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Donnerstag, den 24. September 1891.

18. Jahrgang

FiiIdakrWZkitiiiig

* Zur Lage in Frankreich.

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für die Wohlthäter seines Gotteshauses legt der Pfarrer die .Fuldaer Zeitung' zur Seite.

Und nun, lieber Leser, mußt du dich bequemen und mit mir eine hohe Treppe besteigen, um in das Dach­kämmerchen einer armen Näherin zu gelangen. Auch hier ist die ,Fuldaer Zeitung' ein beliebter Gast. Sie bildet die einzige Erholung des braven Mädchens, das mit der Nadel seinen und der alten, kranken Mutter Lebensunterhalt erwerben mußte. Heute ruhen aber die schönen, traurigen Augen der Jungfrau nicht wie sonst wohl auf der laufenden Novelle; nein, mit fieberhafter Ungeduld fliegen dieselben über dm Annoncenthefl der Zeitung. Sie sucht eine Stelle, die Arme, denn ihr Mütterchen ist seit wenigen Tagen hinübergegangen in den Himmel und hat sie ganz allein auf dieser Welt zurückgelassen. Und da es für ein alleinstehendes Mädchen nicht gut ist, in der Welt ohne Schutz zu leben, so hat sie beschlossen, bei einer katholischen Herrschaft einen Dienst zu nehmm. Und wirklich, sie täuschte sich nicht in ihrer Hoffnung auf die .Fuldaer Zeitung'. Da ganz unten in der Jnseraten- Abtheilung wird ein braves, in Haus- und Hand­arbeiten erfahrenes Mädchen gesucht. „Gott sei Dank", sagte die Brave zu sich selbst; „ich bekomme wieder eine Heimath und brauche nicht für die Zukunft zu

möchte durch solch' tolles Treiben der kaum gewonnene neue Verbündete Frankreichs, Rußland, wieder ab­gestoßen werden. In Petersburg ist man der Ansicht, daß die Regierung und nicht die Straße regieren muß. Kein Staat verbindet sich auf die Dauer mit einer Regierung, die wie eine Wetterfahne, jedem Umschwung der öffentlichen Meinung folgt und dem Druck des Straßenpöbels nicht zu widerstehen vermag. Mit Hans- wurstiaden erhält heutzutage kein gebildetes Volk eine schwer erworbene und schwer zu erhaltende Freund­schaft, wie sie zwischen Frankreich und Rußland ent­standen ist. Und sind es nicht Hanswurstiaden, wenn jetzt auf französischen Theatern bei Darstellung des Todes der Jungfrau von Orleans bei ihrer Hinrich­tung eine Kosakenschwadron unter den Klängen der russischen Nationalhymne auftritt? Und die Franzosen begrüßen mit riesigem Beifall diese ernst vorgestellte historische Parodie: Die Jungfrau von Orleans unter den Klängen der russischen Hymne zum Scheiterhaufen geführt. Und dieses sranzösische Volk nennt sich das geistreichste der Erde. „Warum", schreibt eines der maßvollsten französischen Blätter, die „Justice", in be­greiflicher Entrüstung über solche herabwürdigende Ko­mödien, „warum ist man dann nicht gleich noch einen Schritt weiter gegangen und hat die Jungfrau von russischen Matrosen vom Scheiterhaufen retten und mit einem russischen Admiral verheirathen lassen?" Wir wollen nicht über die sittliche Berechtigung solcher Bil­der sprechen, aber recht bezeichnend sind sie immerhin.

Die Fluth von Lügen, welche die vernunftlose Presse den Franzosen auftischt, ist nicht zu beschreiben. Kaiser Wilhelm wird wieder in unanständigster Weise ange­griffen und beschimpft. Der „Jntransigeant", unver­söhnlich wie sein Name, weiß zu melden, daß der In­tendant der Berliner Hofbühnen auf Befehl seines Kaisers nach Paris reiste, um der ersten Aufführung des „Lohengrin" beizuwohnen; die Berliner Oper habe alle ihre Kräfte den Parisern zur Verfügung gestellt; die ersten Tenoristen deutscher Bühnen wie Götze-und Reichmann seien nach Paris geeilt, um im „Lohengrin" zu singen. Und das schrecklichste, das Gebet im ersten Akte des „Lohengrin" sei der deutsche Schlachtgesang, der bei Sedan von den deutschen Militärkapellen ge­spielt worden sei. Das muß doch ziehen, wenn da die Franzosen den „Lohengrin" nicht aus dem Lande treiben, dann besitzen sie keinen Patriotismus mehr.

Heute ist hier nicht der Ort zu untersuchen, wie dos französische Volk in eine solche schiefe Lage hinein- gerathen ist. Die gute Meinung, die man von ihm hie und da in den letzten Jahren in politischer Hin­sicht gewonnen hatte, ist wieder gründlich zerstört. „Wir werden, stark durch unser treffliches Heer, Weisheit und Klugheit in allen Dingen walten lassen und mit unseren Gefühlen Maß zu halten wissen", so sprach der erste Minister Frankreichs auf dem Eingangs erwähnten Bankett. Die gute Absicht mag ja vorhanden sein; aber den Nachbarvölkern fehlt das Vertrauen, daß die fran­zösische Regierung die Kraft und die Macht hat, ihre Absicht in die That umzusetzen. Paris läßt sich heute durch bezahlte Maulhelden und wahnwitzige Hetzer ver-

Ueberlassen wir den braven Mann seinen Em­pfindungen und suchen wir ein anderes Pfarrhaus auf. Dieses liegt weit ab von dem katholischen Fulderlande, in einem überwiegend protestantischen Orte, mitten in einer fast ganz protestantischen Gegend. Der Bewohner dieses Pfarrhauses ist ein Diasporageistlicher. Tas Kirchlein, welches neben seinem bescheidenen Häuschen liegt, ist noch nicht ganz Eigenthum der Gemeinde; es lasten noch viele Schulden darauf, die,seine meist armen Pfarreingesessenen nicht bezahlen können. Er ist also auf die Müdthätigkeit frommer Katholiken ange­wiesen und hat in der ,Fuldaer Zeitung' schon manch­mal in beweglichen Worten um einen Almosen für sein Gotteshaus gebeten. Und er hat nicht umsonst ange­halten! Schon manche Gabe ist ihm zugeflossen, schon mancher Baustein ist bezahlt worden. Auch heute steht wieder eine Reihe von größeren und kleineren Beiträgen für die Kirche in den „Milden Gaben" verzeichnet. Mit freudeglänzenden Augen begrüßt der tapfere Streiter Christi, der muthig und sonder Wanken das Banner der hl. katholischen Kirche bochhält, diese neuen Beweise christlicher Liebe und Wohlthätigkeit. „Noch ein paar Jahre", klingt es von seinem Munde, „und unser liebes Kirchlein ist bezahlt. O lieber Gott! Lohne du den wackeren Spendern ihre Güte und Wohl- gesinntheit." Mit einem herzinnigen „Vater unser"

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Ein seltsames Schauspiel gewährte in diesen Tagen wieder die französische Republik und das französische Volk. Vor einigen Tagen hatte der französische Kriegs­minister und Ministerpräsident de Freycinet bei Ge­legenheit der Herbstmanöver auf einem Bankett vor den französischen Generälen und auswärtigen Militärge­sandten in einer Rede, die auch zum Fenster hinaus­gesprochen war, betont: „Niemand bezweifelt mehr, daß wir stark, sind; wir werden beweisen, daß wir auch maßvoll sind. Wir werden in einer neuen Lage die Ruhe, Würde und den Takt wahren, die in schlimmen Tagen unsere Aufrichtung vorbereitet haben." Das war die französische Regierung, die hier sprach. Etwas ganz anders ist aber das französische Volk, das heute unbe­rechenbarer und heißblütiger denn je ist. Und kommen einige heißspornige, deutschfresserische Schreier, dann triecht die französische Regierung in's Mauseloch und mit der Ruhe, Würde und dem Takt ist es dann bei ihr ebenso weit her, wie beim ganzen Volk. Dies be­weist die Lächerlichkeit, mit der sich die Franzosen in Paris benahmen, wo der „Lohengrin" zum ersten Male über die Bühne ging. In Deutschland sind die An­sichten über Richard Wagner's Opern sehr getheilt. Abgesehen von den unverbesserlichen Wagnerianern, dürfte man vielfach der Meinung huldigen, daß die Opern Lohengrin, Tannhäuser, Götterdämmerung u. s. w. nur dazu angethan sind, die materialistische Zeit­anschauung zu unterstützen und zu vermehren. Doch darum handelt es sich heute in Paris nicht; dort war ein Skandal sondergleichen ausgebrochen, weil der „Lohen­grin" und sein Schöpfer deutschen Ursprungs find. Al­berner Patriotismus setzte Himmel und Hölle in Be­wegung, um die erste Aufführung einer deutschen Oper in Paris zu verhindern. In einzelnen französischen Städten war sie längst ohne jede Beanstandung aus- _ geführt worden, und jetzt wird die Aufführung in Paris als eine Schmach Frankreichs erklärt.

Die Sache wäre an sich zu albern, wenn nicht hier der Beweis erbracht wäre, daß ein ganzes Volk der -civilisirten Welt in die Hand von einem halben Dutzend Maulhelden, die sich „Patrioten" nennen, gegeben ist. Diese wenigen Herren, die sonst kein Mensch kennt, haben die Parole ausgegeben: „Keinen Lohengrin in "Paris." Der Polizeipräfekt von Paris eilte zum Di­rektor der Oper, um zu berathen; der Ministerrath trat zu dem Zwecke zusammen; tausende von Schutz­leuten wurden aufgeboten — und das Alles wegen der ! Aufführung einer deutschen Oper. Armes Volk, das unter solchen Wahnsinnsanfällen zu leiten hat.

Die Geister, die sie rief, wird sie nun nicht wieder los, die französische Presse. Jahrelang hat sie die "Rachegedanken für Sedan großgezogen und nie ein­schlummern lassen und in Chauvinismus und Deutschen­haß das denkbar möglichste geleistet. Jetzt beginnt bei einer Zahl einflußreicher Blätter eine Ahnung von der 1 Gefahr zu dämmern, vor der Frankreich steht. Am meisten fürchten die Franzosen, bei denen noch einiger­maßen die Vernunft die Oberhand behalten hat, es

> .Rathgeber für Landnnrthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mart 50 Pfennig. 8 ™ tuagp

Wie die ,Fuldaer Zeitung^ gelesen wird.

Belletristische Skizze von Erich Krafft.

(Schluß.)

Schon zweimal hat der Pfarrer die Anzeige über­flogen; aber immer noch haftet sein Auge auf den großen, breitgedruckten Settern des Namenszuges des Verewigten. Das Blatt zittert in den Händen des Greises, zwei große Thränen rollen aus seinen Augen auf das Papier.

„Also auch du weilst nicht mehr unter den Leben­den", flüstern seine welken Lippen, „du, mein bester, treuester Jugendfreund! Schon so viele meiner Freunde und Bekannten sind verschieden, aber der Tod von ! keinem einzigen ergreift mich so wie der deinige. Dein Herz war lauteres Gold, dein Sinn war rein wie der Thau des Morgens, dein Auge blickte nie Arges und Falsches. Wohl Niemand stand mir im Leben näher als du, mit dem ich tausendmal Leid und Freud ge­theilt habe. Ade, mein Herzensfreund, ade, mein Ideal und Vorbild!"

Und nieder sinkt der Geistliche auf seinen Bet- schernel und schickt ein inniges Gebet für seinen ver­storbenen Genossen zum Himmel empor; es war der | ^etzte Liebesdienst, den er ihm erweisen konnte. i

gewaltigen. So kann auch einmal in einem ernsten politischen Falle alle Weisheit der Regierung zu Schanden werden.

Deutsches Keich.

Berlin, 22. September.

* Die neueste Nummer der Statistischen Korrespon­denz enthält Mittheilungen über die Roggenernte in Preußen nach den Schätzungen der landwirthschaftlichen Vereine zu Ende August 1891, aus denen wir heute folgenden Auszug geben. Es wird zunächst bestätigt, daß die außerordentlichen Witterungsverhältnisse des verflossenen Winters den Minister für Landwirthschaft Domainen und Forsten veranlaßten, besondere Er­hebungen vornehmen zu lassen, deren Ergebnisse unterm 29. Juni d. I. im Reichs-Anzeiger veröffentlicht wur­den. Auf dieser Grundlage, sowie unter Berücksichtigung der inzwischen eingetretenen Berichtigungen stellte sich die in Folge der Winterschäden umgepflügte, mit Winter­roggen besäte Fläche in Preußen auf 421,734 Hektar, die hiervon, sowie sonst mit Sommerroggen angesäte Fläche aber auf 55,425 Hektar. In der zweiten Hälfte des Monats August 1891 wurde sodann seitens der landwirthschaftlichen Centralstelle von den landwirth­schaftlichen Vereinen die schleunige Feststellung der Ernte­ergebnisse für Winter- und Sommerroggen, nachdem die Ernte der betreffenden Früchte weit genug fortge­schritten wäre und Probedrüsche genügend stattgefunden hätten, für jeden landwirthschaftlichen Kreis nach Be­fragung einer möglichst großen Anzahl sachkundiger Personen in Kilogramm vom Hektar spätestens bis zum 1. September b. I. erfordert. Die Angaben gingen auch, mit vereinzelten Ausnahmen, rechtzeitig ein. Die Stat. Korrespondenz stellt nun das Gesammt- ergebniß dieser Aufnahme für Staat, Provinzen und Regierungsbezirke zusammen. Danach ergiebt sich der Gesammtertrag an Winter- und Sommerroggen — welcher für 1890 in Doppelcentner» 50,369,634 be­trug — für 1891 nach den Schätzungen der land­wirthschaftlichen Vereine Ende August mit 46,673,806 Doppelcentner. Es würde sich hiernach für den preußischen Staat bei der Doppelernte des laufenden Jahres gegen 1890 ein Ausfall von rund 3,695,800 Doppelcentner (zu 100 Kilogramm) ober um 7 pCt. ergeben. Ein erheblich anderes Bild gewinnt man indeß, wenn man die Erträge beider Jahre in den einzelnen Provinzen oder gar in den einzelnen Regierungsbezirken vergleicht. Bei den Provinzen zeigen sich Mindererträge von 40, bezw. 39, 28, 24 und 23 pCt. im Rheinland, bezw. Schlesien, Westfalen und Hessen-Nafsau, ferner solche von 13, bezw. 12 und 7 pCt. für Sachsen, Ost­preußen und Hannover, während Mehrerträge von 31 und 21 pCt. für Brandenburg, Posen und Schleswig- Holstein, solche von 7 und 6 pCt. für Hohenzollern und Pommern zu verzeichnen sind. Noch bedeutender sind die Abweichungen in den einzelnen Regierungs­bezirken.

* Die amtliche Bevormundung der Postbeamten auf politischem Gebiete geht so weit, daß es ihnen.