jy i9i
Samstag, den 22. August 1891.
18. Jahrgang
ulbfltr
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — JiNerate kosten Btt einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bet Wiederholungen vtt^rechender Rabatt.
Diertelsährlicher -lbonne m entspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen und der alle 14 Tage erscheinenden wttttHMV ,Rathgeber für Landivtrtyschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfevuig.
Für den Monat September werden Abonnements auf die
KW- Fuldaer Zeitung
nebst der illustrirten Sonntagsbeilage »Sterne und Blume«' und dem »Rathgeber für Land- wirthfchaft, Gartenbau und Hauswesen' von allenPostanstalten, Landbriefbotcn,Zeitungsträgern und von der Expedition (Harmonie) zum Preise von W 50 Pfg. °Q6 (n eb st Bestellgeld) jederzeit entgegengeuommen.
& Der neue Dorortstarif.
Ein Stückchen Tarifreform wird vom 1. Oktober ab in Kraft treten, aber unter den vorsichtigsten Beschränkungen und Vorbehalten. Es soll 1) nur „versuchsweise" in Gang gebracht werden, 2) nur für den Verkehr Berlins mit seinen Vororten gelten, 3) nur für die Fahrt in den „besonderen Vorortzügen", nicht für die Fahrt in den Personen- oder Schnellzügen, die dem Fernverkehr dienen. Trotz allen Klauseln ist doch dieser erste Schritt auf dem Reformwege mit Freude und Hoffnung zu begrüßen, und zwar nicht bloß von den zunächst beteiligten Einwohnern der „Provinz Berlin", sondern in zweiter Linie auch von den Ein- und Umwohnern anderer Städte, da das Berliner Muster auch für den sonstigen Vorortsverkehr im Lande maßgebend sein soll. Und in dritter Linie sind alle gegenwärtigen und künftigen Eisenbahnpassagiere interessirt, weil man hoffen darf, daß die Grundsätze dieser Neuerung sich allmählich über den Rahmen des sogen. Vorortverkehrs hinaus geltend machen werden und dieser kleine Keim zu einer allgemeinen Tarifreform sich auswächst.
Der neue Vororttarif hat zwei Vorzüge: 1) die bedeutende Herabsetzung der Fahrpreise, 2) die Einführung von Zonen. Der letztere Gesichtspunkt ist von besonderem Interesse angesichts des lebhaften Streites um den „Zonentarif".
Es werden um Berlin (d. h. um den betreffenden Abfahrtsbahnhof) drei Zonen gebildet: die erste bis zur Entfernung von 1 Meile (7>/z Kilometer), die zweite bis zur Entfernung von 2 Meilen (15 Kilom.) und die dritte .... Natürlich bis 3 Meilen! denkt der Leser. Aber nein. Da kommt die Reformlust der Behörde plötzlich aus dem Tritt. Der Sprung von der zweiten dis zur dritten Zonengrenze wird auf 5 Kilometer beschränkt. Wer weiter als 20 Kilometer sich hinauswagt, wird stärker herangezoger, als ob man ihn für feinen Drang ins Weite bestrafen wollte.
Die Fahrpreise betragen für die drei Zonen 10, 20 und 30 Pfg. in der dritten Wagenklasse, in der zweiten Klaffe um die Hälfte mehr. Im Durchschnitt wird der Fahrpreis wohl noch ein wenig unter dem Satze bleiben, den Herr v. Maybach in seinem verunglückten allgemeinen Reformplan vorgeschlagen hatte, nämlich 2 Pfg. für das Kilometer. Für einige Stationen, die knapp hinter der Zonengrenze liegen, wird der Preis für das Kilometer etwas mehr als 2 Pfg. betragen. Für die Fahrgäste der dritten Klasse, die bisher in der Regel 4 Pfg. bei der einfachen und 3 Pfg. bei der doppelten Fahrt zahlen mußten, bleibt trotzdem
G Im Sturme der Zett.
Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert. (6. Fortsetzung.)
„Johannes, keinen bösen Wunsch," mahnte Mar- gareth, „er könnte auf uns zurückfallen!"
„Ach was, laß die Frömmelei! Bist so abergläubisch, wie ein altes Weib. Mein Freund Müller arbeitet in der E.'schen Fabrik, das ist doch noch ein anderer Verdienst, den lob' ich mir. Da hat man sich doch nicht Tag für Tag bei Wind und Wetter mit dem Fuhrwerk herumzutreiben."
„Ueberleg' Dir's wohl, ehe Du Deine Stelle aufgibst," rieth die Frau; „es ist immer noch Zeit genug, um zur Fabrikarbeit zu greifen; Du wärst früher zu stolz dazu gewesen."
„Dummes Zeug", sagte er ärgerlich; „wenn die Noth an den Mann geht, bricht ein rechtschaffener Familienvater auch mit seinem Stolze."
„Ich glaube, Du bist noch nie hungrig vom Tische aufgestanden," erwiderte sein Weib mit einiger Betonung.
noch eine Ermäßigung. Aber bei dem Fortfall der vierten Wagenklasie aus den Vorortszügen wird sich hier und da für die Fahrgäste, die bisher die billigen Stehplätze vorzogen, eine Erhöhung der Preise und an anderen Orten wenigstens keine Ermäßigung Herausstellen.
Es fällt das freilich weniger ins Gewicht, weil die Arbeiter-Wochenbillets bestehen bleiben sollen. Ob jedoch auch für die Arbeiter-Wochenbillets eine Ermäßigung eintreten wird, ist noch nicht klar gestellt. Es wäre dringend zu wünschen, sowohl vom Standpunkte der ausgleichenden Gerechtigkeit, als besonders aus Rücksicht auf die Wohnungsfrage.
Die Regierung bemerkt ausdrücklich, daß „die Reform in erster Linie eine angemessene Verkeilung der Wohnplätze Berlin's über ein größeres Gebiet bezweckt." Wenn dieser Zweck auch in Bezug auf die Arbeiter erreicht werden soll, so muß man ihnen die Fahrt in die zweite ober dritte Zone noch billiger machen, als es bei ihren bisherigen Wochenkarten der Fall war. Denn in den nächsten Vororten sind die Grundstückspreise und die Miethen schon so hoch, daß der Arbeiter dort nichts Gutes finden kann. Er muß weiter hinaus. Aber bei 12 Kilometer Entfernung kostet z. B. die Wochenkarte schon l1/» M.» also eine Jahresausgabe von 78 M., für ein Arbeiterbudget zu viel!
Die Ermäßigung der Preise für Arbeiterwochen- karien steht in Zusammenhang mit der ebenfalls unvermeidlichen Herabsetzung derZeitkarten-Preise. Das ist bei der angestrebten Entlastung Berlin's durch Auszug nach den Vororten die Hauptsache. Auffallender Weife schweigt die halbamtliche Mittheilung ganz von der Zeitkarten-Frage. Nach der Angabe im Reichskursbnch wurden bisher die Zeitkarten-Preise so berechnet, daß für das ganze Jahr 200 einfache Fahrten in Ansatz gebracht und bei weiteren Entfernungen so viel Prozent, als die Kilometerzahl über 10 betrug, abgezogen wurden. Wenn diese Berechnungsart beibehalten wird, so ergiebt sich für die Zeitkarten-Jnhaber dieselbe beträchtliche Ermäßigung, wie für die auf Einzelkarten Fahrenden, und das wird für die Ansiedlung in den Vororten ein mächtiger Sporn sein. (Den Abzug der Kilometer-Prozente könnte man natürlich fortfallen oder blos bei den mehr als zwanzig Kilometer weit liegenden Orten in Kraft treten lassen.)
Bei den gewöhnlichen Großstädten wird es wohl genügen, wenn die Grenze des billigen Zonentarifs auf 20 Kilometer vom Mittelpunkt ausgedehnt wird. Bei den außerordentlichen Verhältnissen Berlin's ist die Grenze von 20 Kilometer zu enge gezogen, sowohl für das Wohnungs- als auch für das Erholungsbedürfniß. Jedenfalls ist nicht abzusehen, warum man bei der Ueberschreitung der 20 Kilometer-Grenze einen Zuschlag von 3 Pfg. für jedes Kilometer statt des normalen 2 Pfg.-Satzes bezahlen soll. Hätte man es wenigstens bei 2!/a Pfg. gelassen, dann würde nicht noch der ärgerliche Abrundungs-Zuschlag hinzukommen. Im Eisenbahn-Einmaleins ist bekanntlich 2 X 3 — 10! Wenn die Ausdehnung dieses Vororttarifs in Frage kommt, so mögen die betreffenden Ortschaften rechtzeitig gegen einen solchen gefährlichen 3 Pfg.-Zuschlagssatz protestiren.
Der „Versuch", der jetzt in Berlin gemacht wird,
„Nein, noch nicht," lachte er spöttisch. „Genug war's schon, aber manchmal hätt's besser sein können. S' sind auch F .en in der Kapselfabrik beschäftigt, — könntest da lutöerbienen, — warst früher fleißiger." Margareth wurde bunkelroth bei bieser herzlosen Anspielung. Dann sagte sie mit ber ihr eigenen Festigkeit:
„Nein, die Kinder würben barunter leiben ober die übernommene Arbeit, unb Beides wäre Unrecht. Ich kann nicht an zwei Orten ganz sein. Als es noch Zeit war, da wolltest Du nicht, — jetzt geht es nicht mehr."
Johannes Fern brummte etwas von Bettelhochmuth unb von ben kommenben Tagen, die sie noch mürbe machen würden, aber sie schwieg. Nach einer Weile stand er auf, zündete sich eine Pfeife an und ging stillschweigend hinaus. v r
Margareth seufzte tief auf; — jetzt wußte sie, daß er morgen noch einen weiteren Griff in die kleine Kaffe thun werde. Großer Gott, woher sollte sie Geld für Brod nehmen, und wie würde das enden!
Mit dieser trostlosen Aussicht erhob auch sie sich und weckte Christel, die auf dem Boden lag und ein- geschlafen war.
muß zweifellos zu einer gewaltigen Steigerung zunächst des Erholungs- und Besuchs-Verkehrs führen. Ob der regelmäßige Verkehr zwischen Wohnung und Geschäftsstelle sich ebenso schnell steigern wird, hängt von der Preisstellung der Dauerkarten ab. In dem ersten Winter-Halbjahr kann sich wohl eine Minder-Einnahme ergeben. Aber von da ab wird sicherlich die Bahnverwaltung ein gutes Geschäft machen. Und das ist auch dringend zu wünschen, damit sie gereizt wird zum Weit ergeh en auf der beschrittenen Bahn.
Deutsches Keich.
Berlin, 20. August.
* Die Königin unb bie Königin-Regentin ber Niederlande gedenken, einer Herolds-Depesche zufolge, im Laufe des Monats September dem deutschen Kaiser einen Gegenbesuch abzustatten.
* In Kaiser-Wilhelmsland auf Neu-Guinea sind 2 rheinische Missionäre dort um's Leben gekommen p man vermuthet, daß sie von den Eingeborenen überfallen und ermordet wurden.
* Zur Theilnahrne an der Borchert'schen ostasrikani- schen Expedition haben sich gegen 500 Herren aus verschiedenen Ständen besonders aus Offizierkreisen gemeldet.
* Tie Einberufung der preußischen Generalsynode erfolgt in ber 2. Novemberwoche.
* Aus Pest wirb telegraphisch gemelbet: Die Donau - Dampfschifffahrts - Gesellschaft beotberte 400 Schleppdampfer nach Braila, um das für süddeutsche Rechnung angekaufte rumänische Getreide nach Bayern zu transportiren.
* Die Einführung eines allgemeinen Ausnahmetarifs für Getreide und Mühlenfabrikate auf den preußischen Staatsbahnen erfolgt, wie schon gestern kurz erwähnt, bereits am 1. September b. Js. Der Ausnahmetarif umfaßt Getreide aller Art, als Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Mais, sowie Hirse, Buchweizen und Hülsenfrüchte (auch geschälte), ferner Mühlenfabrikate (Mehl, aus Getreide und Hülsenfrüchte, auch Braunmehl, Spelz und Griesmehl, Gerstenmehl, Maismehl, Graupen, Grütze, Gries, gerollte Gerste, geschrotenes Getreide und Futtermehl). Die Ermäßigung des Frachtsatzes beträgt pro Doppelzentner aus eine Entfernung von 300 Kilometern 15 Pf., von 400 Kilometern 40 Pf., von 500 Kilom. 65 Pfg., von 600 Kilom. 90 Pf., von 700 Kilom. 1,15 M., von 800 Kilom. 1,40 M., von 900 Kilom. 1,65 M., von 1000 Kilom. 1,90 M., von 1100 Kilom. 2.15 M. und von 1200 Kilometer 2,40 M. Auch die übrigen deutschen. Bundesstaaten, die Staatseisenbahnen besitzen, sind dem Vernehmen nach vom Reichskanzler um Aufnahme des gleichen Tarifs ersucht worden.
• In einer Verfügung der Minister des Innern und für Handel und 6' werbe wird betreffs des Geschäftsbetriebes von Ko '.vereinen ausgeführt, daß Zuwiderhandlungen gegen ja» Verbot des § 8 Abs. 4 des Gesetzes vom 1. Mai 1889, betreffend die Erwerbs- und Wirthschafts-Genossenschaften, durch Festsetzung von Ordnungsstrafen des Gerichts gemäß § 152 des genannten Gesetzes nicht wird entgegengetreten
IV.
Auf schiefer Eb. .e.
Der Himmel behüte uns immerfort, Daß nimmer wir sagen ein liebloses Wort Zu einem der Lieben, die Gott uns gab, Denn das lieblose Wort ist der Liebe Grab.
„Hab' ich nicht Kraft genug, um für zehn Leben zu sorgen?"
So hatte Margareth Steinhauer ernst in stolzem Selbstbewußtsein gerufen; — jetzt, nach Jahr und Tag, waren diese Sporte für sie zur bitteren Wahrheit geworden.
Kurz? Zeit nach dem im letzten Kapitel geschilderten Abend hatte Johannes Fern seine Stelle verloren. Nachlässigkeit im Dienste und ein trotziges, hochfahrendes Benehmen machten ihn seinem Brodherrn bald unangenehm. Dieses Mal kam ihm seine Entlassung äußerst erwünscht, wie er prahlend versicherte; brachte ste ihn doch auf den einzig richtigen Weg, an dem er sonst noch lange vorbei getappt wäre; auf den Weg zur Fabrikarbeit nämlich.
Von da an ging es abwärts mit ihm. Vermöge feiner äußeren stattlichen Erscheinung, der etwas befielen