germania-Bäcker- Jnnungsverbandes" gerichtet; auch glaubte man, daß dieselbe „durchaus im Interesse der Berliner Arbeiterschaft liege"; insbesondere war man der Ueberzeugung, daß „die Genossenschaft mehr und besseres Brod für den heutigen Preis zu liefern im Stande sein würde."
Im Uebrigen scheinen die Bedenken gegen solche Gründungen in der Arbeiterwelt vorzuwiegen. Im Vereine der Schuhmacher- und verwandter Berufsgenossenschaften in Dresden und Umgegend wurde unlängst ein eigener Vortrag gehalten, um vor Gründung von Produktivgenossenschaften zu warnen:
„Denn könne eine Produktiv-Genossenschaft nicht in großem Maßstabe mit dem erforderlichen Kapitale errichtet werden, nm mit den neuesten und verbesserten Maschinen zu arbeiten, fehle nuch das nöthige Kapital zum Nachschießen, um günstige Augen- blicke zum Engros-Einkauf der Rohmaterialien und die Gewährung bon Kredit an Konsumenten und Abnehmer auszunützen so sei kerne Aussicht vorhanden, prosperiren zu können. Im entgegengesetzten Falle seren die Antheile der Genossen zu klein, die Spesen zu hoch und die Produktivität zu gering. Auch die Lii- tung der Geschäfte erfordere Leute mit spekulativem Talent, da uns von gegnerischer Seite keine Sympathie und Konzessionen, wohl aber Haß und Konkurrenzneid entgegengebracht werden. Auch muffe m Betracht gezogen werden, daß man immer noch mit einer gewissen Privatkonkurrenz zu rechnen habe, denn unter den Genossen seien viele Kleingewerbetreibende, die in der Arbeiterbewegung selbst mit thätig, die ihren Kundenkreis unter ge- finnungsverwandten Arbeitern suchen und haben. Wohl sei der Zweck der Produktivgenossenschaft, die Erleichterung der Lage
Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(6. Fortsetzung.)
„Gut", unterbrach sie der Alte, „ich sehe, die Sache wird wohl 3—4000 Mark werth sein. Außerdem scheinen Sie mir nicht ganz unfähig, um mit Geld umzugehen, und ich habe Ihnen Hülfe in einem sehr kritischen Momente zu verdanken. Hören Sie, was ich Ihnen Vorschlägen will. Ich werde morgen einen Vertrauensmann zu Ihnen schicken, der sich von der Wahrheit aller Ihrer Aussagen überzeugt. Findet er Alles so, wie Sie vorgeben, so will ich Ihnen etwas auf Ihre Einrichtung hin vorstrecken, vorausgesetzt natürlich, daß Sie nicht schon einen Pfandschein auf das Mobiliar ausgegeben haben?"
Elisabeth sah ihn erstaunt an: „Einen Pfandschein? Was meinen Sie damit?"
„Also vielleicht nicht," murmelte der Alte, auf seinen Schreibtisch zuhumpelnd.
Er schrieb einige Worte, fragte dann nach der Adresse und couvertirte den Brief.
Elisabeth war überglücklich, nicht ganz abgewiesen zu sein. Sie erhob sich, und zu dem Onkel herantretend, sagte sie: „Lassen Sie mich nur Jemand zur Aufwartung für Sie besorgen. Es ist zu schrecklich,
der Arbeiter herbeiznführen durch gemeinsame Bethätigung der Genossen an der Herstellung der zu schaffenden Produkte oder Maaren, ein schöner; solle aber eine Genossenschaft prosperiren, so müßten die Theilnehmer vorurtheilsftei, energisch, thatkräftig einen genossenschaftlichen Geist bekunden, und frei sein von Egoismus und Selbstsucht. Denkende und zielbewußte Arbeiter werden erst dann, wenn absolute Nothwendigkeit (Aussperrung) eine Gründung erfordere, anrathen, wenn die oben erwähnten Bedingungen nicht vorhanden und eine sichere Garantie nicht gewähren. Es gelte jetzt bei einer derartigen Krise, die Kräfte nicht zu zersplittern und auf Nebenwege zu leiten, sondern das eine schöne große Ziel vor Augen zu behalten: Befreiung des gesummten Proletariats aus den Fesseln des Kapitalismus. Nur dann, wenn die Arbeitsmittel Gemeingut Aller geworden sind wird eine Erlösung der Menschheit stattfinden."
Auch die oben erwähnte Zahlstelle Darmstadt, welche die Gründung der Schuhmacher-Genossenschaft zu Erfurt rechtfertigen möchte, warnt vor weiteren derartigen Unternehmungen:
„Dies Unternehmen, g«stützt auf die Solidarität der organi- sirten Arbeiter, kann wohl prosperiren, weil letztere klassenbewußt sind, und jene Schuhwaaren zum größten Theile kaufen. Aus Alzey, Mainz, Tuttlingen u. s. w. wurde uns mitgetheilt, daß auch dort solche Unternehmen projektirt würden, wenn aber in acht oder zehn Städten Genossenschaften auftauchen, so würde ein Konkurrenzkampf entstehen, der bittere Enttäuschung bringen wird. Die Genossenschaften haben nur ein spärliches Betriebskapital zu ihrer Verfügung und Kredit ist ihnen voll und ganz abgeschnitten. Wenn Kollegen an einem Orte 6000 Mk , wie uns bekannt ist, auftreiben können, so ist doch nach Beschaffung von Maschinen nur noch ein verschwindend kleines Sümmchen für Rohmaterial, Arbeitslöhne rc. vorhanden. Ferner muß in Betracht gezogen werden, die Genossenschaft darf nicht zur Knochenmühle werden, und den Arbeiter in kapitalistischer Weise ausbenten, auch muß die Arbeitszeit in normalen Grenzen gehalten werden, und so sind der Gründe noch sehr viele vorhanden, die das Aufkommen von Genossenschaften sehr erschweren. In letzteren kann der Arbeiter auch nicht als Blitzableiter betrachtet und der Lohn reduzirt werden, sobald eine Krisis vorhanden, rote bei unfern Jndustriefürsten, denen es auch gleich ist, ob Tausende und Abertausende auf dem Schlachtfelde der Industrie ihr Leben aushauchen. Wir wollen und dürfen über unsere Kräfte hinaus nichts unternehmen und ein Netz von Genoffenschasten über Deutschland auswerfen, sondern wir müssen bestrebt sein und alles aufbieten, den Fabrikanten durch die Offenbacher und Erfurter Genossenschaften zeigen zu können, daß sie durch die letzte Aussperrung einen Schlag ins Wasser gethan haben."
Bei Gründung der Berliner Bereinsbäckerei wurde „als der wundeste Punkt" das Bedenken bezeichnet, ob die Genossenschaft eine „zahlungsfähige Kundschaft" habe.
Die Stellung der Sozialdemokraten zur Gründung solcher Genossenschaften bezeichnete ihr Centralorgan, der .Vorwärts', unter dem 14. August:
»Die Sozialdemokraten, d. i. die sozialdemokratische Partei, hat mit Errichtungen von Genossenschaften überhaupt nichts zu thun, sondern überläßt es den einzelnen Parteigenossen, an solchen sich zu betheiligen oder nicht. Weil die Partei genau weiß, wie schwer es ist, ohne ober mit wenig Kapital in heutiger Zeit eine Genossenschaft in die Höhe zu bringen, warnt sie eher vor solchen Gründungen, als daß sie dieselben anpriese."
Und üochmals unter dem 8. September schrieb dasselbe Blatt:
„Die sozialdemokratische Partei hat mit allen diesen Instituten nicht das Mindeste zu thun. Sie verhält sich ihnen gegenüber einfach indifferent; als Vertreterin der Arbeiterinteressen hat sie aber die Pflicht, die Arbeiter zur höchsten Vorsicht aufzusordern, wenn sie Genossenschaften errichten wollen. Glauben die Arbeiter im einzelnen Falle, daß ihr Projekt reüssiren müsse, so hat unsere Partei keine Veranlassung, sie an der Verwirklichung desselben zu hindern. Aus diesem Eestchts- Sie ganz allein auf ein unbeholfenes Kind angewiesen zu sehen, welches zudem große Reizung zum Fortlaufen zeigt."
„Ich brauche Niemand," warf der Alte grimmig ein. „Was ich brauche, kann das Kind besorgen. Sie haben ihm, wie ich sehe, zu essen gegeben. Eine so kräftige Mahlzeit wird wohl bis morgen vorhalten. Dann können Sie wiederkommen und meine Entscheidung hören, d. h. wenn Sie überhaupt meine Nichte sind. Es ist zwar durchaus keine Recommandation für Sie, aber wenn Sie wirklich die Tochter meines Bruders sind, so will ich etwas für Sie thun. Sind Sie es nicht — nun, dann sollen Sie etwas Anderes von mir zu hören bekommen," dabei lachte er feind- selig.
„Nehmen Sie im Voraus meinen Dank in Empfang," sagte das junge Mädchen mit einem schwachen Versuche zu lächeln.
Herr v. Argast folgte ihr, wohl mehr einem mißtrauischem Zuge, als einer höflichen Anwandlung nachgebend, bis zur Hausthür.
4. Verschiedene Charaktere.
Der Vertrauensmann, den Herr von Argast angemeldet, war dagewesen und man hatte eine sehr wohlwollende Persönlichkeit in ihm erkannt. Die Verhandlungen waren mit seiner Hilfe so weit gediehen, daß
punkte ist die Sache von jeher von der Partei aufgefaßt worden. Nur wenn diese Genossenschaften den Anspruch erheben wollten, als Organe, gewissermaßen alsZellen der sozialistischen Gesellschaft betrachtet zu werden, dann würden sie von der Sozialdemokratie bekämpft werden müssen."
Einen Grund für diese ablehnende Stellung geben mehrere Blätter an mit der Bemerkung, daß solche Selbsthilfe der Arbeiter gegen das sozialdemokratische Programm verstieße. Vielleicht abergibt es dafür einen anderen nicht minder durchschlagenden Grund. In der obigen Warnung der Darmstädter Zahlstelle wird u. A. hervorgehoben, es dürfe nicht die Genossenschaft „zur Knochenmühle werden und den Arbeiter in kapitalistischer Weise ausbeuten", auch müsse „die Arbeitszeit in normalen Grenzen erhalten werden", ebenso könne der Arbeiter „nicht als Blitzableiter betrachtet und ihm der Lohn reduzirt werden, sobald eine Krisis vorhanden, wie bei unseren Jndustriefürsten" Wenn solches nun aber doch geschähe! Es läßt tief blicken, daß eine Bäcker - Versammlung zu München unlängst folgende Resolution aunahm:
„Das Bureau wird beauftragt, der Vereins-Bäckerei bezw. deren Leitung zu erklären, daß man von ihr erwarte, daß sie in nächster Zukunft ein besseres Loos und durch Hand- in Handgehen mit dem Bäcker - Fachverein der Organisation eine Stütze biete."
Nach dem Berliner .Vorwärts' vom 18. Juli ist hierauf folgende Antwort ertheilt worden:
„Unter Zurückweisung der Zumuthungen, welche jüngst in einer Versammlung hiesiger Bäckergehilfen durch den Referenten Herrn Seidl, zugleich Vorstands-Mitglied der Vereins-Bäckerei, an die Vereins-Bäckerei gestellt wurden, erklärt der Aufsichtsrath: Die Vereins-Bäckerei München (eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht) hat weder die Aufgabe, noch weniger die Pflicht, die Existenzgrundlagen der hiesigen Bäckergehilfeuschaft zu verändern, dies ist ausschließlich Recht und Pflicht der Bäckergehilfenschaft selbst, welche durch fremde Bevormundung nur noch mehr versumpfen und verdummen würde. Die Vereins-Bäckerei München hat ausschließlich nur den Zweck, ihren Mitgliedern gutes und billiges Brod zu liefern. Selbstverständlich ist es Pflicht, daß den dort beschäftigten Gehilfen möglichst gute Existenz- Bedingungen geboten werden."
Trotz des letzten Satzes haben die Bäckergehilfen den wahren Sinn dieser Antwort verstanden; ihr Organ, die,Bäckerzeitung', bemerkt nämlich:
„Wir wollten ob dieser Antwort unseren Augen nicht trauen, sondern mußten dieselbe ein paar mal lesen, um zu der Ueberzeugung zu kommen, daß es kein Traum war. Noch mehr befremdete uns, daß sowohl die ,Münchener Post' wie der Berliner ,Vorwärts' keine Kritik an dieser Antwort übten. Anders konnte ein eingefleischter Innungs-Obermeister ober Großkapitalist auch nicht antworten."
Ob nicht Aehnliches auch in anderen Produktiv- Genossenschaften sich findet? Das aber ist offenbar für die Sozialdemokratie Grund genug, diese Genossm- schaften „als Organe, gewissermaßen als Zellen der sozialistischen Gesellschaft" zu verleugnen. Es könnte ja sonst einem dickschädeligen „Bourgeois" der kindische Einfall kommen, an solchen Genossenschaften den sozialistischen Zukunstsstaat demonstriren zu wollen!
Deutsches Keich.
Berlin, 1. Oktober.
* Während seiner Anwesenheit in Osnabrück besuchte Reichskanzler v. Caprivi u.A. das dortige Stahles jetzt nur noch eines persönlichen Vertragsabschlusses zwischen Onkel und Nichte bedurfte. Elisabeth hatte soeben Abschied von ihrer Mutter genommen, um den ihr recht schwer fallenden Weg anzutreten, als ihre Schwägerin in das Zimmer kam.
„Wohin in aller Welt geht Elisabeth schon wieder, Mama?" fragte sie, indem ein beinahe unwilliger Zug die feinen Brauen zusammenzog. „Sie hat es gar nicht der Mühe werth gefunden, mir zu erzählen, wo sie gestern so lange gewesen ist. Ich habe nur das Vergnügen gehabt, den Salon allein für Major Ormann's Besuch Herrichten zu müssen. Sie wußte doch, daß ich ihn zum Kaffee erwartete, und hätte mir etwas bei deu Vorbereitungen helfen können. Aber sie denkt nur an ihr eigenes Vergnügen," fügte sie schmollend hinzu.
Im Grunde war ihr Elisabeth's Abwesenheit am vorhergehenden Nachmittage gar nicht so unangenehm gewesen. Major Ormann's Herz, das eine bedenkliche Neigung zu einer ihm anläßlich eines kleinen Unfalles im Thiergarten bekannt gewordenen Dame zeigte, in der sie sofort Elisabeth wieder erkannt hatte, blieb dadurch vor allen weiteren Verstrickungen bewahrt.
„Elisabeth ist fortgegangen, um einen alten Verwandten aufzusuchen," erklärte ihre Schwiegermutter ausweichend.
„Doch nicht den alten Onkel, den Geizhals, von