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JM 195

Donnerstag, den 27. August 1891.

18. Jahrgang

FuldaerMZeituiig

Erscheint täglich. Sonn« und Feiertage ausgenommen. — Inserate tosten die einspaMge Zelle oder deren Raum 15 Ls., bei Wiederholungen

»terteljührlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen LomüagSbellage ,Sterne und Blumen^und der alle 14 Tage erscheinende ***** .Rathgeber für Landwrrthschaft, Gartenbau und Hauswesen m Fulda und auswärts 1 Mart 50 Pfennig._____________________

Deutsches Keich.

Berlin, 25. August.

* Emin Pascha soll seine Aequatonalprovinz zurück­erobert haben; so wird gleichzeitig aus London und Brüssel gemeldet: Emin hätte auf der Insel Msua am Westufer des Albertsees) seinen früheren Lieute­nant Selim-Bey angetroffen. Mit ibm und den treu gebliebenen Soldaten habe er die Offensive gegen den Mahdisten Omar Saleh ergriffen. In einem Auf­stande der sudanesischen Soldaten in Wadelai sei Omar Saleh getödtet worden. Emin habe in Wadelai seine Elfenbeinvorräthe vorgefunden, 6000 Zähne, gleich einer Summe von 31j2 Millionen Franks. Nach der Einnahme von Wadelai hätten sich die Derwische nochmals gegen die siegreichen Truppen von Emin und Salim-Bey gewandt. Es sei zu einem blutigen Kampfe vor Dusile gekommen. Emin habe gesiegt und nun mit den sudanesischen Truppen nach einander Labore, Maggi, Kirri, Bedden, Redschaf und Lado besetzt, über denen allen jetzt die deutsche Flagge wehe. — Die ganze Erzählung findet hier wenig Glauben.

* Der Annahme, daß der Plan einer Gehaltsauf­besserung der höheren Lehrer in Preußen einstweilen fallen gelasfen worden sei, wird jetzt von be­rufener Seite entgegengetreten, mit dem Hinzufügen, daß bei den staatlichen Anstalten naturgemäß der An­fang werde gemacht werden müssen.

* Der „Evangelische Bund" macht die Tagesord­nung bekannt für eine am Montag, den 28. Septbr. in Kassel beginnende Hauptversammlung. Die erste öffentliche Hauptversammlung wird am Mittwoch, 30. September, 9 Uhr früh, beginnen. Die Eröffnungs­ansprache hält Graf v. Wintzingerode-Bodenstein, den Vortrag Professor Dr. Kawerau Kiel, über das Thema: „Das Verhalten der römischen und der evangelischen Kirche zum^Staat." Abends 8 Uhr findet große Fest - versammlung der Bundesmitglieder und der evangeli­schen Bürgerschaft mit fest bestimmten Vortragsgegen­ständen und Rednern statt. Am Donnerstag, 1. Okt., wieder 9 Uhr Morgens beginnend, wird die zweite öffentliche Hauptversammlung abgehalten. In derselben erstattet den Generalbericht der Schriftführer, Kon- sistorialrath Dr. Leuschner, den Vortrag hält Professor Dr. Haupt, Halle a. S., über das Thema: „Pro­testantische Charakterschwächen." Nachmittags halb 4 Uhr findet Festmahl auf „Wilhelmshöhe" statt.

* In der Zeit vom 1. August 1890 bis 31. Juli 1891 sind an Zuckerrüben verarbeitet worden 106233194 Doppelzentner gegen 98226352 Doppelzentner in dem­selben Zeitraum des Vorjahrs. Die verarbeitete Me­lasse betrug 3040286 Doppelzentner (gegen 2569012). An Rohzucker ist produzirt a) erstes und zweites Pro­dukt 11716429 (gegen 11205485) Doppelzentner, b) Nachprodukte vom dritten Produkt 881437 (gegen 831987) Doppelzentner, während raffinirter und Kon­sumzucker 7507317 (gegen 679213) Doppelzentner er­gaben.

* In Hamburg ist am 1. August d. I. bei der

G Im Sturme der Zett.

Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert. (10. Fortsetzung.)

Sie waren nicht gesättigt worden; sie hatten gleich­sam nur geistig gekostet, wie es sein und auf der trockenen Zunge so köstlich munden müsse, wenn sie einmal wirk­lich einen kleinen Theil von all' den guten Dingen greifbar besitzen würden; aber die Zeit war darüber hingegangen, ohne daß sie nutzlos über ihr Elend nach­gedacht oder ihr Mund nach Brod geschrieen hätte! Und so hatte sich das Mittel als gut erwiesen. Nur einmal, bei einer besonders lebhaften Schilderung, hatte die ältere Bärbel leicht aufseufzend gefragt:

„O Christel, wann wird auch bei uns wieder ein Helles Feuer aufflackern, wann werden wir etwas An­deres erhalten, als Wasser und eine harte Brodrinde?"

Christinens Helles Auge suchte das Düster vor ihr zu durchdringen. Ihr Blick schweifte nach dem Fenster, wo der Wind die Schneewolken am Himmel hin- und hertrieb. „Wann'?" fügte sie gedankenvoll, „vielleicht heute, vielleicht morgen; — ach Bärbel, jedenfalls erst, wann Gott will!"

O, ihr armen Kinder! Gott schütze euch in eurer Roth, aber wähnt nur nicht, euer Leid sei übergroß! Ihr fühlt nur den körperlichen Mangel, während sie, die eure Mutter war, zehnfach mehr litt plS ihr! Sie

Navigationsschule im Seemannshause eine Untersuch­ungsstelle für die Untersuchung der Seeleute auf Farben- blindheit in Thätigkeit getreten. Die Untersuchungen finden bis auf Weiteres gebühren- und kostenfrei statt.

* Köln, 22. Aug. Die gestrigen Berathungen der Präsides der katholischen Gesellenvereine wurden eingeleitet durch eine heil. Messe, welche Herr Kardinal Gruscha Vormittags 8 Uhr in der Minoriten­kirche am St. Josephs - Altäre vor dem Grabe des seligen Kolping celebrirte. Erster Gegenstand der Ver­handlungen war die Gesellenhausnoth. In letzter Zeit sind an mehreren Orten, namentlich in Süddeutsch­land und in der Schweiz, mehrere Vereine in die Lage versetzt worden, aus gewissen Gründen eigene Vereins­häuser erbauen zu müssen und dadurch auf Zuwen­dungen der gesammten Brudervereine angewiesen wor­den. Namentlich der Verein in Zürich ist durch den Bau eines großen Gesellenhauses in eine etwas schwie­rige Lage gerathen. In der Versammlung wurden mehrfach Wünsche laut, nicht zu umfangreiche Bauten auszuführen, damit man nicht in eine zu große Schul­denlast gerathe. Auch wurde gewarnt, große Neubauten auszuführen, welche zu allen möglichen Vereinszwecken benutzt werden sollen. Auch hielt man es nicht für empfehlenswerth, den Gesellen-Hospizen den Namen be­rühmter Parlamentarier, wie des sei. Windthorst, bei­zulegen, da sie dadurch einen politischen Beigeschmack erhielten, den man auch vermeiden müsse, weil Gesellen­vereine sich überhaupt nicht mit Politik beschäftigen sollen. Die Versammlung beschloß schließlich, nach Er­ledigung des Dotationsfonds einen weiteren Fonds zu sammeln, welcher es möglich mache, aus demselben den Diözesan-Präsides Mittel zur Unterstützung be­dürftiger Vereine zu gewähren. — Gegen 9>/t Uhr erschien Herr Kardinal Gruscha, um an den Ver­handlungen theilzunehmen. Herr Domkapitular Abt überbrachte der Versammlung die Grüße des Herrn Bischofs von Limburg, welcher an den Verhandlun­gen den lebhaftesten Antheil nehme. Herr Diözesan- Präses Maurer theilte der Versammlung die schrift­lich eingegangenen Grüße und Segenswünsche des Herrn Erzbischofs von Bamberg mit. Dann wurde in der Berathung über die Beschlüsse der Bamberger Konferenz fortgefahren. Die Versammlung nahm folgende An­träge einstimmig an:

„Die Vereins - Festlichkeiten sollen in bescheidenen Grenzen verbleiben, und wird in Betreff derselben Folgendes beschlossen: a) Die jährlichen Stiftungsfeste sind in der Regel ganz als lokale zu betrachten und zu behandeln. Der Beschluß des bayerischen Central-Vereins München, wonach die Stiftungsfeste nur in be­stimmten Terminen mit einigem Pompe begangen werden sollen, wird zur Nachahmung empfohlen, b) Bei Fahnenweihen, zumal in ganz neuen und noch nicht fest begründeten Vereinen, sind die Einladungen auf einige wenige Nachbar-Vereine zu beschrän­ken und sollen sich, wo immer thunlich, nur aus Brudervereine erstrecken, c) Bei den Jubiläen des 25jährigen Bestandes ist die Feier in möglichst bescheidenen Grenzen zu halten. Es wird auf­merksam darauf gemacht, daß keine Feierlichkeiten stattfinden, welche über die Verhältnisse des betreffenden Vereins und das Maß seiner Mittel hinausgehen und namentlich mehrere Tage in Anspruch nehmen, d) Auch bei Einweihung von neuen Ge­sellenhäusern ist es wünschenswerth, diese Feier in richtigen und trug die Qualen von jedem Einzelnen von euch in der eigenen Brust, und hätte nicht der starke Arm des Allgütigen sie gehalten und geleitet, so hätte sie viel­leicht nicht die Kraft gehabt, zu euch zurückzukehren!

So aber kämpfte sie standhaft gegen den eisigen Märzsturm an, und als der Wind ihr den Schnee in's Gesicht trieb, da zog ihre Hand hastig das wollene Kopftuch tiefer in die Stirne — just wie an jenem Dezember-Abend auf der heimathlichen Höhe; nur daß die Gestalt, über welche jetzt die glitzernden Flocken hintanzten, hager, die Hand schwach und das Herz muthlos geworden war.

Ihr Weg war weit. Droschken und Pserdebahnen rasselten an ihr vorbei, und die sich schiebenden und drängenden Fußgänger hemmten oft ihr Vorwärtskom- men; das Getöse verwirrte sie und einmal war es ihr, als müsse sie mitten in der belebten Straße zusammen­sinken. Nach einer weiteren Viertelstunde war der südliche Stadttheil endlich erreicht.

Hier erschien alles ruhiger und sfiller; feinere Wagen und Passanten strebten diesem Ziele zu. Margareth athmete auf. Da trug ein luftig pfeifender Bursche ein Brett mit schön verziertem Kuchen und einem herrlichen Blumenstrauß an ihr vorüber; als der be­täubende Dust und mehr noch, als der süßliche Geruch des frischen Backwerks ihr entgegenströmte, da über» wältigte sie eine plötzliche Uebelkeit. Sie schauderte

bescheidenen Grenzen zu halten. Da es sehr übele FolgenHhat, wenn ein Verein gleichsam auf das Vergnügen gegründet?wird, um die Zinsen einer Schuld zu decken, so möge verhindert wer­den, daß das Bereinshaus ein Wirthshaus für Alle werde."

Tänze und Bälle wurden als nicht in die Gesellen­vereine und Vereinshäuser gehörig bezeichnet. — Die weiteren Verhandlungen betrafen die Art der Ausdeh­nung der Unterstützungen an wandernde Mitglieder, freie Nachtherberge und Frühstück u. s. w. Geldunter­stützungen sollen in keinem Falle gegeben werden. — Gegen 12l/sUhr schloß der Herr General-Präses die Verhandlungen. Der Redner sprach sodann noch­mals den Herren Präsides für ihre rege Theilnahme seinen Dank aus. Er wünsche, daß bei der in 6 Jah­ren wieder stattfindenden General - Versammlung, die vielleicht in einer mehr im Herzen Deutschlands gele­genen Stadt, wie Bamberg, München oder Stuttgart abgehalten werde, dieselbe rege Theilnahme sich zeigen möge. Darauf wurde die Versammlung mit einer An­sprache des Herrn Kardinal-Fürsterzbischofs Gruscha geschlossen. Am Abend vereinigten sich viele Präsides zur gemüthlichen Unterhaltung in der Bürger-Gesell­schaft, welche ihre Räume bereitwilligst zur Versügung gestellt hatte. Heute trat eine große Zahl der Gäste die Pilgerfahrt nach Trier zur Verehrung des hl. Rockes an. Auch die Herren Kardinal-Fürsterz­bischof Gruscha aus Wien und Bischof Wahl sind heute Morgen 11 Uhr 44 Min. zur Ausstellung des heil. Rockes nach Trier gefahren.

* Trier, 22. Aug. Die Meldungen einiger Blätter über eine ungewöhnliche Preissteigerung der Lebens­mittel ist unbegründet. Nur vereinzelte Restaurationen haben eine kleine Vertheuerung eintreten lassen; die Mehrzahl hat normale Preise beibehalten. — 23. Aug. Heute sind 60,000 Pilger hier. Die Straßen sind gedrängt voll Menschen. Eine Frau aus Cochem geriet!) unter die Pferdebahn und war sofort todt.

* Düsseldorf, 23. August. Ein recht heiteres Stückchen knüpft sich an die steckbriefliche Verfolgung des Herrn Fusängel. Vergangene Woche machte, wie die .Germania' berichtet, etn Verwandter desselben, der Fußangel ähnlich sieht und dazu auch noch diesen Namen trägt, der Schwester desselben einen Besuch hierselbst. Gar bald kommt ein Polizeibeamter in das Haus und sucht bei den Bewohnern der Parterre­wohnung in Erfahrung zu bringen, ob sich Herr Fus- angel hier aufhalte. Da er auf seine Erkundigungen eine unbestimmte und, wie ihm scheint, eine ausweichende Antwort erhält, entfernt er sich wieder. In kurzer Zeit ist ein höherer Polizeibeamter zur Stelle und verlangt in der betreffenden Familie, in der der Verwandte des Herrn Fusangel weilte, die Auslieferung des Chef­redakteurs Fusangel, der sich hier verborgen halte. Man vermochte den Polizeibeamten von der Unrichtig­keit seiner Annahme nicht zu überzeugen, und stellte man demselben schließlich den vermeintlichen Sünder vor. „Im Namen des Gesetzes sind sie verhaftet;" mit diesen Worten wurde der Arglose begrüßt, und man kann sich das verblüffende Gesicht desselben denken. Jndeß war die „glückliche Erwischung" des Herrn zusammen und schritt schneller auf eines der villenar­tigen Häuser zu, dessen blanker Thürgriff ihr von Weitem entgegenglänzte. Ach, wie viele Hoffnungen hatten sie im Winter auf den so vornehm klingenden Namen dieser neuen Kundschaft gesetzt!

Mit einiger Mühe stieg sie die mit Teppichen be­legten Stufen hinan und stand bald in einem wohl­durchwärmten Gange.

Da Niemand sie bemerkte, schritt sie weiter und gelangte an ein offen stehendes Zimmer, bei dessen Anblick sie unwillkürlich stutzte.

Ein junges Mädchen verweilte vor einem Spiegel­schranke und musterte das kostbare, weiße Tüllkleid, welches ihren schlanken Körper umschloß. In dem ge­lockten Haar waren einzelne Schneeglöckchen befestigt und die schlanken Hände bemühten sich, ein Paar arm­lange Handschuhe überzustreifen

Sie war nicht so schön, als die blonde Christel in der Dachkammer, denn ihr Gesicht besaß keinen guten, veredelnden Ausdruck; aber diese rosigen Wangen hatte nie der Mangel erbleichen gemacht, und der warme, gesunde Lebenshauch, der von ihrer ganzen Gestalt ausging, sprach nur vom Ueberflusse.

Jetzt wandte sie sich um, und die Frau bemerkend, fragte sie kurz:

„Sie wünschen'.? Mein Gott, wo steckt denn nur