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JV 201 Donnerstag, den 3. September 1891. 18. Jahrgang

FiiIi»lerWZkitil»g

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38. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands. (Fortsetzung.)

* Danzig, 31. August.

Heute Abend um 6 Uhr begann im prächtig ge­schmückten Wilhelm - Theater die erste öffentliche Generalversammlung. Dieselbe war außerordentlich stark besucht: u. A. waren Bischof Dr. Redner und der Oberpräsident v. Goßler anwesend. Einer Aufforde­rung des Herrn Präsidenten Rechberg entsprechend, ehrt die Versammlung zunächst das Andenken an Windthorst durch Erheben von den Sitzen. Ferner gedenkt der Präsident des Ablebens der hochw. Herren Bischöfe von Paderborn und Straßburg und gibt dem Bedauern Ausdruck, daß der erzbischöfliche Stuhl von Gnesen-Posen noch immer unbesetzt ist. Der Prä­sident schildert dann ferner die Aufgabe der Katholiken und des Centrums, die darin bestehe: gegen den Geist der Zeit, der im Unglauben und in der Genußsucht gipfele, anzukämpfen, die Rechte der Kirche zu ver- theidigen und, wo sie vorenthalten werden, zu er­kämpfen. Vor allem sei Einigkeit erforderlich. Dank dem großen Windthorst hat das Centrum stets die rechte Mittellinie gefunden; in seinem Geiste muß es fortschreiten. Die wichtige soziale Frage habe eine materielle und eine ethische Seite. Sie könne also nur von den höchsten geistlichen und staatlichen Behörden zusammen in Angriff genommen werden. Der Papst habe in einer herrlichen Encyklika die Prinzipien der Lösung dargelegt. Es würde aber noch viel mehr segens­reich wirfen können, wenn er sein volles politisches Gewicht in die Waagschale werfen könnte. Die Forde­rung der territorialen Selbstständigkeit des Papstes werde nie aus den Katholiken-Versammlungen ver­schwinden. (Lebhafter Beifall.) .Zur Lösung unserer Aufgaben bÄürfen wir vor allem des Friedens. Des­halb hält das Centrum fest zur Friedenspolitik des Kaisers und seiner den Frieden garantirenden Bünd­nisse. (Lebhafter Beifall.) Der Präsident schließt, indem er auf ein allegorisches Deckengemälde im Danziger Rathhaussaale verweist: „Ueber Stadt, Land und Meer spannt sich dort der Regenbogen mit der Umschrift: coelesti jungimur arcu. Ein Band aus Himmelshöhen hält uns umschlungen, das möge auch das Motto unserer Versammlungen" sein. Die Mittheilung des Präsidenten, der Oberpräsident v. Goßler sei anwesend, erregt großen Beifall.

Der hochwürdigste Herr Bischof Dr. Redner von Kulm besteigt hierauf, von andauerndem Beifall begrüßt, die Tribüne. Derselbe gibt zunächst seiner Freude darüber Ausdruck, daß die diesjährige Katho­likenversammlung in Danzig abgehalten, und daß ihm damit Gelegenheit geboten werde, so zahlreiche und her­vorragende Katholiken in seiner Diözese und in der westpreußischen Heimath begrüßen zu können. Seine Freude sei um so größer, als er hoffe und erwarte, daß aus der Versammlung ein weiterer Antrieb zur Einigkeit hervorgehen werde. Hier auf der Versamm­lung zeigten alle sich als Kinder eines Geistes, als Kinder einer Kirche, hier stehen wir Katholiken alle unter einer Fahne, unter der Fahne des Kreuzes,

G Im Sturme der Zett.

Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert (16. Fortsetzung.)

„Sie hatten sich gewiß den Hof ein wenig ansehen wollen?" fragte sie jetzt Christinen.

„Ja," antwortete diese hoch erröthend. „Ich wollte mir auch Epheu am Abhange brechen. Aber ich habe mich zu lange verweilt und muß nun zur Mutter, welche bei der Muhme auf Besuch ist."

Der Bäuerin ging jetzt ein Licht darüber auf, wer ihr Gast sein könne. Sie kannte Johannes Fern und seine Geschichte, — wußte auch, wie es ihm in der Stadt ergangen war. Eine mitleidige Regung wallte in ihr auf und sie sagte herzlicher, als sonst ihre Art war:

„Ei, da muß die Muhme zum Abendbrod einen Topf saurer Milch und ein Stück Schinken von mir annehmen; die Anna soll's gleich hinüberbringen. Und für die Mutter leg' ich frisch geschlagene Butter und einige Eier in's Körbchen. S'ist Heuer noch nicht heiß, und so werdet Jhr's wohl gut nach der Stadt bringen."

Christinen traten die Thränen in die Augen. Das würde eine Labung für die Bärbel und den kranken Heinrich sein! Butter aßen sie fast niemals, und auch

welche zugleich die Fahne unserer hl. Krrche ist. Die Kirche und ihre Fahne sind oft geschmäht worden; man hat gesagt, die Kirche sei der Humanität feindlich. Das ist aber nicht wahr, denn die Kirche bekämpft nur die Mißbräuche der sogenannten Humanität, aber sie bleibt für alle Zukunft die Pflegerin der allumfassenden und werkthätigen Menschenliebe. Die Kirche ist auch keine Gegnerin des Fortschritts, sondern eine Förderin des wahren Fortschritts, wo es gilt, das Gute zu för­dern, dagegen die Lüge und die Bosheit zu bekämpfen. Die katholische Kirche ist keine Gegnerin der Wissen­schaft, eine Gegnerin nur derjenigen falschen Wissen­schaft, welche Wissenschaft und Glauben für unvereinbar hält. Aber den Jrrthum bekämpfen, ist nicht allein das Amt der Kirche, sondern die Pflicht eines Jeden. Wir verkennen unsererseits nicht das Recht des Staates, dafür Sorge zu tragen, daß die Kinder als die zu­künftigen Staatsbürger ihren Unterricht erhalten, aber aus das Recht der Mitwirkung in der Schule kann dieKirche niemals verzichten. (Lebhafter Beifall.) Nicht der Unterricht, sondern die Erziehung ist die Hauptaufgabe der Schule, aber ohne Religion gibt es keine Erziehung. Soll aber die Religion die Grundlage für die Erziehung bilden, so hat die Kirche als Trägerin der Religion das Recht und die Pflicht, über die Reinheit und Unverfälschtheit der göttlichen Lehren und ihres Unterrichtes zu wachen. Dafür eintreten, kann doch nimmermehr heißen: die Grundlagen des Staates erschüttern zu wollen. Nach der Richtschnur der christlichen Prinzipien ist auch die soziale Frage zu lösen, durch Zusammenwirken von Kirche und Staat, von Papst und Kaiser. — Der hochwürdigste Herr Bischof erinnert dabei kurz mit rührenden Worten an die Encyklika des hl. Vaters und die kaiserlichen Erlasse über den Arbeiterschutz. Der ganze Verlauf der Generalversammlung werde ein Bekenntniß der Treue gegen die Kirche sein, aber nicht minder werde sich dabei die Treue gegen die staat­lichen Autoritäten kundgeben. Die Unterwerfung unter die kirchlichen Autoritäten in kirchlichen Dingen ver­mindere nicht, sondern vermehre vielmehr die Achtung vor der weltlichen Autorität. Als Bürger des Deutschen Reiches halten auch wir die Parole hoch: „Für König und Vaterland!" aber an der Spitze dieser Parole stehen die Worte: „Mit Gott!" Das Ansehen des stolzen Titels Kai­ser und König leidet gewiß nicht unter dem Zusatze „von Gottes Gnaden." Wir wollen kein gottentfremdetes Reich, welches die christliche Grundlage des staatlichen und öffentlichen Lebens vernichtet, sondern wir wollen unserseits Mitwirken an dem Ausbau und an der Festi­gung eines Reichs, in welchem Religion und Moralität die mächtigen Pfeiler sind und bleiben. (Stürmischer Beifall.) Der hochwürdigste Herr Bischof ertheilt hier­auf der Versammlung den bischöflichen Segen. (Wäh­rend der Rede des Herrn Bischofs hatte Herr Ober­präsident v. Goßler, welcher auf dem Podium der Bühne unter den Honoratioren der Versammlung Platz genommen hatte und dort von den anwesenden Herren, besonders von den Centrumsmitgliedern, begrüßt wor­den war, die Versammlung wieder verlassen.

Der Präsident dankt dem hochw. Herrn Bischof für

ein Ei kam nur selten in ihre arme Wohnung. Wie waren die fremden Menschen doch hier alle so gut! Daheim waren sie's auch mitunter, aber nur, wenn man ihnen erst etwas Liebes erzeigt hatte; und sie hatte oft mit bitterem Schmerze gehört, wie man ihre Geschwister „Bettelkinder" und ihren Vater mit noch häßlicheren Schimpfnamen benannte.

Gerührt dankte sie der gutherzigen Frau und nahm Abschied. Der junge Bauer aber sagte:

„Den Epheu können Sie noch auf dem Heimwege pflücken. Ich werde Ihnen eine Stelle zeigen, wo er gar üppig wächst." Er trat mit ihr hinaus in's Freie und führte sie an einen kleinen felsigen Abhang. Dort klomm er hinauf, brach eine Menge der schönsten Ranken und sprang mit einem munteren Lockruf herab. Sie gingen noch eine Strecke mit einander; dann reichte er ihr die Hand und sagte:

„Einen schönen Gruß an die Muhme, und nun leben Sie wohl! Wenn es Ihnen hier gefallen hat, fo denken Sie manchmal an den heutigen Abend zurück."

Er fah ihr nach, bis ihr dunkles Kleid um die Ecke verschwunden war.

Am andern Morgen traten Muhme Gerttud's Gäste ihre Heimreise an. Margareth hatte Christinen versprochen, daß sie sich kurze Zeit in der nächsten

die schönen Worte, worauf die Verlesung einer Reihe von Begrüßungstelegrammen erfolgt.

Sodann erhält, stürmisch begrüßt, das Wort Herr Dr. Freiherr von Schorlemer-Alst, der über die Sozialdemokratte und die Mittel zu deren Bekämpfung sprach-MRedner warnt einleitend vor einer Über­schätzung der Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Sozialdemokratte. Als Einblick in den sozialen Zu­kunftsstaat sind diese interessant, in der Hauptsache aber sind die Herren einig. (Sehr richtig.) Die schon im Alterthum und im Mittelalter aufgetauchte soziale Frage sei heute durch Marx und Lassalle in ein wissen­schaftliches System gebracht, werde von befähigten Köpfen geleitet und sei international. In fesselnder, interessanter Weise entwickelt Redner sodann das Prinzip der sozialen Frage, welche sich als Seelen- und Magen­frage darstelle. In beiden Beziehungen sei eine doppelte revolutionäre Bewegung zu konstattren: von oben und von unten. In Bezug auf die Seelenfrage habe der an den Hochschulen gelehrte Unglaube, der bis nach unten durchgesickert sei, den Boden für die Sozialdemokratie vorbereitet. So lange man diesen Unglauben frei sich weiter entfalten lasse, die Kirche dagegen an der freien Bewegung hindere, werde auch die Sozialdemokratie sich ausdehnen. Auch die Magen­frage werde nicht gelöst werden, so lange die Ver­gnügungssucht und der Luxus nicht eingebaut mt würden, so lange der Mittelstand zurückgedrängt werde und baS Kapital ungebührlich sich anhäufe. Nicht minber ent» schieben aber müsse man ber revolutionären Bewegung von unten entgegentreten, bie in bem sozialdemokrati­schen Programm, welches Rebner ausführlich zergliebert, zum Ausdruck gelange. Mit biefem Programm falle Ehe unb Familien, werde die erhabenste Würde der Frau aufs Tieffte herabgesetzt, die staatliche Ordnung nicht minder, wie Religion und Glauben vernichtet. — Im zweiten Theil entwickelt Redner die Mittel zur Bekämpfung der S o z i a l d e m o k r a t i e. Sie seien geistiger und materieller Natur. Es muß zunächst dem Volke die Religion erhalten werden, ober man müsse sie ihm erneuern, aber für Reiche unb Arme, für Ge­bildete und Ungebildete. Die Ansicht, daß nur Arme und Ungebildete Religion nöthig hätten, sei eine ver­brecherische. Bon Oben her müsse das Beispiel der Gottesfurcht gegeben werden. Weitere Bedingungen zur Ueberwinbung der Sozialdemokratie seien: volle Frett heit der Kirche und ihrer Orden (Bravo), konfessionelle, religiöse Erziehung der Kinder mit Anerkennung des Rechtes der Ettern und der Kirche auf die Erziehung, endlich wahrer, ehrlicher Friede unter den Konfessionen. (Lauter Beifall.) Unsererseits solle er nicht gestört werden, es solle fein verletzendes Wort fallen. Die Lösung der Magenfrage endlich müsse erfolgen durch Abhilfe berechtigter Klagen auf gesetzgeberischem Wege. Die Centrumspartei habe solche Maßregeln seit ihrem Bestehen gefordert; leider aber feien ihre Anträge lange Jahre hindurch abgelehnt, ja verspottet worden. Durch die Initiative des Kaisers aber sei nunmehr eineAende- rung eingetreten und bedeutsamer Wandel geschaffen. Redner weist endlich in begeisterten Worten auf bie soziale Encyklika des hl. Vaters hin und schließt mit

größeren Stadt aufhalten würden, weil das junge Mädchen gern die dortige Domkirche sehen wollte, von der sie schon so viel gehört hatte.

Staunend wanderte sie nun an der Mutter Seite durch das prachtvolle Gebäude; wenn sie auch nichts von Baukunst und Malerei verstanden, so waren doch Beide tief ergriffen von der Erhabenheit des herrlichm Werkes. So gelangten sie allrnählig bis zur linken Seitenkapelle. Dort blieb Christel, welche um einige Schritte vorausgeeilt war, plötzlich stehen und der Mutter Arm.berührend, flüsterte sie:

„O, steh' mir, ist das nicht schön?"

Es war das Bild des sterbenden Erlösers, welches an einem bpr mächtigen Pfeiler angebracht war unb burch seine rührende Schönheit das Auge des frommen Kindes gefesselt hatte. Hell und scharf zeichnete sich der tobte Körper von dem tiefen Schwarz des Holzes ab, die rothen Wundmale schienen zu leuchten und über die schmalen Goldleisten, welche die Form des Kreuzes umrahmten, zitterte ein vom Chore hereinfallender Sonnenstrahl.

Christel's ganze Seele schien in ihren Augen zu liegen, — o, hier würde man gewiß Alles erhalten, um was man flehte! Für wen sollte sie nur gleich recht innig beten? Für die kranken Geschwister etwa