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den 18. August 1891.

18. Jahrgang

Zeitung

Dienstag,

* Gesterreich und seine Kulturarbeit in Kosnien.

Es sind jetzt genau dreizehn Jahre vergangen, seit­dem die Occupation von Bosnien und der Herzegowina vollzogen worden ist. Oesterreich hat in diesem ver- hältnißmäßig kurzen Zeitraum dort eine Kulturarbeit vollbracht, für die ihm die ganze gebildete Welt zum Danke verpflichtet ist. An der Stelle, wo früher ein verarmtes und von türkischen Beamten geknechtetes Volk sich kärglich durch's Leben schleppte, zeigt sich jetzt ein mächtiges Aufblühen von Ackerbau und Industrie, von Handel und Verkehr. Die Aufmerksamkeit wird gerade jetzt wieder darauf gelenkt, da die neue Eisenbahn Serajewo-Konsika eröffnet wird. Dadurch wird die große Schienenstraße, welche Oesterreich von der Sava angefangen über Serajewo und Mostar bis an die Adria angelegt hat, vollendet. Es waren dabei große Schwierigkeiten zu bewältigen, darunter nicht blos solche, die aus dem gebirgigen Terrain entsprangen. Trotzdem wurde die Aufgabe in verhältnißmäßig kurzer Zeit gelöst. In kultureller, sowie in wirthschaftlicher Beziehung ist damit wieder ein sehr wichtiger Schritt gethan worden, die materielle Entwicklung der occupir- ten Provinzen erfährt ebenfalls eine mächtige Förde­rung, aber auch iu politischer Hinsicht gewinnt das Werk dadurch an Bedeutung, daß der Bevölkerung vor Augen geführt wird, welchen Vortheil sie aus der öster­reichischen Herrschaft zieht und wie sehr diese letztere stets bemüht ist, das Land zu beben und seine Wohl­fahrt zu erhöhen. In dem Maße, als die Wahrzeichen der Kultur und die Wege des Fortschrittes sich mehren, erstarkt der Geist der Ordnung und der Gesittung, die Liebe zu den bestehenden Verhältniffen, welche diese Länder aus der Macht des Elends zur Wohlfahrt ge­besserter, würdiger und geordneter Zustände emporge­hoben haben, steigert das Gefühl der Anhänglichkeit und der Dankbarkeit für das Reich und für den Herr­scher, dem diese Länder diese Wohlthaten zu danken haben. Die Thatsachen selbst sprechen hier eine beredte Sprache. In demselben Maße, als diese Länder der großen zivilisatorischen Pflege inne werden, die ihnen durch Oesterreich zu Theil wird, in demselben Maße, als die Saatkörner der Kultur und der materiellen Wohl­fahrt aufblühen und Früchte tragen, befestigt sich auch die materielle Ordnung und Sicherheit in Gebieten, die Jahrhunderte hindurch der Tummelplatz der Haiducken waren. Auch zeigen die bisherigen Resultate, daß der Boden, welcher dort von der Monarchie gepflügt wird, mit Dank die auf denselben verwendete Mühe erstattet und selbst die Herzegowina, dieses so oft und so viel­fach verschrieene Steingebiet, vollzieht den Anschluß an die Kultur, und zeigt, daß es bei entsprechender Beach­tung seiner Verhältnisse geeignet ist, seine Bevölkerung zu ernähren und eben dadurch auch diese an die Ge­bote der Ordnung und der neuen Verhältnisse vollstän­dig zu gewöhnen.

G Im Sturme der Zeit.

Eine Erzählung aus der Gegenwart von Klara Lötschert.

(2. Fortsetzung.)

n.

In der Stadt.

S' ist heut' zu Tage

Von Glück nur Sprache;

Bon Segen spricht Die Welt fast nicht; — D'rum ist sie auch, daß Gott erbarm'! An Gottes Segen so bettelarm! —

G. v. der Heide.

Das Begräbniß war vorbei; ihm folgte die Ab­wickelung mancher geschäftlichen Angelegenheiten, welche um des Kindes willen erledigt werden mußten, und als diese äußerste Unruhe vorüber war, da hatte der Hof­bauer den ersten herben Schmerz so ziemlich überstanden.

Nicht nur, daß er seinen Kummer ganz gut über­lebt hatte, wie es ja nM wenigen Ausnahmen immer zu geschehen pflegt, sondern der anfangs so tief gebeugte Mann war auch zusehends stärker geworden. Etwas wie neue Thatkraft regte sich in ihm; er wollte leben, hatte er doch sein Kind, für das er sorgen undarbeiten mußte. Zwar liebte er das kleine Wesen nicht, viel­leicht weil mit dem Tage seiner Geburt die Mutter immer schneller dahin gesiecht war, vielleicht auch, weil der Tod damals an der Wiege vorüber gegangen und

Deutsches Deich.

Berlin, 14. August.

* Der Finanzminister hat zu dem neuen Ein- kommenstcuergesetz unter dem 5. August eine Aus­führungsanweisung ergehen lassen und von dieser Anweisung in Verbindung mit dem Wortlaut des Gesetzes selbst eine zum Massengebrauch bestimmte amtliche Ausgabe veranstaltet. Diese Ausgabe ist sämmtlichen Exemplaren der heutigen Nummer des „Reichsanzeigers" ,als Beilage beigefügt. Von der Anweisung ist in der amtlichen Ausgabe nur der „erste Theil" erschienen, welcher die Steuerpflicht, das Ein­kommen und die Steuererklärung umfaßt. In 33 Artikeln werden die entsprechenden Abschnitte des Ge­setzes genau erklärt und mit Erläuterungen versehen. Der Anweisung sind je 2 Muster zu Steuererklärungen, für physische und für nichtphysische Personen, beigefügt, und zwar je in doppelter Form: einmal als Formular, wie es den Steuerzahlern zur Ausfüllung zugestellt werden wird, und sodann als ein mit Probeeinträgen ausgcfülltes Formular. Die Anweisung verfolgt nicht den Zweck, erschöpfende Auskunft auf alle bei Anwendung des Gesetzes in besonderen Fällen entstehenden Fragen zu ertheilen, sondern enthält nur die für die Berech­nung und Schätzung des steuerpflichtigen Einkommens leitenden Grundsätze, welche von den Steuerpflichtigen bei Abgabe der Steuererklärungen, von den zuständigen Kommissionen bei der Voreinschätzung, Veranlagung, sowie bei der Entscheidung der Rechtsmittel zu be­obachten und von den Vorsitzenden der Kommissionen bei eigener Verantwortung zur Geltung zu bringen sind.

* Das preußische Staatsministerin« hielt heute eine Sitzung ab. Wie berichtet wird, entschied sich das Mi­nisterium dahin, vorläufig nicht an die Aufhebung der Getreidezölle zu denken, vielmehr die weitere Ent­wickelung abzuwarten. (In dieser Form ist der Beschluß schwerlich gefaßt worden).

* Eine ErMäßixurrg der Eisrnbahntarife für Ge­treide und Mühlenfabrikate auf den preußischen Staats­bahnen ist in Kürze zu erwarten. Der.Reichsanzeiger' schreibt: Im vorigen Jahre wurde die Staatsregierung von beiden Häusern des Landtags zu einer Untersuchung über die wirthschaftlichen und finanziellen Folgen auf­gefordert, welche eine erhebliche Herabsetzung der Eisen­bahntarife für Getreide und Mühlenfabrikate auf weitere Entfernungen in fallender Skala haben würde. Diese Untersuchung ist in den betheiligten Ressorts der Mi­nisterien des Handels, der Landwirthschast, der Finanzen und der öffentlichen Arbeiten unter gleichzeitiger Be­leuchtung der Gesammtentwickelung der wirthschaftlichen Verhältnisse der einzelnen Gebiete der Monarchie vor­genommen worden. Wenngleich die Untersuchung zur Zeit als völlig abgeschlossen noch nicht betrachtet wer­den kann, so haben doch die inzwischen eingetretenen Verhältnisse, insbesondere die in Folge der andauernd nassen Witterung sich ungünstiger gestaltenden Ernte­aussichten und das Seitens der russischen Regierung an das Bett der sanften blonden Frau getreten war — sein Liebstes als Opfer heischend.

Immerhin, das Kind war ihr letztes Geschenk an ihn gewesen, zugleich sein Erbtheil; und er redete sich ein, daß es nur des Kindes wegen geschehe, wenn er sich jetzt aufraffte, um Haus und Hof in Ordnung zu halten.

Das Unheil hatte indeß zu große Fortschritte ge­macht. Fleiß und guter Wille reichten nicht aus, um Leute zu dingen und Felder zu bebauen. Der Herbst brachte die Gewißheit, daß es zu Ende war; und als der Winter kam, da wurde der Hof auf der Höhe ver­steigert. Er fiel einem reichen Bauern zu, dessen Gut in der Nähe log und dessen Beutel, wie er schmunzelnd mit dem ganzen Geldstolze jener Leute versicherte, die Ausbesserung von ein paar morschen Balken und das Düngen von einigen Acckern recht gut aushalten konnte. S' war ja doch nur ein kleines Gütchen, gerade recht für seinen ältesten Sohn, wenn der einmal erwachsen sei.

Bis zu einem gewissen Zeitpunkte durfte Johannes Fern auf dem Hofe bleiben. Der Schlag hatte ihn nicht unvorbereitet getroffen; seit dem Tode seiner Frau war er überhaupt ziemlich unempfindlich gegen andere Verluste geworden. Nachdem er sich einen Plan für die Zukunft zurecht gelegt, dachte er nur mehr an diese und bemühte sich die Gegenwart, mit dem drückenden

erlassene Ausfuhrverbot für Roggen die Staatsregie­rung veranlaßt, mit der Einführung von Ermäßigungen für die Beförderung von Getreide und Mühlenfabrika'ten in der Form von Staffeltarifen auf den Staatsbahnen alsbald — und zwar zunächst versuchsweise — vorzu­gehen, um eine unter den zeitigen Verhältnissen etwa zu befürchtende Schwierigkeit in der Ernährung der Bevölkerung abzuschwächen. Der beschlossene Tarif wird die gegenwärtigen Normalfrachtsätze bis zur Ent­fernung von 200 Km. unberührt lassen, und von da ab mit der Entferung fortschreitende erhebliche Fracht­vortheile gewähren. Der Tarif umfaßt nicht allein Weizen, Roggen, Gerste und Hafer, sondern bezieht sich auch auf Hülsenfrüchte und auf Mais — als noth- wendiqes Ersatzmittel für die Ernährung von Menschen und Vieh und für Brennereizwecke — sowie auf Mehl aus Getreide und Hülsenfrüchten, auf Graupen, GriA und andere Mühlenfabrikate.

* Das Comitö der Karl Peters-Stiftung hielt gestern unter dem Vorsitz des Professor Schweinfurth seine Schlußsitzung ab. Nach dem Kassenberichte be­trugen die Baareingänge 61,600 Mark, welche Summe jedoch nach Eingang der noch ausstehenden Forderungen und Zusagen auf 106,000 M. sich vermehrt. Aus dem Bericht des Vorsitzenden über seine Verhandlungen mit dem Ausführungscomitö der Antisklaverei ist hervor­zuheben, daß von dem Lotteriecomitö, was früher bereits bekannt war, für das Wissmann-, sowie für das Peters-Dampferunternehmen je 350,000 M. zur Verfügung stehen. Die Leitung der Expedition wird nach wie vor in Händen des Herrn Oskar Borchert verbleiben. Nachdem das Comitö hierzu seine Zustim­mung ertheilt hatte, erklärte der Vorsitzende dasselbe, da seine Thätigkeit hiermit ihr Ende gefunden habe, für aufgelöst. Mit der Ueberführung der Stiftung an die Antisklaverei-Lotterie-Kommission wurde ein drei­gliedriger Ausschuß beauftragt.

* Der .Reichsanzeiger' meldet: Die früher erlassenen Bestimmungen nach welchen der Buchhandel anf den Eisenbahnstationen zu überwachen und dafür Sorge zn tragen ist, daß von dem Büchervertriebe alle anstößigen und dem guten Geschmacke widersprechenden Werke ferngehalten werden, scheinen nicht immer genügend be­obachtet zu werden. Der Minister sür öffentliche Ar­beiten hat daher Veranlassung genommen, diese Bestim­mungen den Königlichen Eisenbahndirektionen erneut in Erinnerung zu bringen, und sie angewiesen, sich durch häufige, unerwartete Revisionen, insbesondere seitens der höheren Beamten, von der genausten Befolgung der erlassenen Anordnungen zu überzeugen.

* Von berufener Seite wird bestätigt, daß die Staatseisenbahn-Verwaltung eine erneute Prüfung der verschiedenen Bremssysteme'angeordnet hat, nach deren Abschluß eine Konferenz von Technikern stattgefunden hat. Eine Entscheidung über die dabei in Betracht kommenden Fragen ist indeß bisher noch nicht getroffen. Eine weitere von der ,Köln. Ztg.' als Neuigkeit ver­breitete Nachricht, nach welcher beabsichtigt sein soll, in die Hauptstrecken vierachsige Wagen mit den für Bewußtsein, daß er auf dem Besitzthum eines Andern wohne, zu vergessen.

Und das Kind? Das lag in der Wiege still und geduldig und langsam an Kräften zunehmend. Es war, als fühlte es, daß es eigentlich hier zu viel sei, denn wenn der Bauer in die Stube trat, stellte es das leise Weinen ein, und wenn sich der große Mann dann und wann über das kleine Lager beugte, so schloß es die klaren, blauen Augen wie zum Schlafe.

Margareth Steinhauer sorgte für das Kind — wie eine Mutter, meinten die Leute des Dorfes, und „wie eine Mutter", sagte auch Johannes Fern. Er sprach überhaupt gern nach, was Andere sagten; es war das so bequem unh überhob ihn manchmal der Mühe selbst zu denken.

Auch die einstige Großmagd hatte dem Tode ihren Tribut zahlen müssen; nicht lange nach der Hofbäuerin war auch die alte schwerhörige Frau in der nahen Hütte gestorben. Margareth's Kummer war stumm gewesen. Lautlos besorgte sie ihr kleines Hauswesen, manchmal zusammenfahrend und sehnlichst lauschend, ob sie nicht doch noch einen Athemzug — einen schleppen­den Schritt vernommen habe. Ebenso still verrichtete sie die Geschäfte auf dem Hofe. Sie wußte, was sie wollte; aber sie wartete ruhig ab, ob Alles so kommen werde, wie es den Anschein hatte.

Und es kam, wie sie und die Dorfbewohner es