214 Freitag, den 18. September 1891. !8. Jahrgang
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X Die Gegnerschaft des Antrages Galen.
Windthorst kannte seine Leute und die Situation genau, wenn er im Jahre 1874 seinen politischen Freunden abrieth, jetzt schon die soziale Frage iu Angriff zu nehmen, da das Centrum dabei isolirt sein würde und nur auf die Mithilfe der wenig zahlreichen gläubigen Protestanten rechnen könnte und da man ein Vorgehen des Centrums in dieser Frage nur zu neuen Verdächtigungen ausnutzen würde.
Wie richtig er geurtheilt, bewiesen die Debatten über den Antrag Galen 1877. Triumphirend verkündete Lasker am zweiten Tage der Debatte, daß für den Antrag Galen, der den „Weg zur Rückkehr" bedeute, auf dem nicht „die Befreiung von dem erreicht werden könne, was als wirkliche Beschwerde im Handwerkerstande herrschen mag", nur der Abgeordnete v. Kleist-Retzow „einige leise Mirempfindung" geäußert habe.
Den Jubel des manchefterlichen Liberalismus, in den auch Max Hirsch lebhaft einstimmte, hatte der Präsident des Reichskanzleramtes, Minister Hofmann, durch seine Erklärung hervorgerufen. Sämmtliche Anträge, führte er aus, mit Ausnahme desjenigen, den Herr Graf von Galen hier vertreten hat, sind der Art, daß sie von der Regierung in die reiflichste Erwägung gezogen werden können und müssen. Der Antrag Galen und Genossen dagegen könne in seiner ganzen Richtung, die ihm namentlich durch die Motivirung ausgeprägt ist, nicht anders aufgefaßt werden, denn „als eine Provokation der Regierung, als ein sehr schwerer Angriff gegen die Wirthschaftspolitik der verbündeten Regierungen und des Reichstages selbst". Wenn je eine Regierung diesen Antrag annehmen und sich darnach richten wollte, dann allerdings würde in die gewerblichen Verhältnisse eine „ganz verderbliche Schwankung" hineinkommen. Es sei bekannt, daß hervorragende Mitglieder der „ultramontanen Partei*) sich schon seit geraumer Zeit mit der sozialen Frage beschäftigen. „Es hat auch die ultramontane Presse vielfach diese Frage benutzt, um in der öffentlichen Meinung Propaganda für ihre Partei zu machen". Jede Beschränkung des Großbetriebs zu Gunsten des Kleinbetriebs ..würde eine solche Schädigung unseres Nationalwohlstandes fein, .daß man die Verarmung der Nation und die Entvölkerung Deutschlands (!) als Resultat erwarten müßte." Dazu kam noch offener Spott: „Mit philosophischen Ideen kann man eine wundervolle Welt aufbauen, aber das Leben ist rauher, als die Philosophie, und wenn wir uns mit der Gewerbegesetzgebung dem hohen Schwünge der Ideen des Herrn Grafen Galen anschließen wollten, so würde ohne Zweifel die
*) Windthorst erwiderte hierauf: „Die Ultramontanen, wie der Herr Staatsminister Hofmann uns fortwährend genannt hat, — ich weiß nicht, ob im Auftrage des Herrn Reichskanzlers (Allgemeine Heiterkeit!) — ich will übrigens dagegen gar nicht reklamirem Wenn es dem Herrn angenehm ist, bin ich bereit, mich immer fo nennen zu lassen; es ist für mich ein Ehrentitel."
Wirklichkeit, die daraus folgen müßte, sehr unangenehmer und prosaischer Natur sein!"
Während der Minister so den Centrumsantrag schroff und spöttisch abwies, hatte er ganz artige Komplimente für den sozialdemokratischen Antrag und begrüßte ihn, wie Windthorst hervorhob, mit besonderer Wärme.
Der helle Jubel im liberalen Lager war darnach sehr begreiflich. Die Tonart, welche der Minister dem Centrum gegenüber anzuschlagen für gut fand, kehrte in noch kräftigeren Variationen in der Debatte wieder. Allen voran tummelte Lasker munter das Streit- rößlein. Auch er sprach von einer „außerparlamentarischen Agitation im Volke" seitens des Centrums , die berechnet sei für eine „etwas niedrigere Intelligenz" während hier (im Parlamente) die Wirthschaftspolitik „religiös-philosophisch behandelt wird nach den hohen, einschneidenden Grundsätzen, die der Herr Graf von Galen uns vorgetragen hat". Für den, der in der Schule nichts von Geschichte gelernt, habe Graf Galen „eine sehr bezaubernde Beredsamkeit". Aber mit diesen seinen Schildemngen völliger Gleichheit, mit dieser seiner frommen und demüthig klingenden Sprache, mit dieser göttlichen Weltordnung vereinbar war der Zustand, der nächst der Sklaverei steht, das Unterthanen- Verhältniß". „Wie lange ist es her, seitdem wir den Zustand überwunden haben, daß die Reitpeitsche die Herrschaft geführt hat in der Hand derselben Herrn, die jetzt nicht genug von Gleichheit sprechen können nnd nicht starke Worte genug finden, um darzuthun, daß sie besonders bestrebt sind, den Arbeiterstand zu einem menschenwürdigen Dasein zu erheben." Wenn jetzt der Arbeiter sich fühle, wenn er die volle Gleichheit wolle, und „wenn diese Bewegung auch ein wenig überschäumt in der Art, wie dieselbe sozialdemokratisch jetzt betrieben wird, so ist dieses nichts anderes, als das Erwachen des allgemein menschlichen Gefühles, welches wir durch unsere Gesetzgebung hervorgerufen und befestigt haben. Darauf sind wir stolz!"*)
. (Schluß folgt.)
*) Lasker fügte u. A. noch bei: Auf dem Wege der Freiheit müsse weiter gestrebt werden nach dem Maße und der Ordnung, weil die Freiheit sich nicht vollendet im bloßen Ungebundensein, sondern erst in dem Bande, welches der befreite Mensch sich selber auferlegt. Aehnliches hatte Rickert ausgeführt. Darauf antwortete am nächsten Tage v. Helldorf mit einem zutreffenden Gleichnisse: „Sie wirthschaften wie ein schlechter Wald- wirth. Der verständige Forstwirth schlägt einen Bestand alter abständiger Bäume nicht auf einmal nieder, entweder pflanzt er sofort wieder, oder er läßt Sonnenbäume stehen und dazwischen Luft und Licht, um das Heranwachsen des jungen Lebens zu befördern: Sie haben den alten Bestand auf einmal heruntergeschlagen, und jetzt weht der Sturm über die Sandflächen hinweg und Sie warten darauf, daß hier und da ein zerstreutes Samenkorn wieder Boden fasse; Wald wird wieder werden, aber wie viele Generationen darüber hinweggehen, das wissen Sie nicht."
Wohin aber die Gesetzgebung, welche Lasker als das Werk des Liberalismus so laut pries und auf welche er so stolz war, geführt, davon entwarf die .Deutsche volkswirthschaftliche Korrespondenz' von P. Roell (7. Febr. 1877) folgendes nach dem
Deutsches Keich.
Berlin, 16. September.
* Der Kaiser begab sich heute nach Mühlhausen und wohnt in den nächsten Tagen den Manövern des 4. und des 11. Armeekorps bei; worauf er sich nach Wilhelmshöhe bei Kasfel begibt, woselbst die ganze kaiserliche Familie vereinigt fein wird, denn die Kaiserin reist morgen von Erfurt, die kaiserlichen Prinzen von Potsdam dorthin. Am 21. d. M. begibt sich der Kaiser über Berlin nach Stettin zur Grundsteinlegung der neuen Kirche und zum Stapellauf auf der Vulkanwerft und schließlich von Stettin zur Abhaltung mehrtägiger Jagden nach Theerbude in Ostpreußen.
* Die astafrikanische Schutztruppe bestand nach einer amtlichen Ausstellung vom Juni in Ostafrika aus 93 Europäern und 1553 farbigen Soldaten. Hierin hat sich seitdem nichts geändert, die Zahlen werden bis zur Zerstreuung der Expedition v. Zelewskis durch die Wahehe dieselben geblieben sein. Die ganze Truppe war in 10 Kompagnien eingetheilt, von denen die ersten 8 auf die Küstenplätze von Tanga im Norden bis nach Mikindani im Süden vertheilt waren, die 9. ist zur Begleitung des Kommissars Dr. Peters bestimmt und sollte ihren Sitz in Moschi am Kilimandscharo nehmen, die 10. hatte die Orte Mywapwa und Tabora besetzt und stellte Abtheilungen für die Expeditionen von Emin Pascha und Stokes. Vertheilt man die Mannschaften der Schutztruppe im Ganzen auf die Kompagnien, fo kämen auf jede derselben 150 Mann, doch wird man wohl der Wirklichkeit näher kommen, wenn man sie auf 120 Köpfe zählt. Danach würde der Kommandeur v. Zelewski mit seinen vier Kompagnien etwa 500 Mann zur Expedition vereinigt haben. Das ist genau ein Drittel der ganzen bewaffneten Macht, lieber den bei dem Ueberfall der Wahehe auf die deatfche Schutztruppe am 17. August d. I. anscheinend getödtetüi Chef v. Zelewski wird der ,Vossischen Zig.' geschrieben:
Zu feiner letzten Stellung war Herr v. Zelewski verhältniß- mäßig früh gekommen. Zur Zeit des AuMondes er öcamrn vv* - ^,>usnranifchen Gesellschaft der Station Pangini vor und befand sich in einer sehr gefährlichen Lage, aus welcher chn der bekannte Sultansgenetal Matthews Befreite. Nach seinem Eintritt in die Schutztruppe erhielt er die Station Kilwa, dazumal eine der fieberreichsten der ganzen Küste. Was Leben gezeichnete Bild: „Kaum 10 Jahre sind es her, seit man dem Manchesterthume die vollen Zügel schießen ließ, und der wilde Renner liegt sammt der Staatskutfche im Abgrunde. An allen Enden bricht der ökonomische und moralische Bankerott aus. Die Industrie ein Trümmerhanfe, der Handel am Bettelstäbe und seine Rettung in Schleuderverkäufen suchend; der Arbeiter beschäftigungslos, vagabundirend, eine Beute der Verzweiflung, der Branntweinpest, des Berbrecherthums ; die Frauen aus Roth in Hellen Hausen der Prostitutton verfallen; der Handwerker sozialdemokratische Versammlungen besuchend, über sozialdemokratischen Broschüren brütend; die Regierung in ihren ökonomischen Anschauungen gespalten, hülflos; das Parlament noch zerfahrener, von der impotenten Doktrin entnervt; die Staatshilfe diskredittrt, gelähmt; die Selbsthilfe unzureichend, mangelhaft organifirt, theilweise verblutend — das ist die Bilanz des als höchste volkswirthschaftliche Weisheit angetünbigten Laissez- kaire-Systems."
G Im Sturme der Zett.
Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert, (29. Fortsetzung,)
„Ihr wißt noch recht gut, wie der Hofbauer im Sommer bei uns war. Nun, damals fragte er mich, ob ich wohl statt der Susanne zu ihnen kommen wolle; nicht so, wie die Muhme gemeint habe, nur um bei der Arbeit zu helfen, sondern--sein Sohn Joseph,
mit dem ich im Frühjahr ein wenig bekannt geworden bin, der habe ein Auge auf mich geworfen, und wenn er selbst auch nie ein armes Mädchen als Tochter gewollt hätte, — diesmal wollte er doch nicht „Nein" sagen. Aber — o Vater, steh' mich nicht so strenge an — ich könnt' ihm den Willen nicht thun, weil ich mich schon versprochen hatte! Und da mir einfiel, wie froh Ihr gewesen wäret, und wie's Euch Alle so glücklich gemacht hätte, wenn ich's angenommen, da wurde ich recht traurig. Endlich sagte ich zu dem Hofbauer, wenn's wirklich wahr wäre, daß mich der Joseph und seine Mutter so gut leiden könnten, so sollten sie doch mir zu lieb ein gutes Wort für uns einlegen, und er selber möcht' etwas thun für Euch. Es hat mir in der Heimath so gut gefallen, daß ich immer meinte, da sei mehr Glück, als in der Stadt. Die ganze Zeit über ober hab' ich gebetet, daß der liebe Gott sein Herz lenken möge, damit er das Rechte fände für Euch.
„Und nun fchreibt er heute, daß sein Bruder auf dem Steinheimerhofe im Herbste gestorben sei. Er ziehe nun selber dorthin, und wenn Ihr Beide wolltet, so könntet Ihr auf dem. Hof üus bet Höhe die unteren Stuben haben nebst etwas Land. Dafür solltet Ihr, Du und der Martin, meine ich, ihm und seinem Sohne bei der Arbeit an die Hand gehen; denn sie haben gar so viel Gut. Er will atich noch Lohn auszahlen, und wenn wir uns später was erspart hätten, so könntest Du den Hof in Pacht haben, mit so viel Ackerland, als Du wolltest. O Vater, wär' das nicht schön? Denk' nur — unseren Hof! Aber nun lies nur selbst, was er schreibt."
Und Johannes Fern las und entzifferte die steifen, ungelenken Schriftzüge, indeß seine Frau ihm über die Schulter blickte.
„Herrgott im Himmel, wie froh bin ich!" rief er ein über das andere Mal. „Das war's, was ich immer gewünscht habe! Da oben hätt' ich noch einmal so viel Lust am Schaffen, und die Mutter auch."
„Und unsere Kinder würden gewiß viel gesunder werden, als hier in der engen Stadtluft," sagte diese leuchtenden Auges. „Ich meine fast, es wär' zu viel, ein so großes Glück könnt' uns gar nicht bescheert sein."
„Hast Recht, Mutter," bekräftigte Johannes; „aber es steht doch schwarz auf weiß da, und ich kenn' den Hofbauer, er meint's ehrlich. Von dem kann man
auch sagen: „Ein Mann, ein Wort!" — Ist das einmal ein Weihnachtsgeschenk! Freut's Dich denn nicht, Christel? S'st ja Deine Heimath! Sollst die Stube sehen, wo Du auf die Welt gekommen bist! Und weißt Du, Mädchen, das mit dem Joseph kann Alles noch recht werden, wenn Du auch jetzt nicht gewollt hast. Dann, ja bann, wär' mein Glück voll — 's wär' wirklich fast zu viel."
„Ja, Vater, das wär's auch, und vielleicht läßt's drum der liebe Gott nicht zu," sagte Christine ernst. „Ich freu' mich von ganzem Herzen, aber nur für Euch, denn ich kann und will nimmer mitgehen. Und jetzt kommt das, nm was ich Dich und die Mutter bitten gewollt; gewiß, Ihr sagt nicht nein!
„Wie es uns damals so schlecht gegangen ist, und wie die Mutter und ich vor dem Christusbild im Dom gebetet haben — weißt Du'S noch, Mutter, wie schön es war und wie es Einem angeschaut hat? — da hab' ich dem Heiland gelobt, daß ich Ihm dienen würde mein Leben lang, wenn er nur Dir und unL Allen helfen wolle, wieder glücklich zu werden; so wie jetzt, mein' ich.
„Die Bärbel hat oft zu mir gesagt, daß ich so recht zum Krankenpflegen tauge, — sie braucht mich nimmer; darum will ich's nun geduldig bei Fremden versuchen. — Vater, Du hast einst gemeint, ich dürfe nicht dienen gehen; sieh', ich möchte nun doch eine