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JM 199

Dienstag, den 1. September 1891.

18. Jahrgang

iiIdacrWZkituiig

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♦ Die Entscheidungsschlacht bei Valparaiso.

'^Nach einem Telegramm des deutschen Konsuls in

Valparaiso, welches Samstag früh beim Auswärtigen Amte in Berlin eingelaufen ist, wurde diese Stadt von der Kongreß-Partei genommen; Alles scheine, so fügt die telegraphische Meldung des Konsuls hinzu, ruhig zu verlaufen, ohne daß ein Eingreifen der fremden Admirale nothwendig geworden sei. — Balmaceda hat also geschwindelt, als er verbreiten ließ, die Kongreß­truppen hätten sich ihm auf Gnade und Ungnäde er­geben. Balmaceda ist flüchtig, ebenso der zukünftige Präsident Bicuna. Allerdings befindet sich noch Santjago in den Händen der Balmacedisten, deren Fall ist indeß in Bälde zu erwarten. Ueber den Verlauf der Schlacht wird dem ,Newyork Herald' des Näheren berichtet:

General Canto hat seinen heutigen Steg über Balmaceda seiner überlegenen Taktik, sowie der überlegenen Taktik seiner Truppen zu danken; außerdem kam ihm zu statten, daß mehrere gegnerische Generale gefallen waren, und in Folge dessen eine starke Demoralisirung, welche zur Desertion ganzer Regimenter führte, einriß. Balmaceda war am Morgen des Schlachttages zur Aufnahme einer Offensive unfähig und beschränkte sich darauf, eine möglichst starke Vertheidigungsstellung einzunehmen. Sehr ungünstig wirkte der zwischen dem Präsidenten und dem Kriegs­rath herrschende Zwist. Den Generalen Barboca und Alzerreca wurde das Oberkommando übertragen. Zwischen beiden herrschte eine starke Eifersucht, welche beinahe einen offenen Bruch hervor­brachte und dahin führte, daß die beiden Offiziere im entgegen­gesetzten Sinne operirten. Bei Tagesanbruch verließen die Re­gierungstruppen ihre Verschanzungen und stürzten sich, unterstützt von dem Feuer ihrer Geschütze, auf den Feind. Die Kongreß- truppen, welche sich in starken Verschanzungen befanden, eröffneten ein vernichtendes Feuer auf die Sturmkolonne, welche trotzdem in unerschütterter Haltung weiter vordrang. Der Kampf wurde alsdann ein allgemeiner, der schließlich zum Rückzüge der Truppen Balmaceda's führte. Durch die verzweifelten Bemühungen der Offiziere gelang es, die weichenden Truppen wieder zum Stehen zu bringen und auf's Neue gegen den Feind zu führen. Bei diesem zweiten Angriff wurde General Barboca getödtet. Die Regierungstruppen geriethen daourch einen Augenblick ins Schwanken, drangen aber weiter vor. Im Fortgänge des Kampfes wurde auch General Alzerreca tödtlich verwundet und starb auf dem Transport binnen einer Stunde. Nunmehr gab General Canto den Befehl zum allgemeinen Angriff. Die Kongreß­truppen verließen jetzt ihre Verschanzungen und eröffneten ein mörderisches Feuer auf die Truppen Balmaceda's, welche, weil ohne Führer, sich nicht auf's Neue sammeln konnten. Der Rück­zug artete zu einer vollständigen Deroute aus. Die Kavallerie leistete vorübergehend Widerstand, wurde aber alsbald mit fort­gerissen und vernichtet. Ganze Regimenter, namentlich solche, welche aus gewaltsam eingestellten Truppen bestanden, gingen mitten im Feuer zu den Siegern über und kämpsten alsbald mit diesen gegen ihre früheren Kameraden. Die Zahl der in dem beinahe fünfstündigen Kampfe Getödteten und Verwundeten wird auf etwa 5000 geschätzt. Fast sämmtliche Offiziere des Stabes Balmaceda's sind getödtet oder verwundet. Um das Blutbad zu vermeiden, welches ein gewaltsames Eindringen der Kongreß­truppen in die Stadt hervorgerufen haben würde, wurde eine freiwillge Uebergabe der Stadt angeboten und feilens der Führer der Kongreßtruppen acceptirt. Kurz nach Mittag zogen die letzteren in die Stadt ein, wo sie mit den Rufen: Es lebe Chile, es lebe Canto! empfangen wurden. Auf Ersuchen des Inten­danten Biel hatten einige der auswärtigen Kriegsschiffe Mann­schaften zum eventuellen Schutze der Einwohner gelandet. Als der „Almirante Lynch" aufgefordert wurde, sich zn ergeben, suchte derselbe den Hafen zu verlassen und eröffnete aus seinen Geschützen das Feuer auf die Kongreßtruppen. Nach '/«stündigem Kampfe strich der Kommandeur des Schiffes jedoch seine Flagge. Die Mehrheit der Gefangenen ist gegen Ehrenwort freigelaffen;

G Im Sturme der Zeit.

-Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert (14. Fortsetzung.)

Es war eine etwas bittere Willkommensrede für ihren Besuch; aber sie entsprach ganz dem geraden, herben Charakter der Muhme, welcher sich auch in in ihrem klugen, runzeligen Gesichte ausprägte. In diesem Augenblick zeigte derselbe jedoch einen deutlichen Zug von Mißtrauen. Gleich darauf überwog indeß ihre Gutmüthigkeit, und ihren, die Wirklichkeit fehr nahe berührenden Gedankengang gewaltsam unterbrechend, sagte sie herzlich:

„Ihr müßt müde und hungrig sein. Mein Mit­tagessen hab' ich zwar schon gehalten; aber Ihr sollt statt dessen einen guten, steifen Kaffee haben; frisches Brod ist auch da und noch ein Schälchen goldgelber Honig, den mir die Hofbäuerin zum Gertruditag ver­ehrt hat.

Margareth und Christel hatten nichts dagegen ein­zuwenden und fahen ihren Vorbereitungen mit Befrie­digung zu; aber als erstere aufstand, um der alten Verwandten am Herde zu helfen, drückte das Mädchen sie sanft nieder.

„Ruh' Dich, Mutter," sagte sie und legte mit einem Male alle Blödigkeit ab. Dann ging sie, holte den Kessel und ließ am nahen Brunnen das frische, klare

Unruhen werben nicht befürchtet, man vermuthet, baß Balmaceba nach Buenos-Ayres flüchten wirb.

Nach einem Telegramm der Kongreßregierung aus Jquique hat der balmacedistische Kommandant aus Valparaiso, als er sah, daß alles verloren war, die Stadt dem deutschen Admiral v. Valois übergeben, der dieselbe seinerseits wieder dem ^Oberbefehlshaber der Kopgreßarmee übergab. Der Sieg der Kongreßpartei ist ein absolut entscheidender.

Deutsches Keich»

Berlin, 29. August.

* Der Kaiser begibt sich am 2. September früh nach Jüterbogk, um den Uebungen des Gardekorps beizuwohnen, und tritt am Abend desselben Tages seine Reise nach Oesterreich an.

* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht amtlich die Ernennung des Grafen Stolberg-Wernigerode zum Oberpräsidenten von Ostpreußen.

* Die hiesigen Sozialdemokraten begehen heute an mehreren Orten der Umgebung unter enormer Be­theiligung die Lassalle-Frier. Auffallender Weise ist zahlreiche Polizei aufgeboten.

* In dem Berichte, den die deutsche sozialdemokra­tische Partei auf dem Brüsseler Kongreß über den Stand der sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland hat erstatten lassen, war auch des Aufschwunges gedacht, den die sozialistische Presse nach dem Erlöschen des Sozialistengesetzes in Deutschland genommen. Auf den Provinzial- und Landestagen sei der Parteipresse eine große Aufmerksamkeit geschenkt worden. Diese habe entsprechend dem Wachsthum der Partei eine Ausdehnung genommen, wie nie vorher. Zu- Beginn des dritten Vierteljahres 1891 seien erschienen an politischen Zei­tungen wöchentlich sechs Mal 27 Blätter, wöchentlich drei Mal 23, wöchentlich zwei Mal, ein Mal ein und alle 14 Tage gleichfalls ein Blatt; insgesammt also 68 politische Organe, von denen einzelne 30,000 und mehr Abonnenten zählen und deren Existenz aus eigenen Kräften fast ausnahmslos gesichert sei. Der letzte Satz ist cum grano salis zu verstehen, und überhaupt ist bei der ganzen Schilderung der Mund etwas sehr voll genommen. Allerdings hat nach dem Erlöschen des Sozialistengesetzes auch die Presse der sozialdemokratischen Partei einen Aufschwung genommen; indessen eine Reihe der neugegründeten Blätter, bei deren Herausgabe der Geschäftssozialismus keine geringe Rolle gespielt, sind bereits kurze Zeit nach ihrer Geburt wieder eingegangen, andere ringen mit dem Tode.

* Aus Breslau wird der ,Post' folgender Fall berichtet, in dem die Verantwortlichkeit bei Prcßver- gehen ebenfalls über den Redakteur hinaus ausgedehnt zu werden scheint:' „Dieser Tage wurde die in Breslan erscheinende sozialdemokratische ,Volkswacht' wegen eines „Brodzoll" überschriebenen Artikels, welcher Schmäh­ungen des Reichskanzlers enthielt, beschlagnahmt. Gestern wurde in der Druckerei des Blattes polizeilich danach geforscht, welche Personen an der technischen Herstellung des betreffenden Artikels thätig gewesen seien. Es Wasser hineinsprudeln; und während die Muhme die bunt bemalten Obertassen noch einmal ausstaubte, knickte und knackte das Reisig unter Christel's flinken Händen. „Das lob' ich mir," dachte Jene, „das hat Art; um des freundlichen Kindes willen möcht' ich wohl etwas für sie thun."

Wenn Johannes Fern daheim eine Ahnung von diesem Gedanken gehabt hätte, so würde er sich wohl die Hände gerieben und sich selbst zu seiner klugen Idee beglückwünscht haben. Das Heikle an der Sache aber war das, daß die Verwandte seiner Frau noch klüger war, als er, und daß sie ihm schwerlich auf die Art zu helfen gedachte, die er ihr in seinem Kopse vorge­zeichnet hatte.

Auf der Höhe ging indessen äußerlich Alles seinen friedlichen ländlichen Gang. Bald saßen die Drei um den Kaffeetisch und obgleich Margareth jeder Bissen im Munde quoll, ließen die beiden Anderen es sich wacker schmecken.

„So, das war eine rechte Herzstärkung; das er­quickt nach einer solchen Fahrt," sagte die Muhme end­lich und setzte ihre Tasse mit einer Miene nieder, als wäre sie selbst von einer langen Reise angekommen. Auch Christel meinte, während sie emsig den Tisch ab­räumte, so ein köstlich' Brod hätte sie noch niemals über die Lippen bekommen.

„Bist nicht müde, Kind?" fragte die alte Frau.

scheint also, daß man auch das Setzer- und Drucker* personal, Metteur und Korrektor zur Verantwortung ziehen will.

* Danzig, 28. Aug. Von hervorragenden Gästen des Katholikentages sind hier angelangt Graf Rechberg- Rothmlöwen aus Württemberg, Rechtsanwalt Abg. Dr. Porsch aus Berlin und Abg. Krebs.

* Trier, 28. Aug. Nächsten Sonntag, Morgens 1li vor 6 Uhr, werden katholische Mannschaften des Badischen Fuß-Artillerie-Regiments Nr. 14, welche zur Zeit in Carthaus bei Trier einquartiert sind, zur Ver­ehrung des hl. Rockes in geschlossenen Abteilungen zum hiesigen Dom geführt.

* München, 28. Aug. Herr Dr. D all er veröffent- lichte ä. d. Freising, August, folgende Erklärung:

„Der fortwährenbe, kecke, verwirrenbe Mißbrauch, ben Herr Dr. Kleitner mit meinen angeblichen Worten treibt, zwingt mich, im Interesse meiner Gesinnungsgenossen im Wahlkreise Traunstein trotz meines Vorsatzes, ganz zu schweigen, zur nach- folgenben Erklärung: 1) Meine Worte, ob öffentliche ober private, in bem Sinne unb Zusammenhänge, wie ich sie gemacht habe, vertrete ich immer, aber bafür, was bte politische Leibenschaft des Herrn Dr. Kleitner aus meinen in einem etwaigen Privatgespräche gebrauchten Worten macht, kann ich keine Ver­antwortung übernehmen. 2) Ich kann dieses um so weniger, als Herr Dr. Kleitner nicht sagt, wann, wo und vor wem ich diese Aeußerung gemacht haben soll. 3) Mein ganzes öffentliches wie amtliches Wirken ist ein unanfechtbarer Beweis dafür, daß ich jederzeit die legitime geistliche wie weltliche Autorität Oer« theidigt habe, diese offenkundigen Thatsachen schafft auch die Schmähsucht eines Dr. Kleitner und seiner Presse nicht aus der Welt. 4) Mit Herrn Dr. Kleitner habe ich überhaupt nichts zu thun. Ein Mann, der in einem Wahlkreise von Haus zu Haus in ganz unerhörter Weise mit allen Mitteln um Stimmen bettelt, der den Privatbrief eines Freundes veröffentlicht, um denselben zu verhöhnen und als unfähig hin­zustellen, der angebliche Privatgespräche in selbstsüchtiger Weise öffentlich ausbeutet, entspricht meinen Begriffen und sozialen An­forderungen an Charakter, Bildung und Wohlanständigkest nicht. Dr. Daller."

Daraufhin hat Herr Dr. Kleitner sich beleidigt gefühlt und durch seinen Vertreter die Klage wegen verleumderischer Beleidigung gegen Dr. Daller einleitm lassen.

* Karlsruhe, 29. Aug. Das soeben erschienene Wahlprogramm des Centrums forderte gerechte Wahlkreis-Eintheilung, direkte Wahl, Beseitigung der Amtsverkündiger und der Wahlbeeinflussung durch Be­amte, für die Kirche die Freiheit der Bewegung, welche ihrem Berufe und dem Geiste und Wortlaut der Staats­verfassung entspricht: Freiheit für Orden und deren Missionsthätigkeit, Freiheit der Kirche auf dem Ge­biete des Schulwesens, Antheil des Volkes an der Ver­waltung in Staat und Gemeinde, gerechte Vertheilung der öffentlichen Lasten (Milderung der Härten des Branntweinsteuergesetzes). Gesetzlicher Schutz des Natur­weins, Neukatastrirung des Rebgeländes, wirksamer Arbeiterschutz durch Förderung der Gewerbegerichte und Sonntagsruhe.

Anstand.

* Wien, 29. Aug. Großes Aufsehen erregt eine Broschüre, worin zur Vermehrung der Wehr­macht Oesterreichs ein Kredit von 16—18 Mil-

„Ach nein, Muhme, und wenn Ihr nichts dagegen habt, so möcht' ich mich um's Leben gern draußen ein wenig umsehen; auch ganz von weitem das Haus be­trachten, in dem ich geboren bin. S' wächst auch viel Epheu ganz wild da herum, und ehe wir morgen früh auf dm Kirchhof gehen, will ich einen Kranz davon winden. Darf ich, Mutter?"

Diese nickte und während Christel fröhlich die Thür hinter sich schloß, sagte die Muhme gedankenvoll:

„So ein junges Blut läuft und läuft und spürt's nicht in den Beinen; s' ist halt, weil noch keine Last auf die Seele drückt — nachher geht's immer lang­samer und sckwerer. So, und nun pack' aus, Marga­reth, und sag', was Du auf dem Herzen hast! Denn, daß Ihr das heidenmäßige Geld für den weiten Weg nicht aus purer Sehnsucht nach einer alten Verwandten ausgegeben habt, das macht Ihr mir Beide nicht weis. Also heraus damit — was ist's?" Ach, das war bald gesagt, und während Margareth stockend erzählte, die Noth daheim schilderte und, um ihren Mann zu schonen, nur immer von den schlechten Zeiten und dem «Steigen der ohnehin hohen Miethpreise sprach, wurde das Ge­sicht ihrer Verwandten immer kälter und entschlossener. Margareth sah den fast steinernen Ausdruck und ihr Herz sank.

„Wie es in der kommenden Woche und erst im