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M 198 Sonntag, den 30. August 1891. 18. Jahrgang

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«SNST* Hierzu eine Beilage. -MÜE

MoltKe's Geschichte des deutsch-französischen Krieges.

* Die mit Spannung erwartete Darstellung Moltke's des deutsch-französischen Krieges vom Jahre 1870/71 ist im Verlage von E. S. Mittler und Sohn in Berlin erschienen. Sie umfaßt 27 Bogen; eine karto­graphische Skizze des Schauplatzes ist beigegeben. Die vorliegende Schrift ist der erste Theil der nun er­scheinenden „Gesammelten Schriften und Denkwürdig­keiten Moltke's." Das Werk wird sofort in London, Paris und New-Jork herausgegeben.

Der vorliegende Band: „Der Krieg von 1870/71" ist kein hervorragendes literarisches Produkt; die ganze Fassung desselben widerstreitet dem Anspruch auf solchen Vorzug, aber als Spiegelbild einer bewegten Zeit dürfte das Buch ohne Gleichen dastehen. Die photo­graphische Treue der Darstellung ist so frappant, daß der Leser, über die lexikographische Zusammenziehung der Ereignisse hinwegsehend, das Buch auf einen Sitz ganz auslieft, als handle es sich etwa um ein ten­denziöses Sensationsstück der Tagesliteratur. Es ist knapp und außerordentlich weitläufig zur selben Zeit. Die Knappheit liegt in den Worten und die Weit­läufigkeit , in dem Gedanken, die dieser Knappheit zu Grunde liegen, eben so sehr, als in den Anregungen, die sie in jedem Denkenden erwecken müssen.

Die Einleitung lautet:

„Es sind vergangene Zeiten, als für dynastische Zwecke kleine Heere von Berufssoldaten ins Feld zogen, um eine Stadt, einen Landstrich zu erobern, dann in Winterquartiere rückten oder Frieden schlossen. Die Kriege der Gegenwart rufen die ganzen Völker zu den Waffen, kaum eine Familie, welche nicht in Mitleidenfchaft gezogen würde. Die volle Finanzkraft des Staates wird in Anspruch genommen, und kein Jahreswechsel setzt dem rastlosen Handeln ein Ziel So lauge die Nationen ein gesondertes Dasein führen, wird es Streitigkeiten geben, welche nur mit den Waffen geschlichtet werden können, aber im Interesse der Menschheit ist zu hoffen, daß die Kriege seltener werden, wie sie furchtbarer geworden sind. Ueberhaupt ist es nicht mehr der Ehrgeiz der Fürsten, es sind die Stimmungen der Völker, das Unbe­hagen über innere Zustände, das Treiben der Parteien, beson­ders ihrer Wortführer, welche den Frieden gefährden. Leichter wird der folgenschwere Entschluß zum Kriege von einer Ver­sammlung gefaßt, in welcher Niemand die volle Verantwortung trägt, als von einem Einzelnen, wie hoch er auch gestellt sein möge, und öfter wird mau ein friedliebendes Staatsoberhaupt finden, als eine Volksvertretung von Weisen! Die großen Kämpfe der neuern Zeit sind gegen den Wunsch und Willen der Re­gierenden entbrannt. Die Börse hat in unseren Tagen einen Einfluß gewonnen, welcher die bewaffnete Macht für ihre Inter­essen in's Feld zu rufen vermag. Mexico und Egypten sind von europäischen Heeren heimgesucht worden, um die Forderungen der hohen Finanz zu liquidiren. Weniger kommt es heutzuta g e darauf an, ob ein Staat die Mittel besitzt, Krieg zu führen, als darauf, ob seine Leitung stark genug ist, ihn zu verhindern. So hat das geeinigte Deutschland seine Macht bisher nur dazu gebraucht, den Frieden in Europa zu wahren, eine schwache Re­gierung beim Nachbar aber ist die größte Kriegsgefahr. Aus solchen Verhältnissen ist auch der Krieg 1870/71 hervorgegangen. Ein Napoleon auf dem Thron von Frankreich hatte seinen An­spruch durch politische und militärische Erfolge gerechtfertigt. Nur eine Zeitlang befriedigten die Siege der französischen

Im Sturme der Zeit.

Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert.

(13. Fortsetzung.)

VI.

Das Krenzbild im Dom.

Die Wege Gottes sind oft wunderbar, O selig, wer sie schaut im Glaubenslichte!

Ludw. Brill.

Johannes Fern hatte darauf gedrungen, daß Christel ihre Mutter begleiten sollte. Dieser Befehl erschien Allen ziemlich unbegreiflich. Jndeß Christel freute sich, weil sie noch nie in ihrem Leben eine Reise gemacht hatte, und Margareth war es nicht unlieb, daß sie den schweren Gang zur Muhme nicht allein anzutreten brauchte. Sie hatten zwei Tage für die Fahrt festge­setzt; während ihrer Abwesenheit sollte die vierzehn­jährige Susanne mit Hilfe einer gutmüthigen Nach­barin das Hauswesen besorgen.

Das Wetter war herrlich. Der Zug, in welchem Margareth und Christine saßen, fuhr an den üppig grünenden Fluren vorbei, zwischen denen die lieblichen Dörfer im Sonnenschein eines köstlichen Mai-Morgens wie hingestreut lagen. Auf der anderen Seite zeigten sich meist hohe, dichte Waldungen; dann und wann auch ein einzelnes Bauerngut oder eine Mühle.

Waffen auf fernen Kriegsschauplätzen, die Erfolge des preußi­schen Heeres erregten Eifersucht, sie erschienen als Anmaßung, als Herausforderung, und man verlangte Rache für Sadowa. Die liberale Strömung des Zeitalters lehnte sich auf gegen die Alleinherrschaft des Kaisers, er mußte Bewilligung zugestehen, seine Machtstellung int Innern war geschwächt, und eines Tages erfuhr die Nation aus dem Munde ihrer Vertreter, daß sie den Krieg mit Deutschland wolle".

Die nun folgende Geschichte des Krieges 1870/71 selbst ist streng tatsächlich, fast nüchtern und höchst übersichtlich gehalten. Kapitel I, „Vorbereitung zum Kriege", führt aus, „Frankreich habe wahrscheinlich auf den alten Zwiespalt der deutschen Stämme gerechnet und einen überraschenden Angriffs- Plan entworfen. Durch die Flotte sollte ein Theil des preußischen Heeres im Norden festgehalten und mit Umgehung der großen Festungen Deutschland über­fallen werden. Die erstere Ansicht traf nicht zu, für die letztere wäre erforderlich gewesen, die Haupt­kräfte im Elsaß verfügbar zu stellen, was ebenfalls nicht der Fall war".

Während Moltke, wenn er die Fehler untergebener Generäle erwähnt, dem tadelnden Ausspruche stets einige Worte der Entschuldigung beifügt, übt er über die eigene Person die denkbar schärfste Kritik. Fast alle Schriftsteller, welche den deutsch-französischen Krieg be­schreiben, erwähnen mit Enthusiasmus die Episode des Angriffs der Pommern am Abend der Schlacht vor Gravelotte; Einige schildern sogar Moltke an der Spitze der Kolonnen zur Attaque reitend. Moltke selbst sagt, es wäre korrekter gewesen, wenn der Chef des General­stabes, der am Platze anwesend war, diese Bewegung so spät am Abend nicht erlaubt hätte. Aehnlich ver- urtheilt er seine eigene Initiative beim Massen-Bom- bardement von Straßburg. Er sagt, der Versuch, die Kapitulation auf diese Art zu erzwingen, sei gegen den Rath des Ingenieur-Generals Schulz, aber mit Zu­stimmung des Große« Hauptquartiers erfolgt, und gibt auf demselben Blatte zu, daß ein verhängnißvoller Jrrthum begangen worden ist. Das Bombardement von Paris erwähnt der Feldmarschall als selbstver­ständliche Thatsache und ohne ein Wort über die Noth- wendigkeit des Verfahrens zu verlieren. Nur die Kon­zession macht er, daß es nicht auf die Zerstörung der Stadt abgesehen gewesen sei, sondern darauf, einen Druck auf die Bevölkerung auszuüben. Auf der andern Seite bedauert der Marschall die Beschießung von Kehl.

Freilich steht der Feldmarschall auch nicht an, sich gegen ein ungerechtes oder arrogantes Urtheil zu Ver­theidigen. So erwähnt er z. B. in seinem ersten Bericht über den Anfang der Belagerung von Paris, daß be­hauptet worden sei, schon an diesem Tage, dem 19. September, hätte das Belagerungsheer Gelegenheit nehmen sollen, gleichzeitig mit den fliehenden Franzosen in eines der Forts einzudringen. Moltke bezweifelt die thatsächliche Möglichkeit eines solchen Unternehmens und fügt hinzu, daß derartige Wagestücke niemals von oben herab befohlen werden, sondern der Initiative des Augenblicks entspringen.

Die schweren Pflichten des Generalstabes, der noch am Abend der Schlacht für die neugeschaffene Situation

Für Christine war Alles neu. Sie war noch nie aus den engen Straßen der Stadt mit ihren vier- oder ünfstöckigen Häusermauern hinausgekommen und hatte ihre Helle Freude an der entzückenden Landschaft. Die Hände im Schoße gefaltet, ließ sie das blaue Auge beständig zum Fenster hinausschweifen und hätte bei­nahe gewünscht, daß die Fahrt nie ein Ende nehmen möchte. Die übrigen Mitreisenden, deren verwöhnteres Ange fein Interesse mehr an der lieblichen Gegend and, betrachteten statt dessen wohlgefällig das junge Mädchen, welches in seiner einfachen Tracht, mit den dicken blonden Flechten, die den schmalen Kopf um­rahmten, einen so angenehmen Eindruck machte.

Margareth dagegen saß still und gedrückt in ihrer Ecke. Sie war ganz in trübes Sinnen verloren und erwog die beiden Möglichkeiten, welche der Besuch bei ihrer alten Verwandten zur Folge haben würde. Ge­setzt den Fall, dieselbe würde sich dazu verstehen, von ihrem sauer Ersparten eine kleine Summe herzugeben, viel konnte es ja nicht sein: auf wie lange würde dies reichen und wie sollte sie das Geliehene oder vielmehr Erbettelte vor ihrem Manne schützen, der wahrscheinlich nicht ruhen würde, bis er es mit den Genossen ver- than? Sie kam sich wie eine Betrügerin vor; mit welchen Versprechungen mußte sie nicht ihr Ansinnen begleiten, trotz der innerlichen Ueberzeugung, daß sie

neue Pläne zu entwerfen hat, werden ebenfalls zu Be­ginn des Werkes mehrfach erwähnt, und bei einer dieser Gelegenheiten (in dem Bericht über die Schlacht von Beaumont) läuft sogar eine kleine Bosheit unter. Moltke erwähnt nämlich da der vielen hohen Herrschaften, die sich's im königlichen Hauptquartier bequem machen, während die Offiziere, welche die nöthigen Ordres über die Bewegungen der Armee vorzubereiten haben, nach Obdach suchend, umhecirren.

Der persönlichen Tapferkeit einzelner Offiziere, Truppen und Korps thut der Verfasser oft mit sicht­licher Wärme Erwähnung, indeß nicht, ohne durch­blicken zu lassen, daß die Betreffenden denn doch nur ihre Pflicht und Schuldigkeit gethan haben. Die deutsche Kavallerie kommt bei ihm sehr gut weg, aber auch die des Gegners nöthigt ihm bei einzelnen Gelegenheiten anerkennende Worte ab und der Tapferkeit der Bayern im Handgemenge erwähnt der Marschall im Vesonderen.

Die deutschen Festungsbau-Enthusiasten werden aus der Schrift lernen, daß Moltke durchaus keine hohe Meinung von der Wichtigkeit fester Plätze bekundet.

Die Erinnerung an die Großthat der Strategie, die Schlacht von Sedan, zwingt den greisen Verfasser zur Beredsamkeit, aber auch an dieser Stelle sind die Worte gezählt und des eigentlichen Siegers Name bleibt unerwähnt. Dagegen wirft der Marschall die oft erwähnte Frage auf, warum man den 2. September feiere, da der Tag, an dem sich die deutsche Nation mit Ruhm bedeckt habe, der 1. September gewesen sei.

Aus der Schilderung der Kriegsvorgänge der ersten Periode verdient die Darlegung des inneren Zusammen­hanges zwischen den drei Schlachten vor Metz, dem Rechtsabmarsch nach Sedan und dem Schlachttage von Sedan besonders hervorgehoben zu werden. In dem Werke wird die Abhängigkeit der französischen Heer­führer von politischm Rücksichten und von der Stim­mung der Bevölkerung wiederholt betont.

Außerordentlich interessant sind die Streiflichter, welche das Buch auf die politischen Tagesgrößen, Gam- betta („den Generalstabs-Chef-Dilettanten"), Jules Favre u. A. wirft. Den Kaiser Napoleon erwähnt er nur nebenbei. Von Mac Mahon spricht der Feldmar­schall durchweg mit sympathischer Rücksichtnahme auf die Verhältnisse, denen er unterworfen war. Bazaines Verhalten als Armee-Leiter wird indirekt durchaus ver- urtheilt; aber der streng gerechte Autor mag nicht entscheiden, ob „der Besiegte von Metz, der seinem Kaiser Treue geschworen hatte", ein Verräther gewesen. „Das neutrale England, das dem Feinde bereitwillig Kriegsmaterialien zuträgt" darf schließlich nicht uner­wähnt bleiben.

Von hervorragendem Interesse sind auch die Schilde­rungen der Belagerung von Paris und der Pariser Zustände Ende Januar, zu welcher Zeit die Regierung in stetem Gedränge war zwischen den unerfüllbaren Forderungen einer einsichtslosen Menge und dem un­erbittlichen Ernste der wirklichen Thatsachen. Mit den schlichten Worten: „Straßburg und Metz, in Zeiten der Schwäche dem Vaterlande entfremdet, waren wieder-

das geliehene Geld vielleicht niemals, oder doch erst nach Jahren würde zurückzahlen können!

Wie aber, wenn die Muhme ihren Bitten gegen­über taub blieb? Verargen könnte man's ihr nicht; was aber sollte sie in diesem Falle beginnen? Wie furchtbar würde der Zorn ihres Mannes, wie elend und hoffnungslos ihre demnächstige Lage sein! Hier konnte nur Gott durch ein Wunder helfen; sie allein war nicht dazu im Stande.

„Mutter, wie heißt das Dorf und die Gegend, an der wir jetzt vorbeifahren?" fragte Christel plötzlich.

„Den „goldenen Grund" nennen sie die Landstrecke," antwortete Margareth, „wie der Ort aber heißt, weiß ich nicht."

„Ach ja, richtig," lächelte das junge Mädchen, „wegen seiner Fruchtbarkeit, hat unser Lehrer gesagt. Nun fällt mir bei, daß wir's in der Schule gelernt haben. Aber, siehst Du, Mutter, ich hab' dabei immer gedacht, ein jeder Boden könne für den Menschen zum goldenen Grund werden, wenn er nur recht fleißig und mit Gottes Segen darauf arbeiten wolle. Jst's nicht wahr, Mutter? Weißt Du, ich meine so, wie's in dem Sprüchlein heißt, das der Heinrich neulich auf­gesagt hat:

„Auf sich selbff muß man vertrauen, lieben Klugheit, Fleiß und Kraft,