JV 190
Freitag, den 21. August 1891.
18. Jahrgang,
uldlicrWZcitlliig
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Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert- (5. Fortsetzung.)
So zog sich das arme Kind denn auch heute scheu in einen Winkel zurück und beugte sich tief über sein altes A-B-C-Buch, damit der Vater die herabrieselnden Thränen nicht sehen sollte, — er hätte am Ende wieder gescholten. Sie fuhr schon zusammen, wenn sie nur seine «stimme hörte; sie mußte dann so oft weinen, das aber machte das Uebel nur noch schlimmer, und mancher harte Schlag traf ihren abgemagerten Körper.
O, das Wort von der glücklichen Kindheit, trifft es wirklich immer zu? Nein, nur selten und bei den Armen fast nie. Kindesleid ist ein schweres Leid, weil es keinen Trost, keine Hoffnung auf die Zukunst kennt, welche auch für den Aermsten bessere Zeiten in ihrem Schoße birgt. Das, was uns im späteren Leben geringfügig erscheint, alle die kleinen Sorgen und Mühen, welche Schule und Elternhaus mit sich brachten, sie waren in jenem zarten Alter höchst wichtig; und wie das Kind seine geistige und körperliche Ohnmacht dem Erwachsenen gegenüber ganz und voll einsieht, so ist auch seine Furcht vor der Strafe mitunter eine wahrhaft tödtliche.
Deutsches Deich.
Berlin, 19. August.
* Der angekündigte Ausnahme-Tarif für Getreidc- uni> Mühlen-Fabrikate tritt am 1. September in Kraft. Die Bundesstaaten, welche Staatsbahnen besitzen, sind vom Reichskanzler aufgefordert worden, einen gleichen Tarif einzuführen.
* Die Meldung eines Petersburger Blattes, in den russischen Häfen und Grenzplätzen werde im Auftrage der deutschen Regierung alles Getreide aufgekaust, wird unterrichteterseits als auf Kombinationen beruhend bezeichnet.
* Aus Kattowitz wird telegraphisch gemeldet: Seitens der Provinzial-Steuerbehörde ist dem Dampfmühlen- Etablissement von Fiedler und Glaser die Errichtung einer Niederlage für ausländisches Getreide in seinen eigenen Räumen bewilligt worden. Das Getreide gelangt ohne Eingangszoll nach Kattowitz und befindet sich unter Verschluß der Steuerbehörde und des Ge- treideeigenthümers und wird erst dann verzollt, wenn es im Inlands zum Verbrauch gelangt. Ins Ausland zurückkehrendes Getreide bleibt zollfrei.
* Zum Prozeß Baare bringt die ,Wests. Volkszeitung folgende Notiz: Herr Ämtsgerichtsrath Landschütz dahier hat auf telegraphische Anordnung des Herrn Landgerichtspräsidenten Korn auf seinen diesjährigen Urlaub verzichten müssen. Herr Landschütz wird also die Untersuchungen in Sachen der Stempelfälschungen und Zollhinterziehungen weitersühren.
* Gelsenkirchen, 18., Aug. Der Redakteur der Leitung der deutschen Bergleute', gegen den vier Anklagen wegen Preßvergehen schweben, wurde heute verhaftet.
* Mülheim a. Rh., 19. Aug. Bei der heutigen Landtags-Ersatzwahl wurden insgesammt 520 Stimmen abgegeben, hiervon erhielt der Pfarrer Aloys Danzen- berg-Kaiserswerth (Centrum 508,) Dr. Abraham Frohwein-Elberfeld (liberal) 12 Stimmen, ersterer ist also gewühlt.
* Trier, 19. Aug. Die Argenteuiler Geistlichen wurden zur Besichtigung der Tunika zugelassen; sie betrachteten dieselbe mit der Lupe und legten daneben ein Stück der Argenteuiler Reliquie. Sie erklärten darauf, der Stoff der beiden Reliquien bestehe aus verschiedenen Kleidern Christi; die Trierer Reliquie sei ihrer Ansicht nach nicht der Prachtmantel, sondern die Tunika; sie hätten die Echtheit der Trierer Reliquie nicht bezweifelt. (Germania.)
* Köln, 19. Aug. Die General-Versammlung der Präsides der kath. Gesellenvereine wurde laut der ,Köl. Vkztg.' heute Vormittag mit einem feierlichen Pontifikalamt, welches Hr. Bischof Wahl aus Dresden cele- brirte, eröffnet. Als Ehrendiakone fungirten die Herren Diözesan-Präses Laska (Breslau) und Prinz Arenberg (Eichstätt), als Assistent Hr. Domkapitular Dr. Dumont von hier. Der Kirchen-Chor von St. Martin sang unter Leitung seines Dirigenten, des Hrn. Lehrers Andr. Schmitz, während der hl. Handlung die Missa in hon. 8. Francisci Xaverii von Witt. Introitus,
Graduale, Alleluja, Offertorium und Communio vom Tage wurden choraliter vorgetragen. Beim Einzuge des Herrn Bischofs ertönte das Ecce sacerdos von Könen. Nach dem Offertorium gelangte das Ave Maria von Mettenleiter, nach dem Hochamt das Laudate Dominum von Ett zur Aufführung. Der Chvr sang mit einer Liebe und Begeisterung, die jedem Freunde wahrer Kirchenmusik Freude machen mußte. Nach dem Evangelium hielt der Herr Bischof Dr. Wahl, mit Mitra und Stab bekleidet eine längere Ansprache, in welcher er in begeisternden Worten der Freude über die zahlreiche Theilnahme an dem schönen, wahrhaft apostolischen Werke Ausdruck verlieh und die Mitbrüder ermahnte, als echte Nachfolger der Apostel an dem großen Werke des Gesellen-Vereins zum Wohle desselben und des ganzen Volkes weiter zu arbeiten. Mehr als 200 Präsides seien zusammengekommen, um gegenseitig einander in's Herz zu schauen und neue Kraft zu festem Zusammenhalten zu schöpfen. Möchten doch alle Theilnehmer, aus's neue in der Liebe gestärkt, recht viele neue Ideen zum Aufschwung des Werkes in sich aufnehmen. Der selige Vater Kolping, an dessen Grabe man sich zum hochheiligen Opfer versammelt habe, werde vom Throne Gottes in Liebe auf die Versammlung herabschauen. Es gebe wohl kein einziges gutes Werk, das nicht seit langer Zeit im Gesellen- Verein gepflegt worden. In staatlichen Kreisen habe man auch jetzt angefangen, für Kranke und Altersschwache zu sorgen. Möchten doch alle Präsides in ihrem Opsermuth nicht erlahmen uud treu aushalten, bis der Allmächtige ihnen den verdienten Lohn gebe. Je mehr man schweren Zeiten entgegensetze, um so fester möge man zusammenhalten an dem großen sama- ritischen Werke. Im Angesicht des lieben deutschen Volkes und des Staates wollen wir weiter arbeiten, damit Jeder, sehe, was wir thun..
* Ingolstadt, 18. Aug. Bei der heutigen Landtags- Ersatzwahl wurde Herr Gymnasial-Professor Dr. S ch ä d - ler aus Landau in der Pfalz, der bereits der Centrums-Fraktion des Reichstages als eines der hervorragendsten Mitglieder angehört, mit 102 Stimmen gewählt. Herr Distrikts-Schulinspektor Waizenhofer, der sich noch in letzter Stunde von der liberalen Bureau- kratie aufstellen ließ, erhielt nur 22 Stimmen.
* Traunstein, 18. Aug. Bei der heutigen Nachwahl für den verstorbenen Dr. Rittler wurde der Oekonom und Bürgermeister Hofstetter, der Can- didat des Centrums, mit 68 Stimmen zum Landtagsabgeordneten gewählt, gegen 52 Stimmen, die auf Dr. Kleitner fielen. Der Wahlkreis hat 120Wahlmänner, welche somit sämmtlich erschienen waren. Von den 112 Centrumswahlmännern haben 68 für Hofstetter und nur 44 für Dr. Kleitner gestimmt, der auch die liberalen 8 Stimmen erhielt.
Ausland.
* Innsbruck, 18. Aug. Infolge des über der Gegend von Klausen niedergegangenen Wolkenbruchs und dadurch verursachten Austretens des Flusses im Dorf Kollmann bei Klausen sind 14 Häuser zerstört. 36 Angst vor dem Vater; viel lieber hatte sie die Mutter. Vor der brauchte sie nicht so zu zittern, und wenn diese auch nie ein freundliches Wort an sie richtete, so schlug sie sie doch niemals, und wenn dieselbe des Abends mit den anderen Kindern betete, so durfte auch Christel ihre Hände falten und sich mit den übrigen in die Reihe stellen.
Und doch fiel ein Sonnenstrahl in dieses arme,
junge Leben. Es gab einen Trost, den das eigne
gute Herz ihr gewährte, und das war die reiche Liebe, welche sie einem noch viel ärmeren Wesen schenken
durfte. Auch jetzt sehnte sie sich nach diesem. Wenn
sie nur dorthin, zu der Wiege gelangen könnte. Da wurde es ihr immer so viel leichter um's bange Herz. Aber sie wagte es nicht, mitten durch die Stube zu gehen; lieber schlich sie unhörbar und halb kriechend hinter des Vaters Stuhl vorbei bis an das kleine Bett. Hier kniete sie nieder, drückte den schmalen Kopf dicht an das Holzgitter und blickte hindurch.
Da innen lag Margareth's viertältestes Kind, ein elendes verkrüppeltes Geschöpf; eines von Jenen, welche Gott in seiner Weisheit manchmal mitten unter die
anderen wohlgestalteten Menschen auf die Erde sendet, damit sie durch Geduld und Ergebung für sich selbst den Himmel verdienen, der eig'nenI Familie aber zum Auch Christel empfand fast beständig eine solche S:g en werden können.
Menschenleben, und vielleicht noch mehr, sind dabej umgekommen.
* Wien, 18. Aug. Hiesige Blätter stellen die Ankunft des deutschen Kaisers und des Königs von Sachsen zu den niederösterreichischen Manövern für den 3. September in Aussicht. — Die ,Neue freie Presse' meldet die Entführung eines Bahnmeisters Sollini, italienischer Unterthan, durch Räuber, welche 115 Kilometer von Salonichi auf einer Draisine statt- fand, ein Arbeiter wurde ermordet aufgefunden. Die Höhe des Lösegeldes ist unbekannt.
* Bern, 12. August. Die bisherige Untersuchung hat laut offizieller Mittheilung fast zweifellos ein Verschulden des Stations-Vorstandes in Zollikofen ergeben, der durch Extrazüge übermäßig angespannt, das Haltesignal dem Pariser Zug nach Münchenbuchsee zu geben vergessen hat. Die Eisenbahnlinie macht an der Stelle, wo der Unglücksfall stattfand, zudem eine scharfe Biegung und ist beiderseits von dichtem Walde eingefaßt, so daß der Locomotivführer des Pariser Zuges den anderen Zug erst bemerkte, als es schon zu spät war. 14 Verwundete sind gestern gestorben, 4 Personen schwer, 21 leicht verletzt.
* Brüssel, 18. Aug. Der internationale Sozia- listen-Kongreß wurde um 11 Uhr Vormittags eröffnet unter dem Vorsitz von Knudzen-Dänemark. Der amerikanische Delegirte Sanial hält die Eröffnungsrede. Der französische Baudin theilt mit, daß in Vignies bei Fourmies ein neuer großer Strike ausgebrochen sei. Es wurden ähnliche Szenen wie bei dem früheren Strike befürchtet, darum bitten die französischen Delegirten den Kongreß um die Erlaubniß, sich an den Ort des Strikes zu begeben. — In der Nachmittagssitzung erklärte Auerbach Namens der männlichen und weiblichen kaufmännischen Angestellten Berlins deren Sympathien für die sozialistische Sache. Es sei das erste Mal, daß kaufmännische Angestellte auf einem Sozialisten - Kongreß vertreten seien. — Der Kongreß beendigte heute die Berathung betreffend die Organisation. Einem anarchistischen Delegirten Spaniens wurde zunächst der Zutritt versagt. Der Berichterstatter brachte den Entwurf einer Resolution ein, welcher besagt, daß die die soziale Frage betreffenden, in den verschiedenen Ländern bestehenden Gesetze und die in der Berliner Konferenz gefaßten Beschlüsse unzureichend seien und in dem die Arbeiter aufgefordert werden, eine permanente Enquete zu or- ganisiren um ihre Kräfte zu dem Kampfe gegen die kapitalistische Bourgeoispartei zu vereinigen. Bebel erklärte, die deutschen Delegirten schlössen sich dem ersten Theile der von dem Berichterstatter vorgeschlagenen Resolution an. Er könne aber den praktischen Nutzen einer Statistik über die Bedingungen der Arbeit nicht einsehen. Die Behauptung, daß die deutschen Sozialisten uneinig seien, sei unbegründet. — 19. Aug. Zum Präsidenten des Sozialistenkongresses wurden heute Nieuwenhuys und Fr anking(Schweden) gewählt. Khane (Amerika) bezeichnet die gestern beantragte Resolution über den internationalen Arbeiterschutz als zu vag und wünscht eine größere Präzisirung. Adler
Die Kleine war Barbara getauft worden, nach der heldenmüthigen Märtyrin, welche die Mutter besonders verehrte; sie wurde aber der Bequemlichkeit halber Bärbchen oder Bärbel gerufen. Als Christel einmal zufällig die Geschichte von jener schönen Heiligen von Nikomedien hörte, nahm sie sich vor, sie dem Kinde zu erzählen, wenn es groß geworden wäre.
Groß? Ja, warum war das Bärbchen denn überhaupt so viel armseliger und gebrechlicher, als sie und die Geschwister? Sein kleiner Rücken war verkrümmt, die linke Seite verzogen und das eine Beinchen kürzer, als das andere. Aber das Kind mußte ja wachsen, wenn man nur recht für es sorgte, damit es endlich aus der Wiege tarne und gehen lernen könnte.
Einst, als die Mutter nicht von der Arbeit abkommen konnte und das Bärbchen sich schier halbtodt schrie, da war die kleine Christine zu ihr hingetreten, hatte sie schüchtern am Rock gezupft und gar innig gebeten:
„Mutter, schenk' mir das Bärbchen! Ich hab' halt mehr Zeit, als Du, und will's warten und gar sorgsam aus's Acht geoen."
Unwirsch hatte die Frau sie bei Seite geschoben und gemurmelt: das Kind sei kein Ding und auch keine Puppe, daß man es also verschenken könne, und Geschwister seien sie ja alle untereinander.
„Das we«ß ich, Mutter," beharrte Christine; „ich