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Sonntag, den 27. September 1891.1 fe
FuldaerMZeitiilig
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x Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(1. Fortsetzung.)
2. Familie von Argast.
Die drei uns bekannten Insassen der Pferdebahn hatten unterdessen ihr Ziel erreicht. Ein sauber gekleidetes Dienstmädchen öffnete soeben die Gitterthür, welche die ein kleines villenariiges Häuschen umschließenden Garten - Anlagen von der Straße trennte.
„Ist die gnädige Frau zu Hause?" fragte die junge Dame, indem sie voraneilte und sich dann an der Schwelle des Hauses noch einmal umwendete.
Auf die bejahende Antwort öffnete sie die dem Eingänge gegenüber liegende Thür. Das Gemach, in welches sie eintrat, war klein, sehr klein. Einige Büchergestelle, ein paar Stühle, ein kleiner Schreibtisch, ein überfüllter Papierkorb und eine ziemlich umfangreiche Dame füllten den Raum fast vollständig aus. Die Dame saß vor dem mit Schriften und Büchern bedeckten Schreibtisch und ihr Blick ruhte sorgenvoll auf der Adresse eines wie es schien soeben empfangenen Briefes.
„Frau von Argast — Berlin, Alsenstraße," stand darauf.
„Schon zurück, Elisabeth?" wendete sie sich, wie aus langem Sinnen erwachend, der Eintretenden zu.
„Schon, Mama? Aber wir sind ja fast drei Stunden fort gewesen. Ernst wäre dabei beinahe ein Unglück zugestoßen."
„O, wie schrecklich!" sagte sie im Tone der Zerstreutheit. „Dann muß es bald Essenszeit sein?"
„Allerdings. Du hast doch nicht Kopfweh, Herzens-Mama, Du siehst so bleich aus."
„Nein, oder vielleicht doch ja. Aber ich kann mich jetzt nicht aufhalten; ich muß mich noch umziehen."
Die Augen der Tochter folgten der Mutter mit einem ernsten, fast traurigen Blick.
Frau von Argast war groß und stark, aber wenn das zunehmende Alter ihre Formen auch etwas beeinträchtigte, so hatte es doch nicht ganz die Spuren der sie einst auszeichnenden Grazie verwischt. Das licht- braune Haar war durch die stark graue Beimischung fahl geworden, und die blauen Augen schienen durch übermäßigen Gebrauch getrübt; allein, wenn sie lächelte, dann war es doch, als ob der Sonnenschein der Jugend wieder das gram- und gedankenvolle Antlitz verkläre.
Wie angegriffen sie aussieht, dachte die Tochter. Es wird nicht leicht sein, aber ich muß versuchen, ihr eine Zerstreuung zu verschaffen. Dann schweifte ihr
„Bedenkliche Zeiten."
Es liegt, schreibt die ,Koln. Volksztg.', wie ein Alb auf dem „alternden Europa." Kriegsgeschrei, Kriegsspiele, Monarchen-Begegnungen, Flottenbesuche, Truppenschauen, Reden und Trinksprüche, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen, fieberhafter Revanchedurst dort, Zerreißen feierlicher Verträge da, Truppen-Auhäufungen — fürwahr, es kann schon friedliebenden Bürgern angst und bange werden. Die lieblichen Friedensreden, mit denen man uns sonst zu ergötzen Pflegte, sind verstummt; es heißt jetzt: Wir fürchten uns nicht und werden uns zu wehren wissen. Das Höchste, was man noch offiziell vom Frieden zu Horen bekommt, ist der Wunsch nach Aufrechterhaltung desselben, doch mit dem „ober": wenn es nicht gelingt, so sind wir auch bereit. In dem waffenstarrenden Europa traut Keiner dem Andern über den Weg. Allein die Furcht vor dem unbekannten Ungeheuerlichen, welches eintreten muß, wenn die Millionenheere mit ihren furchtbaren, in ihrer ganzen Wirkung aber noch nicht erprobten Mordwaffen aufeinanderstoßen, bändigt einigermaßen die Kriegslust. Das Gefühl aber hat Jeder: das Schwert hängt nur an einem Haare, und dies kann jeden Augenblick reißen. Nehmen wir dazu die schlechten wirthschaftlichen Aussichten, die Theuerung, bereit Größe noch nicht abzusehen ist, den Rückgang von Handel und Gewerbe, zum Theil in Folge der Theuerung, und damit die Verdoppelung der Nothlage für Tausende — man kann wahrlich heute nicht sagen: es ist eine Lust zu leben. Kein Wunder, daß die Sozial-Demokratie, welche die Augen stets offen hält, die Zeit nahe glaubt, wo der große politische und wirthschaftliche »Kladderadatsch' eintritt, und das Proletariat zur „Rettung der Kultur" berufen ist. Bisher wurde der Zukunftsstaat in unklarem Nebel gezeigt, und wer nach wie und wann fragte, wurde ein „politischer Kindskopf" gescholten. Wir wachsen in die sozialistische Gesellschaft hinein, hieß es bisher. Seit kurzem ist der Ton umgeschlagen. Die Sozialdemokratie rechnet offenbar mit dem nahen Ausbruch eines Weltkrieges, während dessen sie im Trüben fischen will. Friedrich Engels hat in seinem Briefe an den französischen „Genossen" Paul Lafargue das Jahr 1898 als den Zeitpunkt bezeichnet, wo die Sozialdemokratie in Deutschland sich in den Besitz der Macht setzen konnte. Dabei hat der Londoner Sozialisteu-Häuptling aber nicht ein Mal einen Weltkrieg im Auge, sondern spekulirt auf die in Folge der gegenwärtigen Theuerung eintretende Ver-
. .. täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
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Deutsches Keich.
Berlin, 25. September.
* Der Kaiser von Rußland, welcher heute früh Kopenhagen verließ, ersuchte bezüglich seiner heutigen Durchreise durch Berlin hier dieselbe als durch Trauerfall veranlaßte rein private zu betrachten, welcher seine sofortige Anwesenheit in Moskau erfordere und daher von jedem Empfang abzusehen. Der Zar wird alsbald via Alexandrowa Weiterreisen.
* Veranlaßt durch die kritische Situation zwischen China und den Vertragsmächten ist der chinesische Gesandte Koü-Ching-Cheng heute früh aus Petersburg in Berlin eingetroffen.
* Der ,Natl.-Ztg.' wird bestätigt, daß die Auflegung der neuen russischen Anleihe zur Subscription auch in Berlin erfolgen soll, und zwar, weil es der Wunsch des deutschen Auswärtigen Amtes sei, daß der bezüglichen Absicht des russischen Finanzministers keine
Wirrung im Innern Deutschlands (Vernichtung der schutzzöllnerischen Reichstags-Mehrheit, Streit zwischen den indnstrieellen und landwirthschaftlichen Schntzzoll- nern). Bebel dagegen hat kürzlich wiederholt den großen »Kladderadatsch' als nahe bevorstehend bezeichnet, und was beim Ausbruch des Krieges Pflicht der „Genossen" ist, darüber läßt man ja keinen Zweifel. Als Liebknecht in Brüssel den „Herrn" Domela Nieu- wenhuis wegen seiner einen allgemeinen Ausstand befürwortenden Resolution zum „Militarismus" so brüderlich herunterputzte, meinte er doch: „Es gibt Dinge, die m an wohl thnt, aber nicht sagt". Es war ja auch für jeden Einsichtigen klar, daß die langathmige Resolution, welche den Beitritt zur Sozialdemokratie als bestes Mittel zur Abschaffung des Krieges empfiehlt, nur „praktischere" Vorschläge verdecken sollte. In Rixdorf hat nämlich Bebel verständlich genug gesagt, was zu geschehen habe, wenn der Krieg den Krach der Bourgeoisie herbeigeführt; darüber wolle er sich nicht weiter verbreiten. Und der Mil- livnen-Proletarier Singer meinte im Feenpalast noch deutlicher: „in Deutschland diskutire man nicht einen Antrag, wie Nieuwenhuis ihn gestellt habe, sondern, wenn man die Ausführung desselben für möglich halte, wende man das Verfahren an." Mit der Hoffnung auf einen Weltkrieg hängt es auch zusammen, wenn die „Alten" sich wieder mit der Taktik der Gewalt zu befreunden beginnen und dem „Hinein- wachsen" ein skeptisches Lächeln widmen. Wir erwähnten schon, wie der „Vorwärts" die Kohler'sche Schrift behandelt und, an dem „Hineinwachsen" herum- deutelnd, das Geftändniß macht, bei der Lösung einer Frage von solch' revolutionärer Tiefe gehe es erfahrungsgemäß ohne „Zuckungen" und „Katastrophen" nicht ab. Ebenso schlagen die Bebel u. s. w. in den Versammlungen einen „kriegerischen" Ton an. "Daß dies allein den radaumachenden ^Jungen" zu Gefallen geschehe, ist nicht anzunehmen. Man hält vielmehr ein Festhalten an der bisherigen Taktik deshalb nicht für gut, weil angesichts der erwarteten Katastrophe in Bereitschaft sein alles ist.
Schwierigkeit bereitet werde. Die ,Nat.-Zlg.' warnt ihrerseits die deutschen Kapitalisten vor einer Betheiligung. — Die ,Kreuzztg.' schreibt: „Die Börsenblätter nennen das Haus Mendelssohn & Co. als die Firma, welche int Verein mit französischen und russischen Bankhäusern die neue russische Anleihe übernehmen wolle. Uebereinftimmenb suchen diese Blätter die Angelegenheit so darzustellen, als handle die deutsche Firma unter ausdrücklicher Zustimmung der Reichsregierung, und es sei unter dielen Umständen sehr wahrscheinlich, daß die russische Anleihe auch dem deutschen Publikum angeboten und an der Berliner Börse eingeführt werde. Man knüpft hieran schon überschwängliche Friedens- Hoffnungen, sieht die Kriegsbefürchtungen, welche so lange die ängstlichen Börsengemüther bedrückten, gleich einem bösen Traum verschwinden und bereitet der Firma mit dem Oelzweige bereits einen Triumph vor. Im Gegensatz zu den diensteifrigen Kommentaren der Börsenpresse halten wir cs für wahrscheinlicher, daß es sich bei dem Gerüchte nur um einen Fühler handelt, den die deutschen Banken ausstrecken, um sich über die Aufnahme ihrer etwaigen Betheiligung bei der russischen Anleihe, die bislang für eine Kriegsanleihe galt, Gewißheit zu verschaffen. Mr hoffen, daß eine klare und unzweideutige Aeußernng der Reichsregierung — dem Auswärtigen Amte dürfte in diesem Falle doch wohl die entscheidende Stimme zufallen — über ihre Stellung zu dem russischen Geschäfte nicht allzu lange auf sich warten lassen wird. Anderenfalls wird das Haus Mendelssohn & Co. sich der Verpflichtung nicht entziehen können, die Thaksachen näher zu bezeichnen, aus welchen es die angebliche Zustimmung der Reichsregierung herleitet." — An der Berliner Börse wurde heute gleichfalls von zuständiger Stelle mitge- theilt, daß die Firmen Mendelssohn & Co. und Robert Warschauer & Co. sich an der Uebernahme der russischen Anleihe unter ausdrücklicher Zustimmung des deutschen Reichskanzlers betheiligen und die Anleihe hier zur Subscription auflegen werden. Die Subscrip- tionSbetingungen sollen heute oder morgen unterzeichnet werden.
* Stephan Groth in Lunden (Schleswig-Holstein), welcher einen Ebbe- und Fluthmotor erfanden, hat an den Magistrat in Berlin die Anfrage gerichtet, ob derselbe geneigt sei, den Motor zum Treiben einer Dynamomaschine an irgend einer Stelle der Nordsee behufs Uebertragung der Energie auf die Stadt Berlin zur Beleuchtung, Heizung und Inbetriebsetzung aller möglichen Maschinen anzukaufen.
* Der .Köln. Ztg.' wird aus Berlin geschrieben: Bei dem nächsten Artilleriemanöver bei Züterbozk sollen Versuche gemacht werden, deren Ausgang von den gewichtigsten Folgen sein kann. Namhafte Fachmänner sind zugegen und die Berathung über eine Neuorganisation ist in vollem Gange. Der Reichstag wird sich sicher mit dieser Frage zu beschäftigen haben.
" * Reichskommissar Dr Peters schreibt aus Maranga, d. 8. August: „Das Land hier an der Südost-Seite des Kilimandscharo ist herrlich, gesund und fruchtbar. Kriege giebt es hier nicht mehr; ich habe Alles so ge- Blick über die auf dem Tische ausgebreiteten Schriftstücke und ein Seufzer hob ihre Brust.
In diesem Augenblicke traten die Kinder in das Zimmer. Ihr Anblick rief die Erinnerung an die eben mit ihnen überstandene Gefahr wieder lebhaft in ihr zurück, und das Blut floß ihr zum Herzen bei dem Gedanken an den jungen Mann, der so ruhig, so kühn und doch besonnen die schöne Pflicht der Nächstenliebe erfüllt hatte. Einen solchen überwältigenden Eindruck hatte noch kein Angehöriger des anderen Geschlechts auf sie gemacht. So klein erschien sie sich ihm gegenüber, und es überkanz sie wie Reue, daß sie nicht mit mehr Herzlichkeit seine That belohnt hatte.
Aber es blieb ihr nicht lange Zeit, sich ihren Gedanken zu überlassen, da Frau von Argast's Rückkehr alsbald das Zeichen. gab, an dem int Nebenzimmer gedeckten Tisch Platz zu nehmen. Der Geist der Schwer - muth, der die geliebte Stirn der Mutter umroöltte, wollte sich, trotz aller Anstrengungen, auch während der Mahlzeit nicht bannen lassen; sobald die Kinder sich daher in den ihren wilden Spielen preisgegebenen Garten zurückgezogen, versuchte Elisabeth eine Aussprache anzubahnen.
Sie begann damit, Frau von Argast in daS mehr