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Mittwoch, den 23. September 1891
! 8. Jahrgang
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Der bekannte Herr Wümmel aus der Hetze gegen Wer.
* Wer hätte unter all' den „unerschrockenen Rittern", die bis jetzt in gewaltiger Rüstung gegen den „Götzendienst" in Trier losgezogen sind, seither nicht einen schmerzlich vermißt, der doch besonders berufen schien, in diesem „edlen" Kampfe der Ersten einer zu sein — den „berühmten" Prediger aus dem Bergischen, Herrn Thümmel! Nun hat er, erleichtert theilen wir es mit, endlich sein Schwert — das seines Geistes nämlich — gezogen, und, wie selbstverständlich, absolut tödt- liche Hiebe damit versetzt. Nachdem sein Amts- und Gesinnungsgenosse Venter hoch oben auf dem Hunsrück sich der Kirchenglocken und der daran hängenden Seile in so fürsorglicher Weise angenommen hatte, daß er äußersten Falls sogar Schutz des Strafgesetzes gegen ihre Abnutzung anzurufen entschlossen war, kann es nicht auffallen, daß der von weit größerm Eifer erfüllte Thümmel noch radikaler vorgeht uud nicht nur gegen das unbefugte Anfassen simultaner Glockenseile das Strafgesetz angewendet wissen, sondern den hochwürdigsten Herrn Bischof Dr. Korum von Trier wegen — Betrugs angeklagt haben will und die Einleitung einer Untersuchung gegen ihn verlangt. Halbe Arbeit liebt Thümmel, der Remscheider, nicht, er will den „Betrug" gleich mit Stumpf und Stiel ausrotten, und so hat er denn, wie wir dem ,Wupperth. Vlksbl.' entnehmen, eine 85 Seiten lange Broschüre geschrieben, die er „historisch-archäologische Untersuchung" nennt, und zu der sein Freund und evangelischer Bundesbruder Wiemann in Barmen wiederum bie. Typen geliefert hat. „Die Trinkgeldergier," so meint- Herr Thümmel auf Seite 19 seiner Schrift, »ist nicht etwa ein Novum des Herrn Korum und feinen biederen Trierer." — und so hat denn die ehrenwerthe Firma Thümmel - Wiemann für das „Werk" seit Wochen durch eiu gewaltiges Tam-Tam Reklame zu machen gesucht. Auch der Titel entspricht dem; er lautet: „Die Anbetung der lückenhaften Stofftheile in Trier."
Die Arbeit hat Thümmel sich bequem gemacht: es ist, wie er selbst sagt, in seinen entscheidenden Punkten eine Wiederholung des einst von den Professoren Gildenmeister und von Sybel Dargebotenen. Was er aus Eigenem dazu gibt, trägt selbstredend das Thummel'sche Gepräge: gröbliche Unkenntniß der katholischen Lehren, mangelhafte unvollständige Erfassung des zu behandelnden Stoffes, Oberflächligkeit und Leichtfertigkeit des Urtheils und endlich äußerst sparsame Verwendung der Wahrheit. Dazu dann noch einige — bisweilen unfläthige— Pikanterien und Fälschungen — und das Gemisch ist „fertig". Um den Lesern eine Probe zu geben, auf welche Weise Herr Thümmel ernste Dinge behandelt, geben wir hier den ersten Absatz der Broschüre wieder. Er lautet:
„Am 18. August dieses Jahres wird der römisch-katholische Bischof Korum in der deutschen Stadt Trier ein Bündel alter
Gine Pilgerfahrt nach Wer.
Eine Stimme aus der protestantisch-konservativen,Kreuzzeitung' (Schluß.)
Das Geschäft steht leider zu sehr im Vordergrund. Die Abende in den Straßen, die Scenen auf d u Abfahrtsstellen sind unvergleichbar lebhafter als die bisher geschilderten. Die frohe Natur der Rhein- uud Moselländer, die belebende, erquickende Wirkung des leichten Rebensaftes kommen zur Geltung und ziemlich geräuschvoll und hastend vollzieht sich der Abmarsch der Pilger in wenig geordneten Gruppen. Die Fahnen und Banner sind zusammengerollt, die ehedem schweren Proviant-Körbchen sind erleichtert, und zahlreiche Medaillen schmücken die einen, während die anderen, oft bepackt mit allerlei Kinderspielzeug und anderem Mitbringsel, der Station entgegeneilen. Heiser nur noch dringen die Stimmen der armen geplagten Beamten durch die vollgepfropften Bahnsteige, heiser die Töne ! der Lokomotiven, ungeduldig und schweißtriefend schieben sich die harrenden Massen hin und her, während neue Züge sich entladen und neue Pilgerzüge sich ordnen. In der Stadt, in den Gasthäusern, auf den Bahnhöfen und den Dampfern sieht man ganze Gruppen von geistlichen Herren, von Zöglingen geistlicher Orden, und wie man von Loudon sagen kann, London hat mehr Irländer als Dublin, mehr Schotten als Edin- burg in seinem Weichbild, so könnte man ähnlich heute
Tuch- und Seidenstoffe aus einem Kasten herausnehmen und wird diese Stoffe 6 Wochen lang in einem Schaufenster innerhalb des Domes auslegen. Er sagt ferner daß Diejenigen, welche dieses Gewand verehrten, einen vollkommenen Ablaß erhalten würden. Die Kauflustigen, die den vom Papste bewilligten Ablaß, d. h. einen Nachlaß zeitlicher und ewiger Sündenstrafen, begehren, werden nach Trier eilen. Neben dem Kasten, der die alten Stoffe enthält, wird ein anderer leerer Kasten aufgestellt werden, und sobald das Geld in diesem Kasten klingt, springen die Seelen derer, für die bezahlt worden ist, aus dem Fegfeuer heraus.
Dieser „Wissenschaft" braucht um so weniger etwas hinzugefügt zu werden, als sie besser denn alle Worte den Beweis liefert, daß Herr Thümmel und seine neueste Leistung allenfalls noch für den — Pathologen Interesse haben. Thümmel selbst meint übrigens, „er sei sich bewußt, daß er keinen Pilger von seinem Entschluß: nach Trier zu wallfahren, abbringen werde." Diese Auslassung dürfte so ziemlich das einzige Wahre in dem ganzen galligen Elaborat sein. Womit wir Herrn Thümmel „zu dem Uebrigen" legen.
Deutsches Deich.
Berlin, 21. September.
* Der Kaiser hat sich heute früh in Wilhelms- höhe von seiner Familie verabschiedet und ist über Berlin nach Stettin und von da nach zweistündigem Aufenthalt, während dessen der Stapellauf des neuen Panzerschiffs erfolgte, nach Ostpreußen weitergereist.
* Von dem Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Frhr. v. Soden, ist am Sonntag folgende Meldung aus Dar-es-Salaam eingetroffen: Expedition zurück. Alles ruhig. Der Tod von «Sdpnibt und Tiedemann ist durch Augenzeugen festgestellt. Der Tod der Uebrigen ist zweifellos. — Das Telegramm scheint verstümmelt zu sein, da es wieder den Namen Tiedemann anstatt Tiedewitz enthält. Es wird auch gehofft, daß es anstatt „zweifellos" „zweifelhaft" heißen soll.
* Dem russischen Botschafter in Berlin, Grafen Schuwalow, ist der Wladimir-Orden I. Kl. verliehen worden. Der Kaiser von Rußland richtete gleichzeitig an den Grafen ein huldvolles Handschreiben, in welchem der Verdienste gedacht wird, welche der Graf in Erfüllung der ihm auferlegten wichtigen diplomatischen Pflichten sich um den Staat erworben.
* Der spanische Botschafter in Berlin hat eine Sammlung zu Gunsten der durch furchtbare Ueber- schwemmungk» so schwer betroffenen spanischm Ortschaften Consuegra und Almeria eröffnet. Der Aufruf konstatirt, daß Consuegra fast ganz, Almeria zum Theil zerstört ist und daß Tausende von Personen umgekommen sind.
* Die Berliner internationale Kunstausstellung ist am Sonntag Abend ohne besonderen Akt geschlossen worden.
* Am 5. und 6. Oktober d. Js. wird Hierselbst die Jahreskonferenz der Strnfanstalts-, Gefängniß- und Korrektionshaus-Geistlichen der Provinz Brandenburg tagen. Dieselbe wird u. A. über die Fürsorge für die
von Trier sagen, es birgt in seinen Mauern zeitweise vielleicht mehr Verkündiger der katholischen Lehre als Andersgläubige (auf 32,000 Einwohner 4000 Protestanten und nur 600 Israeliten).
Unter den geschilderten Umständen sind die überaus zahlreichen Zimmer für besser gestellte Besucher Triers noch wenig in Anspruch genommen, und alle Mittheilungen über Preisschraubungen in dieser Richtung sind erdacht oder wohl nur auf einzelne Ausnahmefälle zurückzuführen. Man dürfte eher fügen, das Umgekehrte ist der Fall, die Hauswirthe sind froh, wenn sie zu den bescheidensten Preisen Fremde in ihre Wohnungen aufnehmen können.
Den Löwenantheil an den in Umlauf gesetzten Summen nehmen in erster Linie die Verkehrsanstalten, die Eisenbahnen, die Dampfer und die Pferdebahnen in Anspruch; denn wenn man jeden Pilger bezüglich seiner Beförderung auf 5 Mark im Mittel rechnet, so wird man leicht ersehen, daß im Laufe der Wochen einige Millionen aufgewendet werden müssen.
Scheinbar wenig Interesse bringen all' die Wallfahrer den römischen und mittelalterlichen Bauten Triers entgegen, dahingegen ist ein stetes Ab- und Zuwogen in sämmtlichen Kirchen, der wunderschönen Liebfrauenkirche im besonderen, zu bemerken. Diese allerdings erst im Jahre 1227 entstandene Kirche ist jung gegenüber dem Dom, aber sie stellt einen Bau reiner, un- vermischter Gothik dar, während im Dom im Laufe
Jugendlichen in den Gerichtsgefängnissen und die Besserung der Verbrecher berathen.
* Vom 1. April bis Ende August gelangten im deutschen Reiche zur Anschreibung an Zöllen und gemeinschaftlichen Verbrauchssteuern 203,918,734 Mark, circa 43/4 Millionen weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der Rückgang trifft speziell die Zoll- Einnahmen, die um circa 7 Millionen zurückblieben. Von den Stempel-Einnahmen blieben die Stempelsteuer für Werrhpapiere und die Börsensteuer hinter demVor- jahre zurück.
* Im August d. I. wurden aus dem Konsulatsbezirk Chemnitz nach Amerika nur für circa 900 000 Mk. Textilwaarcn exportirt, gegen nahezu 2 Millionen Mark im August des Vorjahres.
* Hildesheim, 21. Sept. Der Reichstags-Abgeordnete v. Hake (Hasperode) ist heute früh an einem Schlaganfall gestorben.
* Danzig, 20. Sept. Die erste Generalversammlung des neugegründeten Provinzialverbandes der ka- tholischenLehrer Westpreußens wird am Dienstag den 6. Oktober stattfinden mit Rücksicht auf die Herren Lehrer, welche am Sonntag verhindert sind, die Reise nach Danzig zu unternehmen. Das feierliche Hochamt findet erst um 10 Uhr, die Versammlung um 11 Uhr statt. „Möchten sich wo möglich alle katholischen Lehrer Westpreußens dem Verbände anschließen", schreibt das ,Westpr. V.-Bl.', „möglichst zahlreiche Lehrer aber persönlich in Danzig am 6. Oktober sich einfinben! Der Anfang ist gemacht, bie 38. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands hat die Gründung aufs begeistertste begrüßt, das ganze katholische Volk steht hinter den katholischen Lehrern — nun gilts, das Werk zur Vollendung zu bringen. „Ruhig und standhaft" sei die Parole für das weitere Vorangehen in der hochwichtigen Angelegenheit."
* Bremen, 21. Sept. Die Hauptverhandlung des deutschen Vereins gegen Mißbrauch geistiger Getränke wurde heute vom Präsidenten, Oberbürgermeister Struckmann (Hildesheim) eröffnet. Zur Begrüßung waren erschienen als Vertreter des Reichsamts des Innern Regierungsrath Saup sowie der Bürgermeister Pauli von Bremen. Die Versammlung ist schwach besucht. Die vom Vorsitzenden gestellten Anträge begrüßen den Gesetzentwurf gegen die Trunksucht mit Genugthuung, empfehlen aber verschiedene Abänderungen, besonders hinsichtlich des Konzessionswesens.
* Bonn, 19. Sept. Mit Ende dieses Monats wird die liberale Bonner Zeitung eingehen. Dieselbe wurde im Jahre 1808 von Buchdrucker Peter Neußer begründet und ist seitdem ununterbrochen bis heute im Besitz der Familie Neußer gewesen.
* Halle, 21. Sept. Die 64. Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte unter dem Vorsitz des Geheimraths His (Leipzig) wurde heute eröffnet. An den Kaiser wurde ein Huldigungs-Drahtbericht gesandt. Hierauf folgten Vorträge. Angemeldet
der Jahrhunderte ein einheitlicher Stil überhaupt verloren gegangen ist. Der Dom entstand eigentlich im sechsten Jahrhundert aus einem Palast der Kaiserin Helena, Ausbauten fanden im 11. und 12. Jahrhundert statt und nach und nach änderte sich der Bau, hauptsächlich das Innere, dem wachsenden Pomp und der Macht der Bischöfe entsprechend, deren vier nebst den Erzbischöfen und Kurfürsten im Dom begraben liegen. Die Kirche enthält zahlreiche Reliquien in ihrer Schatzkammer, in erster Linie den hl. Rock und in einer Kapsel aus Zellenschmelz und Filigranarbeit den „heiligen Nagel", einen Nagel von etwa 16 Zentimeter Länge und einem Kopf, welchen man mit einer abgestumpften Pyramide vergleichen könnte. Manch' andere kostbaren Reliquien wären noch zu erwähnen, andere hingegen sind durch die 'Umwälzungen in der französischen Zeit verschleppt worden oder verloren gegangen. Der Besucher Triers, der einige Jahrzehnte von dort entfernt gelebt, wird manch' neu aufgedecktes Denkmal alter Zeit vorfinden, fo bie großartigen, leider nur noch in den Grundmauern erhaltenen römischen Bäder, deren Auffindung den alten Jrrthum zerstörten, daß der jetzt „Kaiser-Palast" benannte Prachtbau die „Thermen" gewesen seien. Nicht versäumen darf man, jene Stätten aufzusuchen, wo vor fünfzehnhundert Jahren Christen und Heiden abwechselnd zu Tausenden für die das „Spiel" liebenden Römer von wilden Thieren in der Arena zerrissen wurden, oder einer blutdürstigen Solda-