/V 210 _ ___ Sonntag, den 13. September 1891.
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Hierzu eine Beilage.
Der erste Arbeiterschutzantrag im Reichstage.
(Antrag Graf von Galen u. G. 1877.)
Wiederholt hatte Windthorst in den Debatten bei den unseligen Kulturkampfvorlagen bittere Klage darüber geführt, daß die Regierung und die ihr ergebenen Parteien alle ihre Kräfte verschwendeten und vergeudeten zum Kampfe gegen die Kirche, statt mit der Kirche zusammen sich den so drängenden sozialen Aufgaben zu widmen.
Wie ein Freund des seligen Centrumsführers in der so warm geschriebenen, hochinteressanten Skizze über den Verlebten, welche das erste Heft des „Bolksvereins für das kath. Deutschland"*) bringt, mitcheilt, war derselbe dennoch dagegen, daß schon zu Anfang der siebziger Jahre, in der Glühhitze des „Kulturkampfes", das Centrum selbstständige Anträge in der Arbeiterfrage einbringe.
Er begründete das politischen Freunden gegenüber in folgender Weise: Der herrschende Kurs sei noch durchaus manchesterlich, theils aus Ueberzeugung, theils aus Interesse.. Wenn nun das Centrum mit positiven iozialvolitischen Anträgen vorgehe, dann werde man das als Demagogie verschreien, wie man ja sogar einen Mann wie Bischof Ketteler, mit seinem warmen Herzen für den Staat wie für die Arbeiter, mit der rothen Internationale in Zusammenhang bringe. Solche Hetze würde nicht fruchtlos sein. Zum Schaden der ersten und höchsten Aufgabe des Centrums, des Schutzes von Religion und Kirche, würde die Jsolirung des Centrums nur noch verschärft werden. Noch sei die Kulturkampfsgluth stark genug, auch in Bezug auf die sozialen Fragen alles, mit Ausnahme der nur wenig zahlreichen gläubigen protestantischen Konservativen und der Sozialdemokraten gegen das Centrum zu einer großen Mehrheit zu vereinigen; selbst bei vielen noch nicht sozialdemokratischen, protestantischen Arbeitern werde das jetzt noch gelingen, obgleich es doch um Hilfe für die Arbeiter sich handle. Sobald aber in diesen Beziehungen die Lage besser besser sei, müsse sofort sozialpolitisch vorgegangen werden und er werde ganz gewiß mit dabei sein.
Genau nach dieser Weisung des Führers hat das Centrum gehandelt. Kaum war etwas Ruhe in der Kulturkampfhetze eingetreten, brachte es seinen sozialpolitischen Antrag ein. Das Centrum war die erste von allen Parteien, welche die Inangriffnahme des eigentlichen Arbeiterschutzes beantragte. Der Centrums-Antrag Graf v. Galen und Genossen wurde eingebracht am 19. März 1877, die Resolution Rickert u. Gen., welche sich übrigens nur mit den Lehrlingsverhältnissen und mit der Forderung gewerblicher Schiedsgerichte beschäftigt, am 24. März desselben Jahres, der sozialdemokratische Antrag Fritzsche, Bebel
*) Dieselben erscheinen unter dem Titel „Der Bolksverein" jährlich achtmal und werden allen Mitgliedern des Volksvereins für das kathol. Deutschland gratis zugestellt.
»D Im Sturme der Zett.
Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert.
(25. Fortsetzung.)
Was sie sprachen, konnte man nicht verstehen; der Bauer schien eifrig auf das Mädchen einzureden. Christine hatte den Kopf seitwärts gegen die Scheiben gelehnt und blickte über die nächsten Dächer hinweg. Endlich hörte man sie halblaut sagen:
„Ihr habt gehört, Hosbauer, wie es damit ist. Was man dem versprochen hat, kann man nicht zurücknehmen, und wenn ich's auch könnte, so möcht' ich's nimmer; — das wär' ja wie ein Spiel um den Himmel, und Gott läßt Seiner nicht spotten. Ihr verlangt das auch nicht. Ich dank' Euch für alle Liebe und Freundschaft, und wenn's wirklich so ist, wie Ihr gesagt habt, so thut das, um was ich Euch bitte."
Ehe Jener antworten konnte, unterbrach Marga- reth's Ruf nach Christinen die Unterhaltung. Es war für die Fremden ohnehin Zeit zum Aufbruch. Eltern und Kinder gaben eine Menge Grüße und Aufträge für die Muhme mit. Während Fern's Freund und Genosse sich mit einem ganzen Wortschwall empfahl, war der Abschied des Hofbauern dagegen nur kurz. Es war auch keine Sprache mehr davon gewesen, daß
u. Gen., lief am 11. April ein. Da nur zwölf Sozialdemokraten im Reichstage waren, so unterstützten auch einige Centrumsmitglieder (Rußwurm, Dr. Reichens- perger-Crefeld) den Antrag, damit derselbe eingebracht und diskutirt werden konnte. Ein Antrag der Konservativen v. Seidewitz u. Gen., welcher am 4. März eingebracht war, verlangte lediglich neue Bestimmungen über Arbeitsbücher für Gesellen und Gehilfen, über den Lehrvertrag, Auflösung des Lehrverhältnisses und Bestrafung der Lehrlinge und Arbeitgeber bei Bruch des Lehrverhältnisses.
Die Wichtigkeit der Sache rechtfertigt es wohl, daß wir diefen ersten Arbeiterschutzantrag und dessen Begründung hier im Wortlaute solgen lassen. Die Behandlung, richtiger Mißhandlung desselben im Reichstage soll uns ein ander Mal beschäftigen.
Der Centrumsantrag des Grafen von Galen und Genossen lautete:
„Der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Reichskanzler aufzufordern: noch im Laufe dieses Jahres die bereits unternommene Enquete über die Lage des Handwerker- und Arbeiterstandes unter Mitwirkung freigewählter Vertreter desselben in der Richtung der sub I. bis III. aufgeführten Punkte zu vervollständigen und auf der Grundlage des gewonnenen Materials
I. dem Reichstage in der nächsten Session den Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung vom 21. Juni 1869, unter Berücksichtigung solgender Punkte vorzulegen:
a) Wirksamer Schutz des religiös-sittlichen Lebens der gesammten arbeitenden Bevölkerung (Sonntagsruhe).
b) Schutz und Hebung des Handwerkerstandes durch Einschränkung der Gewerbefreiheit; Regelung des Verhältnisses der Lehrlinge und Gesellen zu den Meistern.
Förderung korporativer Verbände.
c) Erweiterung der gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der in Fabriken arbestenden Personen; Normativbestimmungen für die Fabrikorvnungen; Verbot der Beschäftigung jugendlicher Arbeiter unter 14 Jahren in Fabriken; Schutz der Familie durch Beschränkung der Frauenarbeit in Fabriken.
d) Einführung gewerblicher Schiedsgerichte unter Mitwirkung freigewLylter Vertreter der Arbeiter.
e) Anderweitige Regelung der gesetzlichen Bestimmungen über die konzessionspflichtigen Gewerbe, insbesondere den Betrieb von Gast- und Schankwirthschaften;
II. eine Revision der gesetzlichen Bestimmungen, betreffend die Freizügigkeit, sowie
III. des Gesetzes, betreffend die Verbindlichkeit zum Schadenersatz re., vom 7. Juni 1871, in Bezug auf den Betrieb von Bergwerken und gewerblichen Anlagen zu veranlassen."
Begründet wurde der Antrag folgendermaßen: Motive.
„Die traurige wirthschaftliche Lage der arbeitenden Bevölkerung erfordert dringend Abhilfe.
Die Nothlage ist nicht so sehr ein Resultat der allgemein herrschenden wirthschaftlichen Kalamität, als vielmehr einer falschen Wirtschaftspolitik und der aus derselben hervorgegangenen Gesetzgebung. Die Folgen dieser letzteren treten bei der obwaltenden Krisis deutlich und erschreckend in die Erscheinung. Dem gegenüber ist die Haltung der Regierung, soweit sie überhaupt noch erkennbar, eine nach allen Seiten schwankende. Bei halber Einsicht, daß die bisherigen Zustände unhaltbar sind, fehlt die klare Erkenntniß dessen, was zu thun ist.
Um schweres Unrecht wieder gut zu machen, eine große Gesahr abzuwenden, die Quelle alles Wohl- Susanne im Herbste auf den Hof kommen solle; worauf man sich im Stillen verlassen hatte.
Von diesem Tage an kam öfter der eine oder der andere Arbeiter, uni sich nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen, und jeder schied mit dem Wunsche, daß er bald wieder in ihrer Mitte erscheinen werde. Nach jedem derartigen Besuche zeigte sich Johannes abstoßender und finsterer, als vorher. Margareth blieb gleichmäßig ruhig und sanst. Sie suchte ihm jeden Wunsch abzulauschen, bemühte sich trotz ihrer Armuth, immer ein wohlschmeckendes, kräftigendes Gericht für ihren Mann herzustellen; ihr kleines Buch, das Gefchenk des freundlichen Priesters, half ihr nicht wenig dabei. Die Kinder brachten gerne ein Opfer und schoben stillschweigend das Beste für den Vater zurück, da sie sahen, daß die Mutter es that. Für ihn war der erste Teller Suppe, das lockerste Stück Brod, das wenige Obst, welches ihnen dann und wann eine mitleidige Nachbarin schenkte. Selbst Barbara aß nie etwas, ohne zuvor zu fragen, ob der Vater es nicht vielleicht haben möchte.
Er fing an, die Wohlthat eines so stillen, friedlichen Heimwesens zu empfinden, und in mancher Nacht war ihm der Gedanke heiß auf die Seele gefallen, daß er es in den vielen Jahren durch emsiges Schaffen so-
standes, die Arbeit, wieder zu Ehren zu bringen, ist die Umkehr von dem bisher eingeschlagenen Wege noth- wendig; sie ist um so dringender geboten, je begründeter die Klagen über einen allgemeinen Rückgang der deutschen Industrie sind.
Die Richtung der legislatorischen Maßregeln anzudeuten, welche hierzu erforderlich sind, ist der Zweck des vorliegenden Antrages. Zunächst ist auf dem Wege der Enquete das Material zu vervollständigen; es sind namentlich, mehr als dies bisher geschehen, Vertreter des Arbeiterstandes über die innerhalb desselben hervorgetretenen Mißstände, sowie über die Mittel zur Abhülfe zu hören. Es sind sodann einzelne Punkte hervorgehoben, an denen eine Abänderung der bestehenden Gesetzgebung dringend nothwendig erscheint.
Die schrankenlose Gewerbefreiheit hat eine fortschreitende Absorbirung des kleinen Handwerks durch den Großbetrieb zur Folge gehabt. Daß eine bessere Regelung des Lehrlingswesens nothwendig sei, ist wiederholt und von den verschiedensten Seiten her anerkannt worden. Nur die Ausbildung korporativer Verbände mit genauer Feststellung der gegenseitigen Reckte und Pflichten von Meistern, Gesellen und Lehrlingen ist geeignet, in dieser Richtung einen wirklichen Erfolg zu erzielen. .
Schleuniger Abhilfe bedarf sodann die Lage der m Fabriken arbeitenden Bevölkerung. Gegenüber den Anforderungen des Großbetriebes und der Ausbeutung durch das Kapital ist das Heiligthum der Familie und das Wohl der Heranwachsenden Generation durch gesetzliche Schranken zu sichern."
Deutsches Keich.
Berlin, 11. September.
* Wie die Sozialdemokraten über die Bauern denken, davon liefert ein Artikel in den sozialdemokratischen Jahrbüchern einen neuen Beweis. In einem darin enthaltenen Artikel wird der Bauer zunächst als ein roher, gefühlloser und selbstsüchtiger Mensch hingestellt. „Bei keinem Stande der Welt," so heißt es wörtlich, „ist die Selbstsucht so entwickelt, wie bei dem Bauernstände. Eine über das Thierische hinausgehende Liebe der Eltern zu den Kindern, welche sich auf mehr erstrecken würde, als ihre Aufziehung und Pflege in den Jahren der Unbehülflichkeit, kommt bei dem Bauern selten vor. Sein Besitzthum geht ihm über Alles; es ist ihm theurer als Weib und Kind. Muß sein Sohn Soldat werden, so ärgert es ihn hauptsächlich deswegen, weil er an seiner Stelle jetzt einen bezahlten Knecht halten muß." Diese „grenzenlose Selbstsucht werde den Bauern verhindern, Sozialdemokrat zu werden. Deshalb müsse dem Bauer klar gemacht werden, daß die sozialdemokratische Partei seine materiellen Interessen besser zu fördern im Stande sei, als die anderen Parteien, damit so der Bauer „wenigstens den füllen Beobachter spielt, der uns nicht entgegentritt". Es wird dann gerathen, dem Bauer zu versprechen, ihm billige Kapitolquellen zu erschließen. Er muß auf den Staatskredit verwiesen werden, und zugleich ist gegen den Steuerexekutor zu wettern. Sehr wirksam würde
gar zu einem gewissen Wohlstände hätte bringen können, während er Zeit, Geld und Gesundheit nur einem albernen Trugbilde geopfert hatte, dessen Verwirklichung er wenigstens niemals erleben würde.
So dachte er Nachts und in den stillen Abendstunden, welche so recht zur Einkehr ins eigene Herz, zum Rückblick auf die Vergangenheit geschaffen sind. Wenn aber der Morgen kam, und er neue Kraft in den Adern fühlte, dann kehrte auch der Wunsch und bald der feste Vorsatz wieder, das alte lustige Leben von Neuem zu beginnen.
So lange ihik Mann schwach und von jeder ihrer Handreichungen abhängig gewesen, hatte Margareth leichtes Spiel gehabt; jetzt, wo er täglich stärker wurde, schien es nach und nach unmöglich, ihn von dem Einflüsse der früheren Gefährten abzuhalten. Ihr Herz wurde immer schwerer und das kranke Mädchen in der Nebenkammer immer elender. Wie kurz sollte ihre innere Freude, ihre Seelenruhe und der Friede um sie her gedauert haben!
Einst, nach einem abermaligen Besuche des Geistlichen, sagte dieser vor der Thüre in ernstem Tone:
„Heute will mir der Zustand der Beiden gar nicht gefallen. Beten wir doch ja recht für sie!"
Sie konnte nicht unterscheiden, ob er bei ihrem Manne