g224 Mittwoch, den 30. September 1891. 18. Jahrgang
FiildaerMZeitung
„ r. täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
< vrerteyahrucher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage .Rathgeber für Landwirthschast. Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
3NF Letzte Nummer des dritten Quartals.
* Die Wahlniederlage des badischen Nationalliberalismus.
Bei den letzten Reichstagswahlen wurden in Baden die sämmtlichen nationalliberalen Mandatsinhaber weggefegt. Es war ein furchtbares politisches Verhängniß, welches damals die herrschende Partei in Baden, den Nationalliberalismus, traf; aber es ist dabei nicht geblieben, bei den am Donnerstag in Baden stattgefundenen Wahlmännerwahlen für die Abgeordnetenwahlen erlitten die Nationalliberalen eine weitere schwere Niederlage.
Die badische Abgeordnetenkammer zählt 63 Mitglieder. Die Hälfte der Wahlkreise erneuert alle zwei Jahre die Mandate. Außerdem waren Nachwahlen erforderlich, so daß diesmal insgesammt über 32 Mandate in 31 Wahlkreisen entschieden wurde, von welchen 28 den Nationalliberalen, 3 dem Centrum und 1 den Demokraten gehörten. Das Centrum behauptete seine drei Mandate und gewann noch 7 Sitze von den Nationalliberalen. Die Nationalliberalen gewannen 1 Mandat von den Demokraten, verloren aber an die Sozialdemokraten 3, an die Demokraten und Deutschfreisinnigen 4 Mandate, an die Konservativen 2 Mandate; insgesammt verloren die Nationalliberalen nach dem vorläufigen Ergebniß von ihren 28 Mandaten etwa 16, behalten also nur noch 12. Die Majorität in der badischen Kammer beträgt 32 Stimmen; gerade soviel scheinen die Nationalliberalen noch eben zu besitzen.
Ehe wir das Facit aus diesen Wahlen ziehen, möge ein Blick in die Vergangenheit gestattet sein. Obwohl in Baden 63 Prozent der Bevölkerung katholisch, nur 35 Prozent protestantisch und 2 Prozent jüdisch ist, war lange Zeit von einer Vertretung des katholischen Volkes in der badischen Kammer gar keine Rede. Dazu wirkte zunächst die Wahlkreisgeometrie mit, durch welche die katholische Bevölkerung thunlichst an protestantische Wahlkreise angegliedert wurde. Man würde aber weit fehl gehen, wollte man die Wahlkreisgeometrie allein nennen. In Baden, das 1848 das unterwühlteste Land von allen deutschen Ländern war, herrschte der Wessen- bergianismus, der Geist des Liberalkatholizismus und des staatlichen Hineinregierens in die Kirche. Erst mit dem kirchenpolitischen Kämpfen der fünfziger Jahre wurde es allmählig besser, der Abschluß des Konkordats im Jahre 1859 bereitete schon einen Boden vor, auf welchem der kirchenpolitische Kampf in den sechziger Jahren geführt werden konnte. Im Jahre 1868 siegten bei den Zollparlamentswahlen die Katholiken in sechs Wahlkreisen. Das war der Anfang.
Bei den Landtagswahlen im Jahre 1873 wurden 50 Nationalliberale, 10 Katholiken und 3 Demokraten gewählt. Im Jahre 1879 zählte die badische Abgeordnetenkammer 39 Nationalliberale, 16 Katholiken, 3 Demokraten und 2 Konservative. Im Jahre 1881
a Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(3. Fortsetzung.)
Elisabeth wurde jetzt durch ziemlich geräuschvoll sich der Thür nähernde Schritte aus ihrem Sinnen geweckt. Sie trat leise auf den Gang hinaus und gebot den auf sie einstürmenden Kindern Ruhe.
„Wir wollen Dich zum Räuberspiel in den Garten abholen", quälten diese.
„Nein, die Großmama schläft und es darf kein Lärm unter ihrem Fenster gemacht werden. Kommt ins Eßzimmer, ich werde Euch eine schöne Geschichte erzählen."
Die Knaben folgten etwas widerwillig, indem sie die ruhige Unterhaltung für eine graufame Beschränkung ihrer Freiheit ansahen, aber es gelang der freundlichen Tante doch bald, ihre Abneigung gegen das Stillsitzen durch eine fesselnde Räubergeschichte zu besiegen
Man war eben an der interessantesten Stelle der Erzählung angelangr, als sich die Thür offnere und eine zierliche, elegant gekleidete Dame hereintrat. Sie war so hübsch in ihrer schwarzen, reich n: t Pelz verzierten Toilette! Das rosige Gesichten mit den blauen Augen und der Umgebung von goldbraunem Haar war
hatte das Centrum 22 Sitze und bildete mit den Konservativen und Demokraten gerade die Majorität von 32 Stimmen. Die dann eintretende Uneinigkeit im badischen Centrum, das Einschwenken der Konservativen zu den Nationalliberalen brachte die letzteren wieder obenauf, so daß zuletzt wieder 53 Nationalliberale neben 9 Centrumsleuten und 1 Demokraten sich in der badischen Kammer befanden. Seit dem Freiburger Katholikentag, welcher im Sept. 1888 abgehalten worden, drehte sich wieder das Blatt. Die badische Centrumspartei wurde einig, und mit der Einigkeit stellten sich die Erfolge ein. Die Unduldsamkeit des badischen Nationalliberalismus, der in dünkelhaftem Uebermuth auf die anderen Parteien herabschaut und in seiner kulturkämpferischen Verbissenheit die von der badischen Regierung beantragten kirchenpolitischen Erleichterungen ablehnte, rüttelte weite Volkskreise auf und machte den nationalliberalen Stern erbleichen. Schon bei den Erneuerungswahlen im Jahre 1889 erlitten die Nationalliberalen bedeutende Einbußen, die bei den jetzigen Erneuerungswahlen sich noch erheblich vergrößerten, so daß die Nationalliberalen nur noch knapp die Mehrheit besitzen, womit ihre Herrschaft schon gebrochen erscheint.
Mit den jetzigen Wahlen ist so ziemlich der Standpunkt von 1881 wieder erreicht. Darin liegt eine bedeutsame Mahnung für die badischen Katholiken, nicht abzulassen von der Einigkeit und politischen Regsamkeit, mit welcher sie ihre Niederlagen durch schöne Erfolge wieder wett machten. Nur wenn sie fortfahren, wie seither, werden sie das Errungene festhalten und zu weiteren Siegen vorwärts schreiten.
Dazu ist die Lage in Baden jetzt wie geschaffen. Mit den Konservativen ist der badische National- liberallismus vollständig zerfallen, andererseits ist die freisinnige, demokratische und sozialdemokratische Agitation auch dort, wo sie nicht siegte, so scharf in den nationalliberalen Besitzstand ein gedrungen, daß eine ganz intensive deutschfreisinnig-demokratische Bewegung dauernd geschaffen ist, welche alle Kräfte des Natinal- liberalismus in Anspruch nimmt. Wir zweifeln nicht daran, daß die reichliche Ausnützung dieser Situation die Stellung der badischen Centrumsfraktion noch günsttger gestalten wird, als es schon jetzt der Fall ist.
Deutsches Keich.
Berlin, 28. September.
* Eine hochbedeutsame Rede hielt der Reichskanzler v. Caprivi, eine Friedensrede im besten Sinne des Wortes, die den günstigsten Eindruck in allen Schichten des Volkes sicher nicht verfehlen wird. Der Reichskanzler besuchte in O s n a b r ü ck, wo er der 25jährigen Jubelfeier des Infanterie-Regiments Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig (Ostsriesisches) Nr. 78, dessen Chef er ist, beiwohnte, auf Einladung der Stadt Osnabrück den Friedenssaal des Rathhauses, in welchem 1648 der Westfälische Friede verhandelt wurde. Auf die Begrüßung des Bürgermeisters erwiderte der Reichs-
so reizend, daß der Blick mit Vergnügen auf ihm und der ganzen übrigen graziösen Erscheinung ruhte.
„Aber, Mama, wo bist Du nur den ganzen Tag über gewesen?" sprang ihr der ältere der beiden Knaben entgegen.
„Halt, Liebling, rühre mich nicht mit Deinen kleinen, schmutzigen Pfoten an," wehrte sie, einen Schritt zurücktretend. „Ich war bei der Generalin eingeladen. Sie hat mir auch eine Menge Süßigkeiten für Euch mitgegeben. Lauft hin und holt |fie Euch draußen." Und weiter oortretend: „Ha, wie dumpfig die Luft hier ist! Es geht doch nichts über große Räume und einen schattigen Garten, wie der, in welchem wir unS eben aufgehalten haben."
Dann begann sie ihre Hutbänder zu lösen. „So, jetzt werde ich wieder in mein altes Hauskleid schlüpfen. Die guten Sachen verstauben so hier im Hause. Wie findest Du, daß mir das neue Kleid steht, Elisabeth?" — so floß es in einem Athem von den Lippen der eintretenden jungen Wittwe.
„Das Kleid steht sehr gut," erwiderte Elilabi th mit einem wohlwollenden Lächeln. „Du soll- st iimr c Halbtrouer tragen, cs steht Tir am allerbesten."
„Allerdings, aber früher oder später muß ich doch einmal zu etwas Anderem übergehen — Ernst, laufe und bestelle mir ein Glas Limonade auf mein Zimmer,
kanzler mit einer Ansprache, in welcher er zunächst die Freude äußerte, daß seine militärische Stellung ihm Gelegenheit gebe, im Friedenssaale zu sein. Der Rückblick in die Vergangenheit zeige, was die Gegenwart errungen; die Befürchtungen, ob der gegenwärtige Zustanderhalten werde, seien nicht begründet. Keiner der Regierenden habe den Wunsch, den Frieden zu stören und einen europäischen Krieg hervorzurufen. Auch die Annäherungen der Staaten in der neuesten Zeit gäben keinen Anlaß zu Befürchtungen; dieselben seien nur der Ausdruck schon vorhandener Verhältnisse; vielleicht seien dieselben nichts Anderes, als die Feststellung eines europäischen Gleichgewichtes, wie es ftüher bestanden habe. Keine der europäischen Regierungen wolle, soweit er es zu übersehen vermöge, den Krieg, welcher in seinen Leiven und Folgen alle früheren Kriege voraussichtlich übertreffen würde. Auch die Verhältnisse im Innern, um welche der Kaiser stets bemüht sei, würden zu einem befriedigenden Abschluß führen, wenn schon vielleicht erst nach Jahrzehnten. In der wichtigsten Frage sei die Regierung sowohl eine Regierung der Arbeiter als eine der Arbeitgeber. Wenn es den Arbeitgebern schlecht gehe, hätten die Arbeiter zunächst darunter zu leiden. Es werde auch unter der Osnabrücker Stadtvertretung Männer geben, denen die Ueberleitung in die jetzigen Verhältnisse schwer geworden sei; allein diese Herren dürften nicht mit ihren Herzen, sondern müßten mit dem Verstände rechnen können. Schließlich wies der Reichskanzler auf diejenigen Männer hin, die sich um die Ueberleitung in die Gegenwart verdient gemacht hätten, und hob insbesondere die Verdienste des anwesenden Oberpräsidenten v. Bennigsen hervor. Der Reichskanzler schloß alsdann mit dem Ausdrucke des Dankes für die Einladung.
* Offiziös wird der Tadel zurückgewiesen, der mehrfach in der Presse gegen die Reichsregierung erhoben worden ist, weil sie sich bezüglich der neuesten russischen Anleihe neutral erklärt, d. h. eine Erklärung für oder gegen die Betheiligung deutschen Kapitals abgelehnt hat. In besonderen Fällen, namentlich denen, wenn eine neue Situation vorliege, könne die Regierung ja aus politischen Gründen Anlaß haben, ihr „für" oder „wider" in bestimmter Weise zu erkennen zu geben; es erscheine aber als eine mit wichtigen Interessen unvereinbare Beschränkung, wenn durch jede Anfrage die Regierung vor die Wahl gestellt werden soll, entweder sich gegen die Unterbringung der Anleihe auszusprechen und damit einen unfreundlichen Act gegen eine auswärtige Macht zu begehen, ober aber die ausdrückliche Zustimmung zu geben, damit indirekt die Betheiligung des inländischen Kapitals an der Anleihe zu fördern und in gewissem Maße auch die Verantwortlichkeit für die finanziellen Folgen zu übernehmen. Die Zumuthung, zwischen diesen beiden Alternativen, die häufig beide gleich unerwünscht find, zu entscheiden, wird namentlich dann zurückzuweisen sein, wenn die Verhältnisse politischer und finanzieller Natur, auf die es ankommt, Jedem erkennbar zu Tage
und Du, Otto, warum mußt Du Dich immer an Deine Tante lehnen? Sie wird heiß davon, und Du wirst faul und fchief. — Sind keine Briefe für mich angekommen?" wendete sie sich noch einmal an das junge Mädchen.
„Ja, hier ist einer."
„O, wie es scheint, Frau Sommerfeld's Rechnung! Da will ich doch gleich einmal nachsehen — 126 Mark 95 Pfg.! Aber das ist zu arg! Sie hatte mir bestimmt versprochen, das Kleid solle nicht über 100 Mark kosten. Bei Baarzahlung 5 Prozent Rabatt, steht dabei. Da will ich gleich zahlen. Ein Paar Handschuhe sind immerhin Labei zu profitiren. Bitte, sage mir, wann die Mama zu sprechen ist; ich muß mich jetzt etwas ausruhen."
Elisabeth sorgte dafür, daß ihre Mutter an diesem Abend nicht mehr gestört wurde, indem sie sich bereit erklärte, die Schwägerin zu einer Blumenhändlerin zu begleiten. Die junge Frau wollte einige Pflanzen zum Schmuck ihres Empfangszimmers bei dieser bestellen, da sich ein, wie sie zu verstehen gab, sehr wichtiger Bc; ichcr für den folgenden Tag bei ihr angcmeldet habe. Der Name d.s Betreffenden, eines «'wissen Major Ormann, tauchic auch wiederholt bei der Wiedergabe all' der ihrem Herzen fehr angenehmen Reminis- ceuzen des am Nachmittage mitgemachten Diners auf.