Beilage zu Nr. 210 der „Fuldaer Zeitung".
♦ Die Lage der österreichischen Katholiken.
Ein österreichischer Reichstags-Abgeordneter berichtet dem ,M. Frdbl.' darüber in höchst interessanter Weise: „Am 12. August d. I. sind es 12 Jahre gewesen, seit Graf Taaffe an die Spitze des gegenwärtigen Kabinets getreten ist. Mit dem Grafen Taaffe begann das sogenannte konservative Regime, das heißt, die Deutschliberalen wurdm ihrer Schreckensherrschaft für verlustig erklärt und die konservativen Elemente zu einer Majorität zusammengeschmiedet. Derselben gehörten alle Slaven und die Katholiken deutscher Zunge an. Schon damals gab es weitblickende Politiker, die es lieber gesehen hätten, wenn sich alle Katholiken, ohne Unterschied der Nationalität, meinen Klub vereinigt hätten. Das geschah aber nicht. Die tschechischen, polnischen, slovenischen und italienischen Katholiken gesellten sich ihren nationalen Klubs bei, und nur die deutschen Katholiken bildeten einen eigenen Verband, den Liechtenstein-Klub. Die maßgebenden Führer hatten nämlich zum Grafen Taaffe ein felsenfestes Vertrauen, sie hofften, der Minister-Präsident werde, auch ohne daß die Katholiken einen Verband bilden, ihre Forderungen verwirklichen. Das war dem Grafen Taaffe überaus erwünscht. Er, der nicht umsonst auf eine gemischte politische Thätlgkeit zurückblickte, erkannte sofort, daß ihm die in diverse Klubs zersplitterten Katholiken nicht gefährlich werden konnten. Der Kabinets-Chef befolgte eine ganz vorzügliche Taktik. Nachdem die Slaven die Hauptstütze seiner Regierung waren, so mußte er vor Allem darauf bedacht sein, diesen gerecht zu werden. Indem er nun den Slaven Konzessionen einräumte und dieselben dadurch zeitweise Hefriedigte, schläferte er schön gemächlich die konfessionellen Fragen ein. Die slavischen Katholiken, welche in ihren nationalen Ansprüchen befriedigt wurden, hielten sich nun mäuschenstill. Es ist dies auch sehr begreiflich. Nehmen wir z. B. den Polenklub. Im Polenklub sitzen alle polnischen Ab- yortmeten liberaler und konservativer Richtung. Wird eine nationale Frage aufgeworfen, so befinden sich alle Mitglieder in Uebereinstimmung; dreht es sich dagegen um eine konfessionelle Frage, so gibt es Meinungsverschiedenheiten, welche im Sinne des Stärkeren beigelegt werden. Ist dieser Stärkere der liberale Theil, dann hat der konservative zu schweigen. Darum sage ich: Die österreichischen Katholiken haben in den langen 12 Jahren Taaffe so gut wie nichts erreicht, weil die slavischen Gesinnungsgenossen in Folge ihrer Angehörigkeit zu den nationalen Klubs mit gebundener Marschroute marschiren mußten. Die Deutsch-Konservativen hingegen, welche in nationaler Hinsicht unabhängig, waren einerseits numerisch zu schwach, um mit Taaffe anzubinden, und anderseits standen sie unter Führung von Männern, welche aus übertriebener Aengstlichkeit keine casus belli provoziren wollten. Auf diese Art fand Graf Taaffe ein herrliches Auskommen — und die Katholiken haben unter einem „konservativen" Regime zwölf Jahre verloren!
Konservatives Regime auf der einen, totale Erfolglosigkeit auf der anderen Seite — man muß sich diese beiden Punkte vor Augen halten, um zu begreifen, daß sich endlich Männer fanden, welche von dieser Kunktatorpolitik nichts mehr wissen wollen. Der erste war Hofrath Lienbacher, welcher den Liechtensteinklub verließ, und dann folgte der Tiroler Zallinger. Aber unter den Parlamentariern ging es mit der „schärferen Tonart" nicht recht vorwärts, desto mehr in den breiten Schichten der Bevölkerung. Die Lenker des katholischen Schulvrreins sind entschiedene Katholiken, viele Provinzblätter nahmen sich der energischen Richtung an und insbesondere der junge Nachwuchs im Klerus steht mannhaft auf Seite der entschlossenen Parteigenossen. Die Unzufriedenheit mit den heutigen Verhältnissen erfaßt immer weitere Kreise. Ist das ein Wunder? Blicken wir auf die letzten zwölf Jahre zurück.
Sonntag, den 13. September 1891.
Geschehen ist für die Katholiken blutwenig. Graf Taaffe vertröstet sie von Jahr zu Jahr, und immer meinten unsere Hyperklopen, man dürfe Taaffe nicht in Verlegenheit bringen, um nicht die Dienste der Deutschliberalen zu besorgen. Ein System wechsel im liberalen Sinne, das war stets das Gespenst, welches den energischen Katholiken an die Wand gezaubert wurde. Was sehen wir aber heute? Durch den Sieg der Jungczechen ging die Majorität in Trümmer. Heute muß Taaffe mit den Liberalen rechnen, was vor wenigen Jahren noch nicht der Fall gewesen ist, und heute ist somit absolut keine Aussicht, daß die Katholiken in absehbarer Zeit etwas erreichen werden. Wäre vor vier oder fünf Jahren ein entscheidender Vorstoß erfolgt, so würde Graf Taaffe deswegen noch keineswegs demissionirt haben und man darf fest überzeugt sein, daß Etwas erreicht worden wäre.
Nun zur großen Frage: Welche Rolle gedenken die katholischen Abgeordneten in der heutigen neuen Aera zu spielen? Der Regierungskatholizismus des Grafen Hohenwart, dieses modernen Fabius Kunktator, hat totalen Schiffbruch erlitten. Graf Taaffe bedarf der Katholiken nicht mehr, denn die liberale Linke ist dermalen der neue Besen, welcher ausgezeichnet kehrt. Oder sollte Graf Hohenwart der Meinung sein, die schönen Tage der katholisch-slavischen Majorität kämen jemals wieder? Einen solchen Optimismus trauen wir selbst einem Hohenwart nicht zu! Möge man nun dm günstigen Moment benützen und die katholischen Heer- schaaren zu einer großen Armee formiren! Der k. k. Regierungskatholizismus hat nur Mißerfolge und Enttäuschungen gebracht. Ein kräftiger energifcher Zug nach Vorwärts kann unmöglich jenen Schaden stiften, welchen die Zauderpolitik der vergangenen Tage verursacht hat. Das katholische Volk will die konfessionelle Schule, das mögen sich die Herren Beschwichtigungs-Hofräthe gesagt sein lassen. An der allerhöchsten Zufriedenheit Sr. Excellenz des Grafen Taaffe ist dem Volke blutwenig gelegen!
Vermischtes.
* In einer der neuesten Nummern eines Modeblattes prä- sentirt sich eine Dame in einem Kleide oder vielmehr in einem Rocke, der von Tragbändern, ähnlich wie sie die Herrenwelt trägt, gehalten wird. Unter all' den Extravaganzen der Mode dünkt uns diese doch als eine der anstößigsten, da sie einen Gegenstand der männlichen Garderobe, der sonst zu den intimen gezählt wird, der vollsten Oeffentlichkeit preisgibt. Nicht lange mehr werden wir die Damen in Hosenträgern einher gehen sehen, wie die Kegelbrüder auf der Kegelbahn. Doch, das ist nur eine Consequenz der Mode, die ja schon seit einiger Zeit sich bemüht, die Kleider der Damen der männlichen Garderobe möglichst ähnlich zu machen, so daß die weiblichen Gigerl'n bisweilen kaum von ihren männ- jichen Vorbildern zu unterscheiden sind. Da trägt man jetzt ein Oberhemd, möglichst bunt gemustert, häufig mit Emblemen des Reit- oder Rudersport, Hufeisen oder Anker, dazu einen lang herabhängenden Shlips nebst Nadel; ferner ein kurzes Jäckchen, vorne offenstehend, oder eine lange Schooßtaille, ähnlich den Bootenröcken der Männer und einen Strohhut, wie ihn Herrn tragen. In der Hand findet sich der Schirm mit langem dicken Stock und die Füße werden entstellt durch ein Paar großer Schnabelschuhe mit niedrigen Absätzen. Sieht man ein so gekleidetes weibliches Wesen in einem Restaurant und kann nur seine Rück- Partie betrachten, so kommt man leicht in Verlegenheit, dieses Wesen, noch dazu, wenn es die Haare „a la Titus“ trägt, für einen jungen Mann zu halten. Diese Nachahmung männlicher Kleidung geht Hand in Hand mit der Emanzipation, wie es scheint. Schon längst ist es in gewissen Kreisen der Weiblichkeit etwas ganz Selbstverständliches, den Ruder-, Radfahr-, und Jagdsport neben dem Reit-, und Bergsport zu pflegen; da ist es denn nun natürlich, wenn gewisse Damen die Emanzipation auch auf die Kleidung ausdehnen. Vom Gebiete des Sports werden sie sich aber gewiß bald auch anderen Gebieten zuwenden und dort das Banner mit dem Motto: „Egalitö" aufpflanzen. Es gibt da noch so mancherlei, z. B. das Rauchen. Ein echter weiblicher Stutzer raucht ja allerdings schon lange, aber meist Cigaretten; zur Cigarre hat er sich noch nicht empor geschwungen. Das erst wäre echt männlich, echt gigerlmäßig, wenn die Damen die Cigarre erobern. Ferner müßte die Gleichberechtigung der Frauen sich auch auf Pferdebahn und Omnibus erstrecken und zwar dergestalt, daß sie die oberen Decksitze, wie in Paris gang und gäbe ist, auf diesen Vehikeln besteigen dürften. Das erst wäre der Triumph. Die Damen in Herrenkleidern, mit der Cigarre und
dem Monocle auf der Pferdebahn, während im Innern des Wagens jene männlichen Schwächlinge Platz zu nehmen hätten, welche sich zu den Nichtrauchern zählen und deshalb von jedem echten Manne wie jedem weiblichen Gigerl nur mit Verachtung behandelt werden. Auf dieses Ziel steuert hin ihr Giger'l unter den Damen, unsterbliche — Lächerlichkeit ist euer Lohn!
(Was sollen wir mit unser» Töchter« thun?) Ein amerikanisches Blatt beantwortet diese Frage folgendermaßen: Gebt ihnen eine ordentliche Schulbildung. Lehrt sie ein nahrhaftes Essen kochen. Lehrt sie waschen, bügeln, Strümpfe stopfen, Knöpfe annähen, ihre eigenen Kleider machen und ein ordentliches Hemd. Lehrt sie Brod backen und daß eine gute Küche viel an der Apotheke spart. Lehrt sie, daß ein Dollar 500 Cents werth ist, und daß nur derjenige spart, der weniger ausgibt als er einnimmt, und daß Alle, welche mehr ausgeben, verarmen müssen. Lehrt sie, daß ein bezahltes Kattunkleid besser kleidet als ein seidenes, wenn man Schulden hat. Saget ihnen, daß ein rundes, volles Gesicht mehr werth ist, als fünfzig schwindsüchtige Schönheiten. Lehrt sie gute, starke Schuhe tragen. Lehrt sie Einkäufe machen, und nachrechnen, ob die Rechnung auch stimmt. Sagt ihnen, daß sie Gottes Ebenbild mit starkem Schnüren nur verderben können. Lehrt sie Selbstvertrauen, Selbsthilfe und Arbeitsamkeit. Sagt chnen, daß ein rechtschaffener Handwerker in Hemdsärmel und mit Schürze, auch ohne einen Cent Vermöge», mehr y.ttfr ist als ein Dutzend reichgekleideter und vornehmer Tagediebe. Lehrt sie Gartenarbeit und die Freuden der freien Nain- Lehrt sie, wenn ihr Künste,
bedenkt aber immer, vatz eS Nebensachen sind. Lehrt sie, daß Spaziergänge besser sind, als Spazierfahrten, und daß die wilden Blumen gar schön sind für diejenigen, die sie betrachten. Lehrt sie bloßen. Schein verachten und daß, wenn man ja oder nein sagt, es auch wirklich fo meinen soll. Sagt ihnen, daß das Glück in der Ehe weder von dem äußeren Aufwand, noch von dem Gelbe des Mannes abhängt, sondern allein von feinem Charakter. Habt ihr ihnen das Alles beigebracht und sie haben es verstanden, dann laßt sie, wenn die Zeit gekommen ist, getrost heirathen, sie werden ihren Weg schon dabei finden.
Literarisches.
Wir möchten unsere Leser ganz besonders auf den soeben im Verlage von H. L. von Trautvetter, Berlin W. 35, Körnerstr. 15, erschienenen Wegweiser durch das neue Etnkomme«- fteuergesetz vom 24. Juni 1891 mit Formularen und angehängtem Gesetzestexte von Dr. jur. Hugo Marck, Preis 50 Pf., aufmerksam machen.
Derselbe zeichnet sich durch große Klarheit und Uebersichtlich- keit in der Bearbeitung der einzelnen Gesetzesparagraphen in Bezug auf ihre Anwendung und Auslegung hin, aus, und ist für jeden Käufer besonders dadurch werthvoll, daß er zugleich die Formulare enthält, wie man sich einschätzt und wie man gegen eine zu hohe Veranlagung zu reklamiren hat.
Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder gegen Einsendung von 55 Pfg. direkt vom Verleger.
Reiselust.
Ich reiste gern per Eisenbahn — Doch weiß ich, wenn ich fahre, Ob haltbar Bochums Schienen sind, Das Flickwerk des Herrn Baare?
O Reisen, welche Himmelslnst, — Falls vor Entgleisungsfällen Mich schützen wird die Haltbarkeit Der imprägnirten Schwellen.
Es schwellt die Brust ein Hochgefühl, Laut möcht' ich jubiliren, — Vorausgesetzt, daß überall Die Bremsen funktioniren.
Man saust dahin auf glatter Bahn Durch Thäler, Felder, Haine, Doch wer gießt mir die Garantie, Daß hält die Rettungsleine?
Auf Reisen spiele im Koupee Ich gerne Scat zu Vieren, — Indessen weiß man nie, ob fest Auch schließen alle Thüren. —
Nach flotter Fahrt ein kurzer Halt
Gibt Poesie dem Wandern. — Wer weiß, ob nicht auf 'ner Station Ein Zug fährt in den andern?
Wie herrlich, donnert dann der Zug In Eile über Brücken, — Daß heißt, wenn sie recht haltbar sind, Und nicht zufammenknicken.
„Ja, Reisen, du bist meine Lust'." . . . Sagt ich mit manchem Biedern, „Wie freut man sich, hat man erreicht Sein Ziel mit heilen Gliedern?"
Tafel- und Wirthschastsobst, Reineclauden, Mirabellen n. Pflaumen, Aepfel u. Birnen (Krüh- und Lagerobst), la. Apfelwein und Seerenwrine, selbstgebrannte Fruchtwaffer u.
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