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JV 225 Donnerstag, den 1. Ottober 1891. 18. Jahrgang

FuldaerMZeltmi^

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Deutsches Keich.

Berlin, 29. September.

* Zum Volksschulgesetz versichert jetzt die .Nordd. Mg. Ztg.' in einem anscheinend offiziösen Artikel, die betreffenden Vorarbeiten innerhalb des Kultusrnim- fferiums seien unlängst zu einem gewissen Abschlüsse ge­langt, derselbe sei aber noch keineswegs als ein defini­tiver anzusehen, die Besprechung der einschlägigen Fragen im Ministerium selbst dauere vielmehr noch ununterbrochen fort. Weiter heißt es dann: „Es kann also auch noch nicht einmal die Rede davon sein, daß die Angelegenheit in ein Stadium getreten sei, in dem man sagen könne, es dürften nunmehr die Berathungen des gesammten Staatsministeriums über den Gesetzent­wurf beginnen. Nicht aber davon, daß der Entwurf im Kultusministerium selbst fertig gestellt, sondern davon, daß er im Staatsministerium nach gründlicher Durchberathung und eventueller nochmaliger Umände­rung als ein solcher befunden werden wird, für welchen die allerhöchste Billigung der Einbringung im Land­tage nachzufuchen sei, hängt es ab, ob das Volksschul- -gesetz in neuer Fassung schon vor den nächsten Land­tag kommt oder nicht. Daß es unter allen Umständen der Wunsch des Kultusministers sei, den Entwurf mit dem nächsten Landtage durchzuberathen, kann auf das Bündigste versichert werden. Ebenso aber, wie die jetzige Lage der Angelegenheit durchaus von selbst aus der Konsequenz der dem Landtage bei Zurückziehung des vorigen Entwurfs gegebenen Versprechungen sich ergibt, ebenso selbstverständlich ist es, daß weder über die Aussichten des demnächst an das Staatsministerium ge­langenden Entwurfs auch nur das Geringste gesagt werden kann, bevor das Staatsministerium in die betreffende Berathung eingetreten ist und dieselbe zum Abschlüsse gebracht hat, noch über den materiellen In­halt des neugestalteten Gesetzentwurfs in eine Diskussion vor der Oeffeutlichkeit einzutreten räthlich sein dürste, so lange noch nicht einmal die vorläufige Diskussion im Kultusministerium selbst zum Abschluß gebracht, geschweige denn die verfassungsmäßig doch auch er­forderliche Berathung der Frage innerhalb des Gesammt- ministeriums nur begonnen werden kann." — Daß man über den noch nicht bekannten Entwurf in eine Erörterung nicht eintreten kann, sagt die ,Germania', ist selbstverständlich, wohl aber lassen sich die prin­zipiellen Gesichtspunkte, welche bei einer Lösung dieser hochwichtigen Angelegenheit in Frage kommen, behandeln.

* Die Auflegung der neuen russischen Anleihe in Berlin wird, wie die ,Natl.-Ztg.' vernimmt, wahr­scheinlich nicht erfolgen, nachdem die beiden Bankhäuser, welche von Petersburg aus dazu aufgefordert waren, fich überzeugt haben, daß sie sich betreffs der Auf-

a Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(4. Fortsetzung.)

Elisabeth hatte jedoch kaum Zeit, sich die beiden ihr entgegentretenden Gestalten näher anzusehen, denn ihre Aufmersamkeit wurde vollständig durch eine hin­zutretende dritte Persönlichkeit in Anspruch genommen. Diese Persönlichkeit war in einen Schlafrock von un­bestimmter Farbe, aber sehr deutlicher Abgetragenheit gehüllt, eine schäbige Sammetmütze bedeckte die spär­lichen grauen Haare. Die scharfen, regelmäßigen Züge und die ttefliegenden Augen waren von Wuth entstellt, und während die eine der krallenartigen Hände den Stock krampfhaft umklammerte, streckte sich die andere mit fortweisender Bewegung der die Treppe herauf­kommenden Person entgegen:

„Machen Sie sich fort, Sie betrunkene Diebin!" kreischte der Mann mit schriller Stimme. „Ich würde Sie auf die Polizei bringen lassen, wenn etwas bei Ihnen zu holen wäre, aber es hieße nur Geld auf die Straße werfen! Hinaus mit Ihnen in die Gosse, In die Sie gehören! Wie können Sie sich unterstehen, noch von Geld zu sprechen, nachdem Sie mich so lange ausgeraubt haben?"

Die also Angeredete blieb die Antwort nicht schuldig:

fasfung der Reichsregierung im Jrrthum befanden. Es finden Verhandlungen statt, welche die Befreiung der beiden deutschen Bankhäuser von der übernommenen Verpflichtung bezwecken.

* Eine Uebersicht über die Weizen- «nd Erbsen­ernte in Preußen nach den Schätzungen der landwirth- fchaftlichen Vereine Anfang September d. Js. weist einen Gesammterttag an Winter- und Sommerweizen von 18,4 Millionen Doppelzentner auf, gegen 17,5 Millionen im Jahre 1890 und einem Gesammterttag an Erbsen von 3,37 gegen 3,60 Millionen Doppel­zentner im Jahre 1890.

* Bis zum Ablauf des Sept'ennals, also bis zur Reichstags»Session 1893/94, sind nach einer Notiz, welcher die ,Post' einen offiziösen Ansttich gibt, tief- 'greistnde Veränderungen in der Armee nicht zu er- watten. Das gilt auch von der Verstärkung der Arttllerie.

.* -Die hier tagende Hauptversammlung des preußischen Medizinalbeamtenvereines beschloß zu der Trunksuchtsvorlage eine Resolution, wonach die Bestrafung wegen Trunksucht nicht gutzuheißen sei, die Entmündigung der Trunksüchtigen wie bei Geistes­kranken unter Zuziehung eines Arztes geschehen müsse. Die Trinkerheilanstalten müßten ärztlicher Leitung und staatlicher Aufsicht unterstehen.

* In Lübeck tritt in den Räumen der Navigations­schule eine Untersuchungsstelle für die Untersuchung der Seeleute auf Farbenblindheit am 1. Oktober d. I. in Thätigkeit. Die Untersuchungen finden bis auf Weiteres gebühren- und kostenfrei statt; die zu untersuchenden Seeleute haben dem Alirestor der Navigationsschule ihre Legitimationsbescheinigungen vorzulegen.

* In Berlin beginnen am Donnerstag die Ver­handlungen des internationalen Stenographentages. Zu demselben treffen Delegitte aus Oesterreich, Frank­reich, England, Italien, Schweiz, Portugal, Aegypten u. s. w. ein.

* Der ,Kreuzztg.' wird aus Königsberg geschrieben: „Wie ich aus Kreisen der Ostbahn höre, lag am Sonn­abend Vormittag Befehl vor, in Trakehnen einen Sonderzug nach Alexandrowo bereit zu halten, da die Möglichkeit eines Zusammentreffens Kaiser Wilhelms und des Zaren daselbst ins Auge gefaßt wurde. Später kam dann die Abbestellung."

* Minister v. Bötticher äußerte in einer Ansprache bei der General-Versammlung des „Landwirthschaftlichen Vereins für Rheinpreußen" in Remscheid: Vielfach würden Befürchtungen laut, daß der Friede gefährdet sei; indessen die zu allen Zeiten möglichen Zufälligkeiten abgerechnet, sei der Friede zu keiner Zeit so verbürgt gewesen, als gegenwärtig. — Aehnlich sprach sich Jules Ferry in einer gestern auf dem Bankett der Ackerbau-Ausstellung in Saintdio gehaltenen Rede aus. Er sagte: Sett 20 Jahren sei die politische Lage nie so friedlich gewesen, wie heute. Die neu getroffenen Abmachungen böten eine absolute Friedens-Garantie. Innere Krisen, sowie ein unent­schlossenes und unzustiedenes Parlament seien ebenfalls nickt zu befürchten. „Der europäische Horizont war seit dem Jahre 1870 niemals so zuverlässig lichtvoll."

„Den Heiligen möchte ich sehen, der nicht ans Trinken käme, wenn er mit einem alten, elenden Geiz­hals zusammen leben müßte, wie Sie eS sind! Meinen Sie, die Leute dienten Ihnen umsonst und machten sich nicht auf eine andere Weise bezahlt? Leute wie Sie, sind überhaupt nur da, um ausgestohlen zu wer­den — und ich wünschte, Sie würden noch um die letzte Kruste Brod gebracht, Sie schäbiger, alter Filz, Sie!"

Mit diesem letzten freundlichen Wunsche schlug die Betreffende die Hausthür hinter sich zu.

„Schiebe den Riegel wieder vor!" befahl der Alte dem noch immer an der Thüre stehenden Kinde mit vor Erregung bebender, heiserer Stimme.

„Hier ist eine Dame," bemerkte die Kleine schüchtern.

Elisabeth war eS zu Muthe, als ob sie einem Wahnsinnigen gegenüber stände, und doch sagte ihr eine innere Stimme, daß sie in dem Wüthenden ihren Onkel gefunden habe. Wie sollte sie es über's Herz bringen, ihn in dieser Stimmung anzusprechen!

„Was wollen Sie?" herrschte er sie an.

„Ich möchte Herrn v. Argast sprechen."

„Der bin ich — und wer sind Sic?"

„Elisabeth Argast, Ihre Richte."

„Meine Nichte!" rief er im Tone der tiefsten Ver­achtung. „Nun, Nichte oder nicht, ich kann Sie doch

* Ratibor, 29. Sept. Aus Anlaß sein,.«, am 10. Ottober stattfindenden goldenen Hochzeit erhielt der Abg. Zaruba, wie man der .Germania' telegraphisch mittheilt, vom Papste das Ritterkreuz des Piusordens.

* Münster i. Wests., 29. Sept. Der frühere Land­tagsabgeordnete Graf Ferdinand Schissiug-Kersfen- brock ist gestorben.

* Kassel, 29. Sept. Zur Generalversammlung des evangelischen Bundes sind Deputtrte von über­allher aus Deutschland erschienen. Heute tagten die Vorstände Jammt Deputaten unter dem Vorsitze deS Grafen Wintzingerode. Um sechs Uhr Abends fand ein Eröffnungsgottesdienst statt, bei welchem Pfarrer Jatho-Köln die Festpredigt hielt. Sodann erfolgte die Begrüßung der Delegirten im Stadtpfarrsaale, woran sich ein Festspiel schloß.

* Ueber die Bergarbeiterbewegung im rheinisch- westfälischen Kohlenrevier wird der Post' geschrieben: „Die Zeitung der denffchen Bergleute kündigt in ihrer letzten Nummer eine Erhöhung des Abonnementspreises von 90 Pfg. auf 2,10 M. pro Quartal an. Dieser so hohe Preisaufschlag hat darin seinen Grund, daß die jetzigen Redakteure, die sämmtlich hinter Schloß und Riegel sitzen und ganz ansehnliche Freiheitsstrafen abzubüßen haben, nicht im Stande sind, der Zeitung eine sichere Zukunft zu schaffen. Auch gegen den der­zeitigen verantwortlichen Redakteur schweben bereits neun Klagen wegen Beleidigung, Aufreizungen u. s. w., und seine Verhaftung wird stündlich erwartet. Um nun allen diesen Unannehmlichkeiten die Spitze zu bieten, beabsichttgt der Vorstand des deutschen Bergarbeiter­verbandes, einen akademisch gebildeten Redatteur zu engagiren. Da ein solcher aber nur für hohes Gehalt zu haben ist, so muß eben das Abonnement um 120 Prozent erhöht werden. — In Bergarbeiterkreisen wird gegenwärtig lebhaft für die Einführung der Achtstunden­schicht agitirt, und es scheint diese Agitation stellen­weise auch auf fruchtbaren Boden zu fallen. So sollen demnächst in sämmtlichen Ortschaften, in denen die Bergleute Säle zum Abhalten von Versammlungen be­kommen können, solche stattfinden und die Frage des Achfftundeutages als Hauptpunkt behandelt werden."

* Der „Reichsanzeiger" meldet den gestern erfolgten Tod der regierenden Fürstin von Reuß - Greiz ältere Linie.

Ausland.

* Rom, 28. Sept. Der Papst veröffentlicht eine neueEncyklika über den Rosenkranz. In der­selben empfiehlt der hl. Vater das Rosenttanzgebet al- wirksames Mittel zur Erreichung des Triumphes der Kirche und der Befteiung des Papstes. Das Gebet der Gläubigen werde dem Papste eine bessere Zukunft bereiten. — Pilger verschiedenster Nationalitäten, darunter Oesterreicher, Böhmen, Belgier, Franzosen und Unterthanen des Sultans erhielten heute ftüh 8 Uhr die hl. Communion aus der Hand des Kardinals Parocchi. Dieselben werden heute Mittag vom Papste in Audienz empfangen. — Nachts fiel in einem hie­sigen Hotel ein französischer Pfarrer durch den Hotel­

vielleicht zu etwas gebrauchen. Können Sie lesen?" „Gewiß."

„So? dann kommen Sie." Er wendete sich um und öffnete eine der auf ben Vorplatz mündenden Thüren. Elisabeth folgte mechanisch, während hinter ihr das kleine Dienstmädchen klirrend den Riegel vor die Hausthür schob.

Das Zimmer, welches Onkel und Nichte betraten, war ziemlich geräumig, aber die ganze Einrichtung trug den Stempel der Vernachlässigung, ja einer trau­rigen Verkommenheit. Man wurde unwillkürlich an die Worte erinnert,} mit denen uns Dante in seine Hölle einführt: Lasciate ogni eperanza, Voi ch’entrate, Laßt alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet!

Herr v. Argast ging mit schwachen, aber eilfertigen Schritten auf seinen Schreibtisch zu und hob ein da­neben liegendes großes Zeitungsblatt vorn Boden auf.

„So, hier lesen Sie mir einmal den Kursbericht vor. Die Kanaille hat mir meine Brille versteckt; da bin ich ganz hilflos. Und ich muß durchaus roiflen, wie die Türken stehen. Lesen Sie, ich werde nachher hören, was Sie mir zu sagen haben." Damit reichte er ihr das Blatt hin und ließ sich selbst in einem zer­rissenen Lehnstuhle nieder.

Es brauchte einige Zeit, ehe Elisabeth sich in der ihr gänzlich unbekannten Geographie der,Börfen-Zei-