JV 204
Sonntag, den 6. September 1891.
18. HahrgMg
iildaerWZcitung
38. Generalversammlung der lKatkjolcken Deutschlands. I ^(Fottsetzuug.)
* ^Danzig, 2. September.
Gestern Abend nach Schluß der dritten öffentlichen Generalversammlung, um 9 Uhr, fand im Schützenhause eine Festversammlung des Gesellen- V er eins statt, woran die meisten hervorragenden Gäste des Katholikentages theilnahmen. Es sprachen die Herren v. Schorlemer-Alst, Graf Rechberg und Oberpfarrer Dr. Schmitz (Crefeld). Die Versammlung nahm einen sehr animirten Verlauf. Gleichzeitig wurde im Wilhelm-Theater ein Festkommers der katholischen Studentenvereine abgehalten, welcher gleichfalls den schönsten Verlauf nahm. Heute früh um 7*/a Uhr wurde in St. Nicolai ein Hochamt in der Meinung des hl. Vaters abgehalten, woran sich Sitzungen der Ausschüsse anschlossen. Nach 10 Uhr folgte die dritte geschlossene Generalversammlung, welche mehrere Resolutionen betreffend Unterstützung verschiedener Vereine und Missionen annahm.
Unter sehr starker Betyeiligung fand heute Nachmittag ein Ausflug nach Neufahrwasser und Zoppot auf fünf großen Dampfern statt, welcher alle Theil- nehmer in hohem Grade befriedigte. DeS Ausfluges wegen begann die vierte öffentliche Generalversammlung erst nach 7 Uhr. Vom Herrn Bischof Korum von Trier ist ein Dank-Telegramm eingelaufen, desgleichen von der Wittwe Windthorst's.
Abg. Dr. Lieber (Camberg) hält eine fchwung- volle Gedächtnißrede auf Windthorst. Er erinnert an die schweren Verluste, die das Centrum durch den Tod der Domkapitulare Heinrichs und Moufang, des Kardinals Hergenröther und des Führers des Centrums im Reichstag, Frhrn. zu Franckenstein, erlitten. Und nun ist auch Windthorst heimgegangen, von dem ein großer Staatsmann gesagt, daß mit seinem Tode Deutschland einen der größten Verluste erlitten habe, die es erleiden konnte. Windthorst voll und ganz gerecht zu werden, sei ein Einzelner nicht im Stande, er wolle deshalb nur auf das hinweifen, was seine besondere Größe ausmacht. Das.Recht zu verthei- digen war seine Lebensaufgabe. Gewiß, er stand darin nicht allein, und es wäre unkatholisch, allen Ruhm auf ihn zu laden. Er war unter den Vertheidigern des Rechts nur Einer, aber der größte. Zu seiner Größe trugen bei seine vorzüglichen Geistesgaben und herrlichen Charakter-Eigenschaften. Daß sein Kampf um das Recht so siegreich gewesen, lag einmal an seiner Unermüdlichkeit. Wenn man sich diesen unscheinbaren, vom Alter gebeugten, von körperlichen Gebrechen heimgesuchten Mann denkt und seine Unermüdlichkeit und riesenhafte Thätigkeit damit vergleicht, fo begreift man feine Erfolge. Seine glänzenden Siege verdankt er weiter dem Umstande, daß er das Recht nicht nur für sich und die ©einigen vertheidigte, sondern überall und immer dafür eintrat, von wo und bei wem es auch
G- Im Sturme der Zett.
Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert (19. Fortsetzung.)
Sie sah sich plötzlich wieder im Sonnenscheine der heimathlichen Hütte stehend, zum Fenster hinausschauend, jung, blühend und sehnsüchtig wartend, und eine Minute später---
War es ihr zu wohl gewesen, daß sie so eilig ihre Hand in die Rechte des Mannes da vor ihr gelegt, in dieselbe Hand, welche jetzt nach neunzehn Jahren der härtesten Opfer ihr Haupt hatte treffen wollen mit tödtlichem, versengendem Streich? Und jetzt, in dieser Stunde der bitteren Selbstanklagen hätte sie in alle Winde hinausrufen mögen die Warnung, welche für ihr eigenes Herz zu spät kam: O, ihr, die ihr ein unbeschütztes, einsames Alter fürchtet und euch durch eure unbesonnene Wahl „gute Tage" zu sichern wähnt, seht mich an und prüfet euch, ob ihr die Kraft habt zu endlosem Entsagen und Dulden! Das Leben kommt nie, wie ihr gedacht — es faßt euch an mit immer härterem, grausamerem Griff! Darum tausendmal besser das Stücklein Brod in der stillen Kammer allein verzehrt, gewürzt durch den Frieden in der eigenen Brust und beschützt von der Ruhe um euch her!
bedroht wurde. Seine dritte Besonderheit war, daß er auch in den schwersten Zeiten das Gebot nicht vergaß : „Seid unterthan der von Gott gesetzten Obrigkeit". Außerhalb des Christenthums kennt man nur einen stumpfen, passiven Gehorsam oder einen aktiven, Gesetz und Recht niedertretenden Widerstand. Windthorst aber war ein Mann des passiven Widerstandes und des aktiven Gehorsams. Er hat gegen jedes Gesetz, welches ein Unrecht darstellte, auf dem Boden der Verfassung protestirt, aber stets vor aktivem Widerstand gewarnt, in diesen Faktoren lag das Geheimniß seiner Größe. Weiter nimmt Redner noch das Gedächtniß Windthorst's gegen zwei Verunglimpfungen in Schutz. Ein Mal, daß er ein Reichsfeind gewesen sei. Windthorst war ein glühender Freund des deutsche,'. Vaterlandes und hat als Preuße den Berfassungseid mit makelloser Treue gehalten. Noch kurz vor seinem Tode hat er im Reichstage gemahnt, die Militärforderungen möglichst einstimmig zu bewilligen, damit man überall erkenne, daß alle Deutschen fest und kräftig zu ihrem Monarchen stehen. Redner erinnert weiter an bie Auslassungen Windthorst's auf der Versammlung der deutschen Katholiken in Amberg und an sein Wort in Breslau: „An Treue gegen König und Vaterland soll und wird uns Niemand übertreffen." Eben so unrichtig sei die Beschuldigung, daß er das Centrum in die Opposition getrieben habe. Gerade er habe stets, auch in den schwierigsten Verhältnissen, das rechte Maß- Halten gepredigt und geübt, welches der größte Ruhm der Centrumspartei sei. Das Centrum habe Jahre lang in der Opposition gestanden, sei aber nie eine Opposition gewesen. Wenn es Recht und Freiheit jederzeit vertheidigt, so habe es damit dem Auftrage des Volkes entsprochen, welches, wie Windthorst gesagt, seine Vertreter, wenn sie nichts taugten, in die Rumpelkammer werfen würde. Er bemerke das gegenüber dem jüngsten Sirenengesang von dem „grundsätzlichen" Einverständniß zwischen dem Centrum und der Regierung. Wmdt- horst's Leiche fei nach unerhörten Beschimpfungen des Lebenden durch das Kaiserthor in Berlin geführt worden. Tief empfundener Dank sei dafür unferm glorreich regierenden Kaiser, der Windthorst's Leiche das Siegesthor geöffnet habe. (Lebhafter Beifall.) Windthorst ist nicht mehr, aber sein Geist wird über uns walten. Wie Prinz Ferdinand von Portugal in dem Schauspiel Calderon's schon gestorben das Heer noch zum Siege führte, so wird die greife Heldengestalt Windthorst's die Katholiken zum Siege führen. Redner fchließt anknüpfend an die Grabschrift Newton's: Glück wünschen möge sich das katholische Deutschland, daß eine solche und so große Zierde desselben in unserer Mitte gelebt, gewandelt und gehandelt hat. (Stürmischer Beifall.)
Pater Benediktus aus Emmaus bei Prag halt eine tief durchdachte, von echt religiösem Geiste getragene Rede Über das liturgische Gebet. Professor Dr. Schädler spricht über die Arbeiterfrage im Lichte der Encyklika, deren Hauptgedanken er darlegt und fommentirt.
Pfarrer Dr. Grube (Wolfenbüttel) schildert unter vielfacher Bezugnahme auf feine eigenen Erfahrungen
Margareth dachte es; aber sie wußte auch, es gab Taufende, die vor einem ähnlichen Ende gestanden, wie sie; und wieder Taufende von unbedachten Herzen, welche es hören, ja sehen und doch hingehen und so handeln würden, wie sie einst gehandelt hatte! Sie biß die Zähne auf einander und sagte sich: Das ist meine Strafe und sie ist gerecht.
Dann griff sie unter die Arme ihres Mannes und zog ihn mit ihrer ganzen früheren Stärke auf sein Lager hin, ihn hastig entkleidend, ehe die beiden Mädchen zurückkehrten. Das Zimmer war bald aufgeräumt und auf der Mutter Befehl ein Arzt gerufen. Dieser trat an das Bett, blickte in das nun wieder dunkel gefärbte, aufgedunsene Antlitz vor ihm und sprach in kurzem, erstauntem Tone einige Worte zu der daneben stehenden Frau. Eine hohe Röthe stieg in ihr kurz vorher noch so leichenblasses Gesicht, und unwillkürlich bedeckte sie für einen Moment die Augen mit der Hand.
„Sa,“ sagte sie dann fast rauh; „aber, er ist auch verletzt." , .
„Das sehe ich wohl," erwiderte Jener kalt. „Die Brust ist durch einen Stoß ober Fall beschädigt; zudem ist eine schwere Krankheit im Anzuge; noch laßt sich nicht bestimmen, von welcher Art dieselbe sein
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als Seelsorger die religiösen und sittlichen Gefahren der Sachsengängerei. Er verlangt, daß die Zuckerfabriken für die Seelsorge der Arbeiter sorgen.
Schluß der Versammlung 10 Uhr.
Es folgt dann im gleichen LokaleU(Wilhelm- Theater) eine Fest-Versammlung des Danziger katholi- schen Volks Vereins und gleichzeittg ein Kartell- Kommers derkatholifchenStudenten-Verbindungen im Schützenhause.
* Danzig, 3. September.
Heute Morgen 7 Uhr fanden stille hl. Messen nach der Meinung des Bonifatiusvereins in der König!. Kapelle, in der St. Nikolai-, St. Brigitten- und St. Josevhs-Pfarrkirche statt. Um 8*/2 Uhr begann bie vierte geschlossene Generalversammlung rm Schützenhause. Dieselbe nahm Resolutionen an, welche bie katholische Presse unb bie Zeitschrift für christliche Kunst empfahlen. Hitze berichtete über die Verhand- lungen ber sozialen Sektion, beten Beschlüsse (betr. eine Dankeskunbgebung an ben Papst wegen seiner Encyklika, sowie an ben Kaiser für seine Initiative in Sachen des Arbeiterschutzes, dessen Weiterführung gefordert wird, ferner bett. Empfehlung der Gründung von Meister- rc. Vereinen und des Beitritts zum Volksvereins für das katholische Deutschland) angenommen werden. In trefflicher Begründung führte Hitze aus, die Katholiken, denen das Zustandekommen des Arbeiterschutzes zu danken sei, müßten nun auch für bie Fortsetzung sorgen. Der Dank an ben Papst wirb auf bem Drahtwege nach Rom besörbert. — Die Mittheilungen über Bildung eines katholischen Lehrervereins für Westpreußen wurden mit lebhaftem Beifall begrüßt und durch ein Hoch die Freude darüber ausgedrückt. Dr. Pötsch benutzte diese Gelegenheit, öffentlich dagegen zu protestiren, daß bas Centrum etwa ein Feind des Lehtetstandes sei. Es lasse sich stets die Vertretung der Interessen desselben angelegen sein, treibe aber nicht so teere Popularitäts-Hascherei, wie andere. Weiter wurde dem lebhaften Unwillen Ausdruck gegeben, daß manche nichtkatholische Gemeinden die Anstandspflicht gegen die katholische Minderheit nicht erfüllen. Es werde fortgesetzt dagegen pro- teftirt werden, bis derselben Genüge geschehen sei. ___(Fortsetzung folgt.)
Deutsches Keich.
Berlin, 4. September.
• Englische Depeschen meldeten, daß der Sultan in Durchlöcherung des Pariser Vertrags den russischen Kriegsschiffen die Durchfahr! durch die Dardanellen gestattet habe, ben englischen und sonstigen Kriegsschiffen aber nicht. Diese Meldungen übertreiben offen- bar. Es ist ja richtig, daß Rußland die Aufhebung der Befchränkung für seine Kriegsschiffe anstrebt, und es scheint auch, daß die Pforte augenblicklich die russische Diplomatie mehr respettirt, als die englische. Aber bis ber Sultan zur vollen Gewähr ber russischen Forberungen unb zum entschiedenen Bruch mit England, sich verleiten läßt, hat es noch Zeit in Ueber- fluß. Die türkische Diplomatie versteht sich meisterhaft wirb; aber gewiß ist baß bas Leben,, welches ber Kranke bem Anscheine nach geführt hat, nicht bazu an- gethan war, baß er dieselbe leicht überwinden wird. Unb bies, was ist beim hier? Hat er das selbst ge- than?" Sein Finger beutete auf das Brandmal.
Sie nickte kurz.
Der Arzt fühlte, baß er hier vor einem bufteren Familienereigniß staub. Seine Miene brückte einen starken Zweifel ans. Er blickte auf bie Frau, bie hoch aufgerichtet, scheinbar so rüstig unb hart an seiner Seite blieb, aber er fühlte, das war auch bie Starke, welche das Unglück gleichsam mitleidig als äußeren Panzer dem. Armen zuwirft; ihr Inneres war noch nicht erhärtet und gestählt vom Leid. Die todtbleichen, gramvollen Züge, die zitternden Kniee und die leise bebende Hand, welche auf dem Kissen des erkrankten Mannes ruhte, verriethen es. Jedes der eben gehörten Worte war wie ein Dolchstoß für ihr Herz gewesen; sie wandte das Gesicht ab, und der Arzt schickte sich zum Gehen an.
Mitten im Zimmer aber blieb er stehen und eilte bann mit der Frage:
„Ei, wen haben wir denn noch hier?" auf das Fenster zu.
Dort war Barbara geräuschlos vom Stuhle ge-