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j\g 193 Dienstag, den 25. August 1891. 18. Jahrgang

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Deutsches Keich»

Berlin, 22. August.

M * Die zur engeren Konkurrenz für das Kaiser- Wilhelm-National-Tenkmal von den Bildhauern Rein­hold Begas in Berlin, Karl Hilgers in Charlotten- burg und Johannes Schilling in Dresden, sowie dem Architekten Bruno Schmitz in Berlin eingelieferten Entwürfe sind jetzt auf Befehl des Kaisers im Licht­hofe des Berliner Zeughauses aufgestellt und dort der Besichtigung zugänglich. Nach der Rückkehr von der heutigen Parade besichtigte der Kaiser die Entwürfe.

* Der Kaiser nahm heute die Parade über das Garde-Korps anf dem Tempelhofer Felde bei Berlin ab. Die gefammte Parade kommandirte General Meer- scheidt v. Hüllesem. Diefelbe nahm, wie immer, einen glänzenden Verlauf. Taufende und Abertausende hatten sich sowohl auf dem Paradefelde selbst, wie an den zuführenden Straßen aufgestellt, um das militärische Schauspiel zu verfolgen. Mit dem Kaiser, der einen Vollbart trug, war die Kaiserin gekommen. Der Kaiser bestieg das Paradepferd leicht und elegant; von einer Behinderung in Folge des Unfalls auf der „Hohen- zollern" war nicht das Geringste zu verspüren. Auch die Kaiserin stieg zu Pferde. Nach der Kritik setzte sich der Kaiser an die Spitze der Fahnenkompagnie und ritt unter Hochrufen der Bevölkerung in Berlin ein. Nachmittags fand im Schlöffe Paradediner und Abends im Opernhause Mllitär-Festvorstellung statt.

* Im Militär - Wochenblatt' schreibt der Oberst­lieutenant im Großen Generalstabe von Lesczynski: „Im Laufe dieses Monats noch wird der zuerst fertig ge­stellte Band der von der Familie von Moltke unter­nommenen Veröffentlichung der gesammelten Schriften und Denkwürdigkeiten des Feldmarschalls im Buchhandel erscheinen. Er tritt, obgleich nach dem Gefammtplan der Publikation der dritte in der Reihe, als erster in die Oeffentlichkeit, weil sein Inhalt, der Hauptsache nach eine kurz gefaßte Geschichte des letzten großen Krieges, druckreif bereit lag. Der Feldmarschall hatte diese Ge­schichte im Frühjahr 1887 begonnen und sie Anfang 1888 beendet. Die Veranlassung zu ihrer Entstehung geben Gespräche mit seinem Neffen, dem ihm als Adju­tanten beigegebenen Major von Moltke. Dieser hatte wiederholt versucht, den Feldmarschall zur Aufzeichnung von Erinnerungen aus feinem Leben zu bewegen, war aber stets entschiedener Ablehnung begegnet. „Alles, waS ich Sachliches geschrieben habe und was des Auf- hebens werth ist, liegt im Archive des Generalstabes, meine persönlichen Erinnerungen sind besser mit mir begraben," hatte der Feldmarschall erwidert und seinem Widerwillen gegen das Niederschreiben von Denkwür­digkeiten unverhohlen Ausdruck gegeben. Er war der Ansicht, der Memoirenschreiber laufe leicht Gefahr, der persönlichen Eitelkeit zu fröhuen. Als er von Neuem gebeten wurde, über den letzten Krieg schriftliche Mit­theilungen zu machen, entgegnete er seinem Neffen: „Ihr habt ja die vom Generalstabe herausgegebene Geschichte des Feldzuges, da steht ja Alles drin," füfte aber freilich hinzu: „Sie ist für die große Menge der

efi Im Sturme der Zeit.

Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert. (8. Fortsetzung.)

Als Margareth am Spätnachmittage zurückkehrte, glaubte sie viel erreicht zu haben. Da sie als sehr fleißig bekannt war, hatte sie für sich noch zwei Äuf- wartestellen gefunden; vor Allem aber einen Dienst für Christine. Dann hatte sich der Bauer, bei welchem Johannes einst zuerst Arbeit erhalten, bereit erklärt, den Martin in seiner Landwirthschaft zu verwenden. Er sei ein kräftiger Bursche und könne einstweilen den Knechten an die Hand gehen. Lohn gäbe es zwar noch nicht, dafür aber die Kost. Margareth ging freudig darauf ein; bis Adam, der zweite Sohn, aus der Schule entlassen wurde, hoffte sie, einen Theil des für diesen etwa nöthigen Lehrgeldes zufammeugespart zu Haven.

Was Bärbel anging, so war die unter Christel's Pflege langsam herangewachsen zu dem, was sie zwar immer bleiben würde, zu einem elenden, verkrüppelten Geschöpfe, — der Aermsten unter Allen! Aber sie hatte mit Hülfe der älteren Schwester an einer kleinen Krücke ein wenig gehen gelernt, war wunderbar ge­duldig und von stillem, sinnigem Gemüth. Später bat sie Christinen, ihr auch das Nähen und Wäsche­

Leser zu betaißirt und fachmännisch geschrieben, man müßte sie einmal auszugsweise bearbeiten." Als er nun am nächsten Morgen das Generalstabswerk auf seinem Schreibtische bereit gelegt vorfand, machte er stillschwei­gend sich an die Arbeit, ein Riesenwerk für einen Sieben­undachtzigjährigen und führte sie ohne Unterbrechung zu Ende."

* Aus Ostpreußen wird der ,N. A. Z.' gemeldet: „In Ostpreußen ist die Roggenernte vollständig, die Gerste- und Weizenernte zur Hälfte geborgen. Die russische Roggenausfuhr ist kolossal, alle Häfen laden, was immer bewältigt werden kann, und unsere Grenz­stationen sind mit den angesammelten Roggenwaggons überfüllt. In Wirrballen allein sind gestern 3—400 Waggons eingetroffen und matten auf deutfche Wagen zur lofen Schüttung und Ueberführung nach Deutsch- land. Bis zum 27. d. M. werden Eydtkuhnen allein sicher 1000 Waggons passiren. Die Roggenpreise in Kowno sind von 135 auf auf 95—100 Kopeken pro Pud gesunken." In Uebereinstimmung damit wird aus Warschau berichtet: „In sämmtlichen Gouvernements Polens werden umfangreiche Roggenankäufe zum sofortigen Bahnversandt nach Preußen gemacht. Man berechnet das Gesammtquantum, welches bis 27. August zur Verladung gelangt, aus mindestens 30,000 Tonnen. In hiesigen kaufmännische» Kreisen herrscht allgemein die Ueberzeugung, daß das Ausfuhrverbot in spätestens 3 Monaten aufgehoben wird. Die Ernte in Polen ist gut.“

* Mittelst Note vom 10. d. M. hat die kaiserlich­deutsche Gesandtschaft in Bern dem eidgenössischen Bun­desrath den Beitritt des deutsch-oßafrikanische» Schutz­gebiets zum Pariser Uebereinkommen vom 4. Juni 1878, betreffend Austausch der Postanweisungen, sowie zum Lissaboner Zusatzabkommen vom 21. März 1885 notifizitt.

* Seit den letzten großen Eisenbahnunfällen bilden Eisenbahnnnfälle eine stehende Rubrik in den Zeitungen. Jeder an sich harmlose Unfall wird aufgebauscht und an die große Glocke gehängt, so daß es fast den An­schein gewinnen könnte, als gehöre es zu den lebens­gefährlichsten Experimenten, sich der Eisenbahn anzu­vertrauen. Häufen sich die Eifenbahnunfälle wirklich in Besorgniß erregender Weise? Mit Nichten! Man kann wohl behaupten, daß verhältnißmäßig ebensoviele Personen beim Spazierengehen zu Schaden kommen als auf der Eisenbahn. Zugentgleisungen und Zu­sammenstöße von Zügen sind, so lange es Eisenbahnen gibt, vorgekommen und sie werden auch in Zukunft vorkommen. Ueber die beim Betriebe auf deutschen Bahnen vorkommenden Unfälle wird im Reichselsen­bahnamt gewissenhaft Buch geführt und werden statistische Tabellen darüber veröffentlicht. Die Ziffern der bayerischen Bahnen sind in dieser Tabelle nicht ent­halten und zwar mit Rücksicht auf das bayerische Reservatrecht. Die letzte der veröffentlichten Tabellen betrifft den Monat Juni. In diesem Monat kamen auf deutschen Bahnen ausschließlich Bayerns auf freier Bahn 13 Entgleisungen und 2 Zusammenstöße, in Stationen 24 Entgleisungen und 13 Zusammenstöße zeichnen zu lehren. Da sie sehr schnell begriff und eine leichte, geschickte Hand hatte, so brachte sie es in kurzer Zeit so weit, daß sie allwöchmtlich einige Gro­schen zum Unterhalte beisteuern konnte. Als indeß der Vater feltener heimkehrte, die Portionen knapper und die Stube kälter wurden, da begann ein böser Husten Bärbel's schwache Gesundheit zu untergraben. Kalter Schweiß trat öfter auf die bleiche Stirne und wieder und wieder drückte sie die Hand auf das heftig pochende Herz. Christine sah es einst uüd warf der Mutter einen bittenden Blick zu. Da ging diese nach dem Platz am Fenster, nahm die Näharbeit aus der zitternden Linken ihres Kindes und stieß hastig die Worte hervor:

„Jetzt nicht mehr!"

Das blasse Mädchen aber schlang plötzlich den Arm um ihren Hals und fragte:

„Gelt, Mutter, Ihr seid mich doch nicht müd', wenn ich auch vielleicht bald nicht mehr arbeiten kann?" .

Die Frau erwiderte nichts. Sie preßte den schmalen Kopf an ihre Brust und beugte sich über ihn, dann ging sie an ihre Arbeit zurück; aber Bärbel hatte es heiß auf ihre Wange tropfen gefühlt.

Von da ab widmete sie sich in den Stunden, da sie sich wohler befand, mehr den jüngeren Geschwistern,

vor. Ferner wurden 8 Fuhrwerke von Zügen über­fahren, in einem Falle brach Feuer im Zuge aus, dazu kamen 212 andere Ereignisse, bei denen Personen, ausschließlich der Selbstmörder, zu Schaden flamen. Die Zahl der beim Eisenbahnbetriebe Getödteten betrug 45, die der Verletzten 242. Unter den Getödteten befand sich nicht ein Passagier. Verletzt wurden 8 Passagiere. Von der Gesammtzahl der Verunglückten, außer den bei Nebenbeschäftigungen Verunglückten, kommt je einer auf 4213733 zurückgelegtt Wagen- Achs-Kilometer.

* Zum Kapitel „Vergnügungssucht" bringt der Jahresbericht der Düsseldorfer Handelskammer folgenden Beitrag:

„Die vielen im Stadt- und Landkreise während der Sommer­und Herbstmonate vorkommenden Kirmessen werden von einem großen Theile unserer Bevölkerung so allgemein gefeiert, daß die daraus entstehenden Folgen sowohl für den Arbeiter und seine Familie, wie für den ordnungsmäßigen Betrieb des Handwerks, der kaufmännischen Geschäfte und industriellen Eta­blissements sich höchst nachtheilig erweisen. Dieses regelmäßige Mitfeiern im Stadt- und einem großen Theil des ganzen Land­kreises hat seinen Hauptgrund in der immer mehr um sich greifenden Vergnügungssucht und dem Leichtsinn der arbeitenden Klasse, die keine Gelegenheit, zu feiern, unbenutzt vorübergehen läßt: zum Theil erklärt es sich daraus, daß viele Arbeiter des Bezirks in einem andern, als ihrem Wohnorte, beschäftigt fttt^ in beiden Orten aber Früh- und Spätkirmeß mitfeiern. Wie sehr dieses Feier ausartet, erhellt daraus, daß in einer benach­barten Bürgermeisterei gelegenen Gemeinde, die aus 5 kleinern Distrikten besteht, auch fünf Kirmessen gefeiert werden. Da nun das Kirmeßfest sich nicht auf den Sonntag beschränkt, so ist dir natürliche Folge, daß an den Montagen und meist auch Diens­tagen der Kirmeß-Monate auf manchen Werken stets Arbeiter fehlen, selbst wenn sie wegen ihres Ausbleibens eine empfind­liche Strafe zu gewärtigen haben. Für die betreffenden Werke entstehen dadurch mehr oder minder große Störungen im Betriebe, je nachdem nur einzelne oder eine größere Anzahl von Arbeitern feiern. Ein Wechjel der Arbeitsstätten ist in den Kirmeß-Monate» erwiesenermaMjtzehr groß. In Betrieben, in denen vorzugs­weise FraueHWrsonen beschäftigt werden, sind die geschildetten Uebelstände Mß viel schlimmer als in Etablissements, in denen fast nur uWPliche Arbeiter beschäftigt sind. Frauenspersonen sind, wenn MlNontags zur Arbeit kommen, in Folge der vor­hergegangenen Kirmeß-Sonntag-Feier, weil dieselbe meist sehr lange ausgedehnt wird, vielfach gänzlich außer Stande, ordent­lich zu arbeiten. Wird nun die Kirmeß-Belustigung auf deg Montag und Dienstag erstreckt, so sind sie fast die ganze WoW untauglich zu arbeiten."

* Köln, 20. Aug. Im Laufe der gestrigen Sitzung d« Präsides der kath. Gesellenvereine wurde in Bezug auf den nachstehenden Beschluß der Bamberger Konferenz, „der Modus der Abstimmung bei den General-Versammlungen soll dahin abgeändert werden, daß die bei den genannten Versamm­lungen anwesenden Präsides auch für solche Anwesende, von denen sie zu diesem Zwecke schriftlich bevollmächtigt sind, stimmen können," von der Versammlung folgender Anttag des Herrn Ge­neral-Präses angenommen: „Es möge namentlich der Beschluß der Bamberger Konferenz bezüglich der Bevollmächttgung der anwesenden Vertreter durch die Abwesenden durch die General- Versammlung ratifizirt, über den geeignetsten Modus ein Be­schluß erzielt werden und eventuell die Stellvertretung schon so- fort, b. h. bei dieser General-Versammlung zur Ausführung ge­langen." Ferner gelangten folgende Anträge zur Annahme: Di« Central- und Diözesan-Präsides sollen auch in Zukunft auf Ein­lad ung des General-Präses je nach Nothwendigkeit zu Konferen- zen zusammentreten. Die Beschlüffe dieser Konferenzen bedürfen der Bestätigung durch eine ihnen folgende General-Versammlung. — Die Central- und Diözesan-Präsides sollen alljährlich wenig­stens einmal über Zahl und Stand, sowie das äußere und innere Leben ihrer Vereine dem General-Präses schriftlichen Bericht et« half ihnen bei ihren kleinen Aufgaben und lehrte sie beten, fo wie Christine einst sie gelehrt hatte. Jetzt, wo die Mutter und die älteste Schwester mehr aus­wärts zu fein gedachten, sollte sie die ganze Aufsicht über jene erhalten. Sie waren gut und folgsam ge­artet und liebten die bleiche, kränkliche Schwester; ft würde deren Mühe keine allzu große fein.

Nach ihr kam die kräftigere Susanne; dann noch zwei kleinere Mädchen, und endlich das jüngste Kind, der schwächliche Heinrich.

Nach der Mutter Plan würden sie auf die ausge­dachte Weife ziemlich gut fertig werden können; sie verließ sich nur mehr auf Gottes und ihrer Kinder Hülfe.

Während Margareth die müden Glieder ruhte und noch einmal Alles überdachte, kehrte ihr Mann heim. Er kam heute früher als gewöhnlich; gerade als Bär­bel damit befchästigt war, die kleineren Gefchwister zu Bttt zu bringen.

Mit einer gewissen Erleichterung trat Chttstine auf den Vater zu und bat ihn um feine Einwilligung, da sie fchon am folgenden Tage den neuen Dienst an­treten wolle.

„Dienen?" fragte er mit einer verächtlichen Be­tonung des Wottes und maß feine Tochter mit einem hochfahrenden Blicke, „dienen? Was fällt Euch ein? Das ist wohl ihr Anschlag", — er wies mit einem