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18. Jahrgang

Samstag, den 29. August 1891.

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Die „Alten" und die „Jungen" im sozialdemokratischen Lager.

'Immer schärfer wird der Gegensatz zwischen den ge­mäßigteren oder vielleicht richtiger: vorsichtigeren Ele­menten und den Fortgeschrittenen, den „Alten" und den „Jungen", wie man sie im Hinblick auf Berliner Verhältnisse zu nennen pflegt. Und das Merkwürdigste ist, daß sogar der Münchener Reichstagsabgeordnete v. Bollmar in den Rus eines Gemäßigten gerathen und in Gefahr ist, in Acht und Bann gethan zu wer­den. Nach seinem bisherigen Auftreten im Reichstage mußte man den Herrn von Vollmar für einen der wilden Männer der Sozialdemokratie halten; er machte den Eindruck eines rechten Fanatikers der Partei, eines Mannes, der bei Errichtung des sozialdemokratischen „Zukunftsstaates" über Zwirnsfäden nicht stolpern würde. Was ihn veranlaßt hat, in seinen vielbe­sprochenen jüngsten Reden den Dreibund wohlwollend zu beurtheilen und mit der gegenwärtigen deutschen Sozialpolitik in etwa sich abzufinden, ist sein Geheim- niß. Jedenfalls haben seine „optimistischen" Aus­lassungen einen Sturm im sozialdemokratischen Lager hervorgerufen. Wenn die alten Berliner Führer Bebel und Liebknecht sich darauf beschränken, ihr Nichtein- verftändniß mit den Vollmar'schen Idee zu bekunden, den süddeutschen Parteigenossen persönlich aber mög­lichst schonten, so hat die von der Berliner »Volks­tribüne' vertretene „jüngere" Richtung ihr Verdikt über den von Vollmar'schen „Opportunismus" dahin zuge- spcht, daß der Parteivorstand nicht werde umhin können, den Ausschluß der Optimisten und Opportunisten aus der Partei zu erörtern.

Auch gegen Bebel, der lange als der General­gewaltige im sozialdemokratischen Lager galt, führt die Berliner Jungenschaft eine immer rücksichtslosereSprache. In manchen Berliner Versammlungen ist es zu gereizten, für ihn höchst peinlichen Erörterungen gekommen, zu­letzt gelegentlich der im Feenpalaft vorgenommenen Wahl der Delegirten zum internationalen Kongreß in Brüssel, aus welcher wenigstens ein Gegner Bebels hervorgegangen ist.

Schlimmer aber sind die Nachklänge dieser Ver­sammlung in einem allgemein auf den Tapezierer Wildberger, das Haupt der Jungen, zurückgeführten Flugblatt. Da werden mit Bezug auf die bisherigen Führer Ausdrücke wie „kläglich", „Blödsinn" und „Verrath" gebraucht. Die ganze sozialdemokratische Bewegung, so heißt es, verflache immer mehr und sei schon jetzt zur Resormpartei kleinbürgerlicher Richtung herabgesunken. Der Verfasser bezeichnet es als „Ber- rath an der uns heiligsten Sache, wenn wir noch länger müßig zusehen wollen, wie die (von den sozial­demokratischen Reichstagsmitgliedern) geübte Diktatur jedes demokratische Denken und Fühlen erstickt, wie die Revolution vor der Tribüne des Reichstages feier- lichst abgeschworen wird und täglich alles geschieht, um einen Ausgleich zwischen Proletariern und Bour­geois herbeizuführen". Eine Korruption sei in der Partei eingerissen, von der die Partei zu reinigen die

G Im Sturme der Zeit.

Eine Erzählung ans der Gegenwart von Klara Lötschert. (12. Fortsetzung.)

Da näherte Margareth sich ihrem Manne und bat: „Bleib' heut' Abend zu Haus, Johannes! Was hast Du von den wilden Reden? laß die Anderen trinken und toben, sie werden auch bald an den Bettel­stab kommen, wovor Gott uns noch gnädig bewahrt hat! Gelt, Du thust's! Die Kinder sehen Dich so selten, und wir werden jeden Tag ärmer."

„Futter macht Muth." Dies alte Sprichwort be­währte sich auch an Johannes Fern.

„Das verstehst Du nicht", versetzte er barsch. „Wenn wir nicht fest Zusammenhalten, können wir nichts aus­richten. Nur so ist's möglich, die Reichen zum Sturz zu bringen und all' ihr Geld uns anzueignen. Das geschieht bald, sag' ich Dir. Hurrah! dann wird ge- theilt und jeden Tag nur eine oder zwei Stunden gearbeitet und gerad' das, wozu Jeder Lust hat! Und sie müssen auch d'ran, die Vornehmen, mein' ich, und müssen uns erhalten helfen. Das giebt einen Spaß — dann können wir auch auf sie herab sehen, Niemand steht über uns, wir sind Alle gleich! Aber Ihr Frauen habt eben zu nichts Geduld; daran scheitert's; immer die ewige Klagerei."

geschichtlich^Mission der Jungen sei. Rundweg wird erklärt, daß wir auf friedlichem Wege nicht in den sozialistischen Staat hineingelangen könnten, daß aber die Jungen vor der äußersten Konsequenz nicht zurückschrecken würden.

Die „äußerste Konsequenz", von der hier die Rede, ist „die Revolution im Heugabelstnne der blutigen Ge­walt." Diesen Ausdruck hat Herr Liebknecht jüngst in einer Auseinandersetzung des »Vorwärts' mit der Berliner ,Volkstribüne' erfunden. Während das erstge­nannte Blatt dabei die Revolution der blutigen Gewalt grundsätzlich zurückweist, wollte das letztere nur aus Zweckmäßigkeitsgründen nichts davon wissen. Aller­dings, so führte Liebknecht aus, fei die Sozialdemo­kratie revolutionär ihrem innersten Wesen nach, aber darum sei sie noch nicht revolutionär im Heugabelsinn der blutigen Gewalt. Revolutionär und Gewaltthätig- keit seien Begriffe, die an sich gar nichts mit einander gemein hätten, ja die, wenn man unter Revolution den Kampf um politische und soziale Ideale verstehe, einan­der entgegengesetzt seien. Zwar meinte auch die,Volks­tribüne', durch Barrikadenbau und Straßenkämpfe fei noch keine Regierung gestürzt worden, die über eine diSziplinirte Armee verfüge, und Heller Wahnsinn wäre es, mit Hilfe einer derartigen Revolutionsspielerei auf den Sieg der sozialdemokratischen Sache zu rechnen, fügt jedoch bei: „Das aber ist sicher: so wenig die Sozialdemokratie Revolution predigt oder in thörichter Verblendung gar solche macht, ebenso wird sie die Macht zu ergreifen wissen, wenn dieselbe durch die Gunst der Verhältnisse sich ihr darbietet."

Wohl ist die Bedeutung dieser Gegensätze an sich nicht zu überschätzen. Im Wesentlichen sind die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Parlaments­und der Bergpartei taktischer Art. Der bestehenden Gesellschaftsordnung gegenüber werden sicherlich die verschiedenen Richtungen innerhalb der Sozialdemo­kratie im gegebenen Augenblicke immer einig sein und dieselbe auf den Kopf stellen, sobald sie können. In einer am 22. Juli in Berlin abgehaltenen Volksver­sammlung, welche den sozialdemokratischen Programm- Entwurf kritisiren sollte, stand man allgemein auf dem Boden der Revolution, nur darüber gingen die An­sichten auseinander, wann dieselbe zu machen sei. Einer der „Jungen" empfahl, zur Befreiung der Arbeiter vom Joche des Kapitals an einem Tage in der ganzen Welt die Arbeit niederzulegen, wogegen Einer der Bebel'schen Richtung meinte: für die Revolution, denn das bedeute doch der Weltausstand, sei die Zeit noch nicht gekommen.

Trotzdem aber sind die innerhalb der Sozialdemo­kratie durch die Aufhebung bezw. Nichterneuerung des Sozialisteu-Gesetzes entfesselten, wenn auch taktischen, Gegensätze nach verschiedenen Richtungen bedeutungs­voll. Zunächst können dieselben nicht ohne Einfluß auf das Verhältniß der im Vordergründe stehenden Per­sönlichkeiten zu einander bleiben. In dieser Be­ziehung steht es innerhalb der Sozialdemokratie bereits schlechter wie in irgend einer anderen Partei. Immer neue Rivalitäten tauchen auf, der Eine traut dem

„Ich hab' Gedüld, Johannes; aber das, was Ihr vorhabt, könnt Ihr gar nie durchsetzen, und wenn's geschähe, wär's auch nimmer gut und könnt' nicht lang dauern. Ich meine, wenn Jeder von Euch das Bischen Verdienst recht sparsam zusammen hielte und ... ."

. . . Sich nach der harten Arbeit noch nicht einmal einen Schoppen Bier gönnte, nicht mehr ins Wirths- haus ginge, — das meinst Du auch, nicht?" fiel er ihr rauh ins Wort.

„Ja, das meinte ich auch," sagte sie leise und ein­dringlich, „wenigstens nicht so oft, als Du es thust. Weißt Du noch, wie Du zuerst vom „Neuen Leben" erzählt hast; seit Du da einkehrst, haben wir nicht bester gelebt. Geh' Sonntags mit zur Kirche und bleib mehr daheim, Johannes!"

„Was, willst Du auch noch Vorwürfefmachen? In die Kirche bringt mich kein Mensch! Da hinein ge­hören Kinder und alte Weiber. Und nun hab' ich's satt, und das ganze erbärmliche Leben bei Euch hab' ich auch satt! Im „Neuen Leben" krieg ich wenigstens nicht immer vorgeklagt. Du freilich, Du bist's nicht besser gewöhnt; hast zeitlebens Dein Brod verdienen müssen und doch allzeit am Hungertuche genagt. Du spürst nicht mehr, wre's thut, sonst wärst Du fleißiger. Bist doch nichts Anderes, als eine Magd, und wenn

Andern nicht, nicht zwei sind völlig eines Sinnes — in Berlin haben sogar die „Jungen" keine einheitliche Führung, folgt vielmehr ein Theil dem Tapezierer Wildberger, ein anderer dem Buchdrucker Werner. Und wie müssen die Vorgänge im sozialdemokratischen Lager auf die Draußenstehenden wirken? Kann man sich etwas Abstoßenderes denken, als diese gegenseitigen Verdächtigungen, Verhöhnungen und Beschimpfungen? Wenn die Sozialdemokratie jemals vorübergehend zur Herrschaft gelangen sollte, so würde sich sehr rasch wiederholen, was die große politische Revolution am Ende des vorigen Jahrhunderts mit sich brachte: es würde an ein gegenseitiges Hälseabschneiden in großem Style gehen. Es würde sich wohl ereignen, daß immer der eine Gewalthaber oder eine Mehrheit von Gewalthabern durch den anderen oder eine Gruppe von anderen gestürzt würde, so etwa wie in den süd­amerikanischen Republiken, nur in etwas rascherem und etwas summarischerem Verfahren. In diesem Lichte stellt, Dank den Auseinandersetzungen im sozialdemo­kratischen Lager, der sozialdemokratische „Zukunftsstaat" dem unbefangenen Beobachter sich dar. Propagandistisch kann das nicht wirken. Darum muß man im Hinblicke aus die Beseitigung des Sozialistengesetzes wohl sagen: es geht auch so, ja es geht so noch besser, rn.

Deutsches Keich.

Berlin, 27. August.

* Der Kaiser gedenkt etwa bis zum 2. September in Potsdam zu verbleiben und alsdann seine Manöver­reisen anzutreten.

* Die Marschroute, welche die,Post der evangeli­schen General-Synode vorgezeichnet hat — alle Kräfte der evangelischen Kirche zu gemeinsamer Thätigkeit gegen die Sozialdemokratie zu sammeln, die Frage der Selbstständigkeit der Kirche aber unberührt zu lassen — gefällt dem ,Reichsboten' sehr wenig. Er erblickt in dieser Weisung der .Post' die Zumuthung an die Kirche, sie solle sich dazu hergeben, den Armen das Evangelium zu predigen, um sie für die Ausbeutung der Reichen gefügiger zu machen. Namentlich ist er darüber er­grimmt, daß die ,Post' die katholische Kirche hinsicht­lich ihrer Stellung zur sozialen Frage der evan­gelischen als Muster vorgehalten hat. Die General- Superintendenten, so führt er aus, hätten schon sämmtlich. längst vor dem Papst und den Bischöfen auf den ver­derblichen Abfall von der christlichen Wahrheit und Weltanschauung und die daraus entstandenen zersetzen­den Bestrebungen hingewiesen und ihre Geistlichen zum Kampfe und Widerstand aufgefordert; nur schienen die Hirtenbriefe der General-Superintendenten, obgleich sie an Einsicht und Weisheit die katholischen Hirtenbriefe überragten, auf Seiten des Staates nicht in dem Maße beachtet zu werden, wie die der katholischen Bischöfe. Es sei eine unerträgliche Ungerechtigkeit gegen die evan­gelische Kirche, ihr immer die katholische als Vorbild hinzustellen und ihr die für eine kraftvolle Entfaltung der kirchlichen Arbeit nothwendigen Voraussetzungen zu versagen. Wir haben durchaus nichts dagegen, wenn Du noch einmal den Mund aufthust und mir wider­sprichst, komm' ich Dir gar nicht mehr heim."

Die Thüre fuhr krachend hinter ihm in's Schloß. Wahrscheinlich wäre es für Alle kein großer Verlust gewesen, wenn Johannes seinen Vorsatz wirklich aus­geführt hätte; eine minder edle Frau, als Margareth es jetzt war, würde nach einer solch' bitteren Kränkung vielleicht so gedacht haben. Ihr aber lag jeder derartige Gedanke fern. Sie verharrte ruhig in ihrer Stellung; erst, als die Lampe schwächer zu brennen anfing, schickte sie die Kinder zu Bett. Die Kleinen waren wieder nur halb gesättigt an diesem Abend; sie hatten eigentlich nur gekostet, aber dies war viel im Vergleich zu den letzten Tagen gewesen und darum waren Alle fröhlich. Als sie mit der Schwester gebetet und die Stirne eines Jeden von der Mutter mit einem Kreuze bezeichnet worden war, schliefen sie ein.

Margareth aber schraubte den Docht etwas höher und schlug ihr Gebetbuch da auf, wo zwischen zwei abgerissenen Seiten ein Zeichen lag. Die Stelle, welche sie bei dem letzten Schimmer des verglimmenden Lichtes las, lautete:

„Die wahre Liebe ist langmüthig und wohlthätig, sie ist nicht ehrsüchtig, sie sucht nie ihren eigenen Nutzen. Sie läßt sich nicht erbittern, sie denkt nichts Arges. Sie glaubt Alles, sie hofft Alles, sie duldet