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Sonntag, den 23 August 1891. r 8. Jahrgang
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Deutsches Keich.
Berlin, 21. August.
* Gegenüber den Gerüchten über weitere russische Sperrungsmaßregelu verbreitet, nach einem Wolff'schen Telegramm aus Petersburg, die Nordische Tele- graphen-Agentur folgende amtliche Mittheilung; „Angesichts der Versuche, im Auslande das Gerücht zu verbreiten, daß die Ausfuhr aller Cerealien ohne Ausnahme demnächst verboten oder daß zum Mindesten die Ausfuhr von Getreide mit erhöhten Zöllen belegt werden solle, sind wir in der Lage bestimmt zu erklären, daß die Regierung zur Verhinderung der Ausfuhr von Roggen als zur Sicherung des Lebensunterhaltes der Bevölkerung ausreichend erachte und keinerlei neue Maßregeln im Auge habe, die darauf abzielen könnten, die Ausfuhr von Cerealien zu erschweren." Das ist bündig. Rußland hat auch das höchste Interesse daran, solche Gerüchte zu zerstören, die den Rubelkurs immer weiter schädigen und das Ausland auf möglichst gründliche Emancipation vom russischen Getreide Bedacht nehmen lassen.
* Heute wurde das unterirdische Kabel Berlin- München vollendet.
* Aus Danzig wird gemeldet: Das hiesige Königl. Proviantamt hat von der vorgesetzten Dienstbehörde bereits die Anweisung erhalten, mit Ankäufen von Weizen zur Brodverpflegung der Truppen vorzugehen.
* Köln, 20. Aug. Dem gestrigen Pontifikalamte gelegentlich der Generalversammlung der Präsides der kathol. Gesellenvereine wohnten, wie wir bereits mitgetheilt, über 200 Präsides bei. Der hochw. Herr Bischof Dr. Wahl hielt in demselben eine Ansprache, in welcher er unter dem Ausdrucke der Freude über die zahlreiche Theilnahme die Mitbrüder zu treuester Mitwirkung an dem großen, wahrhaft apostolischen Werke des Gesellenvereins aufforderte. Dem weiteren Bericht der ,Köln. Volksztg." entnehmen wir Folgendes:
Die General-Versammlung wurde gestern Margen nach 11 Uhr vom Generalpräses Herrn Domkapitular Msgr. Schäffer mit einer Ansprache eröffnet. Derselbe begrüßte die zahlreichen Theilnehmer, die von nah und fern herbeigeeilt seien, geleitet vom Impuls der Liebe zu ihren Mitmenschen, namentlich zur Jugend des ehrbaren Handwerkes. Man möge seinen Gruß als einen Gruß der Nachlassenschaft des Vaters Kolping entgegennehmen. Möge Gott die Berathungen lenken und den von weit herbeigeeilten Präsides all' die Mühe vergelten, die ihnen ihr Amt auferlegt. Möchten die Berathungen im Geiste der Kirche und im Geiste Kolping's verlaufen. Möge man nicht blos gute
Beschlüße fassen, sondern dieselben auch ausführen. Theorie und Praxis seien aber sehr verschiedene Dinge. Es werde oft vieles beschlossen, aber wenig gehalten. Es freue ihn als Generalpräses, den Gesellenverein mit seinen 80,000 Mitgliedern so zahlreich vertreten zu sehen. Es sei ein Blick, der schöner sei, als ein Blick auf die schönste Landschaft, als auf einen Weinberg, auf dem ersichtlich der Segen des Herrn ruhe. Es sei vielleicht das letzte Mal, daß er einer solchen Versammlung vorstehe. Er spüre die Beschwerden des Alters in dem Amte, das Gott ihm aufcrlegt habe. Redner schloß mit dem Wunsche, daß der Geist der Liebe alle Brüder von der Nationalität Kolping's umfaßen möge. Die Versammlung beschloß darauf, eine Abordnung von drei Mitgliedern zur Begrüßung des Herrn Erzbischofs zu entsenden und den Oberhirten der Erzdiözese zur Theilnahme einzuladen. Zu Ehren-Borsitzeuden wurden die Herren Kardinal- Fürsterzbischof Dr. Grufcha und Apostolischer Vikar Bischof Dr. Wahl erwählt, zu stellvertretenden Vorsitzenden die Herren Diözesanpräses Pfarrer Bergmann-Minden (Paderborn) und P. B. Augustin Gmür-Einsiedeln (Chur), zu Schriftführern die Herren Benefiziaten Mayr (München) und Pauen (Mülheim). Herr Ober - Hofkaplan, Geistlicher Rath Dr. Seywald (Wien) überbrachte Grüße des Herrn Kardinals Dr. Grufcha und regte in kurzer Ausführung die höchst wichtige Frage betreffend den Nachwuchs des Vereins an. Der Wiener Gesellenverein könne bereits eine Lehrlings-Anstalt des katholischen Meistervereins sein eigen nennen. Allerorts müßten solche Seminare errichtet werden, da die Versuchungen der Umsturzparteien sich bereits in den Lehrlingsjahren an den jungen Handwerker herandrängten. Der Vorsitzende stellte entsprechend einem Wunsche des Herrn Kardinals Dr. Gruscha den Antrag, dem hl. Vater eine Dank-Adresse für feine monumentale Eneyklika an den katholischen Erdkreis zu richten. In derselben sollen die Gefühle der dankbaren Söhne Kolping's für die wegweisende Belehrung zum Ausdruck gelangen und gleichzeitig in bescheidener Weise dargelegt werden, was der Gesellenverein seit langen Jahren geleistet habe. Die Absendung der Adresse wurde einstimmig beschlossen. Der Vorsitzende brachte darauf mehrere ihm schriftlich zugegangene Klagen über mißliche Berhältniffe in einzelnen Vereinen zur Sprache, welche der Förderung der Bereinszwecke hinderlich seien. Manche Gesellenvereine seien mehr „gesellige" Vereine geworden, in andern treibe das Klubwesen schädigende Blüthen. Weiter brachte der General-Präses folgende Anträge zur Verhandlung. Die Generalversammlung wolle beschließen: 1. Daß es in hohem Maße wünschenswerth ist, daß die Herren Central- und Diözesan-Präsides öfters zusammentreten. 2. Die Beschlüße dieser Konferenzen sollen in der Generalversammlung geprüft und eventuell genehmigt werden. 3. Die Generalversammlung soll ihre Thätigkeit damit beginnen, daß die Beschlüsse der letzten Generalversammlung verlesen und genehmigt und über ihre Ausführung bezw. Nichtausführung berichtet werde. In letzterm Fall sollen die Gründe angeführt werden. In die Kommission zur Begrüßung des Herrn Erzbischofs wurden die Herren Msgr. Schiffer (Pesth), Prinz Arenberg, Sawicki, Bergmann und Spieckernagel gewählt. Die Versammlung beschloß ferner, die Beschlüße der am 21. und 22. August in Bamberg stattgehabten Konferenz der Central- und Diözesan-Präsides zu den ihrigen zu machen. Es soll weiter eine Kommission aus 5 Mitgliedern gewählt werden, welche die Aufgabe hat, bis zur nächsten Sitzung den Entwurf einer Geschäfts-Ordnung der nächsten General-Versammlung vorzulegen.
* Mainz, 20. Aug. Vor wenigen Tagen ging die Mittheilung durch die Presse, ein Gymnasialrektor habe eine hochnothpeinliche Untersuchung darüber angestellt, ob nicht einige seiner Gymnasiasten einer Maria- nischen Studenten-Kongreg ation angehörten. Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte darnach geforscht, ob nicht andere Verbindungen u. s. w. unter den Gymnasiasten vorhanden seien. Da hätte er jedenfalls andere Dinge gefunden als bei den Kongregationen, z. B. das Liederhest „Vivat Absolvia!" mit seinen
Trinkliedern, von welchen das Mainz. Journ.' sehr bezeichnende Proben bringt. (Siehe unter „Vermischtes.") Manches daraus kann überhaupt nicht wohl gedruckt werden; anderes aber ist zu Nutz und Frommen solcher Lehrer abgedruckt, welche etwa meinen, mit ihrer „modernen" Pädagogik Wunder zu thun. Sie werden darin von der „modernen" Jugend als Pedanten, Flegel, Ignoranten, Verdummer, Phrasenmacher, Dummköpfe u. s. w. in allen Tonarten verhöhnt. Ob wohl die Kongreganisten auch solche Lieder in ihren Gesangbüchern haben?
Ausland.
* Löwen, 20. Aug. Der ehemalige Minister des Innern und des öffentlichen Unterrichts, Jean Joseph Thonissen, ist im Alter von 73 Jahren am Montag hier gestorben. Thonissen war aus Hasselt gebürtig, wurde zunächst Advokat, 1847 Professor des Kriminalrechts an der hiesigen katholischen Universität, 1855 Mitglied der Brüsseler und 1869 der französischen Akademie. Seit 1863 der Abgeordnetenkammer angehörend, wurde er am 26. Oktober 1884 vom König dazu berufen, mit Beernaert ein katholisches Kabinet zu bilden, welches das neue Schulgesetz, wonach es den Gemeinden gestattet ist, die Staatsschulen aufzuheben und freie katholische Schulen für öffentliche zu erklären, in den Kammern zur Annahme brachte. Im Oktober 1887 nahm Thonissen seine Demission. Als Nationalökonom und Rechtslehrer hat der Verstorbene sich durch zahlreiche Schriften einen großen Ruf erworben.
* In Brüssel tagt gegenwärtig, wie bekannt, der internationale Sozialistenkongreß, auf dem auch die deutsche Sozialdemokratie durch ihre hervorragendsten Führer vertreten ist. Auf eine Berichterstattung über die Ergebnisse desselben hätten wir füglich verzichten können, denn das Alpha und Omega der Debatten ist: Die bürgerliche Gesellschaft muß hinweggeräumt werden.
* Haag, 21. Aug. Das neue liberale Kabinet ist folgendermaßen zusammengesetzt: Inneres Tak von Poortvliet, Auswärtiges der bisherige Bürgermeister von Amsterdam, Tienhoven, Justiz Smidt, Finanzen Bankpräsident Pierson, Waterstrat, Handel und JndusMe Lelo, Kolonien W. van Dedem, Krieg Oberstlieutenant Seyffartdt, Marine Ingenieur Jansen. Der KabinetS- wechsel ist bekanntlich eine Folge der letzten Kammerwahlen, bei denen sich Katholiken und protestantische Konservative entzweiten und so den Liberalen zu einer Mehrheit, wenn auch nur von einigen Stimmen, verhalfen.
* Mailand, 21. Aug. Das katholische Blatt ,Lega Lombardia' verzeichnet neuerdings das Gerücht von dem bevorstehenden Rücktritt Kardinal Rampolla's als Staatssekretair.
* Wegen der Unruhen in China, bei denen Europäer getödtet und Eigenthum von Europäern zerstört wurde, haben die Vertreter der Mächte gemeinsame Reklamattonen in Peking erhoben. Ansängliä, schienm diese Reklamationen wenig Eindruck zu mach, nachdem dieselben aber dringender wurden zeigen die chine-
* Im Sturme der Zett.
Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert. (7. Fortsetzung.)
DaS war ein Ringen und Sorgen gewesen! Wenn Margareth an die Zukunft dachte, so erbebte sie; wenn sie sich aber der vergangenen Jahre erinnerte, so konnte sie kaum begreifen, wie sie dieselben ertragen hatte. Zu den sechs Kindern waren noch zwei hinzugekommen; sie waren sämmtlich langsam herangewachsen, und ihr Vater schien sich gar nicht darum zu kümmern, was die größeren von ihnen lernen sollten. Eines schönen Tages erklärte er, daß Martin, der Aelteste, nach seiner ersten hl. Kommunion in die Fabrik müsse; ebenso die jüngeren Kinder, um in den Freistunden zu allerhand leichten Handreichungen verwendet zu werden. Man spare auf diese Weise das Lehrgeld, und von einem Handwerk wolle er erst recht nichts wissen.
Da aber trat ihm Margareth mit ihrem ganzen Muthe entgegen. Braver Leute Kinder gehörten nicht in die Fabrik und noch dazu in so jugendlichem Mter, sagte sie ernst. Sie seien beide stark genug, um bei großer Sparsamkeit das Lehrgeld erschwingen zu können; sie wolle ihre Kinder lieber tobt, als langsam an Leib und Seele zu Grunde gehen sehen, und eher, als das Letztere zugeben, würde sie versuchen, dieselben allein durchzubringen.
Margareth hatte in steigender Erregung gesprochen. Es war nicht das erste Mal, daß ihr Mann mit der ihm eigenen Zähigkeit jenen Punft berührte und sie ihn mit Ruhe davon abzubringen gesucht hatte. Heute hörte er ihr mit einer Kaltblütigkeit zu, als sei er schon im Voraus auf ihren Widerstand gefaßt gewesen. Am Schluß ihrer Rede glitt ein höh' cscheS Lächeln um seinen Mund, und mit der schweren Hand wie zur Bekräftigung auf den Tisch schlagend, rief er:
„Das soll ein Wort sein! Weigerst Du Dich, mit den Kindern auf die Art zum Verdienst beizutragen, die ich bestimme, so sieh' Du zu! Sie sind so gut Deine, wie meine Kinder; gefaulenzt wird nicht, und mein Lohn reicht nicht mehr."
Die arme Frau biß die Zähne auf einander. Sie kannte die Halsstarrigkeit ihres Mannes und wußte, daß sie von jetzt an nicht mehr auf seine Beihülfe rechnen durste. Es war wirklich der letzte Samstag gewesen, an welchem sie einige Mark Haushaltungsgeld erhalten hatte. Der Wirth zum „Neuen Leben" aber versuchte von da ab an jedem Wochenschluß so etwas wie eine Verbeugung zu machen, wenn er dem „Herrn Fern" einen guten Abend wünschte, und die Kameraden nannten ihn schmunzelnd ihren „Gutsbesitzer". Das war auch etwas werth! Wie viel Spott und Hohn eigentlich bei Allem dem mit unterlief, merfte der Irregeleitete gor nicht.
An demselben Abend, an dem ihr Schicksal gleichsam besiegelt worden war, raffte Margareth sich auf; zunächst zum Denken und Ueberlegeu. Als Mitternacht vorüber und Alle im tiefen Schlafe lagen, setzte sie sich im Bette aufrecht und vergrub das Gesicht in den Händen; — ach, sie hatte längst beten und um Sege. flehen gelernt. Gibt es doch keine beffere Lehrmeisterin, als eben die Noth!
Früh, schon vor Tagesanbruch, begann ihr Handeln. Sie erhob sich von ihrem Lager, brachte ihr Hauswesen in Ordnung und weckte die älteste Tochter, die jetzt fast 16jährige Christel, damit sie dem Vater und den Geschwistern das ärmliche Frühstück bereite. Sie selbst aber machte sich auf den Weg in die Stadt; sie hatte für sich und die größeren Kinder einen Arbeitsplan entworfen und wollte nun versuchen, ihn zu verwirklichen. Bisher hatte sie in mehreren Monatsstellen gearbeitet, indeß Christine die Ueberwachung der Kinder und den Haushalt übernahm. Da aber Johannes sofort feinen ganzen Verdienst zurückziehen würde, die Hälfte hatte er ohnehin schon seit Jahren im WirthShause vergeudet, so genügte das nicht mehr. Sie mußten eben Alle mithelfen, um sich unb and) ihn zu erhalten.
Ob er an den letzten Umstanb gar nicht buchte? Wie, wenn sie noch einmal ernste Vorstellungen versuchte? Doch im nächsten Augenblicke schin sagt: sic