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18. Jahrgang

Dienstag, den 8. September 1891

205

FuldakrWZkitllng

erhoben.

* Danzig, 3. September.

Heute Vormittag 11 Uhr begann im Wilhelm- Theater bei gutem Besuch die letzte öffentliche General-Versammlung. Anwesend war u. A. auch der frühere Armee-Bischof Namscanowski.

Dechant vr. H a m m e r (Wolfstein i. d. Pfalz) spricht mit wirkungsvollem Humor ü6ci> den Bonifatius- 85 eretn. Desfen Unterstützung dringend an's Herz legend, schlägt Redner vor, der Kassirer des Vereins solle entscheiden, wer die „schönste Hand" habe. ,

Der Trappisten-Abt Franz schildert die Schwierig­keiten und Erfolge der Trappisten-Mission unter den Kaffem in eigenartiger Weise und unter vielem Beifall.

Stadtpfarrer Huhn (München) hebt hervor, mit dieser Versammlung beginne eine neue Periode der General- Versammlungen der Katholiken Deutschlands. Er gedenkt der Gelehrten, welche die ersten Versammlungen anregten und beeinflußten. In der neuern Periode kommen die Männer des Centrums, insbesondere Windhorst. Der ersten Periode der Versammlungen gäben also die Ge­lehrten, der zweiten Windthorst und der dritten hoffentlich die Gelehrten und die Männer des öffentlichen Lebens das Gepräge. Redner mahnt zum Beitritt zur Görres- Gesellschaft, aber auch die Männer dieser Gesellschaft zur Theilnahme an den Generalversammlungen. (Beifall.)

Die Aufgabe der Katholiken-Versammlungen richte sich zunächst gegen den ungläubigen Geist unserer Zeit, welcher die einfachsten Wahrheiten der Vernunft leugnet. Dagegen sei vor allem das Studium der Philosophie nothwendig. Das könne in seiner Art auch der ein­fache Mann. Möge Gott auch die Regierungen erleuch-

Eine Erzählung aus dec Gegenwart von Klara Lötschert (20. Fortsetzung.)

Es war Nacht geworden, aber der Mond schien hell. Er warf (eilten bleichen Schimmer auf des kranken Mannes Bett und erfüllte die Stube mit einem fahlen, unheimlichen Lichte.

Ihm schien es roth, blutigroth, und in seinem Kopfe brauste uud siedete es, und in feiner Brust wühlte ein nagender, stechender Schmerz.

Was waren das für Stimmen? — Hurrah, die Genossen, wie sie tobten und lärmten und ihn hochleben ließen — ihn, der die zündenden Reden hielt und gleich ihnen nach Freiheit und Gleichheit strebte! Umwälzen, umstürzen wollten sich Alles, Kirche und Staat — hei, die bekannten Lieder! „Freiheit, Freiheit, über Alles" — er wollte hinaus, zu ihnen! Warum waren die Glieder so bleischwer, wie gebunden? Er mußte hinaus, sie wollten ihn in den Vorstand wählen! Ha, da würde er den Hunger vergessen, das gierige Wühlen in dem eigenen Magen, den Hunger in den Augen der Kinder! Den Hunger, aber nicht den Durst, deu gräßlichen Brand in der Brust, das Feuer in der vertrockneten Kehle! Die Kinder? Ja,

das jüngste hatte er vorhin gelobtet. Hu, seinen Jungen gemordet, — umfaßte er nicht des Vaters Knie, lag er nicht auf seiner Brust? Das Wasser, das über das Kind gestürzt, es fluthete auch über ihn! O, der Schmerz, die brennende Pein und —

„Wasser, Wasser!" schrie der tobende Mann und richtete sich wild int Bette auf. Aber die Hand seines Weibes drückte ihn sanft nieder und hielt eine Schale kühlenden Wassers an seine heißen Lippen.

,Jch will kein kochendes Wasser — das brennt —, kalt soll es sein, gebt mir Eis! Eis!" schrie er auf und führte mit einem wilden Fluch einen wuchtigen Schlag nach ihrem Arm. .

Die Tasse entfiel ihrer Hand und tu das Klirren der zersprungenen Scherben mischte sich ein Stöhnen, ein so angstvoller, banger Schrei, wie vom heftigsten Schmerze erpreßt. v . .

Mutter, Mutter! rief Christine und stürzte in die Stube, „was ist Dir?"

Margareth lag in ihrem Stuhle, ihr ganzer Körper zitterte, der Kopf war zurückgefunken und das Gesicht bedeckte eine erdfahle Blässe. • .

,O Mutter, sag', was dir fehlt, bist auch Du noch krank?" schluchzte das Mädchen. Da richtete diese sich auf und' machte eine Bewegung mit deu Händen.

Cistercienser-Kirche wurde eingehend besichtigt; em schöner Bau, der älteste weit uud breit, aber abgesehen von den übrigens reichen Altären und sonstigen Denkmälern der Zopfzeit kann man nicht übersehen daß all' die edlen Formen des alten Heuigthums, Säulen und Gewölbe, Chor und Kapellenkranz nüchtern weiß getüncht sind; sogar die Marmorsäulen hinter dem Hochaltar hat man durch Anstrich verschönert; was mag alles an Fresken unter dem Verputz stecken? Dann noch einen Spaziergang auf schonen Waldwegen zum Thurm aus dem nahen Karlsberg mit feinem herrlichen Blick aus die belebte Danziger Bucht Danzig und Neu­fahrwasser, die fruchtbare Ebene und das liebliche Hügelland, das sich nach den Vorgebirgen von Adlerskron und Oxhoeft hm- überzieht. — da habe ich von der schönen Ostsee Abschied genommen.

Ein Exlrazug nach dem andern ging von sechs Uhr ab von Oliva ab, um die Ausflügler nach Danzig zu befördern. Aber noch Hunderte dürften erst nach Ab­gang derselben Gelegenheit gesunden haben, auf fahr­planmäßigem Wege zurückzukehren. In Folge dessen bot die dritte öffentliche Versammlung das ganz unge­wohnte Schauspiel zahlreicher Nachzügler, die erst während Lieb er's Gedächtuißrede auf Windthorst eintrafen. Sie haben viel verloren; denn so, wie 6et dieser Gelegenheit, von der Tribüne der Generalver­sammlung aus, von welcher er so oft die Massen be­lehrt, gestählt, begeistert, ist der große Todte selten gefeiert worden, der Kluge, Rastlose, Selbstlose. Aus der Fülle des Herzens sprach Lieber hinreißend schön. Auch an Andeutungen, wie sich die Zukunft der Centrums­partei nach dem Tode des großen Führers zu gestalten habe, fehlte es nicht. Lieber schloß unter tiefer Be­wegung der Versammelten, die sich zu Ehren des Todteu

38. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands. (Schluß)

* Danzig, 2. September.

Der Lokal-Ausschuß verdient zu vielem andern noch eine besondere gute Note für die Veranstaltung der heuti gen Dampf er fahrt, welche einer Menge von Landratten zum ersten Mal den Genuß einer See­fahrt verschafft hat. Ein Mitarbeiter der .Kölnischen Volkszeitung' schreibt darüber:

Der Ausgangspunkt dieses Meer-Vergnügens lag recht be­quem mitten in der Stadt. Danzig wird von zwei breiten Armen der Mottlau durchschnitten, welche sich dicht bei Danzig rn die sogen. Todte Weichsel ergießt, den westlichen Mündungsarm, welcher vom Neufähr (der Durchbruchsstelle von 1840) ab ,n weiten Bogen durch die Niederung führt. Die Mottlau, nament­lich der gleich am Bahnhof Legethor liegende westliche Arm, bietet ein besonders schönes Bild, eine Fülle malerischer Perspektiven, obwohl die anliegenden Gebäude großentheils Waarenspeicher sind, aber Speicher, die mit ihren kolossal hohen, einfach hübschen Fronten ganz ästhetisch wirken. Es lohnt sich reichlich, auf dem gedielten Quai einen Spaziergang die ganze Mottlau hinunter zu machen. Der Binnenländer sieht da alle paar Schritte etwas Neues: Oderkähne mit langen Schnäbeln statt des Bugspriets, kleine Obstfchiffe zu Dutzenden nebeneinander, Seeschiffe von ganz respektabeler Größe, mittlere Dampfer, Fähren u. s. w., kurz ein buntes Wasserleben, und jeden Augenblick bekommt er dazu präch­tige Blicke in enge Seitenstraßen, die regelmäßig durch Thore an die Mottlau führen — es sind vom Langen Markt ab nicht weniger als sieben auf einer kurzen Strecke. Hier lagen fünf Rad- und Schrauben-Dampfer bereit, auf welchen sich um ein Uhr etwa 1500 Personen, darunter eine Menge Damen, ein» fanden. Die Fahrt durch die Stadt auf der Mottlau, dann dre Todte Weichsel -hinunter, ist hochinteressant. Rechts und links liegen stattliche Seeschiffe, meist Barke«, mitunter aber auch em Vollschiff, und an der Schichauer Werft gar ein Kriegsschiff im Dock. Die zehn Kriegsschiffe, welche vor einigen Tagen m der Danziger Bucht erschienen, waren leider wieder abgedampft und kommen erst am Sonntag bei der Anwesenheit des Prmz-Re- genten von Braunfchweig zurück. Der erste Dampfer, aus dem ich Platz gefunden hatte, legte in Schellmühl an, bis die vier andern nachkamen, und nun ging es unter lautem Zuruf und Tücherschwenken, ein Dampfer mit Musik voran, die übftgen dicht dahinter, an der Festung Weichselmünde und an Neufahr­wasser vorbei durch die enge Weichsel-Einfahrt m die See, deren schönes Grün sich scharf von dem dunkeln Weichselwasfer abhob. Es war ein wundervoller Tag, die Lust von seltener Klarheit. Auf drei bis vier Stunden Entfernung fah man den weißen Thurm auf der äußersten Spitze der langgestreckten Halbinsel Hela, und bei scharfem Zusehen sogar die niedrige Zunge selbst. Es wehte ein frischer Wind. Jenseits der Mole begann es zu schaukeln, und zuweilen ging ein kleiner Spritzer über Deck; aber an See­krankheit war nicht zu denken, und abgesehen davon, daß einige noch nicht „seebefohrene Minschen" ein wenig schwankten und ein paar Hüte in die Ostsee flogen, passirte kein Unglück. Die Stuu- mung war ausgezeichnet, vollends wenn man sich in guter Ge­sellschaft befand. Mich hatte mein guter Stern zwischen sieben veritabele Schwaben aus Stuckert, Rottweil u. s. w. geführt, und daneben saß ein freundlicher junger Herr mit polnischem Namen der vor Jahren im Bachem'schen Geschäfte gearbeitet hat und mir Grüße dorthin auftrug. Wegen des seichten Wassers neben der Fahrstraße mußten die Dampfer ein gutes Stück hinausfahren, bevor sie in weitem Bogen über die Danziger Rhede auf Zoppot gingen. Uns war's recht, und Vielen kam die Ankunft bei dem freundlichen Seebade noch viel zu früh. Der Seesteg, bei dem kleinere Dampfer jetzt direkt anlegen können — früher mußten die Passagiere in Kähnen „ausgelöscht" werden -, war reich beflaggt und wimmelte von Menschen; man spazierte ans Land wie durch die Helgoländer Läster-Allee. Die Pause in Zopp »t habe ich zu einem Seebade benutzt; im Wasser traf ich natürlich wieder einen Kölner und mehrere Kollegen von der Presfe, so daß wir eine Innung bilden konnten. Dann fuhr die ganze Gesellschaft in Extrazügen nach dem nahen Oliva. Die große

Beifall.)

Graf Ballestrem spricht über die „politischen Hinterbliebenen Windthorst's" : das Centrum. Windt­horst hat eine Schule geschaffen; er wußte Jeden an den Platz zu stellen, wofür er befähigt war. Abgesehen davon, daß Viele schon vor ihm im Centrum wirkten, kommen hinzu Alle, die unter Windthorst geschult worben sind, und darum ist mir nicht bange. Jeder muß an seiner Stelle den Theil dessen thun, was Windhorst gethan hat, dann wird's schon gehen. (Beifall.) Die Lage des Kulturkampfes fei 1887 in Trier bezeichnet worden als Friedenspräliminarien mit Waffenstillstands- und Demareations-Linie. Die Verhandlungen haben einen langsamen Fortschritt genommen. Die Demarcations- Sinien haben sich etwas verschoben; aber zum voll­ständigen Frieden feien noch wichtigen Bedingungen zu erfüllen. Die Kriegsgefangenen sind herausgegeben (Bei­fall.); aber noch liegt im Reichstage Windthorst s Jesuiten-Antrag; doch auch der wird zur Erledigung kommen und ich werde Windthorst's Testaments-Voll­strecker fein. (Beifall.) Auch die Kriegscontributionen sind zurückgegeben, dafür spreche ich hier den Dank ans (Beifall); aber den vollständigen Sieg haben wir noch nicht. Deshalb muß die große Organisation des Cent- trums zusammenhalten. Aber auch, wenn der volle Christine verstand sie und streifte die weiten Aermel der Jacke hinauf und - großer Gott! waren das die­selben Arme, auf deren unverwüstliche Kraft sich Mar­gareth einst übermüthig berufen hatte?

Da lagen sie entblößt in ihrem Schooße und zeigten Wunde an Wunde, Blase an Blase. Unförmlich angefchwollen, erblickte man vom Handgelenk bis zu den Schultern auch nicht den kleinsten Fleck gefunden Fleisches mehr. v ..

Christinens Thränen tropften darauf, wahrend sie feuchte Binden um die Brandwunden legte.

„Und £)eine Füße, Mutter, sind auch die so?"

„Ja", gestand die arme Frau endlich; „fast der ganze Körper; aber dort fchützten die Kleider besser".

„O Gott, Mutter! auf Dich floß all' das kochende Wasser, das der Vater —“

„Still, Kind, still, es war nicht seine Schuld!" „Leg' Dich nieder, Du zitterst!"

„Nein, es ist gut so; geh' jetzt, hier ist mein Platz. O, der Schmerz, der Schmerz!"

Und sie nahm auch diese Pein geduldig an als Strafe für ihren damaligen Frevelmuth und harrte muthig aus auf ihrem Posten, indeß ein verzehrendes Fieber in ihren Adern wühlte und die Stunden der

ten, die das ganze Schulwesen in der Hand haben. Ich las vor einigen Tagen einen Ausspruch der Universität Upsala: „Frei denken ist schön, aber richtig denken ist schöner!" (Beifall.) Eine weitere Aufgabe der Ver­sammlungen sei, den richtigen Weg in dem Verhältmß zu den anderen Konfessionen zu finden. Der Frieden kann erhalten werden unter der Bedingung voller Gleich­berechtigung der Konfessionen; aber nicht bloß auf dem Papier, sondern auch im Leben. (Beifall.) An die Gleichberechtigung muß die Mehrheit sich gewöhnen, die Minderheit muß sie verlangen. Wo sie uns nicht gewährt wird, müffen wir, die General-Versammlung, uns nötigenfalls in's Mittel legen. (Beifall.) Die Freiheit für die religiöse Ueberjeugung. die Gewissens­freiheit müffen wir achten und eine kämpfende StelUmg erst einnehmen, wenn sie uns aufgezwungen wird. Eme Bedientenpartei aber können wir niemals werden. (Leb­hafter Beifall.) Die Freiheit hat bei uns keine Gefahr, mißbraucht zu werden; hier gilt aber manchs, was andere Völker nicht ertragen könnten. (Beifall.) Die Schulfrage könne leicht gelöst werden auf dem Boden der Freiheit. (Zustimmung.) Wir müffen uns einftubiren auf das Princip der Freiheit. (Beifall.) Die Deutschen begreifen vieles noch nicht, was andere Völker längst haben. (Zustimmung.) Hätten wir freie Gymnasien, so würden wir Dinge liefern, welche die Welt in Erstaunen setzen. (Lebhafte Zustimmung.) Beim Prinzip der Freiheit hat kein Kaiser und König etwas zu verlieren, sondern nur zu gewinnen. (Leb­hafter Beifall.) Auch die bürgerliche Gesetzgebung sollte mehr auf der Grundlage des Freiheits-Princips aufge­baut werden, z. B. die Ehegesetzgebung. Warum denn überall Zwang und reglementiren? (Zustimmung.)

Unter Hinweis auf die Ausstellung des h. Rockes in Trier mahnt Redner fchließlich zur Einigkeit. Die Liebe glaubt, hofft und erträgt alles. (Lebhafter, anhaltender

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