jy 226 Freitag, den 2. Oktober 1891. 18. Jahrgang
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Deutsches Reich.
Berlin, 30. September.
* lieber eine Aeußerung Kaiser Wilhelm's bringt der Londoner .Standard'aus Wien folgende Mittheilung, deren Vertretung wir ihm überlassen müssen: Für die friedliche Gesinnung des Kaisers Wilhelm gibt ein Zwischenfall, der sich während seines letzten Besuches in Oesterreich ereignete, einen Beweis. Es war an einem Abend nach den Manövern in Goepfritz, man aß an der Tafel des Erzherzogs Albrecht, und da kam das Gespräch, rein informativ, auf die Frage, ob es vom militairischen Gesichtspunkte aus weise sei, einem verdächtigen Feinde Zeit zur Erhöhung seiner Kraft zu lassen, ob es nicht vielmehr besser sei, die Entscheidung herbeizusühren, ehe es dem Feinde möglich geworden, alle seine Vorbereitungen zu beendigen. Der Name Rußlands wurde zwar nicht genannt, doch jeder der Anwesenden wußte, wer gemeint war. Der Tischgesellschaft gehörten der deutsche Kaiser, der König von Sachsen, Erzherzog Albrecht und einige hohe deutsche und österreichische Offiziere an. Es wurden Meinungen für und wider geäußert; da sprach Kaiser Wilhelm mit besonderer Betonung, so daß sie auch von Leuten gehört werden konnten, die nicht an demselben Tische saßen, die Worte: „Ich bin entschieden der Meinung, daß die ungeheuere Verantwortlichkeit, welche der Krieg in unserer Zeit auferlegt, alle in der Militairwisfen- schaft angenommenen Theorieen zu nichte machen muß. Ich würde einen Krieg nicht beginnen, wenn ich wüßte, daß ich, wenn ich ihn aufschiebe, noch ein einziges Jahr, nein, einen einzigen Monat den Frieden sichern könnte, ich würde auf den Sieg meiner guten Sache bauen, auch wenn die Chancen auf beiden Seiten gleich wären und ich keinen Vorsprung auf der meinigen hätte. Es ist viel gewonnen, wenn man einige Monate mehr Frieden hat." König Albert vonSachsen äußerte sich in demselben Sinne und hob hervor, wie oft ein Krieg, der unvermeidlich geschienen habe, durch irgend welche zufällige Umstände vereitelt worden sei, besonders, wenn die Diplomatie Zeit zur Intervention gehabt habe: in anderen Fällen habe sich der Krieg und in seinem Gefolge das Elend nicht vermeiden lassen, weil einer der beiden Theile, in der Furcht vor der wachsenden Kraft feines Gegners, Plötzlich einen äußersten Entschluß gefaßt habe. Erzherzog Albrecht sprach gleichfalls über die ungeheuere Veranwortlichkeit Derer, die zu einem Kriege treiben wollten - in einer Zeit, wo die Waffen zu einer so mörderischen Vollkommenheit gebracht worden seien, rote jetzt. Das Gespräch und ganz besonders der Ernst, mit dem Kaiser Wilhelm davon sprach, die Segnungen des Friedens, sei es auch nur für eine Reihe von Monaten, zu erhalten, wenn ein
jC Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(5. Fortsetzung.)
„Sie müssen aber durchaus etwas haben", fiel ihm Elisabeth besorgt in die Rede. „Haben Sie nicht wenigstens etwas Wein oder Liqueur in der Nähe?"
Der Angeredete zog einen Schlüsselbund aus der Tasche, löste nach längerem Suchen mühsam einen Schlüssel davon los und überreichte ihn ihr, indem er aus ein kleines Eckschränkchen deutete.
Das erste Fach, welches Elisabeth öffnete, war ganz leer, in dem zweiten fand sie zwischen verschiedenen verstaubten Flaschen eine, welche einen Rest Cognac enthielt. Sie goß den Inhalt in ein in der Nähe stehendes Glas und brachte es dem fast Ohnmächtigen, der es gierig an seine Lippen führte.
„Das hat gut gethan", sagte er, ihr das Glas zurückreichend. „Jetzt muß ich aber auch etwas zu essen haben. Vielleicht kann die unnütze Krabbe da unten etwas kochen. Schellen Sie einmal."
Elisabeth zog mehrere Male erfolglos an der Schelle.
„Darf ich hinunter gehen und sehen, was aus dem Mädchen geworden ist?"
„Seien Sie so gut", antwortete er höflicher, als es bis jetzt der Fall gewesen.
warmen Huldigung für Windthorst, als den größten Apologeten unserer Kirche in unserer Zeit. Hr. von Czarlinski forderte zum Gebet für die unterdrückte katholische unirte Kirche in Rußland mit warmen Worten auf und bezeichnete als Ziel eine Förderung des katholischen Lebens und eine Abwehr gegen den Umsturz im Sinne des päpstlichen Rundschreibens und der kaiserlichen Maßnahmen. Darauf ergriff zur Begrüßung das Wort Prälat v. Stablewski. In einer katholischen Versammlung, die an der russischen Grenze gehalten würde, gelte auch sein erstes Wort der Theil- nahme für die bedrückten Glaubensbrüder in Rußland. Er schloß daran ein strenges Wort des Tadels gegen diejenigen polnischen Schriftsteller, welche durch den religiösen Nihilismus dem russischen Nihilismus und dem Panslavismus die Wege zu ebnen suchen. Bezüglich des Zweckes und der Richtung der Versammlung charakterisirte gleich Eingangs Prälat Dr. v. Stablewski die Versammlung als eine Versammlung, die an der Seite des Centrums und an der Seite aller christlichen Parteien die Ideen des Papstes und die gesetzgeberischen hochherzigen Bemühungen des Kaisers in der sozialen Frage thatkräftig unterstützen will und soll. Das gemeinsame Interesse der Polen als einer christlichen Nation mit den Deutschen stellte er vor die Augen und schloß unter brausendem Hoch auf die Einigkeit Aller unter dem Kreuze im Kampfe gegen den gemeinsamen Feind. Es ist eine der interessantesten polnischen Versammlungen gewesen; denn wohl zum ersten Male ist mit so warmen Worten in einer polnischen Versammlung des deutschen Kaisers gedacht worden, wie dies Mal. Der Vorsitzende von Chlapowski verlas für den Papst und den Kaiser Worte der Huldigung, welche mit brausendem Beifall ausgenommen wurden. Se. Heiligkeit schickte ein Telegramm, ebenfalls die Bifchöfe Redner, Likowski und Andrzejewicz mit Glückwünschen und Segen."
♦ Kassel, 30. Sept. Die Generalversammlung des Evangelischen Bundes wählte zu Vorsitzenden den Grafen Wintzingerode und den Landgerichtsrath Büff von hier. An Den Kaiser und die Kaiserin wurden Huldigungstelegramme abgesandt. Die heutige Hauptversammlung eröffnete Graf Wintzingerode mit einer Ansprache. General-Superintendent Lohr begrüßte die Versammlung im Namen des Kirchenregiments, Bürgermeister Kloeffler im Namen der Stadt Kassel und Professor Achelts im Namen der theologischen Fakultät der Universität Marburg. Fernere Grüße gingen ein von dem Centralausschuß der inneren Mission, dem evangelisch-sozialen Kongreß und dem evangelischen Arbeiterverein. Der „Generalvikar" der „Altkatholiken" Professor Weber-Breslau hielt, wahrscheinlich, um den inneren Zusammenhang des „Altkatholizismus" mit dem Protestantismus darzuthun, ebenfalls eine Begrüßungsrede.
* München, 28. Sept. Das .Fremdenbl.' theilt auf Grund einer Audienz bei Monsignore Agliardi, dem hiesigen Nuntius, mit, daß Hr. v. Schlözer auf der Rückreise von Berlin nach Rom keineswegs in offiziellem Kind, „und ich bin so hungrig" , dabei begannen die Thränen von Neuem zu fließen.
„Nun, meine nicht gleich wieder. Stelle den Kessel mit Wasser auf ein gutes Feuer, vielleicht kann Deine Mutter später aushelfen. Ich will jetzt gehen und etwas zu effen besorgen."
Die verzweifelte, verlafsene Lage des alten Mannes schien ihn seiner Schrecken beraubt zu haben, und nachdem Elisabeth's Mitleid einmal erwacht war, trat jeder andere Gedanke vor der Nothwendigkeit der Hilfe zurück.
Der Halbverhungerte machte einen schwachen Versuch sich aufzurichten, als sie wieder in das Zimmer trat.
„Ich habe unten nichts finden können, aber wenn Sie "erlauben, will ich ausgehen, um einige Lebensrnittel einzukaufen. Ich fürchte, Sie werden sich nicht erholen, ehe Sie etwas genossen haben."
„Kann das Kind nicht das Nöthige holen?" brachte er mit Anstrengung hervor.
„Ich fürchte, die kommt nicht wieder zurück."
„Dann gehen Sie, ich werde Ihnen die Thür anf- machen".
Elisabeth zögerte noch etwas und bemerkte verlegen: „Wollen Sie so freundlich fein und mir etwas Geld mitgeben, ich habe nur das Nothwendige für meine Rückfahrt bei mir."
Mal der Krieg unvermeidlich erscheine, machte einen tiefen Eindruck auf alle Anwesenden.
* Die .National - Zeitung' bestätigt, der nächste Reichs-Etat für das Auswärtige Amt werde eine erhebliche Vermehrung der geheimen Ausgaben (jetzt 48,000 Mark) enthalten, da die Regierung auf die Zinsen des Welfenfonds zu diesem Zwecke verzichten wolle. Ueber die Verwendung des Letztem ist noch kein Beschluß gefaßt. .
* Die ,Nordd. Allgem. Ztg.' theilt mit, die Vorarbeiten zu dem neuen BolkSfchulgcfrtz feien unlängst zu einem gewissen Abschluß gelangt, Letzterer aber noch keineswegs als ein enbgiitiger anzusehen, da die Besprechungen der einschlägigen Fragen im Kultusministerium selbst noch ununterbrochen fortbauerten; also könne auch von dem Beginn der Berathnngen des ganzen Staatsministeriums noch keine Rede sein. Vom Ergebniß der Letztem hänge es ab, ob der Entwurf schon dem nächsten Landtage zugehen werde, wie der Kulrusminister dieses wünsche. Möglicherweise werde der Entwurf von Seiten des Staatsministeriums nochmals umgeändert.
* Wie der .Nationalzeitung' aus London gemeldet wird, hat sich Major v. Wißmann nach Egypten begeben. um den erforderlichen Ersatz für die deutsche Schutztruppe anzuwerben.
* lieber die erste Sitzung des polnischen Katholikentages in Thorn, welche Sonntag Abend stattgefunden hat, erhält die .Germania' aus Thorn von befreundeter Seite folgende Zuschrift: „Die Versammlung der polnischen Katholiken in Thorn verspricht nicht bloß einen glänzenden, sondern was noch mehr werth ist, einen guten Verlauf zu nehmen. Nicht als eine Gegendemonstration gegen die Versammlung der Katholiken Deutschlands in Danzig, sondern als eine territo- t iale Versammlung der polnischen Katholiken hat sie ihre Berechtigung und kann von den besten Erfolgen begleitet sein, wenn sie auf der Bahn ihre Verhandlungen leiten wird, auf welcher sie dieselben begonnen hat. Die Versammlung ist sehr zahlreich. Alle Stände find vertreten. Die polnischen Aristokraten und Männer des Volkes drängen sich um die Tribüne des schön bebrüten Saales. Das frühere Herrenhausmitglieb Hr. v. Slaski eröffnet bie Versammlung mit betn katholischen Gruße und herzlichen Begrüßungsworten, worauf in das Präsidium gewählt wurden: Hr. Casimir v. Chlapowski, Prälat Dr. v. Stablewski und Hr. v. Rybinski. Diese drei Namen sind die beste Bürgerschaft für den Charakter der Verfammlung, streng kirchlich, konservativ und in politischer Hinsicht verständig, wird das Präsidium dafür sorgen, daß die ganze Richtung der Versammlung dementsprechend bleibt. Aus Posen sind die ersten Familien vertreten, Graf Hector Kwilecki, Hr. v. Kocielski, Prinz Czartoryski, v. Sczaniecki, ferner sind anwesend sämmtliche polnische Abgeordnete aus Westpreußen. Nach dem feierlichen Abendgottesdienste in der prächtigen St. Johanniskirche- eröffnete im Saale des Musenm das frühere Herrenhausmitglied Hr. v. Slaski die Versammlung mit einer
Elisabeth, welcher die Lage der Dinge mehr und mehr Interesse einflößte, verließ das Zimmer und hatte bald die Küche entdeckt.
Aber welcher Anblick bot sich ihr hier! Es war, als hätten Schmutz und Unordnung mit einer Vorsätzlichkeit gewaltet, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte. Und mitten in dem Chaos stand das kleine Mädchen mit einem Bündel am Arm und offenbar gewillt, gerade ebenfalls Reißaus zu nehmen.
„Warum kamst Du nicht, als geschellt wurde, und wo willst Du jetzt hin?" fragte Elisabeth, nicht ohne einen Vorwurf in ihrer Stimme durchfchimmem zu lassen.
„Weil ich zu meiner Mutter will", stammelte das Mädchen und brach in Thränen aus. „Hier kann ich nicht bleiben, der Herr ist gerade wie ein wildes Thier, wenn er böse ist, und ich fürchte mich so, mit ihm allein zu bleiben". . r.
„Aber das mußt Du jetzt", verwies sie Elisabeth. „Ich bin Herrn v. Argast's Nichte und du darsst nicht fortlaufen, ehe Du mir noch etwas geholfen hast."
Ach, wenn Sie bleiben, Fräulein! Aber ist es denn möglich, daß Sie die Nichte des Herrn find?
„Ja, das bin ich. — So, und nun zeige mir, was im Vorrathsschranke ist."
„Ach Gott! Nicht eine Brodkruste", seufzte das