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18. Jahrgang

Donnerstag, den 17. September 1891.

V 213

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Berlin, 15. September.

* Ter Kaiser und die Kaiserin wohnten Vor­mittags den Manövern des 4. Armeekorps zwischen Tröchtelborn und Zimmernsupra bei. Der Kaiser begibt sich morgen früh von Erfurt zu den Manövern nach Mühlhausen, die Kaiserin nach Wilhelmshöhe, wo sie bis zum 1. Oktober zu verbleiben gedenkt.

* Zur Beseitigung etwaiger Zweifel wird amtlich bekannt gemacht, daß bei der Einfuhr von Schweinefleisch und Würsten, welche nicht mit einer amtlichen Be­scheinigung darüber versehen sind, daß das Fleisch in Amerika nach den dortigen Vorschriften untersucht und frei von gesundheitsschädlichen Eigenschaften be­funden worden ist, auch in Zukunft der nicht ameri­kanische Ursprung durch Zeugnisse nachzuweisen ist.

* Der Dardanellenfrage weiß die englische Presse täglich eine neue Seite abzugewinnen, um mit der­selben Europa in Athem zu halten. Der Petersburger Korrespondent der behauptet, daß in Rußland die „enorme militärische Organisation mit fast steber- haster Hast" betrieben werde. Gut unterrichtete Per­sonen wüßten schon längst, daß eine allgemeine Mobili- sirung der Armee beschlossen sei und im April 1892 ausgeführt werden soll. Alle Kontrakte für die strate­gischen Bahnen, Materialien und andere Waaren seien feit 2 Jahren abgeschlossen unter der Bedingung, daß die Arbeiten für den Fall einer Mobilisirung Mitte April 1892 fertig sein müßten. Das neue Gewehr

dürfte allerdings bis dahin nicht fertig sein. Derselbe Berichterstatter meldet ferner, daß er vor nicht langer Zeit mit einer für die Dardanellenfrage „sehr kom­petenten Person" ein Gespräch gehabt, in welchem die­selbe sich folgendermaßen äußerte: „Es ist so sicher, wie etwas in der Welt, daß Rußland bei der ersten Gelegenheit die letzten Spuren des Krimkrieges und der türkischen Herrschaft von seinem Wappen wegzu­wischen beabsichtigt, indem es sich die absolut freie Ausfahrt aus dem Schwarzen Meere sichert. Rußland wird dies entweder mit oder ohne Mitwirkung der Türkei thun. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß dies eines Tages nach einem Uebereinkommen mit der Türkei geschieht und nur scheinbar Widerstand ge­leistet wird. Eine Landung zu vollziehen und die Mündung der Meerengen zu besetzen wäre eine leichte Sache. Rußland baut nicht umsonst ein Dutzend große Panzerschiffe von 10,000 Tons im Schwarzen Meere, gar nicht zu reden von der großen nnd sich stets ver­mehrenden Menge anderer Kriegsschiffe und Torpedo­boote. Es mag einige Zeit dauern und viele Versuche kosten, bis Rußland freien Aus- und Eingang für ferne Kriegsschiffe erhält, selbst wenn vielleicht andere Mächte ebensoviel erreichen, allein es ist sicher, daß eine solche unerschütterliche Absicht besteht., Mit dem Aus­gange der Dardanellen in seinem Besitze oder unter seiner Kontrole, vielleicht gemeinsam mit der Türkei, werden die übrigen Seemächte Rußlands Erlaubnrß und nicht diejenige der Türkei allein in Betreff der Passage durch die Dardanellen nachsuchen müssen." — Aus Paris wird der ,Times' gemeldet, daß der von Konstantinopel nach Petersburg versetzte französische Botschafter Graf Montebello die Weisung erhalten habe, bis auf Weiteres in Konstantinopel zu bleiben, um den Sultan, der durch die Erörterung über den jüngsten Ministerwechsel sehr erregt sei, zu verhindern, von seinen Entschlüssen zurückzugehen und in ihn zu bringen, die neue Politik aufrecht zu erhalten- — Es kann ja kein Zweifel darüber bestehen, daß Rußland bestrebt ist, auch mit seiner Flotte im Schwarzen Meere sich ein freies Eingreifen an anderen Punkten Europa's zu sichern und daß es zunächst seine ganze diplomatische Kunst auf dieses Ziel konzentriren wird. Rur muß be­zweifelt werden, ob die Türkei den hiermit verbundenen Selbstmord freiwillig begehen wird. Rußland würde dieses sein Ziel aller Voraussicht nach nur durch einen Krieg erreichen können und in diesem neben Oesterreich mindestens England, die Türkei und wahrscheinlich auch China gegen sich haben. Einen Angriff auf eine der­artige Macht kann Rußland nicht riskiren. Wir möchten sogar behaupten, daß für einige Jahre jede größere militärische Aktion schon deshalb äußerst gewagt, wenn nicht ganz unmöglich ist, weil Rußland schon jetzt nur mit großer Schwierigkeit sich Geld verschaffen kann und weil die Bewaffnung der russischen Armee erst nach einer Reihe von Jahren sich aus den Stand bringen läßt, auf welchem sie jetzt in den übrigen europäischen Staaten steht. And selbst, wenn das er­

G Im Sturme der Zeit.

Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert.

(28. Fortsetzung.)

Wie der Priester dort auf der Kanzel steht, hoch aufgerichtet mit seiner heiligen Waffe in der Hand, erscheint er selbst als ein echter Streiter für die gött­liche Sache. Als er vor einigen Tagen seine Zelle ver­lassen, um dem Rufe zur Mission zu folgen, da hatte er zuvor das an seinem Rosenkränze hängende Bild des Erlösers angeblickt und es war ihm gewesen, als ob auch ihm Jemand die Worte zuriefe: „In diesem Zeichen wirst du siegen!"

Darum hielt er es so oft empor; er kannte den in der Großstadt herrschenden Geist, die Bewegung, welche die Arbeiterklassen unzufrieden, rebellisch machte, und ihm bangte vor den verheerenden Einflüssen des Sturmes, welcher die gegenwärtige Zeit durchbrauste!

Aber als er jetzt auf die Männer hinabblickt und ihre Erschütterung sieht, als er das gedämpfte Schluchzen hört, da weiß er, daß Gott seinem Streite den Segen verliehen, daß er gesiegt hat für die blutige Fahne des Erlösers!

Es war zwar nur ein kleiner Bruchtheil drr Mensch­heit, nur ein mäßiger Schatz für den Himmel; aber so viele Sünder da unten beteten, so viele Engel um­schwebten sie auch — diese würden den gewonnenen Schatz bewahren.--

Richt weit von bet Kanzel an einem Pfeiler lehnte ein Mann. Er war müde und schwach, denn er war kaum genesen von langer Krankheit und war dazu noch eine Stunde früher gekommen, als die Anderen. Man muß sich gar zeitig auf den Weg machen, wenn einem etwas fchwer fällt'; der Mann stand zwar nicht mehr ganz unten, nein, sogar schon auf der zweiten Sprosse, aber es war ihm unendlich schwer geworden, die dritte zu erklimmen, und da er dennoch den Fuß daran ge­setzt und den Willen gehabt, sie zu ersteigen, so zog ihn der Herr vollends hinauf. Und inbrünstig betete auch er: „O Herr, ich lasse Dich nicht, bis Du mir ganz zu Dir geholfen hast!" .

Kein Mensch werde ihn jemals zur Kirche bringen, hatte er einst versichert. Diese Vorhersagung war m Erfüllung gegangen, — denn nicht ein Mensch, sondern Gott hatte ihn hingebracht und zwar durch den Mund seines sterbenden Kindes.

Rur mit Mühe hielt er sich aufrecht, aber er woll e nicht hinausgehen, seine Seele schmachtete, hungerte noch nach dem Worte Gottes. Er mußte den Schluß noch hören, die letzten Worte noch mitnehmen; sie würden ihn begleiten als ein tröstliches, erbauendes Licht auf der neuen Bahn. Er lauscht — welche tiefe Stille! Wie, hat er den Schluß der Rede überhört? — Nein, noch einmal setzt die mahnende, mächtige Stimme an, und durch die weite Halle erJtngt der Rus des Psalmisten:

auf die .Fuldaer Zeitung' für das am 1. Oktober beginnende

4. Guartal 1891

wolle man nicht bis auf die letzten Tage des laufenden Monats verschieben, sondern schon jetzt dem näch­sten Postamte übermitteln, damit uns dieselben frühzeitig mitgetheilt werden können und prompte Zu­sendung des Blattes ermöglicht wird.

Der Post-Abonnementspreis auf die , Fulda er Zeitung' mit der illustrirten Sonntagsbeilage

Sterne und Slumrn = und dem KathgebersürKandwirthschaftHartenbaurc.

beträgt pro Quartal nur 1 Mk. 50 Pfg. excl. Be­stellgeld.

Neu zugehende Abonnenten erhalten die Zeitung nebst der Sonntagsbeilage und dem Rath­geber gegen Einsendung der Post-Quittung bis Ende September gratis.

reicht ist, so ist das Heer mit der neuen Waffe noch nicht so vertraut, daß es sich mit Aussicht auf Erfolg mit einem der Dreibundes-Heere messen könnte. Ein unglücklicher Krieg würde aber dem Hause Romanow den Todesstoß versetzen.

* Zur Handwerkerfrage. Eine öffentliche Versamm­lung, welche vom Ausschüsse der Innungen in Kre­feld anberaumt worden, brachte folgende sehr zeitge­mäße Resolutionen zur Beschlußfassung: 1. Da die Abschlagszahlungsgeschäfte so viele Proben ihrer Un- reellität zu Tage gefördert haben, so begrüßt der Jnnungsausschuß das diesbezügliche Vorgehen dm Behörden mit Befriedigung und hofft, daß dmcch schärfere behördliche Kontrole dieser Geschäfte dre Ge­werbetreibenden einer solideren Geschästsgebahrung ent- gegensehen dürfen. — 2. Da die schlenderhasten Ausverkäufe die foliden und reellen Handwerker und Geschäftsleuten sowohl, wie auch das kaufende Publikum schädigen, so bezeichnet die Versammlung dieselben als verwerflich und empfiehlt, durch Meiden dieser Ausverkäufe sich selbst vor Schaden zu bewahren. — Ein Obermeister sprach ferner die Hoffnung ans, daß in nicht allzu ferner Zeit die zuständigen Behör­den den Besuch der gewerblichen Fortbildungsschule zu einem obligatorischen gestalten möchten, und empfahl diesbezügliche Schritte. „ m ,

* Zum offiziösen Prcßwesen hegt ein „netter Bei­trag vor. Kürzlich ging durch eine Anzahl Kreisblatter ein Artikel, in welchem gegen die Agitation der fret= sinnigen Preffe in Betreff der Brodvertheuerung polemisirt und u. A. auch behauptet war, der Kornzoll betrage nur 50 Pfg. per Doppel-Centner, während er bekanntlich 5 Mk. beträgt. Als nun die freisinnigen Blätter hierüber sich belustigten, wurde in den. Kreis­blättern die irrthümliche Angabe einem „Drucksehler zugeschrieben. Dieser „Druckfehler" nun fand natürlich auf freisinniger Seite wieder die entsprechende Beleuch­tung; namentlich griff das Reichsblatt die Krersblatt- Verleger scharf an. Darauf ist dem Blatte eine Zu­schrift aus der Provinz Schlesien zugegangen, unter­zeichnet von mehreren Kreisblattverlegern. Es heißt darin: m

Die bekannte offiziöse Korrespondenz geht von Berlin an die Landräthe; diese streichen ihrem Geschmack entsprechende Ar­tikel in derselben an und schicken sie den Kreisblatt-Redaktwnen mit dem Auftrage um Aufnahme zu. Sollte man denn nun nicht erwarten können, daß, wenn ein Landrath etwas durch- studirt hat, dasselbe so alberne Berechnungen, wie die m dem anqezoaenen Artikel, nicht enthält? Was den Respekt anbelangt, so ist es ganz natürlich, daß wir die Artikel uufnehmen denn andernfalls würde Einem der Verlag des Kreisblattes gekündigt werden, und die Taufende von Mark, die man dem Vorgänger dafür bezahlt hat, wären verloren. Die Regierung würde sich den Dank der fämmtlichen Kreisblatt-Berleger erwerben, wenn sie die Zusendung der Hammann'schen Korrespondenz an die Landräthe einstellte; denn abgesehen davon, daß wir die amt­lichen Bekanntmachungen ganz oder fast umfonst ausnehmen, müssen wir uns auch noch durch Aufnahme der Korrespondenz- Artikel der öffentlichen Beschimpfung aussetzen; auch Haß und Feindschaft unserer Mitbürger ernten wir durch dieselben genug. Große Wirkung haben die Artikel ja doch nicht, da man weiß, daß dieselben „von Berlin" kommen. Mit dem Gelde aber, das

„Mein Sohn, meine Tochter, kämpfe für deine Seele, kämpfe bis in den Tod! Horcht — die Buß­glocke tönt — fallet nieder und betet für die Bekehrung der Sünder!" . .. ,

Der Mann unten blickt auf, er steht, wie die ehr­furchtgebietende Gestalt das Kreuz segnend erhebt, und sinkt in die Kniee. Thränen rinnen über sein Gesicht, er kann nicht beten, ein Gefühl zwischen Frieden und Entsetzen erschüttert ihn, aber das letztere ist vor­herrschend. Es dauert, bis der dumpfe Ton der Glocke ausgeklungen. Etwas hat in diesem Augenblick m sem Herz, in sein inneres Leben eingegriffen, furchtbar aber entscheidend — er ist ein Anderer geworden für immer.

Als Johannes Fern mit den Letzten die Kirche verläßt, wankend und wie gebrochen — da gehen wohl zwei Engel an feiner Seite und stützen ihn. —

Die Straßen und Plätze sind leer. Em kühler Wind weht um feine Schläfen; noch einige Schritte und er kommt an dem Haufe vorüber, wo er die Abende und die halben Rächte zu verbringen pflegte. Fröh- licbe Stimmen und Lieder schallen heraus, und em Heller Lichtstreifen fällt quer über feinen Weg. Kann ihn denn nichts mehr locken? Kennt er die Freuden des Lebens wirklich nicht mehr ? Ist er fo alt geworden.

Rein, nicht alt, aber stark, und die Leuchte, die der Herr ihm angezündet, brennt Heller als das irdische Licht.

Er biegt in die Seitengasse ein, geht durch den Hof und steigt langsam die Treppe des Hinterhauses hmau f.

”lC 9 $ .Rathgeber für Landwirtschaft, Gartenbau und Hauswefen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

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