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* Im Sturme der Zett.

Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert (18. Fortsetzung.)

Der kleine Heinrich, müde und schläfrig geworden, -verhielt sich so stille, daß man seiner ganz vergaß. Christine hatte das einfache Abendbrod beigesetzt und goß eben noch einige Töpfe kochenden Wassers über die Wäsche, als man die schweren, unsicheren Schritte des Vaters im Gange hörte. Der armen Frau stockte das Blut in den Adern bei dem bekannten widerlichen Laute; Christine blieb ruhig. Und Barbara? Die lehnte am Fenster, ihre kleine Krücke unter dem Arm nnd blickte zum Abendhimmel empor. Graue Wolken­massen bedeckten das sonst so klare Blau und noch blitzte kein Stern aus ihnen hervor. Aber dort drüben sollte ja das bessere Land sein, die herrliche Stadt, von -er die Schwester ihr oft erzählte. Da kannte man weder Armuth, noch Gebrechen; da würde auch ihre verkrümmte Gestalt gerade fein, wie die der anderen Menschen, kein Spott- oder Schimpfwort sie mehr treffen. Und die Mutter hatte gesagt, gerade Diejenigen, welche hienieden keine Freude gekannt hätten, die würden dort oben die meisten empfinden. Ach, sie war so selten wirklich froh gewesen — ob auch sie hinauf- kommen durfte zu Gott?

Plötzlich wandte Barbara sich um; der Vater war in die Stube getreten. Sie sah es mit einem leichten Schauder. Er blickte so stier vor sich hin und versuchte zu sprechen; aber es kam nur zu einem undeutlichen Lallen. Ein- oder zweimal Hub er an, dann war es heraus, und: „Geld, Geld!" schallte es in diesem Augenblick unheimlich durch die Stube. Die Schwester wollte sich ihm nähern, aber die Mutter winkte ab­wehrend, trat selbst auf ihn zu und geleitete ihn nach seinem Platze. Er stieß sie rauh zurück, und wieder hallte es:

„Geld, Geld will ich — oder

„Ich habe keins, Johannes," sagte die Frau sanft, aber bestimmt; „weiß Gott, ich that, was ich konnte!"

Eine jähe, eigenthümliche Bewegung des Trunkenen machte sie zurückfahren. Sie eilte an ihre Arbeit, während sein Mund in einen Strom von Verwünschun­gen ausbrach, langsam zwar und schwerfällig, aber unaufhaltsam fielen die Worte von seinen Lippen. Schmähung reihte sich an Schmähung, eine entehrende Beschimpfung folgte der anderen. Er sagte ihr Dinge, welche ihr die Röthe der Scham in die Wangen ge­trieben hätte, auch ohne die Anwesenheit der Kinder. Sie war viel von ihm zu hören gewohnt, aber nicht das, o Gott, nicht das! Christine trug ja mit ihr; sie kannte den meist unzurechnungsfähigen Zustand des

Vaters, und dann war sie nicht ihre rechte Tochter; aber Barbara, die feinfühlende, unschuldige Barbara — wehe, wenn diese das Alles vernahm, wenn sie es verstand, und dreimal wehe, wenn sie es glaubte!

In diesem Augenblicke traf wieder ein rohes Schimpfwort ihr Ohr — da richtete sie sich auf mit dem alten Muthe und der alten Entschlossenheit und sah den Mann an, dem sie Alles geopfert, ihre Juyend, ihre ganze Kraft und die erste reinste Liebe ihres Herzens! Vor diesem durchdringenden, fast drohenden Blick schlug er die Augen nieder. Margareth beugte sich wieder über die schäumenden Wäschestücke; ihre Pulse hämmerten, ihr Gesicht glühte und ihr Mund öffnete sich, als müsse er die ganze Last jener unge­rechten Beschuldigungen erst heimzahlen, ehe sie weiter arbeitete! Doch sie sprach nicht, sie suchte das kochende Blut zu zähmen. Aber dem wilden Schmerze, der bitteren Reue konnte sie nicht wehren. War sie darum sein Weib geworden, um schließlich nach allem Elend noch vor den eigenen Kindern verächtlich beschimpft zu werden? Und sie hatte ihm doch gedient fort und fort, zwar mit der Emsigkeit einer geduldigen Magd, aber mit der Hingebung und dem treuen Herzen eines Weibes! O Margareth, sieh zu! — thut das dein Mann? — ist das dein Lohn? —

Sie sieht es nicht, und Niemand im Zimmer ge-

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£38. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands. | i I (Fortsetzung.)

““ ' «ITanzig, ßl. September.

W Nachdem, wie schon erwähnt, im Laufe des Nach­mittags verschiedene Settionen ihre Sitzungen gehalten hatten, begann um 4 Uhr die zweite öffentliche General-Versammlung (für die polnisch redenden Theilnehmer der General-Versammlung). Der zweite Vizepräsident, Graf Heftor Kwilecki, präsidirte der­selben. Anwesend waren: Der hochwürdigste Herr Bischof Redner, der eine kurze Ansprache hielt und den Segen spendete, Fürst Löwenstein, Graf Ballestrem, Graf Rechberg, Graf SierakowSki, Herrenhaus-Mitglied von Koscielski, die Abgeordneten von Sczaniecki, von Kalkstein, von Heereman; ferner Freiherr von Schor- lemer-Alst. Der Saal war überfüllt. Präsident Graf Kwilecki gab der Freude Ausdruck, daß polnische und deutsche Katholiken m Sachen der Religiou Eins sind und Zusammengehen, wie im Abgeordnetenhause und Reichstage Polen und Centrum in kirchlichen Sachen Zusammengehen. Am Schluß brachte er ein Hoch auf Leo XIII. aus. Abgeordneter Rechtsanwalt Dziem- b o w s k i spricht über die konfessionelle Schule und über die Nothwendigkeit des Religionsunterrichts in der Muttersprache; Propst Szadowski aus Königsberg über den Adalbertus-Verein und die Verhältnisse unter den ostpreußischen Masuren; er drückt seine Anerken­nung darüber aus, daß Katholiken Düsseldorfs auf An­regung des Herrn Erzbischofs von Köln eine Missions­stelle für polnische katholische Masuren gestiftet haben. Für das im Jahre 1897 stattfindende 9. Centenarium des heiligen Adalbertus schlägt Redner vor, im Stadt- theil Haberberg in Königsberg i. Pr. ein Kirchlein zur Erinnerung zu stiften. — PfarrerChrzaszcz spricht über die soziale Frage. Pfarrer Dr. Kuhowicz spricht über katholische Bereinigungen und drückt den Wunsch aus, daß die Jesuiten zurückkehren; er regt die Gründung von katholischen Handwerker- und Lehr­lings-Vereinen an, weil diese am nützlichsten seien, ebenso ermahnt er zur Gründung von Afrika-Vereinen und schlägt zur Hebung des kirchlichen Lebens unter den polnischen Katholiken vor, alljährlich rein katho­lischen Zwecken dienende Versammlungen abzuhalten.

Die polnische Versammlung stellte sich den übrigen öffentlichen Versammlungen würdig an die Seite. Die Reden wurden nicht allein mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, sondern auch mit hoher Begeisterung ausge­nommen. Der Streit der polnischen Blätter über die Stellung der Polen zum Danziger Katholikentage ist damit wohl entschieden; die Polen haben mit ihrer Versammlung den Worten ihres Präsidenten, des Herrn Grafen Kwilecki, entsprochen: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern."

Die auf 6 Uhr Abends angesetzte dritte öffent­liche Generalversammlung im Wilhelms-Theater war wiederum stark besucht. Bon dem Herrn Kardinal- Staatssekretär Rampolla war aus Rom ein Tele­gramm eingegangen, wonach der hl. Vater der Ver­sammlung nochmals den Segen ertheilt. Zum Danke

bringt die Versammlung ein dreimaliges Hoch aus. Professor Dr. Dittrich (Braunsberg) spricht über die r e l i g ö s e K u n st. Wie so viele mißlungene Restau­rationen zeigten, sei das praktische Kunstverständniß vielfach noch mangelhaft. Neben dem Ernst sei edele Einfachheit der strenge Grundsatz für jedes christliche Kunstwerk. Die Rückkehr zur ursprünglichen Einfach­heit müffe heute die Parole sein. Bahnbrechend wirkte auf diesem Gebiete die Beuroner Schule. Nicht nur für die Architektur und Malerei sei Einfachheit das Grundgesetz der Kunst, sondern auch für die Redekunst, den kirchlichen Gesang, dar Gebet (Rosenkranz), die liturgische Kunst. Redner empfiehlt zum Schluffe ein­dringlich die .Zeitschrift für christliche Kunst.' Die Kunst, so schloß Redner, muß wieder die Lehrerin und Er­zieherin des Volkes, der Wegweiser zum Himmel wer­den. (Lebhafter Beifall.)

Reichstagsabgeordneter Biehl (München) spricht über die Handwerkerfrage. Alle seien einig, daß das Handwerk einen schweren Kampf kämpfe, nur die Frage, ob und wie geholfen werden könne, biete den Grund zu Meinungsverschiedenheiten. In den letzten 30 Jahren sei dem Handwerk alles genommen worden, was es stark machen könne, die Folge sei die Unzu­friedenheit der Arbeiter und Gesellen. Die Hand­werker und Arbeiter seien die Lohnsklaven des Kapi­talismus geworden. (Zustimmung.) Es müsse eine Radikalkur der Gewerbeordnung vorgenommen werden. Es sei jetzt mit dem modernen Raubritterthum aufzu­räumen. (Lebhaftes Bravo.) Ueberall arbeiteten ge­wisse Leute systematisch an der Herabdrückung des Mittelstandes, da sei es nicht zu verwundern, daß auch in den Reihen der selbstständigen Handwerker bereits Sozialdemokraten zu finden seien. Die Innungen seien der heftigste Feind der Sozial-Demokratie, deshalb habe jeder Handwerker die Pflicht, der Innung beizu­treten. Wir wollen nichts als Ordnung schaffen, Zucht und Sitte wieder herstellen. Redner beleuchtet sodann die Uebelstände in den Lehrlingsverhältnissen. Das Handwerk müsse dem Handwerker wieder gegeben wer­den, denn es gehöre dem Handwerker. (Lebhafter Bei­fall) Nur eine gemeinsame Phalanx von Handwerkern könne der industriellen Konkurrenz entgegentreten und Front machen gegen die Abschlagszahlungs-Geschäfte, die Offiziers- und Beamten-Waarenhäuser. (Zustimm­ung.) Er habe vor ein paar Tagen aus authentischem Munde erfahren, daß mit dem Protokoll über die Berliner Handwerker-Konferenz ein Bericht der ver­bündeten Regierungen dem Kaiser unterbreitet worden und dieser Bericht vom Kaiser gutgeheißen worden sei. Die Handwerker athmeten wieder auf. Das Aller- nothwendigste sei eine Organisation durch das ganze Reich, und wenn es nicht anders geht, zwangsweise, mit andern Worten: Die obligatorische Innung. (Leb­hafte Zustimmung.) In den oberen Regionen habe man erkannt, daß am Mittelstand nicht weiter gerüttelt werden dürfe. Wer das Vaterland liebt, arbeite mit an der Reform, damit der Grundsatz wieder Geltung finde: Meister ist, wer 'was ersann, Geselle, wer 'was kann, nnd Lehrling Jedermann. (Lebhafter Beifall.)

Rechtsanwalt Karl Trimborn (Köln) spricht über den Volks-Verein für das katholische Deutschland. Derselbe sei hervorgegangen aus den Bedürfnissen der Zeit. Wir leben in einer Periode des Umschwungs der Ideen; alle bestehenden Verhältnisse stehen zur Dis­kussion. Da kommt es vor allem darauf an, auf wirth- schastlichem Gebiete klare Prinzipien zu behalten. Jetzt drängt sich an das Volk als stärkste Versuchung die Sozialdemokratte, die eine ganz neue Weltanschauung vertritt, eine neue Welt- und Gesellschaftsordnung will. Sie will alle Genüsse der Erde dem Volke geben, aber um den Preis des Glaubens. Dagegen muß sich dar katholische Volk zusammenschaaren. Der Bolksverein soll die christlich-sozialen Wahrheiten popularisiren. Dafür ist ein herrlicher Leiffaden die päpstliche Ency- klika. Wir müssen überall den sozialdemokratische« Lehren die christlichen entgegensetzen und die Undurch­führbarkeit der sozialistischen Ideen darthun. Wir muffen die Besitzenden an ihre Pflicht der Wohlthätig- keit erinnern und ihnen zeigen, daß allein die Reform zum Ziele führt, und in den Wohlhabenden das Be­wußtsein von der Nothwendigkeit der Reform wach­halten. Wir müssen den Geist thätiger Nächstenliebe wachrufen und das öffentliche Leben im christlichen Sinne wiederderstellen. In dieser Tendenz hat das ruhmreiche Centrum bisher stets gearbeitet und im Kulturkampf gefochten. In diesen Intentionen hat das katholische Volk dem Vaterlande die christliche Schule gerettet. (Lebhafte Zustimmung.) Es kommt darauf an, daß das Centrum sich stützen kann auf ein geschultes, aufgeklärtes und opferfreudiges, energisches Volk. (Leb­hafte Zustimmung.) Redner beleuchtet die vom Volks- vereiy angewandten Mittel. Das katholische Volk müffe der Damm sein, an dem die Macht der Sozialdeutö-^ kratie zerschelle. Wenn wir wanken, siegt die Sozial­demokratie, darum möge Jeder sich dem Bolksverein für das katholische Deutschland anschließen. Er gibt damit ein geistiges Almosen schönster Art. Gott wird es gewiß segnen. (Lebhafter Beifall.)

Freiherr von Buol spricht über die katholischen Orden. Diese seien sowohl für das geistige als für das materielle Wohl der Gesellschaft von größter Be­deutung. Gerade sie seien geeignet, die Enterbten zu versöhnen und den sozialen Frieden zu fördern. Trotz­dem sei ihre Thätigkeit gehemmt. Die meisten Ein­wendungen gegen sie feien nichts als alberne Ausreden. Die Stunde werde kommen, wo man sie mit offenen Armen empfangen werde. Die Waffenbrüderschaft der christlich denkenden Ordensgegner mit den Feinden jeder Autorität werde hoffentlich nicht mehr lange dauern. Wir würden nicht eher rrchen, bis die freie OrdenS- thätigkeit gewährt und das Jesuitengefetz, welches eine tiefe Kränkung der katholischen Kirche bedeute, aufge­hoben sei. (Lebhafter Beifall.) Redner weist nach, daß die Aufhebung des Jesuiten - Ordens durch Papst Clemens XIV. nur eine Folge des äußern Druckes gewesen ist. Bei den Gegnern jeden Glaubens sei der Haß gegen die Jesuiten natürlich; auch bei Andern sei die Besorgniß vor der Ueberlegenheit der Jesuiten be­greiflich. Unbegreiflich aber sei, daß die Fabeln und

Samstag, den 5. September 1891.

18. Jahrgang

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