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Beilage zu Nr. 216 der „Fuldaer Zeitung".

Sonntag, den 20. September 1891. " "

Eine Pilgerfahrt nach Wer.

Eine Stimme aus der protestantisch-konservativen,Kreuzzeitung'.

Noch lag die Stille der Nacht über dem friedlichen Rheinthal, als die ersten Theilnehmer der Pilgerfahrt dem alten Augusta Trevirorum, dem Sammelplätze, entgegenstrebten. Noch blitzten die Gestirne am Himmel und nur einzelne erhellte Fenster des kleinen Städt­chens ließen erkennen, daß man sich auch dort zum Aufbruch gerüstet. Je näher dem Bahnhofe, desto häufiger hallten eilende Schritte aus den einzelnen Gaffen heraus, bis endlich sich ansehnliche Trupps zu­sammenfanden, welche, verstärkt durch die Prozessionen der nahen Ortschaften, einen stattlichen Extrazug an­füllen sollten. Da das Material der Bahnen in diesen Wochen außerordentlich in Anspruch genommen war, mußten sich die Pilger mit einigermaßen ausgerüsteten Viehwagen begnügen, in welchen man nebst den üb­lichen Stalllaternen eine Anzahl von Bänken aufge­stellt hatte; — „6 Pferde oder 48 Mann", konnte man beim trüben Lichte einer Bahnhofslampe lesen. Etwa 1200 Pilger, Männer und Frauen, fast alle im reiferen Alter stehend, und das weibliche Element bei weitem vorherrschend, nahmen im Zuge Platz. Im langsamsten Tempo setzte sich derselbe nun in Bewegung und wohlthuend strömte die frische Morgenluft durch die weit geöffneten Thüren, während draußen noch alles in düsterem Schatten lag, so düster, wie die nicht mehr vom Schein der Laternen berührten inneren Räume der Waggons. Um 8 Uhr hoffte man nach dreiein­halbstündiger Fahrt am Bestimmungsorte angekommen zu sein, aber es kam anders. Die vorgenannte Zeit traf den Zug noch auf dem Bahnhofe zu Koblenz und eine lange Pause in der Fahrt gestattete den Pilgern, sich von dem stundenlangen Beten und Singen zu er­holen. Gleichzeitig konnte man die umfangreichen und zweckentsprechenden Anlagen in Augenschein nehmen, welche für all' die einlaufenden Massenzüge in Form von großen offenen Erfrischungshallen getroffen worden. Zahlreiche Trinkstellen waren verschiedenen Ortes an­gebracht, die freilich dieses Mal von den, dem Rhein­land entsprossenen Pilgern in der Morgenkühle wenig oder gar nicht benutzt wurden. Aehnliche Anlagen fanden sich auch an den anderen Haltestationen des Zuges vor, und trotz der manchmal auffälligen Unbe­holfenheit der schlichten Landleute, aus denen der Zug der Mehrzahl nach bestand, nirgends kam es zu irgend welchen Störungen, die Organisation sämmtlicher Ein­richtungen war eine mustergültige.

Der Morgen war hereingebrochen, die Sonne stieg am Himmel empor und beleuchtete die grün und golden schimmernden Rebenhügel der Moselberge, unten rauschte der Fluß, eingedämmt durch zahlreiche Klippen, dahin, und von oben schauten Kapellen und Burgruinen auf die Pilger hernieder, die, fo weit es die Thüren zu­ließen, aus den dumpfen Räumen ihrer Wagen sich des erlabenden Anblicks eines herrlichen Naturwechselspiels erfreuten, Schlösser und Hütten, Berge und Thäler schwanden dahin und fort und fort hallten die Gebete und Gesänge aus den Wagen hervor. Immer lang­samer schwand die Zeit und die Stimmen der Pilger begannen schwächer und schwächer zu werden, hie und da überwältigte der Schlummer die Betenden, aber noch im Schlafe sah man die Lippen sich bewegen und erwachend wurde mit erneuter Kraft das Gebet aus­genommen. Da plötzlich — es war gegen Mittag — verschwanden die Rosenkränze — alles drängte sich nach den Thüren — dort in der weiten Ferne kamen die Thürme von Trier in Sicht. — Schon von weitem hörte man den dumpfen Schall der Glocken herüber- tönen, als riefen sie die Pilger herbei zur Verehrung des katholischen Heiligthums, und weit und breit flat­terten die bunten Fahnen, mit denen sich die Stadt geschmückt, im Winde; oben herab aber vom Dome, in dem die höchste der Reliquien, „der heilige Rock", den Gläubigen ausgestellt ist, wehte das rothe Kreuz im weißen Felde und unter demselben die schwarzweiße und die schwarzweißrothe Flagge zu Seiten der weiß und gelben Fahne mit den Insignien des Bischofs von Trier.

Auf den Bahnhöfen hat man die Einrichtung ge­troffen, daß die Pilgerzüge mit denen des anderen Verkehrs nicht zusammenkommen. Unter der Leitung des Ortsgeistlichen sammeln sich die Schaaren augen­blicklich vor den Bahnhofsausgängen, um dann von diesen in die bereitstehenden Pilgerquartiere oder auch direkt nach dem Dom geführt zu weiden; denn die Mehrzahl der Züge ist so angeordnet, daß schon am Abend oder in der Nacht, die der Ankunft folgt, die Rückfahrt angetreten werden kann. Mit entrollten Kirchenfahnen ziehen die Prozessionen daher, einmal links, einmal rechts von der Brücke abbiegend, um durch ihr Auftreten den Verkehr in der Stadt selbst nicht allzusehr zu hemmen. Die schließliche Ordnung erfolgt dann vor dem Dom, auf der sogenannten Dom­freiheit.

Von welcher Seite man der alten Stadt Trier sich auch nähern mag, ob von dem Bahnhofe, der links,

oder dem Hauptbahnhofe, welcher rechts der Mosel liegt, immer wird man einer der großen Sehenswür­digkeiten Triers begegnen, die uns an Jahrtausende und in dem Jahrtausend an manches Jahrhundert er­innern muß. Im ersteren Falle ist es die Römerbrücke, im anderen die Porta Nigra. Die alte Römerbrücke hat indessen manches von ihrer Ursprünglichkeit ver­loren. Um ein Befahren mit schweren Lasten zu er­leichtern, hat man schon früh die hohen Mittelbogen niedriger gelegt, ferner beliebten es die Franzosen, welche überhaupt manche Veränderungen in Trier vor­nahmen — wie sie z. B. den Dom unter Marschall Crequi als Verschanzung einrichteten (1674) oder zu einem Proviantmagazin machten (1796) — zwei der Brückenpfeiler zu sprengen (1699). Auch die schönen, aber engen Thore mußten den Anforderungen der Zeit weichen, und so macht die Brücke heute bis auf das geradezu Massenhafte ihres Baues einen etwas moder- nisirten Eindruck, trotz der Jahrhunderte, welche die Pfeiler schon im Strombette stehen, und wohl ebenso lange werden sie noch allen Unbilden der Witterung und der Stromverhältnisse Widerstand leisten, sofern nicht unvorherzusehende Ereignisse ihren Untergang herbeiführen. Trier hat in bekannten Zeiten manche Zerstörung erleben, müssen und Ströme von Heiden- und Christenblut sind in diesem lieblichen Thal ge­flossen — wer kann daran heute denken beim Anblick der Tausende von Pilgern, die hereinfluthen und wer muß nicht daran denken, wenn er vor sich aus Schutt und Trümmern die Prachtbauten der ältesten Zeit aus der Erde erstehen steht. Das Gespenst der Vernich­tung, die Ahnung von der Hinfälligkeit alles Irdischen begegnete uns inmitten des bunten Gewirres der Menschenmengen. Ein nordisches Rom nennt man Trier wegen seiner Alterthümer und Kirchen, heute, angesichts der heranwogenden Menschenmassen der ka­tholischen Pilger ein neues Jerusalem.

Die Porta Nigra ist unstreitig das imposanteste Bauwerk in Trier. Sie ist fast vollkommen erhalten und wird, durchweg aus festen Lias-Quadern, ohne Binde­mittel, ohne Mörtel zusammengethürmt, noch Jahr­tausenden trotzen können; der ganze Bau stellt eine mächtige Thorfestung dar mit zwei großen Doppel­thoren, welche bis Mitte der 60er Jahre in der Flucht­linie der Straße lagen; die Freilegung, von Napoleon (1794) angefangen, wurde, weil man die Fundamente noch tiefer vermuthete, nochmals ausgenommen (1876) und so erblickt man heute die Grundmauern dieses Prachtbaues, welcher einst Thor und Festung, dann christliche Kirche war und heute wieder Thor und Mu­seum ist, mehrere Meter unter der Straßenhöhe liegen. — Einige Bretterzäune, welche dem Durchgänge des Publikums genügend Rechnung tragen, sind vor dem Dome aufgestellt. Dort ziehen in regelrechter Pro­zession die Pilger in das Haupt-Portal ein, manches Mal von dem Bischof von Trier in Person ange­sprochen und geleitet, wenn sie besonders hochstehende wie z. B. wie diese Metzer Pilger, unter sich haben; ist eine Prozession in Bewegung, so ordnet sich schon wieder die folgende und alles mit einer Stille und einer Re­gelmäßigkeit, welche das Eingreifen der zahlreich ver­tretenen Polizeimannschaften und Feuerwehrleute, kaum nothwendig gemacht haben oder machen werden. An dem Glasschrein, welcher den Rock Christi enthält und der vorne verschlossen ist, wallen die Pilger vorbei, während Geistliche die dargereichten Gegenstände, Rosenkränze, Kreuze, Bilder und bergt mehr, seitlich mit dem hl. Rocke in Berührung bringen, worauf die Prozession auf der anderen Seite die Kirche wieder verläßt. Von Morgens 5 Uhr bis Abends um 10, ja bis um 1 Uhr dauern die Züge und bricht der erste Strahl der Morgensonne über die Berge und zertheilt die wallenden Nebel im Moselthal, so stehen neue Tausende bereit, das Heiligthum fchauen zu dürfen.

Die Wirkung, welche die Prozessionen am Abend auf den Beschauer ausüben, zumal wenn sich die Feier­lichkeiten bis in die spätesten Nachtstunden ausdehnen, ist in gewissem Sinne ergreifend. Sehr wenige La­ternen, welche rings um den Domfreihof angezündet sind, auf dem sich zu einzelnen Stunden an zehntausend Menschen befinden mögen, werfen ein nur spärliches, unstätes Licht auf die wogenden Massen. In dem dichten Knäuel der Pilger herrscht vollkommene Dunkel­heit und nur manchmal leuchtet das hellere Gewand eines Priesters auf, wenn er ordnend und vorbetend die Reihen seiner Gemeinde durchwandelt.

Oft ist eine Viertelstunde lang jede Vorwärts­bewegung der Prozession benommen und jeder verharrt, Vorder- und Hintermann haltend, regungslos auf der Stelle, das Eindringen von Fremdlingen energisch und mit Unterstützung der Polizei zurückweisend. Vier, fünf Stunden stehen die Leute und die Nacht bricht herein, dunkel, wolkenschwer hängt der Himmel her­nieder, finster starren die unerleuchteten hohen Mauer­massen des Domes und der Liebfrauenkirche zum Fir­mament empor, während aus dem Menschenknäuelfort und fort geistliche Lieder in hellerem Chor und dumpfes Gemurmel der Betenden tönt. Wahrlich, ein Bild, an

das Mittelalter erinnernd, wenn nicht einige Schritte weiter das Geläute der Pferdebahnen erschallte und ans dm hellerleuchteten Wirtschaften und Straßen frohes, gesundes Leben aus vielen tausend Sttmmen uns mtgegenklänge.(Schluß folgt.)

Dom Kreuzberg.

Die Zahl der Fremdenbücher des Klosters auf dem Kreuzberge wurde in jüngster Zeit wieder um ein neues vermehrt. Bekanntlich ist der Inhalt derselben in Folge der vielen mannigfachen Einttäge berühmter Persönlichkeiten hochinteressant. Auch König Ludwig!, ist des Oefteren darin eingetragen, so am 12. August 1838 mit einem längeren Gedichte, das leider ent­wendet wurde. Das neue Buch wird nun eröffnet durch ein schwungvolles Gedicht des rühmlichst bekannten Rhöntroubadours, hochw. Herrn Stadtpfarrer Höhl in Ebern. Wir entnehmen das Gedicht dem zum Abdruck desselben ermächtigten .Würzburger Generalanzeiger) Dasselbe lautet:

Ist es wahr, daß gute Worte Allzeit gute Stätte finden, Will ich gerne wohlgemeinte Lehr und Mahnung Allen künden. Allen, die von Nah' und Ferne Auf den heil'gen Kreuzberg wallen, Allen, die je Einlaß finden Hier in stillen Klosterhallen.

War der Himmel Dir gewogen. Daß im hellen Sonnenstrahle Klar und rein — ein lieblich Schauen, Vor Dir lagen Berg' und Thale.

Dann sei dankbar, daß vom Himmel Solche Gunst Dir ward beschieden Nach der Mühe magst Du suchen Labung dann im Klosterfrieden.

Fügt sich's, daß der blaue Himmel Sich beharrlich von Dir wende, Kommt, wie heute, Sturm und Nebel, Regenschauer ohne Ende:

Dann sei männlich und nicht kindisch. Laß' nicht hören Jammerklage Und dein murrend Räsonniren Nicht in dieses Buch eintrage!

„Miserabel, scheußlich, eklig Solche Worte hier nicht passen; Nein, die hört man in Berlin wohl In den Kneipen, auf den Straßen. Wenn zu späteren Korrekturen Ein Berliner Lust wohl hätte. Füg' ich bei, daß ich Berlin hier Nenne als die Stadt der Städte.

Suchst Du dann in unserem Kloster Magentrost und Leibespflege, Dann nur nicht zu viel verlange, Nicht zu strenge prüf' und wäge! Alte Wecke, harte Brode Sollten Dir die Lust vertreiben? Willst Du täglich frische Brödchen, Kannst Du ja zu Hause bleiben. Ist das Fleisch zu fett dem Einen, Dünkt's dem Andern viel zu trocken: Ei, da kann nichts Anders helfen. Als — Du bleibst zu Hause hocken. Will das Bier, weil ungespundet, Herb und bitter, Dich nicht letzen, Kannst sofort nach München reisen Und Dich dort in's Hofbräu setzen. Will der Zelle hartes Bettlein Uud Ausstattung nicht behagen: Ei, dann führe nächstens mit Dir Schlaf-Salon und Möbelwagen!

Könntest gleich auch Kammerdiener Oder Zofe Dir mitbringen. Denn man braucht den Bruder Eustach Hier auch noch zu anderen Dingen.

Wenn die Brüder in der Kirche Ihres heil'gen Dienstes walten, Dann wirst Du Dich ganz geduldig Alles Schimpfens wohl enthalten.

Denn hier gibt's nicht Herrn und Knechte, Nein, hier sind wir alle Brüder, Die sich freudig Dienste leisten So — wie eines Leibes Glieder.

Etikette, Prätensionen, Vorurtheile, unnütz' Fragen Laß die Sachen hübsch zu Hause, Willst nicht Dich und Andere plagen. Willst am Fremdwort gar Dich ärgern, Kann auch deutsche Worte setzen: „Ziererei" und „Unverschämtheit" Würde Dich am Ende verletzen.

Wer» will mit Vergnügen reisen, Muß sich fügen auch zu Zeiten; Wirst den alten Satz wohl kennen: „Wahre Bildung macht bescheiden*. Also mahn' ich, all' die Wandrer, Die zum heil'gen Kreuzberg wallen Und dann Gastfreundschaft begehren Hier in unseres Klosters Hallen.

Also mahn' ich, selbst ein Wandrer, Schon seit mehr als zwanzig Jahren, Der so manch Touristenstücklein Hier im Kloster hat erfahren.

Wohlgemeint sind, deutsch und bieder Meine Worte, meine Lehren;

Unfern Kreuzberg, liebe Gäste, Laßt uns halten h o ch in Ehren!

L. Höhl.