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j\g 196 Freitag, den 28. August 1891.
Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara LStschert. (11. Fortsetzung.)
Auf dem festgefrorenen Pfade knirschten Schritte. Der Mann kam heraus und zog die Widerstandslose in die Stube.
£), da drinnen war es so warm! Die Luft war dick, aber es roch nach Speisen, nach den Resten eines schon seit Stunden abgeräumten Mittagessens, und schon die Erinnerung daran schien für die Arme eine Erquickung! In einer Ecke stand eine leere Kaffeetasse, ein Stück Brod lag daneben. Sie blickte danach hin, und als der Mann jetzt etwas barsch fragte: „Nun, was gibt's?" blickte sie stärker hin, als einzige Antwort.
Er war nicht rauh, der gute Jakob Mertens; aber es war seine Art, etwas kurz angebunden zu sein?"
„So ist's das?" meinte er nnd nickte halb spöttisch, halb gutmüthig. „Nun, nun, meine Alte verwahrt wohl noch einen guten Topf voll im Ofen; die Frauenzimmer können ja einmal nicht ohne Kaffee leben."
„Dann geht's uns, wie Euch mit der Pfeife," sagte die Frau schlagfertig und erhob sich, um Mar- gareth einen warmen Trunk vorzufetzen. Diese nahm ein wenig, als sie aber zu essen versuchte, konnte sie nicht schlucken. Jetzt, da es endlich in ihrer Macht lag,
wein in Mengen von weniger als Liter abzugeben. Verboten wird ferner die Verbindung des Branntweinkleinhandels mit dem Kleinhandel anderer Art, damit die Kunden des letzteren nicht zum Schnapsgenuß verführt werden. Räume, die zum Betriebe eines anderen Gewerbes dienen, sollen nicht zum Gast- oder Schank- wirthschaftsbetriebe benutzt werden dürfen. Die Gast- und Schankwirthfchaften sollen verpflichtet sein, Vorsorge zu treffen, daß neben geistigen andere Getränke und Speisen verabreicht werden können. Für die Aufrechterhaltung guter Sitte und Ordnung in den Schankstätten ist der konzessionirte Wirth verantwortlich. Personen unter 16 Jahren, die sich nicht unter Aufsicht großjähriger Personen besinden, sollen in der Regel geistige Getränke nicht erhalten, ebensowenig Betrunkene und notorische Trunkenbolde. Der Wirth soll einen Betrunkenen, dem er geistige Getränke verabreicht hat, nur dann aus seinem Lokal weisen dürfen, wenn in hinreichender Weise für Beförderung nach Hause oder nach der Polizei gesorgt ist. Der Entwurf enthält ferner folgende privatrechtliche Bestimmungen. Gast- und Schankwirthe dürfen geistige Getränke zum Genuß auf der Stelle nicht auf Borg verabreichen. Wer infolge von Trunksucht seine Angelegenheiten nicht zu besorgen vermag, oder sich oder seine Familie der Gefahr des Nothstandes aussetzt, oder die Sicherheit anderer gefährdet, kann entmündigt werden. Schließlich ist noch bestimmt, daß die Bestimmungen der Gewerbeordnung über den Betrieb der Gast- und Schank- wirthschaft, sowie über den Kleinhandel mit Branntwein auf Konsum- und andere Vereine auch daun Anwendung finden, wenn der Betrieb auf den Kreis der Mitglieder beschränkt ist.
* Der Kaifer hat bei der gestrigen Tafel das neuerdings unter Benutzung von Weizenmehl gebackene Kommißbrod einer Prüfung unterzogen, die befriedigend ausgefallen sein soll.
* Englischen Meldungen zufolge beabsichtigt der Kaiser, die britische Flotte einzuladen, im nächsten Frühsommer Kiel und andere deutsche Häfen zu besuchen.
* Die Siege Emin Pascha's, von denen wir gestern berichteten, stellen sich sehr rasch als eine Mystifikation des Brüsseler Mouvement Geographique, des Organs der Congo-Regierung, heraus. Dasselbe hat sich diesen mindestens sehr eigenartigen .Scherz' gestattet, angeblich, um „durch ein abschreckendes Beispiel vor den vielen abenteuerlichen Nachrichten zu warnen, welche über Emin verbreitet werden. Dazu scheint das hier benutzte Mittel etwas zweifelhaft. Die Frage, wo Emin Pascha sich zur Zeit besindet, bleibt jeden- falls eine offene. Die letzte authentische Nachricht von ihm besagte, daß er am 22. März von Kafuro m Karagun in nordwestlicher Richtung abmarschirt ist. Ob er diese Richtung beibehalten oder ob er wirklich, wie bisher unverbürgte Nachrichten besagen, später nach Süden abgeschwenkt ist, darüber müssen die nächsten Nachrichten endlich Klarheit bringen.
* Daß die Ueberfüllung im höheren Lehrfach groß und die materielle Stellung der Lehrer nicht sonderlich
* Die Vergnügungssucht, ein Krebsschaden unserer Zeit.
Die Klage über das Ueberhandnehmen der sowohl in finanzieller als auch in sittlicher Beziehung so bedenklichen Vergnügungen und Lustbarkeiten auch unter der Landbevölkerung ist leider nur zu begründet. Wie eine ansteckende Krankheit ergreift das Nebel immer weitere Volksschichten und droht das so bewährte und der christlichen Landbevölkerung so heilsame „Ländlich sittlich" als nicht mehr zeitgemäß zu beseitigen. Das im Schweiße des Angesichts, mühsam erworbene Geld wird in wenigen Tagen wieder verjubelt oder doch zum großen Theile so verschwenderisch vergeudet, daß man sich erstaunt fragen muß, wo bleibt da noch der gesunde Menschenverstand? Ein Sprüch- wort sagt: „Spare in der Zeit, so hast Du in der Roth." Niemand weiß, was ihm die nächste Zukunft bringen wird. Aber daran denkt man heut zu Tage nicht mehr. Es wird immer nur darauf losgejubelt, bald im Kriegerverein, bald im Gesangverein, bald im Turnverein, bald ist es die eigene Kirchweih im Orte, bald sind es die Kirchweihen oder Lustbarkeiten in der Nachbarschaft. Wie mancher Familienvater und Junggeselle würde von dem so oft nnnöthig verausgabten und verschwendeten Gelde einen viel nützlicheren Gebrauch machen können, der Eine zum Besten der Familie, zur Beschaffung nothwendiger Lebensmittel, oder Kleider und Hausgeräthe, der Ändere zur Begründung einer festen, sicheren Existenz für die Zukunft. Aber nein, solche naheliegenden, durch Ehre und Pflicht, ja schon durch Klugheit gebotenen Erwägungen werden einfach außer Acht gelassen oder im Keime erstickt durch die unselige Macht der zur Krankheit gewordenen Vergnügungssucht. Wo soll das hinaus, wenn es so weitergeht? .
Doch der Schaden in finanzieller Hinsicht ist noch nicht einmal der schlimmste. Weit verderblicher sind die Folgen dieser Vergnügungssucht in sittlicher Beziehung. In der Regel sind mit solchen Festen auch Tanzbelustigungen verbunden. Der hl. Franz von Sales vergleicht diese gefährlichen Belustigungen mit den Pilzen, und bemerkt zu ihrer Würdigung: Auch die besten taugen nichts. Gelegenheit macht Diebe, sagt ein Sprüchwort, sie macht aber auch Trinker. Unmäßigkeit, Zank, Streit, Schlägerei bei den Einen, Ausschweifungen, Unsittlichkeit in Wort und That bei den Anderen, namentlich der Jugend, das sind nur zu oft die Folgen dieser maßlosen, ungeregelten Vergnügungssucht. Daß solche Auswüchse einer krankhaften Sinnlichkeit mit all' den schlimmen Folgen, für den Einzelnen wie für das Gesammtwohl der Gemeinde einen feeleneifrigen Pfarrer oft mit tiefem Schmerz erfüllen, ist begreiflich. Hat er als Hirt der Gemeinde doch die Pflicht, alle ihm anvertrauten Seelen, soweit es auf ihn ankommt, in den Himmel einzuführen. Und nun muß er oft zusehen, ohne es ändern zu können, wie der Teufel durch allerlei Kunstgriffe ihm feine seelsorgerliche Thätigkeit erschwert und, wenigstens
sicht wahrnahm. „Recht hast Du, aber laß uns nun lieber denken, rote wir ihr helfen, können. Also, das älteste Mädchen bügelt; drüben im Vorderhause sucht man Jemanden, der das gut versteht. Warten Sie, ich frage mal nach; vielleicht ließe sich da was machen.
Nach einer guten Weile kehrte sie mit der Nachricht zurück, daß Christine am folgenden Morgen dort vorsprechen solle. Margareth dankte innig und stand auf, um zu gehen. Die Fron aber ging zum Schranke, nahm ein Brod heraus und schnitt es zur Hälfte durch, dann schüttelte sie einige Pfund Kartoffeln in den kleinen Korb ihres Gastes und legte ein sauber emgeimckeltes Stück Wurst obenauf. Jakob Mertens aber zog em Fünfgroschenstück aus der Tasche und sagte:
„Das'ist für Holz und Kohlen. Wenn's einmal arg gut geht, so briugt's mir wieder, sonst nicht."
Jetzt fand Margareth kein Dankeswort mehr. Um ihren festgeschlosfenen Mund zuckte es schmerzlich, sie drückte den beiden braven Leuten die Hand und ging stumm hinaus.
Auf der Straße fuhr ein Wagen hart an ihr vorüber. Thea v. M.'s strahlende Augen blickten durch die leicht angehauchten Scheiben und sich zu der neben ihr sitzenden Mutter wendend, sagte sie entrüstet:
„Siehst Du, Mama, da geht die Wäscherin ! Ihr Korb scheint ganz schwer zu sein — sie hat gewiß em-
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Vierteljährlicher Abonn^ementsoreis W™8- * -
theilweise, wieder zerstört, was er aufgebaut hat. Doch, das fei allen Seelforgern zum Tröste gesagt: Was man beim besten Willen nicht hindern und ändern kann, das hat man auch vor Gott nicht zu verantworten. , .. ,
Wer nicht hören will, muß fühlen, das gilt auch ^^Man braucht nicht gerade an ein sogen. Gottesgericht zu denken, man kann aber doch der Meinung fein, daß die mancherlei Calamitäten, die verschiedenen Unglücksfälle, welche in jüngster Zeit wieder über uns hereingebrochen sind, eine Strafe Gottes sind. Jedenfalls kann es nur heilsam sein, wenn wir uns demüthig beugen unter der strafenden Hand Gottes, defsen zeitliche Strafen ja immer auch ein Ausfluß der Barmherzigkeit sind. Nichts geschieht von ungefähr, alles kommt von oben her. Gott zeigt dem Blitze feinen Weg, den er nehmen soll. Er bedient sich der Elemente um Segen zu spenden, aber auch zur Bestrafung der Menschen, wenn sie seiner Stimme nicht gehorchen. So geschah es im alten Bunde bei dem Volke der Inden, darf es da uns Wunder nehmen, wenn Gott der Herr auch das christliche Volk durch Strafen zur Einkehr in sich selbst zu führen, in barmherziger Liebe für gut findet? Gehen wir daher alle in uns, prüfen wir 'unser bisheriges Leben, ob wir da nicht manches zu bessern finden. Und wenn diese Selbstprüfung zu unfern Ungunsten ausfällt, dann bereuen wir, was wir gefehlt haben, und Gott der Herr wird uns auch seine Liebe und Gnade wieder zuwenden.
Jedenfalls ist unsere Zeit der Heimsuchungen, wo ganze Ortschasten seufzen unter den schweren Schicksalsschlägen der göttlichen Vorsehung und Weltregierung, nicht darnach angethan, in Saus und Braus zu leben, rauschenden Lustbarkeiten sich hinzugeben und Geld zu vergeuden, das zur Linderung der Roth, zur Stillung des Hungers viel nützlicher und zugleich auch verdienstlich für die Ewigkeit angebracht und verwendet werden kann. Mögen vielmehr alle, welche noch ein Herz haben für die Roth ihrer armen Mitmenschen, gern Opfer, auch persönliche Opfer bringen, gern auf Vergnügungen und Lustbarkeiten verzichten, um sich so in den Stand zu setzen, desto reichlicher helfen zu können da, wo rasche Hülfe Noth thut. „Was ihr dem geringsten meiner Brüder gethan, das habt ihr mir gethan."___________________________
Deutsches Keich.
S8erlin, 26. August.
* Der Gesetzentwurf, betreffend die Bekämpfung des Mißbrauchs geistiger Getränke liegt jetzt im Wortlaut vor. Er macht die Ertheiluug der Erlaubniß für sämmtliche Arten des Schankgewerbes und Kleinhandels mit Branntwein vom Nachweife des vorhandenen Be- dürfniffes abhängig. Als Kleinhandel soll der Handel mit Branntwein oder Spiritus gelten, welcher anders, als in Gefäßen mit mindestens 50 Liter Inhalt stattfindet. Den Kleinhändlern soll verboten sein, Brannt- das schreckliche Nagen in ihrem Innern zum Schweigen zu bringen, war es, als ob sie über allen Hunger hinaus sei. Auf das herzliche Zureden der Fran erzählte sie endlich von ihrem vergeblichen Gange und der Noth zu Haufe; aber kein Wort der Anklage gegen ihren Mann glitt über ihre blutleeren Lippen. Sie bedachte nicht, daß eine solche fortdauernde Armuth nur so oft das Aushängeschild eines liederlichen Familienvaters ist. „ , m
„Fern? Johannes Fern?" sagte da Jakob Mertens sinnend und nahm seine Pfeife aus dem Munde. „Den müßt' ich kennen. Ist das nicht der Fabrikarbeiter,, der unter die Sozialdemokraten gegangen ist? Ja, ja, 's ist richtig fo — er ist jetzt einer der Hauptschreier, predigt von allgemeinem Umsturz und Weltverbesserung, vertrinkt seinen Verdienst, statt für Weib und Kinder zu sorgen. Das Treiben steckt an, tote die Pest; 's ist wie Gift, das sich ins Herz hineinfrißt, und was kommt am End' dabei heraus? _ Nichts, als Elend, Hunger und Kummer. — Wenn statt all' dem Gefasel zu Hause tüchtig gesorgt und geschafft und des Sonntags in ihren ewigen Vereinen nicht so viel oerjubelt würde, bann säh's bald besser aus, und gar mancher Spargroschen könnt' zurückgelegt werden für harte Zeiten."
„So, Jakob, nun soll's genug sein," mahnte die Fran, welche die peinliche Röthe auf Margareth's Ge-