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gjv 215

I Samstag, den 19. September 1891. g

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Doch siehe, da kommt Johannes endlich! Er hat den Pfad gewählt, den sie einst an jenem Dezember- Abende so mühsam erstiegen — im Schneesturm und mit der kleinen Lade auf dem Kopfe! Sie lächelt bei dem Gedanken daran; rückt weiter hinauf und macht ihrem Manne Platz.

„Da bin ich", sagte dieser; „gelt 's ist ein wenig lang geworden? Aber, wenn ich unten bin, dann freut's mich allemal mehr, daß wir gerade den freund- lichen Herrn Kaplan, der mir damals in W. auf dm rechten Weg geholfen hat, zum Pfarrer bekommen haben; und wenn ich da einmal am Sprechen bin, so kann ich kein rechtes Ende finden, ein Wort giebt das andere".

„Das weiß ich längst", erklärte Margareth; „aber nun erzähl', Johannes".

„Ja, ihr Frauen wollt auch immer erzählt haben! Womit soll ich denn anfangen? Vom Heirathen — nicht? Das ist jetzt das wichtigste."

„Ja, und darum laß uns zuletzt darüber sprechm — bei einem so hilfreichen Herrn war ja nur eine gute Antwort möglich. Also der Hofbauer ist heute Morgen schon selbst bei ihm gewesen und hat das Aufgebot für die Susanne und den Joseph bestellt; am Sonntag werden sie zum ersten Male ausgerufm. Sodann hatte ich den letzten Brief unserer Christel zu

Mancher Winter hatte seit jener Weihnachtsnacht sein weißes Flockenkleid über die Erde gebreitet, und mancher Frühling die schlummernde Saat wieder ge­weckt, Keime und Knospen dem reifenden Sommer entgegenführend.

Jahr und Tag sind vorüber gegangen. Da besuchen wir wieder jenen rauhen, unwirthlichen und doch so heimischen Landstrich, just zu der Zeit, welche für .den | Wald im Westen" die schönste ist. Wir erklimmen die kahlen Berge und schauen hinab auf die Thäler, die im Sonnenschein eines Sommernachmittags zu unseren Füßen liegen. Noch eine kurze Strecke, wir wenden uns seitwärts, und unser Blick hat gefunden, was er suchte: da liegt der „Hof auf der Höh", einsam, wie ehemals, aber stattlicher, als je.

Auf einer Bank vor dem Thore sitzt Margareth. Die sonst so emsig beschäftigten Hände ruhen müßig im jSchooße — 's ist Sonntag heute, und sie erwartet ihren Mann, welcher nach dem Nachmittagsgottesdienste wieder einmal bei dem Pfarrer des Dorfes hat vor­sprechen wollen. Jede wichtige Angelegenheit pflegt er mit dem würdigen Geistlichen zu besprechen, das ist ihm nun schon längst zur Gewohnheit geworden.

Heute ist Margareth nun besonders gespannt auf die Rückkehr, und fängt schon an recht ungeduldig zu werden.

zu ziehen, das ist der Mensch im Kampfe gegen Gott, der Mensch auf atheistisch-materialistischem Standpuntte.

Berlin, 17. September.

* Der Kaiser wird erst zum 1. Oktober in Pots­dam zurückerwartet. Heute wohnte der Kaiser bei Mühlhausen dem Manöver des 4. und 11. Armeekorps gegen einander bei. Die Kaiserin ist heute Mittag auf Wilhelmshöhe bei Kassel eingetroffen. Dort­hin sind heute früh die drei ältesten kais. Prinzen ab­gereist; die drei jüngsten kaiserl. Prinzen bleiben der rauheren Witterung wegen in Potsdam.

* Der Landwirthschaftsminister v. Heyden hat sich nach Ostpreußen begeben und trifft heute in Brauns­berg ein. Diese Minister-Reise bildet eine Fortsetzung der im Interesse der kulturellen Hebung der östlichen Provinzen vor Monaten unternommenen Minister- Reisen. Herr v. Heyden wird das Sauerland besuchen, hervorragende landwirthschaftliche Großbetriebe besich- I ligen und das große Moorbruch der Oberförsterei Kemonien zum Zwecke der späteren Kolonisation in Augenschein nehmen. Im Regierungsbezirk Gumbinnen wird der Minister besonders die Oedländereien des Kreises Ortelsburg bereisen, die aufgeforstet werdm sollen. Der Minister wird sich 10 Tage in Ostpreußen aufhalten.

*. Das „Deutsche Kolonialblatt" theilt int Anschluß an die Meldung von dem Ueberfall der Expedition | v. Zelewski durch die Wahehe aus einem Privatbrief des Lieutenants v. Tettenborn vom 29. Juli Folgendes mit: Die Expedition war am 22. Juni von Kilwa aufgebrochen. Der Uebergang über den Rufidji fand bei Korogoro auf 7 Kanoes statt. Bon dort ging der Marsch über Rubehobeho, Kisaki, Hongo und Mbamba nach dem Mjombo-Fluß, einem Nebenfluß des Mukon- dokwa, woselbst ein Lager bezogen wurde. Der Wahehe-Häuptling, welcher vor einigen Monaten fried­liches Verhalten versprochen hatte, hatte unter Bruch seines Versprechens in Mbamba 30 Menschen geraubt. Er weigerte sich auf ergangene Aufforderung zu er­scheinen. Seine etwa 500 M. entfernte Befestigung wurde mit 20 Granaten und 850 Maximpatronen beschossen und nach kurzem Kampfe genommen. Die Expedition beabsichtigte nach Heranholung der Nach­schubkarawane von Kondoa und einem Aufenthalte von etwa 6 Tagen nach dem südwestlich gelegenen Mage zu marschiren und die Wahehe in ihrem eignen Lande aufzusuchen. — v. Zelewski war durch Kabinetsordre vom 25. v. Mts. zum Hauptmann a. D. befördert worden.

* Nachdem der Kaiser die Anerkennung der provi­sorischen Regierung des Freistaates Chile genehmigt hat, ist dieselbe durch den kaiserlichen Gesandten in Santiago, Frhrn. v. Gutschmidt, am 7. d. M. ausge­sprochen worden.

* Auf eine Umfrage des Ausschusses des deutschen Handelstages bei den deutschen Handelskammern wegen

X Die Gegnerschaft des Antrages Gaten.

(Schluß.)

Die „abgeworfenen Fesseln", die von den Gegnern als göttliche Weltordnung gerühmt werden, „denn wo­zu wird nicht der Name Gottes gebraucht" sind ihm „Narrheiten" und herausfordernd fragt Lasker: „Wer von Ihnen wagt es heute, außer vielleicht der Antrag Galen, dessen unergründliche Tiefe ich nicht ermessen kann (Heiterkeit), wer wagt es im Hause heute anzuregen, daß wir diese Narrheiten wieder ein­führen?"

Dr. Wehrenpfennig suchte Lasker noch zu überbieten. Sein Gefühl, welches er bei der Rede des Grafen Galen hatte, war etwa so, „wie wenn wir eine mittelalterliche Chronik in die Hand bekommen, beisptelswetse eine Geschichte der Franken oder Burgun­der; da tst gewöhnlich Sitte des Chronisten, daß er bei der Erschaffung der Welt anfängt, dann von dem ersten Menschenpaare auf die Patriarchen kommt und später erfahren wir erst etwas von den Franken und Burgundern." Die Darlegungen des Grafen von Galen über die göttliche Weltordnung glaubte er mit ! folgenden Plattheiten abthun zu können: „Wenn wir neben der allgemeinen religiösen Offenbarung noch eine Offenbarung hätten über das Lehrlingsgesetz oder über die Unterstützungspflicht oder über das Haftpflichtgesetz, und wenn Sie uns nachweisen könnten, das ist die Ordnung, die Gott will, und die Ordnung, die wir wollen, ist des Teufels Ordnung, ja dann brauchten wir keine gesetzgebende Versammlung mehr; wir hätten alles fix und fertig und brauchten nur daran zu glauben." Dreimal verzeichnet der stenographische Bericht dabei Heiterkeit! Auch er verdächtigte die „Cen­trumspolitik draußen", wobei er besonders auf das „christlich-soziale Programm des Herrn Moufang" hin­wies, daß dadurch die Sozialdemokratie „nicht ab­nehmen" werde. Dabei beschwerte er sich noch, daß Wtndthorst ihm und seinen Gesinnungsgenossen Unrecht gethan, wenn er glaube, sie wären „gegen den religiös­sittlichen Inhalt der Galen'schen Rede gewesen, oder das Lachen, welches hier und da vorkam, hätte sich auf diesen religiös-sittlichen Inhalt bezogen."

Ganz offen ging dagegen Bebel mit der Sprache heraus. Offenbar gereizt durch die Lorbeeren des Herrn Lasker, machte auch er einen „historischen" Exkurs; darin ist er ja „Spezialist". Er wollte wissen, in welchem Zeitpunkte unserer geschichtlichen Entwick­lung diese christlich-soziale Weltordnung, die die Ver­treter derselben „als etwas schönes anzusehen sich den Anschein geben", eigentlich zu finden sei; ob es die Zeit war, wo Gregor VII. allmächtig herrschte, oder wo Leo X. die Ablaßgelder in Rom verschwendete, ob die Zeit der Bauernkriege, oder die Zeit des Fürsten, der gesagt: l’etat cest moi oder „jene Epoche des Urchristenthums, wo die ersten Christen in kommu­nistischer Gemeinschaft gelebt haben."

Nachdem er so Lasker jedenfalls in Geschichte „über" 1 war, .überbot er auch die versteckten und verschämten Angriffe der liberalen Herren gegen die göttliche Welt- '

Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert. (Schluß.)

Dort in der gegenüberstehenden Bank kniet sie, die iklndlich frommen Züge im Gebet verklärt. Ihre reine Stimme mischt sich mit dem Gesänge der andächtigen Menge, sie, seine Christine, sein schönes blondes mit "nem leisen Aufschluchzen legt er das Gesicht auf das vor ihm aufgeschlagene Buch vor och und stöhnt vor tiefem Weh — es ist ein Opfer, das er nicht bringen zu können vermeint!

Horch, der melodische Ton der Glöckchen klingt t>om Altäre her, Sanctus, Sanctus — süßer Weih­rauchduft steigt im Chore empor, bereit, auf seinen lichten Wolken die vorenthaltene Gabe mit sich zu führen. Beuge dich, beuge dich auch im Geiste, o Mensch, denn wie kannst du äußerlich knien vor ihm und innerlich dem Schöpfer verweigern, was sein ift?

Zum zweiten Male ertönen die Glöckchen — von t>er Orgel erklingt das ergreifende Lied: „Benedictas qui venit in nomine Domini!“

Da ringt es sich von den zögernden Lippen: „Ich will, Herr, ja — ich will!"

Gleich Rickert, Lasker und anderen liberalen Herren konnte sich also auch Bebel rühmen, auf der Höhe „moderner Entwickelung" zu stehen und deshalb ein Gegner des Antrages Galm und der ‘in demselben be­tonten christlich - sozialen Weltordnung zu sein. Auch I da zeigt sich die Sozialdemokratie einfach als gelehrige Schülerin des modernen Liberalismus, besonders des Logen-Liberalismus, dessen höchstes Dogma gleichfalls die „Humanität", das „ächte Menschenthum ohne Formel­zwang und Dogmenkram" ist, das heißt zunächst der „autonome" Mensch ohne Gott. Gott darf wohl noch als „großer Weltbaumeister" und „guter Vater droben über'm Sternenzelt" wohnen, aber er darf nicht in das Thun und Treiben des „autonomen" Menschen ein­greifen oder gar in die vom liberalen Oekonomismus statuirten Naturgesetze. Die Sozialdemokratie blieb aber auch da nicht auf halbem Wege stehen. „Wir lassen den Liberalismus die Grundlage schaffen und bauen darauf fort; er liefert uns die Prämissen, wir ziehen die Konsequenzen, unbekümmert um seine Abschwächungs­und Fälschungs-Versuche" — so schrieb der,Vorwärts' (9. Sept. 1877). Sie hat sich denn auch nicht ge-

.*). Bebel erklärte bei dieser Gelegenheit auch, was es heißt: „äteugwn ist Privatsache", indem er beifügte: „in die weder der Staat, noch das Gemeinwesen in irgend einer Art sich einmischen soll und die er auch weder durch materielle Mittel, noch durch gesetzgeberische Akte unterstützen darf". Letzteres ist wohl für Bebel und die Seinen die Hauptsache!

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Fritzsche, gesagt, daß wir weit davon entfernt gewesen seien, etwa religiöse Rücksichten diesen Anträgen zu Grunde gelegt zu sehen (haben?), und das möchte ich auch meinerseits auf das Schärfste betonen. Wir stellen unsere Forderungen im Namen der Humanität, im Namen der Menschlichkeit, im Gegensätze zu der Forderung int Namen der christlichen Moral, wie sie hier vertreten worden ist." Eine „eigentlich christlich-religiöse Moral" kenne er überhaupt nicht und es sei falsch, wenn man die Moral-Grundsätze und Sittlichkeits-Ge­setze nur mit einer bestimmten Religion zusammenfallend erachtet und nur in einer bestimmten Religion und in bestimmten Dogmen begründet finden wissen will. Denn durch solche Reden würde beispielsweise „das Juden- thum von der Fähigkeit, Moral zu besitzen", ausge­schlossen. „Man würde auch Millionen derer davon ausschließen, die auf einem ganz religions­losen, auf einem atheistisch-materialisti­schen Standpunkte stehen, auf welchem ich und meine Partei-Freunde stehen." „Ich werde es stets bekämpfen, wenn hier rein humane For- j derungen aufgestellt werden im Namen und als Eigen- thum einer spezifischen Religion, während nach meiner Auffassung das Schöne und Großartige an der modernen Entwickelung darin besteht, daß sie die Menschen mehr und mehr von den religiösen Dogmen und Spitzfindig­keiten frei zu machen und das ächte Men­schenthum zu begründen suche."*)